Muse del Oro

Themen/Jahrgänge

Gedenkjahre inspirieren in vielschichtiger Weise zum Nachdenken über Geschichte und Politik: zur Einsicht in die Komplexität eines jeden historischen Zusammenhangs, zur Schwierigkeit einer »exakten«, faktengerechten Rekonstruktion vergangenen Geschehens, sodann zum Urteilen, verknüpft mit Werturteilen, über Akteure und Fakten. Historische Urteile sind sodann verquickt mit Hypothesen, weithin identisch mit Geschichte im Irrealis: »Was wäre gewesen, wenn...« Nur späten Hegelianern oder politisch Rechtgläubigen erschließt sich der Sinn des Vergangenen. Jüngstes Beispiel für die vergebliche Suche nach wünschbaren Alternativen in der Vergangenheit ist das 100jährige Gedenken an die Russische Revolution im Kriegsjahr 1917.

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Im Deutschen sind die Ausdrücke Macht und Gewalt nicht klar unterschieden. Oft werden beide gleichgesetzt mit der Folge, dass dann nicht nur Gewalt, sondern auch Macht als etwas Negatives erscheint. Ein beliebter Vorwurf gegen Politiker lautet: der ist ja nur an seinem Machterhalt interessiert. Das ›nur‹ ist kritisierbar. Aber ein Politiker, der an seinem Machterhalt nicht interessiert wäre, wäre womöglich bald machtlos oder – ohnmächtig. Man braucht nur die entgegengesetzten Adjektive zu bilden, um zu merken, dass Macht und Gewalt nicht dasselbe sein können. Machtlos zusehen müssen oder ohnmächtig sein – niemand erstrebt das. Trotzdem wird immer wieder einmal ein angebliches Zitat von Jacob Burckhardt beifällig zitiert, welches besagt, dass ›die Macht an sich böse‹ sei.

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Gemeinschaft und Gesellschaft sind stets koexistent. Überall sind Menschen notwendigerweise Mitglieder der Gesellschaft und einer Gemeinschaft. Gesellschaften sind Agglomerationen von sozialen Klassen, von Geschlechtern und Generationen, von betrieblichen Einheiten, mehr oder weniger gebündelt zu Funktionssystemen. In der Gesellschaft sind wir alle sozial ungleich und haben alle divergierende Interessen. Gesellschaften beruhen auf dem Tausch; nach Lévi-Strauss ist es der Tausch von Worten, Symbolen, Gaben und Personen, was die Gesellschaft zusammenhält. Ganz anders die Gemeinschaft. Gemeinschaften leben von der Bereitschaft ihrer Mitglieder füreinander einzustehen – von Gaben ohne Gegengabe. Prägnant gesagt: Gesellschaften beruhen auf dem Tausch, Gemeinschaften auf dem Opfer. Republiken, wo die Bürger an der Herrschaft teilhaben, sind politische Gemeinschaften; und Demokratien – in denen diese Partizipation besonders intensiv ist – sind politische Gemeinschaften schlechthin.

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Iablis aktuell

Thema 2017: Die (leid)geprüfte Demokratie

Ein Grundmaß der Demokratie ist die Heuchelei, die von ihren Feinden aufgewandt wird, um ihre Einstellungen öffentlich zu verbergen. Wer vorgeben muss, demokratischen Zielen zu folgen, obwohl ihm nichts oder wenig an ihnen liegt, obwohl seine Handlungen, objektiv betrachtet, Demokratieabbau betreiben oder ihm Vorschub zu leisten, steht vermutlich stärker unter dem Druck einer demokratisch gesinnten Öffentlichkeit als sein Geistesverwandter, der offen und mit der Zustimmung maßgeblicher Bevölkerungsteile – darunter die Justiz seines Landes – seine Ziele verfolgen kann. Demnach wäre die Fallhöhe – und damit der erreichte Grad an Demokratie – dort am größten, wo die meiste Energie und Findigkeit in das Verbergen, Vertuschen und Leugnen gegen sie gerichteter Handlungen und Gesinnungen fließt, wobei die nicht aus der Welt zu schaffende Unsicherheit über die ›wahren‹ Gesinnungen der Handelnden daran erinnert, dass jenes Maß von Haus aus polemisch ist und daher nur hypothetisch zum Einsatz gelangen kann.

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Yagiridia. Capriccio
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Ich will diesen Sack vermöbeln
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GRABBEAU · ACTA LITTERARUM