Thomas Körner

Erstens ein medialer

Die Welt bedeuten die paar Bretter schon lange nicht mehr – und das im doppelten Sinne des Wortes: sie bedeuten sie nicht und sie be‑deuten nichts. Das Theater ist seiner Magie beraubt, seines Zaubers, seiner Wunder, seiner Macht, seiner Erotik. Alles dies ist institutionalisierte Illusion geworden, dreidimensionale Simulation, industrialisierte Interpretation; das Interpretieren selbst ist Medium und die mediale Interpretation reproduziert aus dem Zusammenhanglosen kein Traumargument sondern den Wahn der Echtheit.
Es scheint, Musik ist das letzte dem Theater verbliebene Medium, in dem dynamische Abläufe möglich sind und Systeme in Funktion dargestellt werden können, die nicht wirklich sind.

Zweitens ein sprachlicher

Die Dichter haben nicht nur längst das Theater, sondern die Erde verlassen. Sie sind von ihr soweit entfernt, wie diese und das Theater von der Poesie. Das hat zu diesem Vermächtnistheater geführt, das nichts darstellt, nichts mehr nachmacht, sondern nur noch ahmt und dabei über das Tatsächliche nie hinauskommt (schon der eingeschränkten Zeitform wegen).
Die Sprachleere unserer Welt, statisches Abbild einer Todesmaschine, die nicht klingt, nicht denkt, nie zu Wort kommt, ohne Schicksalsweg, ist wie die Lautlosigkeit des Ungebärbaren.
Es scheint aber, dass selbst das sprachlose Wort dem Musikalischen als theatralisches Mittel noch immer entgegenkommt – einst hieß das freilich Gesang!

Drittens ein humaner

Was, bitte, soll die ganze gekünstelte Leibhaftigkeit, auf die das Theater so stolz ist?! Das Theater opfert nichts! Und es spielt nichts! Alles ist unblutiger Ernst! Ohne jede Phantasie das Lächeln der Gequälten. Als Stoffquelle ist dem Theater der Mensch verschollen – Konsequenz aus der Dialektik seiner eigenen Dummheit. Und der Zuschauer? Fragment, das zu vernachlässigen ist?! Weil von außerhalb?! Aufschluss über das Theater gibt sein Verschwinden allemal. Denn der Zuschauer will sehen ohne gesehen zu werden beim Zusehen und Unsichtbarkeit und Anonymität des Menschlichen liegen als Fluch auf dem Theater, seit die Götter daraus vertrieben wurden.
Es scheint, dass, um uns aus unseren Verlusten und Einbußen doch ein wenig schöner, weiser, leidenschaftlicher zu entlassen, eine Muse allein nicht ausreicht.

Viertens ein struktureller

Für die zerstörte Seele, die in uns hausen muss, gibt es keine Geschichten. Sich zu erinnern ist für sie sinnlos. Ein Gewesenes wird nie mehr sein. Die Bruchstücke der Gefühle, ins Verhältnis gesetzt, ergeben jedesmal nichts.
Das Sichtbare schwimmt keineswegs wie eine Schaumkrone auf dem Ozean des Unsichtbaren. Der einzige Entwurf, an dem unser Denken arbeitet, ist sein Stillstand. Somit sind uns Nachvollzug, Mitleid, Läuterung verwehrt. Wir versuchen zwar mit zeitgemäßen Techniken, mit psychologischen Tricks einen Zugang, gar einen Einblick in unser ruiniertes Innenleben zu erhaschen. Aber in Wahrheit übermalen wir Menetekel mit Menetekel, weil wir die kahlen Wände fliehen.
Es scheint, dass wir von unseren Hoffnungen wenigstens sagen können, was man von den Tönen eines Liedes noch sagt: Sie folgen einander.

Fünftens ein theoretischer

Es fallen einem gegen das Theater genausoviele Gründe ein wie gegen den Staat. Und Dramatiker ist sowieso, wer den falschen Feind hat. Ich kann keine Noten lesen, hasse Schauspieler und bin kein Dramatiker. Also: Was spricht für das Theater?
Wäre das Theater ein Ort, wo man ungestraft, nur so zum Spaß, eine Theorie durch die Praxis zerstören könnte, ohne gleich die ganze Welt einzureißen; und wäre das Theater der Ort, wo man endlich mal keine Weltbilder entwerfen müsste, stattdessen mit dem Modell eines szenischen Torsos davon sich amüsieren dürfte; und wäre schließlich das Theater ein Ort, wo man pausenlos Formen der Unvollkommenheit erfände, um auszuprobieren, wie man am besten auf dem Grat der Überflüssigkeit sich erhielte –: Ja, dann würde es mir nicht nur scheinen, sondern ich wäre mir ziemlich sicher, dass dies ein Theater mit Musik wäre.

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