Ulrich Schödlbauer

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Im Lager der Alten herrscht Apathia, die Göttin des Eingemachten. Sie steht in einem zerschrammten Schrein, blickt nieder auf ihre Fingernägel und versucht sich an die Grundtugenden des Daseins zu erinnern, deren erste lautet: Erreiche das Morgen!

Das Morgen, ein buckliges Männlein, steht auf dem Sims des leerstehenden Verwaltungscontainers, unerreichbar für Apathia, unerreichbar auch für die Menschen, die täglich hereinschauen, weil sie aus lebenslanger Gewöhnung den fatalen Schluss gezogen haben, dass die Behörde stets für sie da sein muss.

Jemand hat dem Männlein eine Schärpe umgehängt, darauf steht in dicken roten Lettern: ›Niemandslust‹.

Im Krematorium herrscht Hochbetrieb.

Die Versammlungshalle, aus der die Verstorbenen auf sanften Kufen ins Reich der lodernden Flammen hinübergleiten, dient den gehfesten Alten sowohl als Wärmstube als auch als Kino, da wegen des allgegenwärtigen Virus anonym kremiert wird und man die Trauergemeinde mit großflächigen Videos auf dem Laufenden hält, unterbrochen von allerlei Werbung für exotische Urlaubsziele und lehrreiche Reisen in die Zukunft des Universums. (Immer gern zwischen den Einäscherungsblöcken gesehen: ein Streifen mit dem Titel »Das Prickeln«, von der Lagerleitung dazu auserkoren, das allgemeine Lebensgefühl zu heben und dafür Sorge zu tragen, dass ›unsere älteren Mitmenschen‹ sich ›mitgenommen‹ fühlen, was auf die eine oder andere Weise meist gelingt. »Asche zu Asche!« singt ein virtueller Priester über einem virtuellen Grab vor virtuellen Hinterbliebenen. Er faltet seine virtuellen Hände, ein virtueller Chor begleitet ihn und ein virtueller Friedhofsarbeiter schaufelt virtuellen Sand auf eine fest in Plastikfolie eingeschweißte Leiche, während auf der Leiste darunter das kostengünstige Urnen-Sortiment der Betreiberfirma samt Preis und Bestellnummer vorbeischwebt.)