Ulrich Schödlbauer

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Ist das die Zukunft?

Die Sonne, rot sich aus der sandigen Hülle befreiend, scheint über Gerechte und Ungerechte, Virusbanner und Virusträger, sie gießt ihre Strahlen hinab ins Tal derer, die da hungern und dürsten nach einer Freiheit danach, die keiner mehr so recht begreift, seit eine strikte Anweisung es verbietet, sich Dinge vorzustellen, die »sich gegenwärtig nicht realisieren lassen«, wie die offizielle Sprachregelung lautet.

Die Kontrolle der Vorstellungen fällt in den Dienstbereich der Polizei.

Kenner der Materie beteuern, ihre tintenblau schimmernde Wehr sei an den neuralgischen Stellen mit digital geregelten Schweißabflüssen versehen. Das würde erklären, warum sich öfters, etwa bei spektakulären Festnahmen, kleine und große Pfützen unter ihr bilden.

Punktgenau informiert eine vom Regierungsschuster nach längerem Kopfkratzen und allerlei Ausflüchten entwickelte App den im Einsatz befindlichen Beamten darüber, wer den aktuell geöffneten Vorstellungskorridor verlassen hat: ein beträchtlicher Fortschritt gegenüber Zeiten, in denen die Amtsgewalt sich auf kolportierte Äußerungen berufen musste, die stets so oder so ausgelegt werden konnten, bevor der Verdächtige vor Gericht in Bausch und Bogen bestritt, sie je getätigt zu haben.

Alle drei Tage tritt der Ältestenrat zusammen, um die akute Gefahrenlage festzustellen und den gültigen Vorstellungskorridor an sie anzupassen. Seit kurzem wechselt sie stündlich. Doch im Großen und Ganzen dauert sie unverändert an. Es soll Kontroversen darüber im Ältestenrat geben, davon erfährt das einfache Gemeindeglied nichts.

Zwischen dem Ältestenrat und der Gemeinde steht – wie ein Fels in der Brandung, sagen die einen, als Prellbock die anderen – der Mediziner. Freiwillig, heißt es, hat er die schwere und verantwortungsvolle Aufgabe geschultert, vor allem Volk die Weisheit der Beschlüsse des Ältestenrats mit virenkundlichen Formeln zu untermauern, die sich darin gleichen, dass sie keiner von denen, die sie weitertragen, versteht. An diesem Job ist er enorm gewachsen. Vielen kommt es mittlerweile so vor, als ertöne seine Stimme, untermalt von leisem Donnergrollen, direkt aus den Wolken. Man nennt sie allgemein die Vernünftigen; entsprechend heißt eine Minderheit, kluge Leute darunter, unvernünftig, weil sie nur unterirdisches Gequake vernimmt. Fac ten Chek hat das schnell begriffen und seine eigenen Schlüsse daraus gezogen.

Tag für Tag schürt der Mediziner die Angst vor Mutationen, die »alles in den Schatten stellen, was die Natur auf diesem Feld bisher geleistet hat«. Oft sieht man ihn umringt von einer bibbernden Kinderschar, von in verzweifelten Posen die Hände ringenden Müttern und strammstehenden Männern, denen sich die herablaufenden Tränen in eitel Kummergold verwandeln. Wie Herolde wirken sie, bereit, jeden Kümmerling in Klump zu schlagen, der die Weisheit des Mediziners – und damit der Ältesten – in Zweifel zu ziehen wagt.

Die erstaunlichste Wandlung des Virus hat sich an seinem Geschlecht vollzogen. In einem unvorhersehbaren Akt freier Geschlechtswahl ist aus dem Mutanten die Mutante geschlüpft, furchtbarer, als ersterer jemals den Menschen erschien, doch unangreifbar in der Glorie der frisch angenommenen Identität, die jede Verfolgung verbietet.

Währenddessen werden die Stimmen lauter, die eine definitive Ausrottung fordern. »Ausrotten«, spricht die Vorsitzende des Ältestenrats und ihre Stimme rollt verdächtig dabei, »Ausrotten ist das Gebot der Stunde. Wir haben noch eine gewaltige Strecke Wegs vor uns, aber ich verspreche euch, wir werden sie, in aller gebotenen Erbitterung, bis zum Ende gehen. Daran müssen wir gemeinsam arbeiten, jede für sich und alle für eine. Im übrigen bleibt uns auch gar nichts anderes übrig, denn die Mutantinnen tauchen überall auf und allerorts gerät die Bedrohung außer Kontrolle. Null mutt!«