Ulrich Schödlbauer

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Fac ten Chek notiert: »Der weggeschlossene Mensch ist mit sich allein. Gleichzeitig ist er vollkommen abhängig von denen, die ihn weggeschlossen haben. Und nicht bloß das: Er ist von allen abhängig, die mit ihm weggeschlossen wurden und nun den Chor der Empfindungen bilden, in denen er sich bewegt.

Der weggeschlossene Mensch ist unterwegs. Er hat ein Ziel vor sich, aber das Ziel gehört der Vergangenheit an und er weiß es. Er könnte sagen: Die Ziellosigkeit ist das Ziel, aber dieser Satz überfordert seine Lauterkeit.

Die kollektive Depression breitet sich, wie jede Infektionskrankheit, in Wellen aus. Wann entsteht aus der Verstimmung einer Einzelperson eine Gemeinschaftserkrankung? Bedenke, dass depressive Zustände in allen Entfaltungsstadien zum gesellschaftlichen Bestand gehören. Nehmen sie, angeregt durch abstürzende Lebensbedingungen, an Zahl und Intensität zu, dann interagieren sie, vermutlich in alle Richtungen, nach Mustern, die den Betroffenen ewig verschlossen bleiben.

Der weggeschlossene Mensch sagt: ›Wir können es schaffen.‹ Er meint aber: ›Hoffentlich nimmt der Irrsinn bald ein Ende.‹ Der Irrsinn beherrscht ihn und er findet kein Mittel dagegen. Er ist Teil des Irrsinns und betrachtet sich als eine Insel distanzierter Vernunft.

Deine Rede sei ja ja und nein nein. Im Stadium des vollendeten gemeinschaftlichen Irrsinns ist dieser Zustand praktisch erreicht. Die einen sagen ja ja zu jeder Maßnahme, die anderen nein nein.

Woran fehlt es dem Weggeschlossenen? Ganz recht: an Aufgeschlossenheit. Seine Gedanken gehen im Trott, seine Füße auch. Lässt der Bewegungsimpuls nach, bleiben sie stehen.

Die Reise ins Nichts lässt jedes Land, das am Horizont auftaucht, als das gelobte erscheinen.

Dieser irre Zufall, täglich der Geburt eines neuen Monotheismus beizuwohnen: dem wild wuchernden Vernichtungswunsch einem Feind gegenüber, den der Hohepriester aus den Eingeweiden sogenannter Befallener herausbuchstabiert, der Gleichrichtung der Gedanken, der Erschaffung der ›Ketzer‹, dem Beharren auf unbedingter Gefolgschaft, dem polizeilichen Zugriff auf das von Schwindsucht befallene Privatleben.

Nicht in der Aufzählung (warum nicht?): die Konditionierung des Sexus. Seine Erziehung zum Unbedingten, zum Blech.

Beschluss des Ältestenrats: Schuld an der ganzen Misere sind die heimlichen Sünder, die Verächter der Regeln, die unsicheren, stets nach Aus- und Abwegen schielenden Kantonisten. Kampf der Schwäche! Kampf den Schwächlingen! Melden ist Bürgerpflicht! Erst wenn jeder sich an die Regeln (gemeint ist: die ausgegebenen Parolen) hält, kann es besser werden. – Woher kennst du das? Hieß es nicht soviel wie: ›Macht euch keine Hoffnung. Es wird nie besser werden. Ergebt euch in euer Schicksal, das ist euer Bestes‹?«