Ulrich Schödlbauer

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Während der letzten Jahren des Dezenniums hielten sich in Fac ten Cheks Hinterkopf Zweifel am neuen Geschäftsmodell, obwohl es Erträge wie nie in die Kassen spülte – es gab die Kriege, es gab den Terror, es gab Massenflucht und -vertreibung, es gab Konflikte mit den aufnehmenden Bevölkerungen, doch all das hielt sich in gewissen regionalen Grenzen, es fehlte der Impuls, der die prognostizierten weltweiten Ströme in Gang setzte. Dann, nach dem Anschlag auf das Word Trade Center, schlug der Wind um. Schlagartig lichteten sich die Nebel. Ein paar Wochen gingen ins Land und unter den Mitspielern rund um den Globus herrschte Aufbruchstimmung. Zum harten Kern der Geschäftsleute schlossen ein paar blitzgescheite Intellektuelle auf, denen man, wie das hieß, kein X für ein U vormachen konnte. Nur die Gewinnmargen – sicher ist sicher – hielt man vor ihnen geheim. Das war goldrichtig, solange sie willig für die gute Sache kämpften – später, als es darum ging, sie im Zaum zu halten, erwies es sich als zwingend.

Fac ten Chek, breit geworden im Lauf der Jahre, hat sich ein Schild We the People Refugees umgebunden und sammelt Unterschriften auf der Fifth Avenue – inkognito, wie sich versteht, noch immer kann er von seiner alten Gewohnheit nicht lassen. Das Schild findet er läppisch. Etwas daran stört seine Intelligenz und die immer noch vorhandenen Reste seines vaterländischen Elans. Aber die Organisation hat gute Werte damit erzielt und den Gebrauch zwingend vorgeschrieben. We sell solutions. Fac ten Chek könnte sich im Büro rekeln und den Tag vertelefonieren, aber das hier fühlt sich gut an und erinnert ihn an die Anfänge. Er mag die Fifth Avenue, die eleganten Geschäfte, manchmal weht ein Duft heraus, der ihm Reisfelder vor untergehender Sonne vors Auge zaubert oder die Nase mit dem Explosionsgeruch einer Granate erfüllt, der Übergang ist fließend wie die Bewegungen der eiligen Kundinnen mit den Riesen-Sonnenbrillen und wie die Erinnerung selbst. Knapp ein Jahr ist vergangen, seit die Frau an seiner Seite einer schleichenden, die Ärzte ratlos lassenden Krankheit erlag. Ein Gefühl, diffus und nagend, lässt ihn auf einen der ihm unablässig nachstellenden Geheimdienste tippen, es ist zwecklos, sich etwas vorzumachen oder Nachforschungen in die Wege zu leiten.

Die Organisation duldet keine Eskapaden.

 

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