Ulrich Schödlbauer

Beitragsseiten

17

Das System, dem Fac ten Chek seine Ausbildung verdankte, hatte es anders gehalten: öffentlich angeschlagen wurde die Schuld der anderen, der Abweichler, Renegaten, Volksfeinde, Verschwörer, Klassenfeinde, Agenten des Kapitals, Handlanger des Imperialismus undsofort, sie wurde nicht etwa diskutiert, kultiviert, relativiert oder gar in Zweifel gezogen, sondern festgestellt, verkündet und exekutiert. Über sie hinaus gab es keine Schuld, jedenfalls keine, die einer nach eigenem Gusto sich aufladen konnte, um anschließend damit hausieren zu gehen. Genau betrachtet gab es überhaupt keine Schuld. Das private Dasein, Hauptquell und Hauptursache jeder persönlichen Schuld, hatte aufgehört zu existieren und eine überpersönliche Schuld war nicht vorgesehen, solange einer in Reih und Glied ging und ebenso dachte. Auch der Abweichler trug, so gesehen, keine Schuld, er war zwar schuldig, doch die Schuld bestand in der Abweichung und konnte nicht beglichen, sondern nur geahndet werden, am besten und schmerzlosesten durch Liquidation, das heißt Auflösung aller Verbindlichkeiten per Genickschuss oder Axthieb.

In den Lagern wurde keine Schuld abgearbeitet – gerade in diesen Regionen der äußersten Bitterkeit, in denen die niederen Instinkte des Menschen obenauf kamen, war sie vollständig unbekannt. In ihnen erbrachten Volksfeinde, deren Gesinnungen gleich gefährlichen Viren von der Bevölkerung ferngehalten werden mussten, ihren zugemessenen Anteil am kollektiven Arbeitsaufkommen – unter deutlich erschwerten Bedingungen, doch dafür gab es Gründe, die teils in der Prävention, teils in den organisatorischen und menschlichen Unkosten lagen, die sie verursachten, teils darin, dass in Wahrheit sie jene Toten auf Urlaub waren, als die sich die Sturmtruppen der Revolution in den kapitalistischen Ländern einst gefühlt haben mochten.

Flüchtlinge, sofern sie die unvorstellbare Torheit begingen, ihren Fuß in eines jener Länder zu setzen, gehörten unbedingt zur natürlichen Flora und Fauna der Lager. Sie zu isolieren war Pflicht eines jeden Genossen, immerhin schleppten sie das Virus der bürgerlichen Weltanschauung ein, dazu eine kaum überschaubare Vielzahl älterer feudalistischer, religiöser, atavistischer, konfuzianischer Denk- und Verhaltensmuster, die zu erkennen und korrekt einzuordnen selbst geschulten Parteioffizieren gelegentlich schwerfiel. Als Andere teilten sie den Status der ausgesonderten Volksfeinde, ihre Schuld bestand darin, nicht Gleiche und damit der allgemeinen Schuldlosigkeit teilhaftig zu sein.

Im Westen lag die einzig legitime Weise, der Schuld die Stirn zu bieten, in der Möglichkeit, anders zu sein und zu wirken: danach drängelten seine Gelehrten, Schriftsteller, Künstler, Ausstellungsmacher, Designer, Regisseure, Schauspieler, Musiker, Tänzer, Modemacher, Startup-Gründer, Gesundheitsapostel, demonstrativen Weicheier, Politkommentatoren, Neureichen, Einfaltspinsel, Konformisten aller Himmels- und Farbrichtungen, IQ-Protze, Philosophen, Vanbesitzer – die natürliche Horde derer, die im Anderen den kommenden Erlöser witterten und ihm, wo immer möglich, den roten Teppich ausrollten, nicht ohne, hüpfend und feixend um Aufmerksamkeit bettelnd, hinter ihm drein zu ziehen.

Fac ten Chek war lange genug im Geschäft, er hatte seine Witterung für das, was vorging, oft unter Beweis gestellt. Gelöst und nachdenklich stellte er fest, dass sich das Klima änderte. Der banale Hintersinn dieser Phrase leuchtete in seinen Gedankengang hinein wie die nahezu waagrechten Strahlen der untergehenden Sonne –: Fast konnte man annehmen, der westliche und der östliche Schuld-Typus hätten in diesen letzten Jahren fusioniert, um etwas wirklich Neues in die Wege zu leiten, ein neues Gesellschaftsspiel, eine neue Form der Gesellschaft, eine neue Kultur, wenngleich dieser Ausdruck läppisch wirkte angesichts dessen, was da zusammenwuchs an frenetischer Jugend, an Unaufrichtigkeit, Leisetreterei, Kadavergehorsam, Spitzeltum, Meldewut, naivem Stolz auf das Erreichte und noch zu Erreichende, an Bereitschaft, das Offensichtliche auszublenden und den abstrusesten Märchen aufzusitzen, sofern sie in der richtigen Verpackung ausgeliefert wurden und die erwünschte Botschaft transportierten.

Die erwünschte Botschaft – worin bestand sie? Als Koordinator wusste er, dass die Organisation Container anbot, die von den Mechanismen der Fluchtauslösung über die Routenplanung, die Betreuungsangebote für die Besserbezahlenden unter den Fluchtwilligen, die Anwerbung und Ausrüstung der Schlepper mit Material Papieren und Koordinaten bis zur psychologischen Vor- und Nachbetreuung der Zielländer alles umfassten, was zur erfolgreichen Durchführung ihrer Operationen gebraucht wurde. Es galt als ausgemachte Tatsache, durch wissenschaftliche Forschungen erkundet und bestens belegt, dass Massenmigration die Bevölkerung der Zielländer spaltete, und zwar umso giftiger, je entwickelter die Gesellschaft und je ausgeprägter das Angebot an Sozialleistungen ausfiel, das sie bereithielt.

Entsprechend wichtig war es, diejenigen, die wussten, was auf ihre Gesellschaften zurollte, rechtzeitig mundtot zu machen oder durch ein gesundes Prämiensystem auf die richtige Seite zu ziehen. Die üblichen Protestierer, naiv, wie ihresgleichen nun einmal war, ließen sich dann leicht als Unruhestifter brandmarken, als potentielle Staatsfeinde, die, falls man ihnen erlaubte, sanktionsfrei vom Leder zu ziehen, all die Übel heraufbeschwören würden, wovor sie sich fürchteten und wovor sie die anderen warnten.

Das war insofern nicht falsch, als jede Art von Zuständen ihre Akteure benötigte. Von Leuten, die den Unfrieden im Herzen trugen, konnten keine friedensdienlichen Anstrengungen erwartet werden. Also lag es nahe, ihnen Hass auf die Anderen vorwerfen, auf alle Anderen und letztlich auf den Anderen – also die eigentliche Urschuld, deren sich die Gesellschaft unaufhörlich bezichtigte und die nicht anders bekämpft werden konnte als durch Anderssein, gleichgültig, in welchem Format es sich ausdrückte und welche Kosten daraus erwuchsen. Fac ten Chek war zwar nicht unmittelbar mit diesen Aktivitäten betraut, aber er nahm – inkognito – schon deshalb nicht ungern an ihnen teil, weil sie frische Luft und Bewegung versprachen, angereichert mit der angenehmen Aussicht, in erstklassiger Gesellschaft Freundlichkeiten zu streuen und nützliche Kontakte zu pflegen.

Auch sagte ihm sein instinktives Gefahrenbewusstsein, dass hier die Schwachstelle des Systems verborgen lag, die früher oder später auch dieses Geschäftsmodell ruinieren würde.

 

0
0
0
s2smodern
powered by social2s