Ulrich Schödlbauer

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Jeder Mensch, sollte man annehmen, verfügt über ein Zuhause. Doch auch hier sind Ausnahmen die Regel. Eine bleiche Bürokratenhand hatte Fac ten Cheks Vater – verständlicherweise, bedenkt man die Schande, die der Sohn über sein Haus gebracht hatte – die keineswegs üppige Pension gestrichen. Wie lebt es sich mittellos im Land der Besitzlosen? Schlecht.

Fac ten Chek fand ihn, dank freundlicher, wenngleich überaus zurückhaltender Nachbarn, in einem Schuppen am Stadtrand.

Das ist nicht verbürgt, aber es ergibt sich aus der Logik der Sache.

Der Alte tat, was er sein Leben lang getan hatte: er starrte Löcher in die Luft. Einst im Dienst hatte er sie in die Augen der ihm unterstellten Genossen gebrannt.

Das ist eine ungesicherte Hypothese.

Jedenfalls glaubte es der zurückgekehrte Sohn, wenngleich er sich nicht sicher war und wusste, dass nur zählt, was sicher geglaubt wird.

Ungeachtet seines Glaubensproblems übte sich Fac ten Chek in Geduld – der einzigen Sohnestugend, die er gelernt hatte. Von Zeit zu Zeit klopfte der Alte mit einem Stöckchen auf den Boden und stieß ein Grunzen aus, in dem sich womöglich ein Fluch verbarg. Fac ten Chek hockte auf dem Boden, bohrte drei Finger der rechten Hand in Kinn und Wange und schwieg. Er fühlte die lange Tradition des Schweigens, die sein Land oft gerettet hatte und es jetzt in den Untergang führte. Er hasste sie aus vollem Herzen und unterwarf sich ihr willig.

Nach Ablauf der vorgeschriebenen Stunden erhob er sich, verneigte sich höflich, ließ ein paar Münzen in einen Becher fallen, schob den Fetzen über dem Eingang zur Seite, glitt hinaus in die Nachtluft, atmete tief durch und lief in die Reisfelder. Nicht verbürgt ist, dass der Vater seinen Abgang bemerkte. Warum auch? Er war ein Bettler, der Klang der Münze verriet Fac ten Chek sein Geheimnis. Betteln war verboten, also konnte er ebensowenig Bettler wie Vater sein. Was dann? Ein Gespenst? Auch Gespenster waren verboten, streng verboten, es gab kaum noch welche, sicher gehörte er nicht dazu.

Fac ten Chek wurde vom Gelände verschluckt und wiedergefunden.

Mittag war’s und unerträglich die Hitze

da geschah’s, dass ein radelnder Milizionär, von Grunzlauten aufgeschreckt, abseits der Straße den von niemandem Vermissten entdeckte und der Gemeinschaft zurückgab, indem er ihn beim nächsten Polizeiposten ablieferte. Für den Milizionär sprang ein karges Lob heraus, dann verlor sich seine Figur aufs Neue in den Nebeln der geschichtslosen Welt, die neben der Welt der Geschichte existiert und sie mit Sicherheit überdauern wird, falls nicht das allzu Vorhersehbare eintritt und beide, gezielt oder nicht, mit einem Schlag auslöscht.

Wir verlassen den Bereich kombinatorischer Erkenntnis, vulgo Mutmaßung, und treten ein in den Glanz, den nur wirkliche Geschichte verströmt. Der Polizeioffizier, ein strammer Bursche, schien aus nicht weiter bekanntem Grund über die Identität des Eingelieferten im Bilde zu sein. Jedenfalls schob er Fac ten Chek, nachdem er seine Fingerabdrücke genommen, seine Länge, sein Gewicht, seine Bauch- und Kopfmaße festgestellt und mehrfach telefoniert hatte, ein Formular hin, das dieser schlaftrunken unterschrieb. Es war seine Ernennung.

 

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