Ulrich Schödlbauer

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Jahrelang zählte Fac ten Chek zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Welt. Der Öffentlichkeit blieb seine Existenz zur Gänze unbekannt. Unter seiner behutsamen Lenkung wuchs die Vietnamflucht zu einem blühenden Industriezweig heran, dessen Ausläufer sich bis nach Australien und Europa erstreckten. Die Gesprächspartner in New York und London, in Wien und Sydney schätzten seine eiserne Kompetenz und bewunderten an ihm, was sie für im Feuer interner Kämpfe gehärtete Disziplin hielten: die durch nichts und niemanden abzulenkende, sich keine Schwäche und keinen Ausrutscher leistende Sachlichkeit seiner Auftritte.

›Zu Gänze‹ klingt wesentlich vollmundiger, als die Sachlage es erlaubt. Sieht man näher hin, so besteht die breite Öffentlichkeit dort, wo sie besteht, also im sogenannten Westen, der sich bis vor kurzem noch die ›westliche Welt‹ nannte, aus Hunderten, vielleicht sogar Tausenden von Nischen unterschiedlichster Größe, teilweise praktisch durchlässig, teilweise nachlässig gegeneinander abgeschottet, manche von tiefen Schleiern gegen das neugierige Tageslicht abgeschirmt gleich Mysterienzirkeln, in denen, vor allem zu Wahlzeiten, Schwarze Messen gefeiert werden und weitgereiste Begattungskünstler ihren überaus schwierigen Part in Fruchtbarkeitsritualen meistern, die bis in die Frühzeit des Homo sapiens und weiter, viel weiter zurückreichen – vielleicht bis zu den Bienen, wer weiß. Vergebens hatte eine Hundertschaft von Prostituierten im Auftrag verschiedener Dienstleister, darunter die chinesische, sizilianische, brasilianische, libanesische, schottische sowie die New Yorker Mafia, sich im Laufe der Jahre Zugang zu Fac ten Cheks Hotelbetten zu verschaffen versucht. Was ihnen missriet, das gelang, gleichsam aus Versehen, einer Düsseldorfer Straßenhure auf Anhieb.

Was ist ein Fakt? Fakt ist, dass ein Mensch, sobald er eine gewisse Position erklimmt, ins Fadenkreuz der Faktensucher gerät, einer Klasse von Mitmenschen, denen kein Vorwand zu billig, kein Mittel zu schäbig, keine Hypothese zu gewagt und kein Aufwand zu absurd ist, um zu Einsichten zu gelangen, die sie entschlossen beiseiteschieben, wenn sich herausstellt, dass sie nicht den Gemeinten, sondern seinen Nächsten betreffen, der doch auch der ihre ist und, in Anbetracht aller Gleichheitsgrundsätze und der eigentümlichen Würde, die Zweibeinern im Universum anhaftet, den gleichen Anspruch darauf erheben könnte, in seinem Brunftverhalten bespitzelt, in seinem Erwerbsleben verdächtigt und in Toilettenfragen gnadenlos expropriiert zu werden. Fakt ist, dass sich zirka dreißig Geheimdienste im Hörbereich drängelten, als Fac ten Chek, wie stets inkognito reisend, entschlossen zur Kontaktaufnahme schritt.

»Hu’sät?« räusperte er sich. Um ein Gespräch in Gang zu bringen, wies er mit der linken Hand – die rechte hielt das Bierglas umklammert – auf das überlebensgroße, an den Ecken rissig gewordene Heinrich-Heine-Plakat, das die Wand hinter dem Tresen verzierte. Gleich beim Eintritt hatte er den Ehrenmarschall der Revolution erkannt. Zum Zweck ethnologischer Feldforschung zog er es vor, den Unwissenden zu mimen.

»Ach der«, lächelte die muntere Dame, »der hängt immer da. Lassen Sie sich nicht stören. Der hört nichts.«

Eine warme Welle durchlief Fac ten Chek. Er nahm seinen Mut zusammen und lächelte zurück. Flott leerte er das Glas, er brannte vor Unrast. Die ungewohnte Muskelspannung übertrug sich direkt auf den Magen. Der nahende Zusammenbruch der Sowjetunion ließ ihn redselig werden.

»Russki?« grunzte er, den Blick stier aufs Bierglas gerichtet.

»Nee, Ukraine. We hate Russians.«

»Aber ihr seid Russen!«

Das Lächeln erlosch. Die Dame hämmerte ihren Zigarettenrest in den Aschenbecher und Fac ten Chek begriff, dass nur ein Schein sowie die Erwartung weiterer seine Enttarnung hinauszögern konnten.

Beherzt griff er in die Tasche.

 

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