Ulrich Schödlbauer

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Der Osten des Westens… Ehrlich gesagt, er hat ihn nie verstanden. Zu vertrackt ist das Thema, zu leicht kann man sich in ihm verlieren und darüber das Geschäft vergessen – ein schlechtes Geschäft in jeder Hinsicht. Dennoch, es käme auf den Versuch an.

Was sehen deine Geschäftspartner, wenn sie dich sehen? Vielleicht nicht mit eigenen Augen, aber mit all den Brillen, die viele ihr Leben lang nicht absetzen, während bewegliche Gemüter sie nacheinander durchprobieren, um schließlich bei der dicksten hängenzubleiben, mit der sie gewisse Einzelheiten scharfstellen können, an denen ihnen liegt, während der größere Teil des Wahrgenommenen verschwimmt? Du hast gelernt, sie an diesen unsichtbaren Brillen zu unterscheiden. Du bemerkst sie am Blick, mit dem du gemustert wirst, an den aufgesetzten Masken, wenn es ans Händeschütteln geht, am Zögern, das so sehr aus den Leuten zu kommen scheint und doch nur das Starre der Situation zum Ausdruck bringt. Am meisten an der grenzenlosen Offenheit, die sich so leicht imitieren lässt und auf die sie so stolz sind: East meets west.

Wie lange geht das Spiel schon? Wie lange wird es weitergehen? Gute Frage.

Pe Ting zum Beispiel… Für ihn roch bis zum Schluss jedes Treffen nach verbranntem Fleisch und modernden Leichen.

Pe Ting ist so gut wie tot. Jener Teil in ihm, du, der du zu Pe Tings Welt gehörst, liegst mit auf diesem Bett und stirbst den Tod dieses Alten, als sei es der eigene. In gewisser Weise hast du damit sogar Recht.

Wo steckt er? In einer Lagebesprechung? Holen die Bombennächte ihn ein? Schneidet er, friedlich entschlummert, gerade jetzt einem GI die Kehle durch? Rennt er um sein Leben? Bescheißt er sich, wälzt er sich im Schlamm, kriecht er durch einen Stollen, den Namenlose für ihn angelegt haben, schießt er ein Magazin leer, dessen Überbringer samt Universum gerade verreckt, drückt er eine Genossin an sich, als sei es das letzte Mal? Geht er zu den Toten, als seien sie Lebende? Legt sich, durchscheinend für ein paar Augenblicke, Erde auf ihn, als schaue er die Wurzeln des Lebens, aber bereits schwer und beklemmend? Sucht er verzweifelt nach Essbarem? Sitzt er am Tisch bei Vater und Mutter und fragt sich, an welcher Front er verbluten wird? Spielt er, wieder klein geworden, mit den Wollfäden einer Decke, die fürsorgliche Hände über ihn gebreitet haben? In welchem Winkel seiner Welt hält er sich auf? Durchmisst er sie mit raschem Schritt? Löst sie sich auf? Verengt sie sich, wird sie schwarz, licht, rosig, kneift sie? Wird weit, grenzenlos, bizarr, selbstverständlich, fraglos?

Wo ist Ost, wo West? Der Osten ist communism … wenn ihnen das Wort über die Lippen schlüpft, lachen sie, ein törichter Zug gleitet um ihre Lippen, als sei etwas daran nicht echt und sie wüssten es, aber nicht wirklich.

Der Kommunismus war eine Falle.

Er verband Ost und West, um sie umso gewisser zu trennen.

Bei Marx kannten sie sich aus. Mao? Zu groß, zu gewalttätig, um wahr zu sein. Ein Koloss antikolonialer Befreiung, eingegangen in eine Allvergangenheit, in der sich sammelt, was Schauder und Ehrfurcht aufrührt bei Mensch und Getier. Ho Chi Minh? Eine Studentenscharade, ein Ulk mit Anliegen. Ausgebrütet fernab seinem Land, das in diesen Köpfen nicht existierte, es sei denn als Hölle, aus der, wer nicht fiel, als Versehrter zurückkam.

Steh auf, Fac ten Chek, steh auf und geh, geh weg, es tut gut, sich die Beine zu vertreten. Für einen, der aus der Hölle kommt, hast du die besten Karten.

Diese Veteranen-Vertraulichkeit, dieses ›Kamerad, wir wissen Bescheid‹ hat dich erst befremdet, später beruhigt. Heute erkennst du in ihr das Rätsel der Anerkennung: Wir haben gegeneinander gekämpft, also sind wir ein Geschling, ein Knoten im Geschehen, Entlassene desselben Geschicks, einer des anderen Mörder. Wir haben uns gegenseitig getötet und sind einander entronnen, wir wollten einander auslöschen und haben uns doppelt empfangen, als unauslöschliche Erinnerung und als freundliches Gegenüber, mit dem wir sie aufwärmen.

 

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