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»Die Präsenz einer vormodernen Geschichte im Alltag des heutigen Städters ist das erste Merkmal europäischer Urbanität«.

Das zweite Merkmal »… beinhaltet die Hoffnung, sich als Städter aus beengten politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnissen befreien zu können.«

Und »drittens ist die europäische Stadt Ort einer besonderen, eben urbanen Lebensweise …« – die Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit.

So der Stadtsoziologe Walter Siebel

 Bekanntlich wird der Verstädterungsprozess in den nächsten Jahren mehr oder minder abgeschlossen sein. Bereits heute lebt die Hälfte der 6,7 Milliarden Weltbevölkerung in Städten.

Weltweit sind also massive Urbanisierungsprozesse im Gang. Während die Städte wachsen, gehen dörflich (autochthon) geprägte Gesellschaftsformen immer weiter zurück. Parallel dazu stellen wir fest, dass nicht nur die Bevölkerung in agrarischen Regionen schrumpft, auch Städte – in Asien wie in Europa – verlieren Einwohner. In Europa werden 2050 weniger Menschen leben als heute.

Weil die Geburtenraten besonders in Europa momentan am niedrigsten sind, nimmt die Bevölkerung nach Vorausberechnung der Vereinten Nationen um 67 Millionen Menschen ab. Der Anteil der Jungen in der Gesellschaft sinkt rapide. Schon heute beträgt z.B. in Deutschland das Verhältnis der unter 20-Jährigen zu denjenigen im Erwerbsalter nur noch 1:3. Bis zum Jahr 2050 nimmt dieser so genannte Jugendquotient von jetzt 33 Prozent weiter auf 29 Prozent ab. In Japan sind bereits heute 20% der Bevölkerung älter als 65 Jahre.

Der Bevölkerungsanteil der Länder, deren Bevölkerung zurückgeht, beträgt zurzeit weniger als 15 Prozent der Weltbevölkerung. 2050 werden es weniger als 10 Prozent sein. Das größte Bevölkerungswachstum findet in den ärmsten Ländern der Welt statt. Allein in Indien werden zur Jahrhundertmitte 540 Millionen mehr Menschen leben als heute. Schon heute lebt nach UN-Schätzungen jeder sechste Mensch in einem Slum. Weltweit rund 1 Milliarde. In Entwicklungsländern leben 43 % der Menschen in städtischen Slums, also die Mehrheit der Menschen.

Wer Glück hat, lebt in einfachsten Wohnverhältnissen, ein Großteil aber lebt schlichtweg in entwürdigenden Behausungen, eingebettet in informelle Strukturen. Noch immer sind also menschenverachtende Lebensumstände ein Teil der Stadt: korrupte Machenschaften, Schattenwirtschaft, Kriminalität in jeder Form, Gewalt und Unterdrückung, unvorstellbare Armut, das Fehlen medizinischer Versorgung, von Aufklärung und Bildung. Es bedeutet, ausgeschlossen zu sein von den fundamentalsten Infrastrukturen, die wir für ein menschenwürdiges Leben benötigen. Je mehr die Städte wachsen, desto mehr fehlen ihnen diese Infrastrukturen. In solchen Städten greifen nicht einmal mehr die traditionellen Regeln einer außer-europäischen Urbanität.

Die lokal spezifischen Entwicklungen der Städte gehen einher mit einer stetig wachsenden Globalisierung, der immer dichter werdenden Vernetzung der Ökonomien und dem Wachsen der virtuellen Welten. Dieser Prozess legt sich wie eine Folie über die Städte, so als wären sie Kulissen, die zwar individuelle Züge haben, durch die Folie aber punktuell uniformiert sind.

Instant Cities, Gated Communities, die Mallifizierung und Disneyfizierung der Stadt ist zum weltweiten Trend geworden. Mancherorts werden die Innenstädte zu Makulaturen für den gehobenen Konsum. Weltweit auftretende Ketten und überall präsente Marken prägen inzwischen das Bild und erzeugen überall ähnliche städtische Atmosphären und Bilder. Die Städte laufen Gefahr, gleichförmig, austauschbar und damit identitätslos zu werden.

Auch scheint eine Hierarchie der Städte entstanden zu sein.

An ihrer Spitze stehen die so genannten ›global cities›‹, Städte, die sich neben ihrer Größe vor allem dadurch auszeichnen, dass sich in ihnen die Hauptsitze transnationaler Unternehmen und vieler internationaler Organisationen konzentrieren. Hier laufen Flug- und Telekommunikationsverbindungen zusammen. ›Global cities‹ gelten als Steuerungszentren der Weltwirtschaft. Jenseits dieser ›Welt-Städte‹ gibt es am unteren Ende der Hierarchie die ›ausführenden Städte‹, das sind die Standorte extern kontrollierter Produktionen. Noch weiter unten stehen die peripheren Städte, die für transnational arbeitende Unternehmen uninteressiert sind.

Dementsprechend gelten nur jene Städte als erfolgreich, die ihre Standortqualitäten neu ordnen und bündeln, so dass sie damit in einer weltweiten Standortkonkurrenz für »global player« attraktiv werden. Die Anforderungen dieser transnationalen Unternehmen lassen sich klar definieren: gute Infrastrukturen, wenig Bürokratie, Steuervorteile, geringes Lohnniveau, Sicherheit und besondere Erlebnisqualitäten. Diese Logik hat inzwischen fast jede Stadt erreicht.

Gleichzeitig entstehen neuen Nutzungen städtischer Räume: Die zunehmende Privatisierung öffentlicher Räume, etwa durch Einkaufszentren, führt nicht nur zur Homogenisierung des städtischen Erscheinungsbildes, führt auch zu neuen Formen der Ausgrenzung, zur Selektion von Nutzergruppen, sie führt im Grunde zur Ausbildung von ›Privilegierten‹ und ›Nichtprivilegierten‹. Damit ist die traditionelle Stadt mit ihrer Mischnutzung und Lebendigkeit in Gefahr, und je mehr eine Stadt im »global play« mitspielen will, umso mehr muss sie sich auf diese Veränderungen einlassen.

So sieht sich das alte Europa mit seinen ganz spezifischen – über Jahrhunderte gewachsenen – Werten einer Welt gegenüber, deren Dynamiken es nicht mehr steuert und inspiriert. Läuft Europa damit also Gefahr, der Zeit nicht mehr angemessen zu sein? Ist das »alte Europa« – wie es vielfach bezeichnet wird – angesichts der voranschreitenden Globalisierung nur noch ein Museum? Ist das Modell der europäischen Stadt überholt?

Städte wie Paris oder London, Wien oder Athen, Warschau oder Berlin, Budapest oder München, Rom oder Barcelona, Stockholm oder Marseille, Dresden oder Leipzig haben alle Veränderungen – Kriegszerstörungen, Strukturanpassungen, Globalisierung – mitbekommen bzw. durchlaufen sie noch. In allen diesen Städten gibt es periphere Einkaufs- und Vergnügungszentren, suburbane Einfamilienhaussiedlungen, Großsiedlungen und Verkehrsprojekte, die zum Teil brachial in alte urbane Strukturen eingebrochen wurden. Doch diese Städte sind mehr als Bündel von Standortqualitäten für Unternehmen. Was diese Städte besonders macht ist, dass sie trotz aller »verletzenden« Modifikationen ihre ureigenen Qualitäten erhalten wollen.

Auch wenn die europäische Stadt massive baulich-räumliche Modifikationen erfahren hat, erfuhr sie nicht das Schicksal zahlreicher Städte anderer Kontinente wie Asien, deren Geschichte durch rasanten Abriss und Bauboom ausradiert wird. Hier werden historisch gewachsene Strukturen im Prinzip über Nacht weggerissen, um an derselben Stelle eine neue geschichtslose Stadt zu erschaffen, die die entscheidenden Kriterien einer Stadt außer Acht lässt: Man verabschiedet sich von der gebauten Vergangenheit.

Täglich werden dabei neue, austauschbare Architekturen geschaffen. So lässt man sich weder auf das Alte noch auf die Qualitäten des Neuen wirklich ein. Im Grunde verleugnet man also sowohl das Alte als auch das Neue, Identitäten werden negiert oder können gar nicht erst entstehen. Diskontinuität steht im Vordergrund.

Dagegen zeigt die europäische Stadt eine gewisse Gestaltungsbeharrlichkeit und versucht Altes und Neues zu integrieren, auch wenn sie dabei über die Jahrhunderte hinweg natürlich ihre Veränderungen erlebt hat.

Die einzelnen Perioden der Kulturgeschichte folgen aufeinander. Antike, Renaissance, Barock, Klassizismus und Moderne sind klar bestimmbar und in ihrer stilistischen Ausprägung begründbar. Fast überall liegen die Schichten klar abgegrenzt über- oder nebeneinander. ›Tabula rasa‹ und ›Dubaiisierung‹ entsprechen nicht der europäischen Geisteshaltung.

Der Soziologe Helmuth Berking zitierte in einem Vortrag den englischen Architekten Cedric Price, der die Entwicklung der europäischen Städte über die Jahrhunderte hinweg mit den möglichen Zubereitungsarten eines Eis beschrieben hat.

Das Bild des gekochten Eis steht für die Stadt von der Antike bis in die frühe Neuzeit. Wie das gekochte Ei hat sie eine klare Struktur. Der Stadtkern – das Eigelb – ist klar konturiert, räumlich zentriert und durch eine Mauer – Eiweiß und Schale – befestigt und von der Umgebung abgegrenzt; eine klare Trennung zwischen Bezirken innerhalb und außerhalb der Stadtmauer.

Das Spiegelei symbolisiert die industrialisierte Stadt. Es existiert weiterhin ein Kern – das Eigelb –, das zerflossene Eiweiß stellt Stadterweiterungen und Großraumsiedlungen dar. Der Kern ist noch gut identifizierbar, aber die Strukturen außerhalb des Kerns sind amorph.

Das Rührei steht für die postindustrielle Stadt. Alles fließt ineinander, die zuvor klar erkennbaren Konturen verwischen. Zentrum und Peripherie sind kaum noch identifizierbar. Und im globalen Kontext betrachtet, werden sich die Städte immer ähnlicher, die europäische Stadt scheint Gefahr zu laufen, ihre eindeutige Identität – versinnbildlicht im gekochten Ei – zu verlieren.

Ich denke, dieser Vergleich von Cedric Price ist nicht nur sehr anschaulich, er ist auch sehr treffend für die Entwicklung der europäischen Stadt. Das Bild des Rühreis würde ich jedoch auf der einen Seite relativieren, denn viele europäische Städte zeigen noch deutlich die architektonisch-räumlichen Strukturen des Spiegeleis, auf der anderen Seite würde ich es erweitern wollen, denn es gibt die unterschiedlichsten Arten der Zubereitung eines Rühreis.

Man kann es mit Speck und Schinken zubereiten, mit Gemüse oder Kräutern oder diversen anderen Zutaten. Übertragen auf die europäische Stadt bedeutet dies, dass das Rührei nach einem ganz spezifischen – eben europäischen – Rezept zubereitet wurde, dessen Zutaten elementar für seinen »Geschmack« sind. Das heißt, die europäische Stadt zeigt auch in der Form des Rühreis noch ihre ganz spezifischen Charakteriska. Woran liegt das, und wieso weist die europäische Stadt in ihrer räumlich-baulichen Struktur eine gewisse Stabilität auf und versucht dabei Altes und Neues zu integrieren?

Die gebaute europäische Stadt stellt mehr dar als abstrakte Ästhetik oder reine Funktion: Sie verräumlicht gesellschaftliche Verhältnisse. Städtebau und Architektur entsprechen der Ordnung unseres Zusammenlebens. Sie sind die Bühne für unsere öffentlichen Interaktionen.

Die Geschichte der europäischen Stadt beschreibt eine Kontinuität, die nicht nur das Baulich-Räumliche einbezieht, sondern auch eine kritische reflexive Haltung dazu.

Die europäische Stadt spiegelt damit unsere geistige und politische Verfassung. Die baulichen Repräsentationen der europäischen Stadt sind Reservoire an Geschichte und Wissen, beides hilft zum Verständnis des eigenen Gewordenseins. Als reflexiver Grund formt Geschichte unsere Identität. Damit liefert sie zugleich eine Möglichkeit der kritischen Betrachtung, die die Tradition hinterfragt und Alternativen aufweist.

Diese Reflexion motiviert auch zum Aufbruch ins Neue. Camillo Sitte, der Begründer des Städtebaus, nutzte in seinen Studien die Stadt der Vergangenheit, um Erkenntnisse für das Selbstverständnis der modernen Stadt und ihrer baulichen Identität zu gewinnen.

Für Sitte war die vorindustrielle Stadt ein Wissensspeicher. Er untersuchte ihre demokratischen Formen, die er durch die Industrialisierung zunehmend zerstört sah: Marktplätze und Foren, öffentliche Orte und Anlagen, da er sie als Impulsgeber für eine zivile Kultur der Stadt begriff.

Der Geschichtsphilosoph Walter Benjamin hielt den Gewinn einer zukünftigen Perspektive nur möglich unter Einbezug des Vergangenen. Moderne war für ihn das Innehalten: Gewahrwerden und Reflexion.

Moderne war für ihn der Moment, in dem etwas Vergangenes, Vergessenes und Verdrängtes erinnert und so wieder eingesetzt wird in die Gegenwart. Dadurch werden die toten Trümmer der Vergangenheit wieder lebendig, verflüssigt, sie sind keine Last, sondern eine freigesetzte Kraft, die in die die Zukunft trägt, wie Benjamin das Bild von Klee »Der Engel der Geschichte« deutet.

Und Erinnerung ist gleich dem Ausgraben einer Stadt. Gerade weil der Alltag, die täglichen Routinen, die Biographie und Identität so eng mit der gebauten Stadt, ihren Orten und Räumen verbunden ist, weckt sie unsere Erinnerungen und aus der freigesetzten Erinnerung kann eine neue Erzählung und Wahrnehmung der Stadt, ihrer Geschichte und unseres Lebens, jenseits der erstarrten Routinen hervorgehen.

Städte sind nicht nur Wissensspeicher städtebaulicher Formen, sondern auch gelebte Geschichte. Ihre Gebäude, Straßen und Plätze enthalten gelebte Zeit, erzählen von Konflikten und Spannungen, sind Speicher von Träumen und Hoffnungen.

Der Philosoph Peter Sloterdijk sieht in der europäischen Stadt ein »Theater der Ambitionen«, Ambitionen, die ausgehandelt werden müssen. Es ist eine Bühne und zugleich ein Handlungsraum für die Verwirklichung unterschiedlichster Sehnsüchte, Bedürfnisse und Ideen. Was die europäische Stadt dabei im Idealfall erreicht, ist eine einzigartige Lebensqualität – als Ausdruck ihrer Werte und ihres Wertebewusstseins.

Das Modell der europäischen Stadt gibt den Menschen also Raum im ideellen Sinne. Es bietet Raum zur individuellen Entfaltung. Es erlaubt und fördert Entwicklung, Kreativität und Experimente. Es gibt Raum für Veränderungen und erlaubt eben zugleich die Kritik. Durch die Präsenz von Geschichte und das Versprechen auf eine offene Zukunft transzendiert die europäische Stadt die Gegenwart in beide Richtungen.

So sind europäische Stadtkonzepte vor allem als europäisch geprägter Lebensstil in die Welt gegangen und haben eine urbane Welt des ›Westens‹ geschaffen.


Orhan Pamuk hat in dem Roman »Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt« von einem »unentrinnbaren Schicksal« geschrieben. Für ihn ist die Stadt Istanbul einerseits ›seine‹ Stadt, weil sie die Stadt seiner Familie ist und zugleich gilt ihm Istanbul als ein Sinnbild für eine schicksalhafte, beinahe verzweifelte Bindung Istanbuls an Europa, den ›Westen‹ und die europäische Stadt, deren Einflüsse ständig präsent sind und zur Stellungnahme herausfordern. Denn man kann sich nur für oder gegen die Idee bzw. Utopie der europäischen Stadt entscheiden – ignorieren kann man sie nicht. In diesem Sinne ist die europäische Stadt für Istanbul ›unentrinnbares Schicksal‹.

Pamuk beschreibt seine Biographie und die Geschichte Istanbuls als eine fortwährende Gratwanderung zwischen Ost und West. Es ist dies wesentlich auch eine Geschichte der Konflikte zwischen jahrhundertealten Traditionen sozialer Bindung und einer modernen Orientierung emanzipierter Individuen an Demokratie, Toleranz, Bildung und kulturelle Offenheit – das heißt an Werten, die für die europäische Stadt konstitutiv sind. Für Orhan Pamuk ist Istanbul eine besondere Stadt, deren Bewohner sich inmitten eines traditionsgeprägten Landes abgewandt haben von dem Territorium, auf dem sie leben. Sie sehnen sich nach dem ›Westen‹ und dem Lebensstil einer europäischen Stadt. Diese europäische Stadt wird in Istanbul aber auf eine besondere Weise geträumt und erinnert. Sie ist hier vielleicht mehr als anderswo ein Ort voller Geheimnisse, ein imaginärer von zahlreichen Mythen, Legenden und auch Ideologien umwobener Raum.

Dadurch prägte Europa nachhaltig die heutige Zivilisation: Hier entstand die Idee von einer demokratischen Gesellschaftsorganisation, hier setzte eine wirtschaftliche und technische Entwicklung ein, die die gesamte Welt beeinflusste. Die europäische Stadt spielte dabei stets eine entscheidende Rolle. Sie ist ein abendländisches Ideal und eine Vision und Utopie zugleich.

Europa basiert auf ganz bestimmten Werten und Traditionen. Die Werte der Antike wie das an Vernunft und Kritik orientierte griechische Menschenbild, die Entwicklung demokratischer Strukturen oder das römische Rechtssystem bildeten die Grundlagen für die Ausbildung der zivilen Gesellschaft.

Sie waren Motor für Entwicklung und Innovation und ermöglichten das Entstehen des visionären Denkens, das Eröffnen von Utopien – eine Entwicklung, die in einer hierarchisch verkrusteten und einzig auf den Glauben an eine transzendente Kraft beruhenden Kultur nicht möglich gewesen wäre.

Und genau dies prägt noch immer viele Orte mit außereuropäischen Traditionen. Im Islam beispielsweise sind politische Macht und Glaube untrennbar. Die Religion determiniert alles, ihre Regeln sind zu befolgen. Der Gedanke, etwas zu hinterfragen, ist noch heute Blasphemie.

Die Schicksalsergebenheit wurde im antiken Griechenland von Vernunft und Kritik abgelöst. Die griechische Philosophie sprengte den Rahmen der Religion und suchte Natur und Mensch ganz aus sich heraus zu erklären. Bestimmend wurde die ratio. Alles wurde veränderbar.

Der Historiker Christian Meier beschreibt dieses Phänomen folgendermaßen: »Diese Kultur der Freiheit, der Verantwortung und der Offenheit sowie der weit- und tiefgetriebenen ratio und der Bereitschaft, Menschen- und Götterwelt, also sich selbst radikal in Frage zu stellen, hat das abendländische Europa aufs stärkste vorgeprägt und ausgeprägt. Lange war sie weit überlegen. Sie erlaubte zu sagen, zu formen, zu denken, zu fragen, was man selbst kaum zu sagen, zu formen, zu denken und zu fragen vermochte. Und man konnte sich aufs Beste an ihr reiben. Dank der Vielfalt ihrer Perspektiven, dank der Ambivalenz, in der sie sich erfuhr, konnte und kann man sie immer neu erfahren.«

Mit der Aufklärung wurde die Vernunft endgültig zur entscheidenden Instanz. Die Kritik wurde ihr Instrument. Nur die Vernunft sollte über Wahrheit und Irrtum jeder Erkenntnis und über die Normen, an denen sich der Mensch in seinem Handeln zu orientieren hat, entscheiden.

Jeder einzelne galt damit in seiner Entscheidung als autonom und frei. Es galt die Emanzipation aus geistiger Bevormundung. Der Mensch, nicht mehr Gott stand nun im Mittelpunkt. Noch mehr als in der Antike verband sich mit dem Glauben an die Vernunft der optimistische Fortschrittsglaube.

Diese klare Trennung von transzendenter und weltlicher Ordnung ebnete endgültig den Weg in die säkularisierte Moderne, hin zu Demokratie, Pluralität, Rechtsstaatlichkeit, Entwicklungen und Visionen.

Während das westliche Europa »ungestüm in ein neues Zeitalter« drängte, blieb der byzantinische Osten weitgehend in der antiken Tradition verhaftet und verharrte in alten Ordnungs- und Herrschaftsstrukturen. Statt Neuerung und Wandlung Stagnation.

Der tunesische Historiker Hischam Dschait beurteilt diese Entwicklung folgendermaßen: »Die Muslime begriffen sehr wohl, dass die Europäer sie auf der Ebene der Macht überholt hatten«, »aber sie konnten nicht begreifen, dass es an der Basis jenes fulminanten Aufstiegs in Europa zu einem Bruch mit dem religiösen Sockel – und das war das eigentliche Werk der Aufklärung – gekommen war.«

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen ist die europäische Stadt der Geburtsort der bürgerlichen Gesellschaft, sie steht für Emanzipation. Sie ist der Ort der Emanzipation des Bürgertums als wirtschaftliches, politisches und kulturelles Subjekt, symbolisiert in der städtebaulichen Architektur, die zum Ausdruck der bürgerlichen – zivilen – Identität wurde.

Stadt ist auch ein Ort der Kommunikation. Die zivile Form hat uns einen Code aufgegeben, der jede Begegnung erlaubt. Fremde können sich begegnen, man erfährt die Differenz und will sie erfahren. Stadt ist ein innovativer Ort der produktiven Auseinandersetzung mit allem Fremden. Der Leonardo Benevolo bezeichnete die Stadt als »eine ganze Welt im kleinen, überschaubaren Rahmen«.

Radikaler als andere Kulturen hat die europäische Stadt den Menschen – jenseits religiöser Traditionen – in Gestalt des freien Bürgers als ein zur Größe befähigtes Wesen definiert. Man könnte auch sagen, die europäische Stadt ist vom Noch-nicht-Möglichen besessen, das sie fortwährend in der Begegnung und Reibung mit dem Anderen sucht.

Vor diesem Hintergrund wird die europäische Stadt auch als ›revolutionärer Ort‹, als ›Zentrum gesellschaftlicher Dynamik in Richtung auf die moderne, kapitalistisch organisierte und demokratisch verfasste Gesellschaft‹ angesehen. Leonardo Benevolo schrieb: »Diese Tendenz zur Selbstorganisation, die sich in der arabischen und der orientalischen Welt so nicht findet, ist der Grund für die Vitalität der europäischen Städte. Sie wird auch zum Kennzeichen der europäischen Zivilisation überhaupt und bildet die Grundlage ihres weltweiten Erfolgs.«

Weil der europäischen Stadt die Offenheit für das Andere, das Unbekannte und Neue fest eingeschrieben ist, wurde sie zu einem globalen Expansionszentrum. Auch wenn diese Werte in der ausbeuterischen, brutalen und deterministischen Realität von Kolonialismus und imperialistischen Feldzügen oft verleugnet worden sind, wurden sie dadurch als Vision nicht aufgehoben. Die tradierte europäische Konzeption von Demokratie und Gleichberechtigung, von innerer Solidarität mit dem Anderen sowie die Ideen der sozialen Verantwortung und Gerechtigkeit gehen tiefer als die mit ihrer Verbreitung einhergegangenen Gewalttaten.

Es war die von europäischen Städten ausgehende ökonomische Ausbeutung und zugleich Neugier, die Sehnsucht in die Fremde zu gehen, das Bedürfnis, die eigenen Traditionen zum Primat zu erheben, aber auch angesichts des Anderen zu hinterfragen, die jenen Prozess ausgelöst haben, den wir heute als Globalisierung bezeichnen.

In diesem Sinne kann man Globalisierung auch als eine Europäisierung sehen – als einen Prozess, in dem die Werte der europäischen Stadt als Ideen in die Welt getragen worden sind – und zu universellen erklärt wurden.

Daher konnten die über die Jahrhunderte insbesondere aus antiker Philosophie, Christentum und Aufklärung entwickelten europäischen Werte schließlich auch ein maßgeblicher Baustein für die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776 und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789 in der französischen Revolution werden, die dann wegweisend für Staaten Europas bzw. der westlichen Welt wurde: Proklamiert wurden die ›natürlichen, unveräußerlichen und heiligen Rechte des Menschen‹ –- mit universellem Anspruch. Sie fanden über 150 Jahre später, 1948, Eingang in die UNO-Deklaration der Menschenrechte, unterschrieben von 150 Staaten.

Im Grunde ist die Idee von einer ›Weltzivilisation‹ damit eine Übertragung bzw. Erweiterung der europäischen Stadtutopie. Sie ist universal angelegt. Die Globalisierung stellt deshalb eine große Chance dar, wenn man sie nicht nur als Angleichung von wirtschaftlichen Bedingungen versteht, sondern als Möglichkeit für globale Wertebildung und Kommunikation.

In diesem Kontext steht die Idee der europäischen Stadt als Symbol dieser Werte daher vor einer neuen Herausforderung. Es kommt darauf an, die Werte präzise zu benennen, zu verteidigen und offensiv einzubringen. Dies sind: Demokratie, Achtung der Menschenwürde und ‑rechte, Freiheit, Gleichheit, Toleranz. Und alle, die in diesem Kontext in Europa leben, haben diese Werte zu stützen und zu verteidigen.

Um zu dem Bild der europäischen Stadt als Rührei zurückzukehren, bedeutet dies u. a. auch, dass wir ihre spezifisch europäische Rezeptur bewahren müssen. Angesichts des wachsenden Anteils anderer Religionen und Traditionen gilt es daher darauf zu achten, dass keine Zutaten die zivilen Werte Europas verwässern.

Es gilt, zum Beispiel für die muslimische Bevölkerung, die bis 2100 etwa 50% der Bevölkerung Europas ausmachen soll, die säkulare Gesellschaft zu respektieren. Es geht darum, dass sich der Islam in diesem Kontext europäisiert und nicht umgekehrt.

Der zu Beginn erwähnte Begriff des ›alten Europa‹ sollte positiv angenommen werden, nicht im Sinne von ›veraltet‹ oder ›überholt‹. Die historischen Werte sind als verpflichtender Bezugspunkt zu nehmen. Ihre Qualitäten bestehen im Kontext der Globalisierung deshalb vor allem darin, die Frage um den Sinn von Fortschritt und Entwicklung humanitär zu formulieren und zu beantworten.

2007 wurde in Leipzig ein für die Neudefinition der europäischen Stadt wichtiges Dokument angenommen: Die Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt.

Sie wurde anlässlich eines informellen Ministertreffens der EU im Mai dieses Jahres verabschiedet. Erklärtes Ziel des Dokumentes ist es, »eine ausgeglichene räumliche Entwicklung auf der Basis eines europäischen polyzentrischen Städtesystems zu befördern.« Dabei geht es weniger um ein konkretes baulich-räumliches Leitbild, sondern vor allem um die Gestaltung von Strategien und Beteiligungs-Prozessen einer »integrierten Stadtentwicklungspolitik« sowie um die »Herstellung und Sicherung qualitätvoller öffentlicher Räume«.

Diese Charta formuliert die Idee der europäischen Stadt nicht formal und ästhetisch, sondern als ein politisches Modell, mit dem Werte wie die Mit‑ und Selbstbestimmung der Bürger, soziale Integration und die Nutzung des öffentlichen Raums verbunden sind. Eine solche Zielvereinbarung, die vielen Urbanisten vielleicht als selbstverständlich erscheint, hat es bisher in der Europäischen Union nicht gegeben. Und erstmals haben sich die Vertreter der EU gemeinsam auf eine Aktualisierung der europäischen Stadtidee verpflichtet.

In der Hoffnung, dass wir das Erbe der europäischen Stadt und ihre Werte auf diese Weise schützen können, ist die Charta ein wichtiger Schritt für den Erhalt der europäischen Vision im Kontext der Globalisierung.

Im öffentlichen Raum die unterschiedlichen Interessen auszuhandeln und sich um Konsensfindung zu bemühen, das ist das Vermächtnis der europäischen Stadt. Es lebendig zu erhalten ist nicht nur ein Betrag zur eigenen Tradition, sondern auch zur Zukunft der Stadt im globalen Kontext. Mehr denn je ist es Aufgabe, die europäische Vision zu exportieren.

 

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