Preußenmaschine (1981)

Im Januar 1981 rief mich Michael Haerdter vom Künstlerhaus Bethanien an. Daraufhin erfuhr ich von Preußenausstellung, Stechschritt, Prothesen, und ob ich nicht Lust hätte, u.s.w.
14 Tage später traf ich mich mit Peter Hielscher, Gerhard Riecke u. Marianne Enzensberger und wir sprachen über das Ausstellungskonzept: Preußenrummel - eine Ausstellung als Jahrmarkt - "Absichten, die Aktualität Preußens" aufzuspüren, - Preußen total - vom Preußenaufkleber am Auto, bis zum Preussen-Pils.
Potz Blitz! Ganz Berlin strahlte in diesem Jahr vor vergangenheitsverartbeitendem Glanz und Gloria. Nach den Staufern die Preußen! Wie dem auch sei', das Thema interessierte und provozierte mich. Ich hatte die Idee eine Maschine zu bauen, die die preußischen Relikte als Konglomerat in Rädern und Figuren durch Treibriemen verbunden, aus einem großen Kopf heraus, in Gang setzten sollte. Ein mechanisches Gehirn als Symbol feudaler Macht. Oder eine Technisierung der 4 Stände in der preußischen Welt, als Verknüpfung an die industrielle Revolution. Ein anderer Gedanke war die Form einer Reihung, ähnlich einer Militärparade, bestehend aus Soldaten, Pferden, Fahnen und Musikern, Soldaten im Stechschritt.
Nach Haffners "Preußen" und einigen Skizzen stand meine Reihung fest: Als mechanische Zentrale mit dem König, mit seinem mystischen Überbau dem Adler, gefolgt und angetrieben durch die Zentrale, seine Krieger. Angeregt durch das Herrscherstandbild, begann ich meine Arbeit, im Atelier und auf Trödel, Müllplätzen und Sperrmüll, nach geeignetem Material zu suchen. Ein Holztisch, ein Motorradgestell, ein Schaukelpferd und ein Aldi-Einkaufswagen waren die konstruktiven Teile, aus denen Pferd und Reiter bestehen. Durch Schrauben, Schweißen, Kleben und durch Verbindungen aus Hartschaum und Polyester wuchsen die Teile zusammen. Parallel dazu baute ich die Flügelkonstruktion für den Adler.
Aus dünnen Holzstäbchen, mit Draht verbunden, entstand ein Gerüst, das mit polyestergetränktem Zellstoff so leicht werden sollte, dass der "Vogel" später im Raum gespannt, und dabei die Schwingen bewegen sollte. Obwohl ich die angestrebte Leichtigkeit des Adlers beachtete, (der Rumpf besteht aus einem aufgeblasenen Kinder-Schwimm-Delphin, der mit leichtem PU-Schaum ausgeschäumt und mit Leder überzogen ist) entstand ein Gewicht, das bei einer Flugspannweite von 2,90 m nicht mehr frei im Raum tragbar war. Ich entwarf ein Gestell, das in der Verlängerung zum Boden einen Halt fand und mit Drahtseil gespannt wurde. Am Kopf der Reihe sollte ein "Krieger" (preußischer Soldat) stehen. Ich bearbeitete einen massiven Deckenbalken aus einer Altbauwohnung in die Form eines Mastes. Darauf ein verzinkter Rohrkörper aus einer Lüftungsanlage, dessen Arme als ausgeschäumter LKW-Schlauch als Metamorphose in die Beine übergingen, die in Verbindung mit der Zentrale (Pferd und Reiter) den Stechschritt ausführen sollte. Im Rohrkörper des "Kriegers" lief ein Endlosband mit Geräuschen von marschierenden Soldaten und einer Exekution. Die kleinste Figur, der Bückling, krümmte sich in Filzstiefeln in der Form eines großen Kriegers.
Mein Atelierraum entsprach nicht der Länge der ganzen Maschinenreihe. Es war mir nur möglich, die einzelnen Figuren auf ihre mechanische Funktion zu überprüfen. Umso spannender war es, als ich den gesamten Komplex im Künstlerhaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg aufgestellt und in Bewegung sah.

Das war am 5. Sept. 1981
Michael Schulze
http://michael-schulze-art.com/

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