Leopolds Traum

Eigentlich – wie soll man es anders ausdrücken? – eigentlich wohnte Leopold im Regenwald, verbrachte die Tage auf einem dieser gigantischen Baumriesen, ließ sich das Rauschen der Zweige und das gleichmäßige, ihn stets ein wenig melancholisch stimmende Geräusch des Regens – ein gewaltiges Plop Plop, das von den ausgestreckten Riesenblättern widerhallte – nicht minder gern gefallen wie die Strahlen der wärmenden Sonne, die abgemildert durch das Blätterdach Auge und Nase kitzelten, und dabei seinen Schwanz von dem dicken Ast herabhängen, um den er sich genüßlich und faul gerollt hatte. Ach ja richtig, ich vergaß es zu sagen, aber sicher habt ihr es längst bemerkt, Leopold ist eine Schlange, genau gesagt eine Riesenschlange mit einem wundervollen Muster auf der schuppigen kühlen Haut, noch genauer: Leopold ist ein Schlangenvater, der sich um seine beiden Kinder sorgte – Leo und Kleo – und den es aus einem Grunde, über den ich hier nicht reden möchte, in die Welt der Menschen verschlagen hatte. Das erste, was er hier lernte, war, dass Schlangen falsch und tückisch sind, also höchst gefährlich, vor allem natürlich für andere Arten einschließlich der Menschen. Höchst gefährlich, selbst die, die keine Giftzähne besaßen. Natürlich wusste Leopold, dass das ein Vorurteil war, auch wenn die Menschen sich dabei auf uralte Schriften beriefen. Schließlich hatten sie sich die auch nur ausgedacht, um all die Dinge zu erkären, die sich nun einmal mit menschlichem Maß nicht erklären ließen. (Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen, mit Schlangenmaß auch nicht, obwohl Schlangen tief weise Geschöpfe sind.) Aber das eine ist, ein Vorurteil zu kennen, das andere, sich dagegen zu wehren. Das wäre eine sämtliche Kräfte übersteigende Aufgabe gewesen, für die selbst ein Schlangenleben nicht ausreichte. Gegen falsche Urteile konnte man argumentieren, Beweise für ihre Falschheit beibringen, aber gegen Vorurteile? Die klebten noch zäher, als die Zuckerwatte an den Lippen des kleinen Mädchens, bei dem Leopold nun lebte. Ach du lieber Gott, war das jedesmal ein Drama, wenn die Mutter des Mädchens auf der prompten und umfassenden Säuberung bestand. Das Mädchen schleckte nämlich für sein Leben gern Zuckerwatte. Leopold wurde stets ganz schwindlig in seinem Schlangenhirn.

Leopold lag auf dem Sofa im Zimmer des Mädchens und träumte. Wer die Weisheit in die Welt gebracht hatte, Schlangen träumten nicht, das musste ein gehöriger Esel gewesen sein. Leopold träumte also vor sich hin, und hin und wieder rollte er im Traum mit den Augen, die normalerweise ebenso grün wie listig in die Welt blickten. Dabei ging jedesmal eine Wellenbewegung durch seinen langen kräftigen Körper, die einen weniger mutigen Menschen als das kleine Mädchen in die Flucht geschlagen hätte. Auch dies ein Vorurteil, denn die Bewegung war nur das äußere Zeichen von Leopolds Ergriffenheit. Das kleine Mädchen wusste das, denn kleine Mädchen sind manchmal ebenso weise wie Schlangen. Es schlang – ein lustiges und treffendes Wort in diesem Zusammenhang – seine Arme um Leopolds Hals und flüsterte ihm ins Ohr: »Träum nur recht kräftig, mein Lieber! Wir beide träumen denselben Traum, und wenn wir uns tüchtig anstrengen, dann wird er eines Tages wahr.« –

Sicher wollt ihr nun wissen, wovon die beiden träumten, oder? Vielleicht wisst ihr es ja längst. Vielleicht ist es ja derselbe Traum, den ihr schon seit langem träumt. Eins ist jedenfalls gewiss – über Träume darf man nicht sprechen. Zumindest dann nicht, wenn man darauf hofft, dass sie eines schönen Tages wahr werden. Träume, über die man spricht, erleiden dasselbe Schicksal wie Seifenblasen. Einen kurzen Moment lang erheben sie sich bunt und schillernd in die Lüfte, um dann ebenso rasch mit einem leisen Knall zu zerplatzen, auf Nimmerwiedersehen. Die Welt ist nicht geschaffen für Träume (und auch nicht für Seifenblasen).

Also lassen wir den beiden ihren Traum und wenden uns einer anderen Geschichte zu. Die Welt ist voller Geschichten. Manchmal sind es verkleidete Träume, die sich auf diese Weise unter die Menschen wagen. Doch den Unterschied erkennen nur so kluge Schlangen wie Leopold und – natürlich – kleine Mädchen.

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