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2. Tag/1. Drehtag

Am Vormittag fahren wir zu Paul. Zum ersten Mal betrete ich seine Räumlichkeiten. Es sind drei Zimmer im Dachgeschoss, eins davon ist durch einen kleinen Flur separiert. Im mittleren Zimmer steht nahe dem Fenster ein großer Schreibtisch, beladen mit all möglichen Figuren, selbst angefertigten Stempeln und sonstigen Gebrauchsgegenständen, dahinter eine Bücherwand. Hier lässt Paul sich nieder. Im rückwärtigen Raum steht auf einer Staffelei ein unvollendetes Bild, eine Auftragsarbeit, denn, so Paul, »ohne Auftrag kein Bild«.

Die Kamera ist bereits oben, die Lampen liegen noch im Wagen. Die Räume sind dunkel, ohne Lampen keine Aufnahmen. Vorsorglich habe ich die kleineren ausgewählt. Nicoletta und ich gehen nach unten, passieren H.s Atelier. Wir brauchen nicht viel Equipment, in zwei Gängen müsste alles nach oben zu schaffen sein. Der Lichtkoffer indessen erweist sich als sperrig und nicht gerade leicht. Auf dem Weg durch H.s Atelier werden wir gestoppt. H. will nicht, dass wir filmen. Vom scheuen zarten Wesen des Vortags ist jede Spur verschwunden. Wir drängen. Mir ist, als stünden Pauls Bedenken von gestern Abend wieder auf, als seien es schon immer ihre Bedenken gewesen. Paul mache sich zum Objekt. Ich fühle mich gekränkt. Der Dokumentarfilmer, der skupellos das Innere seiner Opfer zur Schau stellt, ihre Emotionen ausbeutet und vom Leid und Schmerz der anderen lebt – das soll jetzt ich sein? Ich, die ich immer die Fiktion vorgezogen habe, ich, die ich davon überzeugt bin, erst durch die bewusste Illusion zur Wirklichkeit durchzudringen und sie zu reflektieren, emotional und intellektuell, sehe mich dem Vorwurf ausgesetzt, Bilder durch eine Belagerung zu erzwingen.

Einer erfundenen Geschichte gegenüber ist man kritischer, man wagt zu zweifeln, gegebenenfalls zu verbessern. Man kann sich nicht hinter dem Argument verstecken, es sei nun einmal so und nicht anders. Es gilt nicht, was so oder vielleicht anders war, sondern das, was ich zu zeigen vermag. Auch hier will ich nicht dokumentieren, sondern den Geist sichtbar werden lassen, der all diese bewundernswerten, auf vielerlei Weise verschlüsselten Bilder geschaffen hat. Ich wollte meinen Zugang finden, das Geheimnis sichtbar machen und dennoch nicht gänzlich enträtseln. Ich sinke zusammen, bleibe einfach auf meinem Lichtkoffer sitzen, stumm. Neben mir Nicoletta, erstarrt nach einem zaghaften Versuch, die Situation zu wenden. H.s Tochter läuft geschäftig durch das Zimmer, sucht Schuhe und Jacke, drängt zum Aufbruch.

Das Gespräch springt auf andere Künstler. Picasso? Hat sich verkauft. H. redet zu uns und zu Paul, der außerhalb des Gesichtsfeldes bleibt. H. geht und lässt uns geknickt zurück. Paul kommt, bedauernd, doch auch wieder an seine Argumente vom Vortag anknüpfend. Ich bin maßlos enttäuscht. Dann halt kein Film. Ich trage den Lichtkoffer zurück ins Auto. Den Tränen nahe nehme ich die Treppe nach oben. Ich gehe zu Renate: Kein Film! Sie sagt nichts, ich bin bereit zur Abfahrt, und dann: Doch, natürlich, wir finden einen Weg. Einen Film über Paul – ohne Paul. So könnte es gehen. Gespräche auf der Tonebene, Interviews mit Paul, Statements von Freunden und Sammlern. Auf der Bildebene Pauls Arbeiten mitsamt der Umgebung, in der sie entstanden sind. Die optische Abwesenheit der zentralen Figur soll das Spannungsfeld erzeugen, in dem sie ex negativo sichtbar wird – wie auf einem Scherenschnitt. Eine Option, mehr nicht. Plötzlich erscheint sie als die spannendere Alternative. Ich nehme die Herausforderung an, kehre abermals um. Paul freut sich, ist zufrieden, alles vereint zu haben. Aber ich zweifle, ob es die bessere Alternative ist, immerhin, es ist eine Alternative und es ist ein Anfang. Zugleich ist der Druck weg, innerhalb von vier Tagen einen fertigen Film auf die Beine stellen zu müssen. Nun stehe ich am Beginn eines Prozesses, in dem ich Paul, seine Bilder und seine Umwelt filmisch begleite.

Heute soll ich dann lieber kein Kunstlicht benutzen. Ich werde etwas mürrisch, die dunklen Zimmer geben ihre Bilder nicht preis. Doch Paul erzählt, steht Rede und Antwort. So sieht der Ertrag des ersten Tages aus: ein neues Konzept und die Lektion, Hindernisse zu nehmen, die alles zu zerstören drohen, sie ins Positive zu wenden. Und noch etwas: Pauls Stimme, die auf angenehme Weise in mein Gehör und tiefer noch eindringt. Eine neue Welt tut sich auf, ein Mensch, seine Vorstellungen, seine Person. Ich fühle mich bereichert. Zu dritt gehen wir Pizza essen, reden, lassen erstmal alles sacken.

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