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3. Tag/2. Drehtag

Müde wache ich auf, die Krankheit steckt mir noch in den Knochen. Besonders morgens fühle ich mich ganz erschlagen. Renate und Nicoletta gehen schon mal zu Paul nach oben. Währenddessen streife ich, ausgerüstet mit meiner Kamera, durch die Landschaft, filme den Herrgottsfluss, eine alte Wassermühle und experimentiere mit der Iris. Der braune Stein wird in gleißendes Licht getaucht – soviel zur Wirklichkeit. Nach einer Stunde läute ich bei Mersmann. Paul öffnet abermals: »Lauri!« Er strahlt, ich strahle. In ihm steckt ein Kind, das sich mit dem Kind in mir sehr gut versteht; sie spielen miteinander, lachen vergnügt. Ich erkläre ihm, dass es so wie gestern nicht geht. Ich brauche Licht. Paul versteht, lässt zu. Ich setze mein Licht wie ein Maler, folge meiner Intuition, nicht den natürlichen Gegebenheiten. Paul ist entzückt. »Ein Licht, als ob man das Dach abgeschraubt hätte!« Er staunt, sieht zu.

Dann erzählt er, während ich die Räumlichkeiten filme. Noch immer bin ich mit den Aufnahmen nicht zufrieden. Doch die Arbeitsbedingungen sind nicht mehr so frustrierend wie am Vortag. Schließlich filme ich im Nebenzimmer einige Bilder, das unvollendete auf der Staffelei, die Saturnische Bibliothek, die sich frisch gewachst zum Verkauf präsentiert. Ich nehme sie erst in der Totale auf. Dann gehe ich nah heran, gleite mit dem Objektiv über einzelne Stellen. Das Bild verändert sich vor meinen Augen, die Details scheinen sich zu verselbstständigen und ergeben eigene Bilder. So entdecke ich Pauls Bilder. Auf einigen Details verweile ich viel länger als vom Film gefordert. Liegt hier die Perspektive auf die Bilder, die ich finden und zeigen wollte? Ich filme ein paar ganz frühe Werke wie den Kinderkreuzzug. Das Bild erinnert mich stilistisch an ein anderes, das im Flur hängt. Ich erfahre, dass es von Pauls Vater stammt. Ich fühle mich wie auf einer Entdeckungsfahrt.

Später gehen wir mit Paul in eine Rothenburger Wirtschaft, den ›Reichsküchenmeister‹. Wir essen und Paul erzählt weiter, diesmal ohne Kamera. Er unterhält uns mit Geschichten über einen Geschichtenerzähler, einen Herrn mit Hund, seinen Urgroßvater, auch ein Paul... Er hält uns in Atem. Schließlich geraten wir in eine Diskussion über unsere Gesellschaft und über Europa. Paul sieht die Dinge alles andere als rosig. Ich, die ich sonst immer sehr kritisch bin, halte dagegen, versuche das Positive zu sehen. Paul lächelt, sagt, ich sei jung und es sei gut, dass ich das so sehe. Nach einigen Stunden bin ich wieder sehr müde. In der Dämmerung begeben wir uns nach Hause, angefüllt mit Geschichten und Bildern. Eine Bemerkung von Paul, es gebe da noch ein paar vielleicht ganz interessante Skizzen, hat meine Neugier geweckt.

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