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Michail Ryklin, Leben, ins Feuer geworfen. Die Generation des Großen Oktober, Berlin (Suhrkamp) 2019, 333 Seiten

 

Die Verszeile, die sich als Titel diese Doppelbiografie der Brüder Nikolaj Pavlević Čaplin (1902-1938) und Sergej Pavlević Čaplin (1906-1942) ausweist, stammt aus einem Gedicht von Nikolai Nekrassow (1854), das bei den Čaplins gern rezitiert wurde und das ihr Schicksal namhaft macht; – ihr Märtyrer-Schicksal, auch das ihrer Familie, ihrer Freunde und das vieler ihrer Peiniger und deren Peinigern …

Die zwei politisch lebhaften Lebensgeschichten der Brüder Čaplin während der ersten zwanzig Jahre der radikalen Umwälzung des alten Russlands (1917-1937) zeigen etwas von der inneren Tektonik der ›Urkatastrophe‹ des ›Roten Oktober‹, mit seinen radikalen Zerstörungen von historisch gewordenen wirtschaftlichen, politischen, juridischen, pädagogischen und militärischen Gestaltformen. – Beide Brüder arbeiten von Anfang an leidenschaftlich, selbstgenügsam, einfallsreich und mit bedingungsloser Parteinahme für die jeweils dominierenden politisch-ideologischen Richtlinien, – Nikolaj in der Jugend- und Parteiarbeit, Sergej im Militär. Ihre Lebensmaxime: »Ich werde mich immer und in allem nach den Interessen der Partei richten. Heute bin ich hier, morgen kann ich in den fernsten Winkel geschickt werden, heute arbeite ich an der einen Stelle, morgen halten sie es für nötig, mich woandershin, zur kleinsten und niedrigsten Arbeit zu versetzen. Also mach dich auf Ortswechsel, Mühsal, Entbehrung gefasst« (64), wie sich Nikolajs Frau erinnerte.

Bald aber müssen sie bemerken, dass viele, die diese historisch einzigartige Revolution vorantreiben, schnell vorantreiben, ›wie die Verrückten‹ arbeiten, damit die alten ›Parusie-Erwartungen‹ nun endlich einmal eintreffen. Allerdings arbeiten sie unter einer verhängnisvollen Kautele, nämlich, wie Ryklin konstatiert: »im Vollbesitz ihrer Illusionen« (176). Viele bemerken erst, als es zu spät ist, dass die ›Erfindungen‹ und ›Konstruktionen‹ der Neuen Welt, wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch, keine Fakten, sondern Fakes repräsentieren. Vom parteilich verordneten Eindruck Das-Leben-ist-schöner-geworden (Stalin 1937) bis zu den tödlichen Selbstbezichtigungen in den Schauprozessen (1936-1938) und allen anderen sind alle gesellschaftlichen wie gerichtlichen ›Fakten‹ bloße Erfindungen. – Wieso merken die dort Lebenden das nicht? Weil, wie Ryklin einmal Victor Serge zitiert, der »Verzicht auf das Recht zu denken« (90) zur selbst verschuldeten Unterwerfung gehört. Und, weil alle, voran die aufgeweckten ›jungen Adler‹ der Partei, ihr Menschenprivileg der Meinungsfreiheit zugunsten des Prinzips ›Das-musst-du-politisch-sehen‹ aufgegeben haben. Denn, wie Czesław Miłosz einmal – aus dem Exil, in dem Gedicht Capri – schreibt: »Ich weiß heute, dass die Dummheit allen Vorsätzen nützt, damit diese ausgeführt werden, schief und unvollständig.« – Sie werden ›gläubig‹, wie das der alte Zyniker Karl Radek einmal Ernst Toller gegenüber von seinen Parteischülern behauptete. Die Wahl ist Man glaubt an die jeweilige Richtlinie, oder man muss daran glauben …

Bei den Čaplins kamen die Zweifel leise: Nikolaj wurde 1933 als Politarbeiter an die politische Peripherie versetzt, zur Murmansker Eisenbahn; hier war man einflusslos, aber konnte alltäglich vieles falsch machen. Nikolaj enttäuschte den ›Gott, der keiner war‹; er war zufällig immer mit den ›falschen‹ Gleichgesinnten befreundet, mit stigmatisierten Komsomolführern – sechs von sieben Komsomolchefs (1918-1938) wurden erschossen: E. W. Tsetlin (16.9.37), O. L. Rywkin (7.8.37), L. A. Schatzkin (10.1.37), P. I. Smorodin (22.2.39), Alexander Kossarev (23.2.39), Čaplin selber am 23.9.38; nur A. I. Miltschakow, der 28/29 Komsomolchef war, überlebte (nach 16 Jahren Lager). Auch sein väterlicher Mentor aus dem engeren Stalinkreis – Sergo Ordshonokidse (1886-1937) – war leider gar keine Überlebensgarantie. Und so bekam er dann ein halbes Jahr vor Freund Kossarew am 23. Sept. 1938 seine ›acht Gramm in die Kruppe‹ … (Alexander Solschenizyn, Archipel Gulag, Bd. 1, Kapitel 3, »Die Vernehmung«, Rowohlt 1993, S. 103 – am 8. Febr. 1937 war Čaplin noch bei einem Treffen mit Stalin im Kreml). Bruder Sergej wurde am 2. Juli 1937 verhaftet, er habe – ein kleiner Leutnant (!) – die Ermordung eines Politbüro-Mitglieds (Lasar Kaganović, 1893-1991) vorbereitet; ein, wie Ryklin ironisch schreibt, ›Faktenpatzer‹ in der Anklage rettete ihn zunächst vor der Exekution (am Tag des ›Anschlags‹ war der Delinquent im – geheimdienstlichen – Auslandseinsatz!). Eine neue Anklage (es lohnt nicht, sie zu erwähnen) brachte ihn dann in den ›Archipel GuLag‹, an die Kolyma. Anfang 1942 wurde er hier von einem Wachhabenden eher zufällig ermordet.

Ryklin bekennt, wie auch viele andere, für dieses beispiellose sowjetgeschichtliche ›1937‹ letztlich keine rationale Ursache-Wirkung-Erklärung zu haben. – Ist es etwa – Es-werde-Gleichheit-und-wenn-die-Welt-darüber-zugrunde-geht – als absolute Warnung vor der ›Autoidolâtrie‹ (Nietzsche) menschlichen Eingriffs- und Verbesserungsbegehrens zu verstehen?

Das, was wir aus Ryklins Familiengeschichte so betroffen vermittelt bekommen, ist: Jede sowjetinterne neue Welle linker, kapitalismuskritischer kultureller Hegemonie (›der Himmelsstürmer‹) – seit ihrer Kritik am Konzept der ›Neuen Ökonomischen Politik‹ 1927 – brach den jeweils vorhergehenden Hegemonen das Genick: den ›Fraktionsmachern‹ um Syrzow/Lominadse (1930), den ›Rechten‹ bzw. ›Doppelzünglern‹ (1934), der Gruppe Sinowjew/ Kamenew als ›Terroristen‹ (1936), den ›Saboteuren‹ um Radek/Pjatnicki (1937), den ›Antisowjetisten‹ um Bucharin/Jagoda (1938), den ›Volksfeinden‹ um Ežov (1940), bis hin zur ›Verräterclique‹ Berijas (1953).

Ryklins Familiengeschichte ist deshalb so interessant, weil hier nicht namen- und sprachlose Opfer jener ›Emanzipatoren‹ dargestellt werden (wie literarisch bei Warlam Schalamow), sondern weil hier gezeigt wird, wie die aufgeschlossenen jungen Weltveränderer aus sich selber heraus, aus Gemeinschaftssinn und Weltfremdheit jenes ›Sechstel der Erde‹ zu einer erdabgewandten Provinz des Mondes gemacht haben.

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