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FABIAN GEORGI: Managing Migration? Eine kritische Geschichte der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Berlin (Bertz + Fischer) 2019, 445 Seiten

Der Politikwissenschaftler Fabian Georgi hat mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) einen – erstaunlicherweise – eher unbekannten, unbeobachteten Akteur der internationalen Migrations- und Flüchtlingspolitik zum Sujet sowohl des im Folgenden zu besprechenden Werkes als auch seiner zugrundeliegenden Dissertation (2016) gemacht. Für Letztere wurde der Verfasser mit dem Antonio-Gramsci-Preis für kritische Forschung in der Migrationsgesellschaft 2018 ausgezeichnet. Die Idee, eine Arbeit über die wenig bekannte und gewürdigte IOM und ihre Geschichte aus kritischer Perspektive vorzulegen, ist eine zündende: Erhält der Leser mit dem Buch doch eine umfassende Einführung in die Entwicklung und Rolle dieser internationalen Migrationsorganisation, der Kritiker und Gegner regelmäßig vorwerfen, sie zeige in ihrem Wirken keinen hinreichenden Sensus für die Menschenrechte von Migranten und Flüchtlingen und fungiere dem Globalen Norden und seiner Wohlstandswahrung vielmehr als Instrument der Abschottung gegen Migration und der Eindämmung von Migrationsströmen, insbesondere aus der südlichen Hemisphäre kommend.

Man tut dem Verfasser kein Unrecht, wenn man ihm bescheinigt, dass auch sein Schwerpunkt auf einer dezidiert kritischen Geschichtsschreibung zur IOM liegt. Dieser Zug liegt dem Werk erkennbar zugrunde und durchzieht es buchstäblich von der ersten bis zur letzten Seite. Schon nach den Hinweisen zum Autor darf man sich darüber als Leser nicht wundern: Georgi ist Mitglied der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG) sowie des Netzwerks für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung (kritnet) und Redakteur der Zeitschrift movements. Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung.

I.

Der »kritischen Geschichte« der Entwicklung der IOM und ihrer Vorläuferorganisationen ist ein einleitendes Kapitel vorangestellt. Der Verfasser bekennt sich in diesem zum Ausgangspunkt der »kritischen Grenzregimeforschung« und beschreibt diese so:

»Anders als im sozialwissenschaftlichen Mainstream besteht ihr Ausgangspunkt nicht in der Sorge über eine ungenügende oder irrationale Regulierung von Mobilität. Stattdessen zielen ihre Analysen auf eine Kritik der ›tödlichen, entrechtenden und prekarisierenden Effekte der Grenzregime‹.«

Schon diese Definition der Zweckrichtung der »kritischen Grenzregimeforschung« lässt den geneigten Leser mit mehr Fragezeichen im Kopf zurück, als sie auflöst. Was macht Mobilitätsregulierung ›irrational‹? Wie oder ab wann können Grenzregime ›entrechtend‹ sein, wenn durch das Migrations- und Asylrecht doch gerade Rechte begründet und Rechtsstaatlichkeit gesichert werden? Jedenfalls als Jurist beginnt bei der Lektüre der Einleitung bereits das Zweifeln darüber, ob der Verfasser nicht allzu forsch in das Reich vermeintlich naturrechtlich gegebener Mobilität für jeden Menschen weltweit abdriftet; freilich bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber nationalen wie internationalen Rechtsregimen. Letztere spielen in dem Werk denn auch keine Rolle und erfahren keinerlei Würdigung. Lieber kritisiert der Verfasser Migrations- und Grenzregimes – offenbar fühlt er sich als Politikwissenschaftler mit diesem (Ober-)Begriff wohler –, wobei selbstredend auch sein Regime-Begriff ein ›kritischer‹ sein muss (S. 23).

Der Forschungsbefund zu vorherrschenden Migrationsregimen steht bereits in der Einleitung fest: Nur auf ökonomische Verwertbarkeit von Migration schielend, dystopisch, illegalisierend, gleich »globale[r] Apartheid« und »autoritäre[m] Festungskapitalismus«, gewaltsam, schockierend, rücksichtslos, tödlich (S. 17 f.). Und der »zentrale Akteur der Transformation von Migrations- und Grenzregimen« ist die IOM bzw. waren ihre Vorgänger (S. 18). So weit, so (politisch) voreingenommen. Jedenfalls weiß der Leser spätestens jetzt Bescheid darüber, was ihn bei der weiteren Lektüre erwartet.

Zum kritischen Regimebegriff gesellt der Verfasser eine »materialistische Grenzregimeanalyse«, die insbesondere den systemischen, politökonomischen Kontext von Migrations- und Grenzregimen verdeutlichen soll (S. 24). Diese Regimes reagierten auf »spezifische Widersprüche, Konflikte und Krisen«, die aus der »kapitalistischen Vergesellschaftungsweise« (?) im Zusammenwirken mit »anderen Herrschaftsverhältnissen« notwendig hervorgingen (S. 24f.). Viele Begriffe werden präsentiert, von denen aber leider keiner ordentlich definiert wird. Vielmehr gelten dem Verfasser ›Konflikt‹ und ›Widerspruch‹ als Label für entweder komplexere und nicht hinreichend erfasste Phänomene oder aber für Selbstverständlichkeiten, die indes ›kritisch-analytisch‹ als dem Kapitalismus systeminhärente Widersprüche aufgebauscht werden. Ein Beispiel: Derjenige demokratisch verfasste Sozialstaat, dessen Souverän als Subjekt demokratischer Zuordnung mithin ein (bestimmtes!) Volk ist (s. etwa Artikel 20 Absätze 1 und 2 Grundgesetz) und der als Sozialstaat einer verfassten Gemeinschaft von Menschen – und eben nicht der globalen Menschheit – in bestmöglicher Leistungsfähigkeit und Effizienz verpflichtet ist, ist nach Georgi nichts weiter als ein »national-sozialer und rassistisch überformter (?) Wohlfahrtsstaat«, der sich durch chauvinistische Grenzabschottung selbst zu regulieren suche (S. 26). In der Autorenvorstellung heißt es, die Staatstheorie sei ein Forschungsfeld des Verfassers. Es sei ihm sodann angeraten, die Begriffe ›Staatsvolk‹, ›demokratische Legitimation‹ und ›Sozialstaat‹ nachzuschlagen, dann erübrigen sich zukünftig hoffentlich unsinnige Projektionen wie die vom »rassistisch überformten Wohlfahrtsstaat«.

II.

Die Stärke des Werks liegt in der Chronologie und Rekonstruktion der 70-jährigen Geschichte der Internationale Organisation für Migration, so dass sich die Arbeit durchaus als Standardwerk zur Entwicklung dieses internationalen ›Players‹ heranziehen lässt.

Die heutige IOM wurde 1951 in Brüssel zunächst als ›Komitee‹ von 16 Mitgliedstaaten aus West- und Südeuropa, Nord- und Südamerika sowie Australien gebildet. Als Provisional Intergovernmental Committee for the Movements of Migrants from Europe (PICMME) sei es zunächst eine ›antikommunistische Logistikagentur‹ unter US-Dominanz gewesen und eine Gegeninstitution zum 1950 eingerichteten UNHCR, das den Vereinigten Staaten als politisch unzuverlässig gegolten habe. Schon ein Jahr später nannte sich das Komitee fortan Intergovernmental Committee for European Migration (ICEM), dessen nahezu alleiniger Zweck in der deutschen Übersetzung treffend beschrieben ist: Zwischenstaatliches Komitee für Europäische Auswanderung. In der Tat bestand die Gründungsaufgabe des ICEM darin, ›Emigrationsventil‹ für eine befürchtete Überbevölkerung West- und Südeuropas zu werden, um Pauperismus und Verelendung als potenziellen Nährboden für kommunistische Ideologie im kriegszerstörten Europa zu bekämpfen. Ein unangenehmer Zungenschlag tritt zutage, wenn der Verfasser über Flüchtlinge und Migranten aus Russland und Osteuropa schreibt, die der stalinistischen Terrorherrschaft zu entkommen suchten und von PICMME/ICEM betreut wurden: Hier liest es sich so, als sei es der US-geprägten Organisation ausschließlich um eine strategische »Ressource im Kalten Krieg« und »psychologische Kriegführung« (S. 54) gegangen; als hätten die US-Amerikaner diese Flüchtlinge lediglich »instrumentalisiert« (S. 55). Diese Migrantenströme waren aus Sicht des Autors wohl ›falsche Migration‹, weil sie den USA gegenüber der ›staatssozialistischen‹ UdSSR globalpolitisch in die Karten spielte. Das Adjektiv ›staatssozialistisch‹ verwendet der Verfasser übrigens durchgängig um sozialistische Staaten und Regimes zu beschreiben. Damit ist er beileibe nicht der einzige Autor, der damit zum Ausdruck zu bringen versucht, dass das massenhafte Elend im ›real existierenden Sozialismus‹ nur dem falsch verstandenen bzw. schlecht gemachten ›Staatssozialismus‹ geschuldet gewesen sei, nicht der ›an sich guten‹ Idee vom Sozialismus.

Die Emigration von Europäern in den 1950er Jahren entsprach dem Bedarf von Einwanderungsstaaten wie Australien, Kanada, Brasilien und Südafrika an Arbeitskräften, wobei der Verfasser angibt, auch diese Migration sei im Kern »zutiefst« (S. 55) rassistisch motiviert gewesen (S. 19): Man habe in den Zielländern ausdrücklich eine weiße Bevölkerung ausbauen bzw. erhalten wollen. Diese Annahme ist nicht per se unplausibel, doch leider beleuchtet der Verfasser nicht arbeitsmarktökonomische oder soziokulturelle Faktoren, obwohl er seine Analyse im Ausgangspunkt ›materialistisch‹ nennt. In der Folge verschwimmen die Grenzen zwischen der Betrachtung materialistisch/ökonomisch-orientierter Grenzregimes und ›irrationaler‹, wie der Autor es wohl selbst ausdrücken würde.

In der Phase der Arbeitskräfteknappheit und der politischen Stabilisierung Europas in den 1960er und 1970er Jahren war die Organisation der Emigration von Europäern volkswirtschaftlich nicht mehr gefragt und das ICEM rutschte in eine tiefe Legitimationskrise, die im Austritt einiger Mitgliedsstaaten (Frankreich, Großbritannien, Neuseeland, Australien) gipfelte. Insbesondere die Umsiedelung (Resettlement) von Flüchtlingen in westliche Aufnahmeländer, etwa nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands von 1956 und des ›Prager Frühlings‹ 1968 sowie der Vertreibung der asiatischen Minderheit in Uganda unter der Diktatur Idi Amins 1972 und der Fluchtkrise in Südostasien nach dem Ende des Vietnam-Krieges 1975 (›boat people‹), erhielt die Organisation – mehr schlecht als recht – am Leben. Sie fungierte als ›Feuerwehr‹, um im Falle akuter Flüchtlingsströme Umsiedelungsprogramme zu steuern. Ab 1980 war der Europabezug im Namen gestrichen und das Komitee nannte sich nun Intergovernmental Committee for Migration (ICM).

Ab Beginn der 1980er Jahre macht der Verfasser eine »restriktive Wende westlicher Migrationspolitik« aus, in dem sich das Komitee nicht zuletzt durch eine Satzungsreform 1989 als Dienstleister der Staaten des Globalen Nordens angeboten habe und etwa Programme für »freiwillige Rückführungen« abgelehnter Asylsuchender aufstellte. Wenig überraschend setzt der Autor den Begriff der ›freiwilligen Rückführung‹ in Anführungszeichen, so als sei dieser stets eine contradictio in adiecto (S. 19). Insgesamt konnte sich das ICM finanziell und insbesondere politisch konsolidieren und es expandierte auch ›qualitativ‹ in neue Aufgabenbereiche und Weltregionen. In der Tat lag in den 80er Jahren ein Schwerpunkt der ICM-Tätigkeit auf Rückkehr-, Fachkräftetransfer- und Repatriierungsvorhaben, auch Return-of-Talent-Programme (RoTa) genannt (S. 160 f.), insbesondere mit Blick auf afrikanische Herkunftsstaaten. Mit Recht weist der Verfasser auf den eintretenden ›Brain Drain‹ in diesen Ländern des Globalen Südens hin (S. 175 f.). Daneben blieb die Organisation fluchtpolitische »Feuerwehr« auf allen Kontinenten (S. 171). Ende der 1980er Jahre wurde aus dem Komitee eine internationale Organisation: Der heutige Name IOM war geboren.

Die eigentliche Erfolgsgeschichte der Organisation und ihre Expansion setzte mit dem Ende des Kalten Krieges, dem Zusammenbruch des Ostblocks und den Umwälzungen des »neoliberalen Globalisierungsschubs« (S. 19) in den 1990er Jahren ein. Vom Verfasser kaum näher dargestellte »Konflikte« und »Widerspruchsgeflechte« (S. 242) hätten zu einer erheblichen Migrationsdynamik geführt, die aber in den Staaten der »Ersten Welt« chauvinistisch (!) als »globale Migrationskrise« bzw. »Asylkrise« aufgefasst worden sei. (S. 19 f.). Die Organisation konnte als Reaktion darauf ihre Mitglieder, ihr Personal und ihre Büros weltweit mehr als verdoppeln. Das Projekt »globales Migrationsmanagement« habe in den 90er Jahren Gestalt angenommen, bevor es in den 2000ern hegemonial geworden sei (S. 242). »Eliten und Bevölkerungen im Globalen Norden« hätten zunehmend »chauvinistische Abschottungsforderungen« gestellt und seien ausschließlich an ökonomischer Nutzenmaximierung interessiert gewesen. Von 1989 bis 2009 stieg die Zahl der Mitgliedstaaten der IOM insgesamt von 35 auf 122 und das zur Verfügung gestellte Budget versechsfachte sich von 165 Millionen auf über eine Milliarde US-Dollar (S. 20).

Gleichzeitig bestand eine geopolitische Verschiebung darin, dass innerhalb der IOM Nord-Süd-Konflikte eine größere Bedeutung erlangten und die Organisation nicht länger nur eine nahezu ausschließlich westlich-lateinamerikanische Einrichtung blieb (S. 244). Bis 1995 traten etwa zehn Länder des Globalen Südens bei. Insbesondere diese setzten sich für ein »liberal-internationalistisches und sozialdemokratisches Projekt« ein, in welchem Interessen zwischen Herkunfts- und Zielländern im Rahmen eines verbindlichen globalen Migrationsregimes auszugleichen und vor allem Flucht- und Migrationsursachen zu bekämpfen wären. Dagegen wandten sich Länder des Globalen Nordens, die Einschränkungen ihrer Souveränität befürchteten und an restriktiven Praktiken festhielten (S. 245).

In den 2000er Jahren konnte sich die IOM-Bürokratie unter ihrem Generaldirektor Brunson McKinley weiter vergrößern und in ihren Aktivitäten ausdehnen. Sie wurde nicht länger nur betrachtet als operativer Dienstleister für vereinzelte Services (S. 304). In derselben Zeit geriet die IOM in die Kritik von radikal linken NGO und No-Border-Gruppen, die der Organisation die »politisch-ethische Verantwortung« für umstrittene Praktiken zuschrieben (S. 304, Hervorhebung im Original). Diese Kritik habe das »öffentliche Image« nachhaltig beschädigt (S. 305), obwohl der Verfasser wenige Zeilen zuvor und dahinter mehrmals betont, dass die IOM-Expansion und ihr ›Migrationsmanagement‹ munter weiter expandierten – so nachhaltig kann die Beschädigung also politisch nicht gewesen sein.

Mittlerweile hat sich die Organisation seit 2008 institutionell konsolidiert, das Jahresbudget stieg auf über 1,5 Milliarden US-Dollar und 47 weitere Staaten wie etwa die Volksrepublik China (2016) sind ihr zwischenzeitlich beigetreten. Auf McKinley folgte William Lacy Swing als Generaldirektor, der die Migrationspolitik der Organisation »liberalisiert« habe, indem er verstärkt auf »Menschlichkeit« und eine »rechtebasierten Ansatz« gesetzt habe (S. 354). Der Verfasser weist darauf hin, dass die IOM von dem meisten Staatsregierungen heute als »die führende« internationale Organisation in Migrationsfragen anerkannt sei, was sich etwa im September 2016 in der Integration der IOM in das System der Vereinten Nationen als »verwandte Organisation« widerspiegele (S. 20, Hervorhebung im Original). Heute sei die Organisation so stark wie noch nie in ihrer wechselvollen Geschichte, doch gleichzeitig wachse die Kritik sowohl von links (NGOs, »antirassistische Bewegungen«, »kritische Wissenschaftler*innen«, S. 22) als auch von rechtsnationalen Regierungen (Ungarn, Australien, USA unter Trump). Seit Oktober 2018 steht der IOM der neue Generaldirektor Antonio Vitorino, Sozialist und ehemaliger EU-Kommissar, vor. 2018 war auch das Jahr des historischen Höchststands der Flüchtlingszahlen: 68,5 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht bzw. ersuchen Asyl.

III.

Der Verfasser hätte den Inhalt seiner nun vorgelegten 445 Seiten deutlich kürzer halten können, wenn er auf die zahlreichen Wiederholungen insbesondere zum ›geostrategischen‹ und ökonomischen Umfeld des IOM-Wirkens verzichtet hätte. Man liest in steter Wiederholung von den immer gleichen ›Konflikten‹ und ›Widersprüchen‹, die die Organisation seit den 1950er Jahren geformt haben sollen.

Es finden sich oftmals dieselben Wendungen, die aber in ihrem analytischen Gehalt gering bleiben. So wird wiederholt festgestellt, die Organisation sei als Instrument des Westens bzw. Globalen Nordens eingesetzt worden, um »migrationspolitische Widersprüche zu regulieren« (etwa S. 171). Welche komplexen, globalen Vorgänge tatsächlich rund um das Komitee bzw. die Organisation vorgingen, bleibt nebulös. Im Kern kritisiert der Verfasser die IOM bereits für ihren ursprünglichen Grundansatz des ›Migrationsmanagements‹ und weist diesen zurück. Gemeint damit ist, dass migrationsbezogene »Probleme und Konflikte« (!) in einer Weise reguliert werden sollten, die den ökonomisch definierten Nutzen von Migrationsprozessen maximiert (S. 305). Offenbar wird die Prämisse, dass die Migration von Menschen – sofern gesteuert und planvoll – ökonomische Nützlichkeitsmaximierung hervorbringen kann, vom Verfasser schon normativ nicht geteilt. Die IOM selbst habe unter Generaldirektor Swing 2011 den Management-Begriff aus ihrem zentralen Motto gestrichen, weil die einseitig neoliberale Management-Strategie nach und nach aufgrund weltweit anwachsender, unkontrollierbarer Migrationsströme und einer v.a. von der UN und NGO befeuerten Diskursverschiebung nach links gescheitert sei (S. 355 ff.).

Als betont ›kritischer‹ Sozialwissenschaftler kann der Verfasser nicht darauf verzichten, auch schlicht-deskriptive Begriffe zu ›dekonstruieren‹. Eigentlich sollte man meinen, der Ausdruck ›Migrant‹ beschreibe den einfach zu fassenden Umstand, dass ein Mensch sein bisheriges Geburts- oder Heimatland verlässt, um in einem anderen Land zu leben (lat. ›migrare‹ bedeutet ›auswandern‹ oder ›reisen‹). Laut Verfasser wird ein Mensch indes nicht aufgrund dieser Tatsache zum Migranten, sondern er wird von außen »migrantisiert« (S. 77):

»Der Begriff der ›Migrantisierung‹ soll andeuten, dass die Bezeichnung von bestimmten Gruppen oder Personen als Migrant*innen diese in einen Assoziationsraum mit Konzepten wie ›Nation‹, ›Nationalstaat‹, ›Bürgerschaft‹, ›Ethnizität‹ und ›Kultur‹ stellt. Aus materialistischer Perspektive ist die Konstruktionsleistung, die von einem methodischen Nationalismus [!] zeugt, problematisch, weil sie politökonomische Analyse verdeckt und erschwert.«

Herzlich Willkommen in der wissenschaftlich verbrämten Filterblase! Das Phänomen ›Migration‹ abgetan als ein bloßes Konstrukt, weil es in einem Assoziationsraum mit ›nationalistischen‹ Konstruktionen wie ›Nationalstaat‹ oder ›Kultur‹ (?) steht. Da kann die »Internationale Organisation für Migration« natürlich gleich einpacken, denn was sie organisieren möchte, gibt es gemäß Autor eigentlich gar nicht. No nation, no border. Eigentlich kann man spätestens jetzt das Buch zuschlagen und aus der Hand legen, weil das Analyseergebnis zur Wirkgeschichte der IOM bereits auf S. 177 allzu vorhersehbar wird.

Man liest ferner vom Euphemismus der »eigensinnigen Migration« von »(mobilen) Bevölkerungsgruppen« (etwa S. 55), wenn im normalen Sprachgebrauch die Rede von illegaler Migration ist, also von einer solchen, die sich nicht um Grenzübertritts- und Aufenthaltsrechte schert. »Geordnete« oder »geplante« Migration sind für den Verfasser ersichtlich Pfui-Begriffe, die er nur mit der Kneifzange der Gänsefüßchen angeht. Und im Grunde sei Migration ja selbst ein methodisch-nationalistischer Assoziationsraum, siehe oben.

Andere Wortspielereien aus dem Werkzeugkasten der ›politisch korrekten‹ Sprache lassen den Leser eher schmunzeln als dass sie wirklich ein Ärgernis im Lesefluss darstellen: Geht es um Ethnien, so ist von ›weißen Europäer*innen‹ oder ›Schwarzen Menschen‹ zu lesen – dabei nur echt mit der Kursivschrift bzw. dem großgeschriebenen Adjektiv, wohl damit ein besonders empfindsames Bewusstsein als die Haltung des Verfassers deutlich genug wird. Warum das Adjektiv ›schwarz‹ in Bezug auf Menschen allerdings mit einem Großbuchstaben beginnt, ›weiß‹ hingegen klein und kursiv daherkommt, bleibt das Geheimnis des ›postkolonialen‹ Sprachkünstlers. Oder führte gar ›umgekehrter‹ Rassismus die Feder? Nach dem Motto: Schwarze Menschen wurden lange genug von Weißen klein gemacht, jetzt werden sie wenigstens von ›bewussten‹ Autoren groß geschrieben?

Immerhin findet sich endlich auf S. 174 eine Rassismus-Umschreibung, die sich der Verfasser zu eigen macht und die aber eher konfudiert statt definiert:

»[R]acism is the oppression of a multi-gender social collectivity on the basis of differences (not limited to those surrounding sexuality or impairment) that are treated as inherited and unchangeable.« (Hervorhebung im Original)

Also ›gender‹ statt Rasse? Rassismus gleich Sexismus bzw. Homophobie, Transphobie, Interphobie (…)? Hier werden die Kategorien restlos aufgelöst und sinnentleert. Für die Wissenschaft ist hier kein Blumentopf zu gewinnen. Insgesamt erscheint der Sprachgebrauch des Verfassers stellenweise unklar und ist auch nicht mit dem Gebrauch sozial- oder migrationswissenschaftlicher Fachsprache zu erklären. Manche Feststellungen bleiben nicht nachvollziehbar, besonders wenn sie ohne weitere Begründung daherkommen. So bleibt eine Analyse auf S. 155 inhaltlich unverständlich und auch kontextuell im luftleeren Raum:

»Das zweite Konfliktfeld, in dem ICM eine Grundlage für seine Konsolidierung fand, waren die Flucht- und Migrationsbewegungen nach Westeuropa in die USA.«

Welche konsolidierend wirkenden Migrationsströme sind gemeint? Die aus Osteuropa nach Westeuropa? Solche in die USA aus Westeuropa kommend? Der Leser kommt nicht drauf und er wird mit dieser Aussage allein gelassen.

Ein in diesem Zusammenhang bedeutsames Problem der Lektüre ist der Umstand, dass der Verfasser manche Verbindungen und Motivationen der IOM oder ihrer Vorgängerkomitees lediglich andeutet, ja oftmals schlicht unterstellt, ohne aber seine Behauptungen zu untermauern. Ein anschauliches Bespiel für das Zusammentreffen von schwelendem Antiamerikanismus mit inhaltlicher Unklarheit bietet S. 154: Hier mutmaßt der Autor, dass ein vom ICM zwischen 1986 und 1990 aufgelegtes Afghan Medical Programme (AMP), durch welches etwa 850 kriegsverletzte Afghanen »aus Lagern in Pakistan für chirurgische Operationen in den Westen« transportiert worden seien, lediglich der medizinischen Versorgung von USA-unterstützten afghanischen Mujaheddín-Kämpfern gedient habe und dass das ICM mithin US-Büttel im Stellvertreterkrieg gewesen sei. Dies bleibt eine bloße Behauptung des Verfassers ohne nähere Untersuchung des AMP. Inhaltlich verwirrt ist der Leser durch den letzten Satz des einschlägigen Absatzes:

»Durch ihre humanitäre Hilfe stützten sie [ICM und andere NGO, P.B.] indirekt die Politik der US-Regierung und die von den Mujaheddín in den Lagern verübten Menschenrechtsverletzungen.«

Behandelte insbesondere das AMP nun Mujaheddín oder deren (zivile) Opfer? Von welchen ›Lagern‹ ist die Rede? Warum sollte man ›indirekt‹ die Regierung der USA oder die Mujaheddín unterstützen, wenn man verletzten Kriegsopfern medizinische Hilfe leistet? Was hatte das Hilfeleisten etwa durch das ICM mit der USA-Politik in Afghanistan zu tun?

An allzu vielen Stellen ist das Werk nicht nur kritische Chronologie, sondern die Kampfschrift eines Migrations- und No-Border-Aktivisten. Diese subjektiv-politische Prägung konterkariert – nicht immer, aber immer öfter – den wissenschaftlichen Anspruch des Verfassers. Als »Geschichte der Internationalen Organisation für Migration (IOM)« bleibt die Arbeit lesenswert; das »Kritische« kommt leider sehr einseitig daher und scheint seinerseits motivationsgetrieben.

 

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