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»..der nationale Putzfimmel fordert immer neue Aktivitäten. Wer zu den Guten gehören möchte, der muss das hin und wieder beweisen«. (Götz Aly)

Sichtbares Erbe

Ein Turm, Denkmäler, ein Aussichtspunkt auf Rügen, ein Museum, ein Fußballstadion, eine Universität, Straßen, Kasernen, Schulen, Kitas, eine Kirchengemeinde in Berlin-Zehlendorf, ein Handelsschiff der DDR Staatsreederei (1958 bis 1968), ein Regiment der Nationalen Volksarmee (NVA) und ein sozialistisches ›Gewerkschaftsensemble‹, alle trugen bzw. tragen den Namen des im 19. Jahrhundert populären und hochgeehrten Dichters Ernst Moritz Arndt. Der Nationalrat der Nationalen Front der DDR verlieh von 1955 bis 1989 rund 10.000 Mal die ›Ernst-Moritz-Arndt‹-Medaille an verdiente ›Kulturschaffende‹ im Dienste des Friedens und für patriotische Leistungen. Johannes R. Becher wurde mit ihr geehrt und auch der Oberguru der antiwestlichen Polemik, Karl Eduard von Schnitzler. Die höchste Auszeichnung des Bundes der Vertriebenen wurde als ›Ernst-Moritz-Arndt-Plakette‹ u.a. dem Enkel Konrad Adenauers, dem Sohn des FDP Politikers Erich Mende und Opernsänger Willy Rosenau zugeeignet; seit 1992 beschäftigt sich die ›Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft‹ in Groß-Schoritz auf Rügen, dem Geburtsort Arndts, mit ihrem Landsmann und gibt die Rügener Blätter heraus. Die Bürgerinitiative Arndt bleibt hält an dem populären Sohn Pommerns fest und stemmt sich gegen ungerechte Kritik. Man sollte annehmen, dass das Erbe Arndts schwer wiegt: Schon 1969 nannte ein bibliografisches Handbuch zum 200. Geburtstag des Dichters 3861 Titel, wobei das Primärschrifttum von Arndt rund 1340 Gesamt-, Teil- und Einzelausgaben enthielt und 2200 Titel Sekundärliteratur. Er war einer der meistgelesenen und zitierten Dichter im 19. Jahrhundert und seine Flugschriften, Broschüren, Aufsätze und Gedichte erzielten Massenauflagen. Kein burschenschaftlicher Kommers, der nicht mit Arndts nationalem Schlager Was ist des Deutschen Vaterland (1813) eröffnet wurde, kein patriotisches Fest ohne Rezitation seiner ›teutschen‹ Kampf- und Streitgedichte (Der Gott, der Eisen wachsen ließ etc.). Bis heute vertreibt der Konzern Amazon seine Kampfschriften und Gedichte – im ›Classical Reprint‹ – sowie seine Märchen und Sagen (Mieskater Martinchen und Rattenkönig Birlibi). Im antiquarischen Online-Portal ›booklooker‹ ergibt die Recherche nach ›Büchern‹ von Ernst Moritz Arndt 1362 Treffer, unter dem Rubrum ›Stichwort‹ gar stolze 4854 Treffer.

Unbequem, peinlich, kontrovers: Der Fall Universität Greifswald

Die politisch korrekten Putzkolonnen aus Wissenschaft und Medien, überwiegend aus dem linksgrünen und liberalen Spektrum, waren schon einige Jahre unterwegs, um Arndts Erbe für die Gegenwart als obsolet und gefährlich zu verbannen. Der ZEIT-Autor Jörg Schmidt schloss die Akte Arndt 1998 und entlarvte den »fatalen Patron« knapp und apodiktisch als »völkischen Ideologen und Antisemit«. Arndt sei ein ›Rassist‹ gewesen, der faktisch die Ideologie des ›Dritten Reiches‹ vorbereitet habe (ZEIT, Nr. 46, 5. November 1998). Noch schärfer ging sein Kollege, Benedikt Erenz, mit Arndt ins Gericht und bedauerte, dass die Universität Greifswald, eine »ehrwürdige, der freien, weltweiten Wissenschaft verpflichtete Universität den Namen eines germanomanen Schwätzers und frömmelnden, rassistischen Hetzers tragen muss, dessen einzige wissenschaftliche und literaturgeschichtliche Bedeutung in seinem Beitrag zur nationalistischen Ideologie des 19. Jahrhunderts« liege (ZEIT, Nr. 9, 23. Februar 2017).

Das fanden einige Hochschullehrer und Studenten der Universität Greifswald auch, die seit 1933 den Namen Ernst-Moritz Arndt trug, seinerzeit auf Antrag des Kirchenhistorikers und Kreisführers des Stahlhelm, Walter Glawe. Hermann Göring, damals preußischer Ministerpräsident, sorgte für die Umsetzung und feierliche Umbenennung in ›Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald‹. So hieß die Universität bis 1945, danach wurde der Name für ein paar Jahre ausgesetzt, um 1954 wieder eingeführt zu werden. Dieses Mal von Ulbrichts Kommunisten, die Arndt als Kämpfer gegen Feudalismus, Junkertum und Fürstenherrschaft, für Volksbefreiung von imperialistischer Unterdrückung und eine demokratische Verfassung würdigten. Nach der ›Wende‹ blieb das so, bis in den neunziger Jahren ein stärker werdendes unzufriedenes Grollen vernehmbar wurde und schließlich mit dem oben erwähnten Artikel des ZEIT-Autors Jörg Schmidt eine große Diskussion über Ernst Moritz Arndt losgetreten wurde. Jetzt trafen entschiedene Arndt-Gegner aus Studentenschaft, Hochschullehrern und politischen Sympathisantenkreisen auf ebenso entschlossene Verteidiger aus den nämlichen Gruppen. Um es kurz zu machen: Der Greifwalder Namensstreit wurde immer emotionaler und erbitterter. Trotz mancher substantieller Beiträge war die Debatte kein Glanzstück in Sachen politischer Streitkultur und sie endete mit einem Kompromiss, der den historisch-politischen Graben zwischen Befürwortern und Gegnern der Namensstreichung eher vertiefte als zuschüttete. Der Senat der Universität hatte im Januar 2018 mit Zwei-Drittel-Mehrheit die Streichung des Namens beschlossen, was vom Bildungsministerium bestätigt wurde. Offiziell heißt die Universität seit dem 1. Juni 2018 nur noch ›Universität Greifswald‹. Die Befürworter triumphierten. Doch darf – das war der Bonbon für die Gegner – der Name Ernst Moritz Arndt weiterhin ›optional‹ verwendet werden. Das heißt im Klartext, dass diejenigen, die das ausdrücklich tun, von den Befürwortern als Sympathisanten eines ›Rassisten‹ und ›völkischen Ideologen‹ tituliert und als ›rechtsradikal‹ oder gar ›Nazi‹ geschmäht werden können. ZEIT-Chefreporter und Vielschreiber, Benedikt Erenz, tat genau das. Hämisch schrieb er über den »Abschied vom Collegah Arndt« und raunte: »Als völkischer Ideologe … als Antisemit und nationalistischer Hassprediger zählt er zu den Idolen des rechtsradikalen Deutschlands – bis heute« (ZEIT, Nr. 19, 2. Mai 2018). Das dürfte kommende Diskussionen nicht gerade erleichtern.

Ich gestehe, dass ich von Ernst Moritz Arndt erst etwas erfuhr als ich in jungen Jahren Karl May las, nein, verschlang. In seinem Band Der blaurote Methusalem (1892) endete die abenteuerliche Chinareise des ewigen Verbindungsstudenten Fritz Degenfeld, seinem Faktotum Gottfried von Bouillon und ihrem Zögling Richard Stein mit (natürlich!) einem Happyend. Am Ende intonierten Degenfeld und seine Freunde machtvoll Arndts Was ist des deutschen Vaterland (1813). An dem Gesang beteiligten sich auch der dicke Holländer Mijnheer Willem van Aardappelenbosch und der amerikanische Kapitän Frick Turnerstick. Das war gewissermaßen eine kosmopolitische Verbeugung vor Deutschland. Da habe ich das Gedicht zum ersten Mal gelesen und mich dann später im Geschichtsstudium mit Arndts Werken befasst. Doch wurde mir in den legendären ›Sixties‹ von ›revolutionären‹ Kommilitonen sehr schnell klargemacht, dass Arndt allgemeinhistorisch kein ›großer Deutscher‹ mehr sei und literaturgeschichtlich auch völlig ›out‹. Und das soll er, jedenfalls nach der Meinung der Anti-Arndt-Putzkolonne, auch bleiben.

Ein aufregender Lebenslauf

Warum eigentlich? Arndt ist, wie Birgit Aschmann treffend schrieb, »ein erstaunliches Beispiel für kollektiven Gedächtnisschwund«. Einst gefeiert, heute gefeuert. Dabei hatte er einen aufregenden Lebenslauf in einer wahrhaft revolutionären, bewegten Zeit. Allein das würde reichen, ihn nicht zu vergessen. Doch bei der Beurteilung (und Verurteilung) Arndts werden die historischen Rahmenbedingungen häufig nicht ausreichend oder gar nicht berücksichtigt. Aber ohne die ›Historisierung‹ Arndts wird nur eine ideologisch politisierte Bewertung herauskommen. So müssen wir uns doch einige Fakten ins Gedächtnis rufen: Ernst Moritz Arndt wurde am 26. Dezember 1769 in Groß-Schoritz auf Rügen geboren, das damals noch schwedisch war, erlebte die Französische Revolution 1789, den Imperialismus Napoleons 1800-1814, die Befreiungskriege 1813/14, die nationale Bewegung und die reaktionären Repressionen gegen sie und schließlich, hochbetagt, die ›bürgerliche‹ Revolution von 1848/49. Die Niederlage Preußens 1806 gegen den Kaiser der Franzosen (Jena und Auerstedt) und der Verlust von zwei Dritteln des preußischen Staatsgebietes (Friede von Tilsit 1807), erschütterten den seit 1800 an der Universität Greifswald lehrenden Professor Arndt tief. Vor den anrückenden französischen Armeen floh er 1806 nach Schweden, das er aus vorherigen Reisen gut kannte. Greifswald wurde 1807 von den Franzosen besetzt und Arndt seines Lehrstuhls enthoben. Wegen seiner antifranzösischen Schriften drohte ihm in Pommern bis zum Friedensschluss zwischen Frankreich und Schweden 1810 die Verhaftung. Höhepunkt seiner nationalen Publizistik waren die Jahre 1812 bis 1815, lange Zeit als Privatsekretär an der Seite des preußischen Reformers Freiherr vom Stein, der ihn zur Unterstützung der nationalen Erhebung gegen Napoleon nach Russland berufen hatte. Seine aufrüttelnden nationalen Gedichte, Flugschriften und Aufsätze wurden von den Beteiligten und Unterstützern der ›Befreiungskriege‹ begeistert aufgenommen und weiter verbreitet. Nach dem Sieg über Napoleon, dem Wiener Kongress 1815 und in der einsetzenden Restaurationsperiode lehrte Arndt seit 1818 an der neugegründeten Rheinischen Friedrich Wilhelms Universität Bonn. Der Professor machte sich jedoch schnell durch Kritik an der polizeistaatlichen Politik der Regierungen des Deutschen Bundes unbeliebt. Er sagte öffentlich und klar, was seine »lieben Teutschen«wirklich wollten: »Was sie wollen, das wissen sie recht gut, sie wollen eine gesetzliche Verfassung, sie wollen feste Landstände und geregelte Einrichtung und Vertretung dieser Stände« (Geist der Zeit. Band 4. Berlin, 1818, S. 91.) Arndt wurde in der Folge der berüchtigten ›Karlsbader Beschlüsse‹ (1819) im Jahre 1820 wegen »Theilnahme an Geheimen Gesellschaften und bösen Umtrieben« (O-Ton Arndt) verhaftet, freigesprochen, aber schließlich seines Amtes enthoben und in den Ruhestand abgeschoben. Erst 1840 rehabilitierte ihn der ›fromme‹ und ›liberale‹ preußische König, Friedrich Wilhelm IV. und setzte ihn wieder in sein Amt ein. So lehrte er in Bonn bis 1858. Vom 18. Mai 1848 bis 20. Mai 1849 amtierte er als ältester Abgeordneter in der Deutschen Nationalversammlung. Er gehörte zu den Liberalen um Heinrich von Gagern im sogenannten ›rechten Zentrum‹ (auch ›Casino‹). Am 29. Januar 1860 ist er gestorben.

Ernst Moritz Arndt im Lichte der Kritik

Die Hauptvorwürfe an Arndt lauten bis heute: Erstens, nationalistische Apologetik (vulgo: ›Hetze‹). Zweitens Fremdenfeindlichkeit, insbesondere Franzosenhass. Drittens Antisemitismus. Viertens antidemokratische Einstellung.

Sakralisierter Nationalismus und Franzosenhass

Aus der heutigen Perspektive eines in übernationale Bündnissysteme eingebundenen friedfertigen Deutschlands, vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Katastrophe und den weitgehend alles ›Nationale‹ dekonstruierenden und dämonisierenden Diskursen in Wissenschaft, Politik und Medien, insbesondere nach 1968 (!), erscheint Arndts auf ›Volk‹ und ›Vaterland‹ gerichteter Nationalismus als verwerflich. Dieser sei ausgrenzend, Feindbilder erzeugend (›die Welschen‹), die deutsche Nation glorifizierend (seine ›lieben Teutschen‹ über alles) und sakralisierend (›der deutsche Gott‹ als Lenker der Geschichte). Nun waren Arndts rabiate nationalistische Polemiken zu seiner Zeit nicht ungewöhnlich für den politisierten Kulturnationalismus der Gebildeten im Vormärz. Das galt sowohl für die Liberalen als auch die Konservativen. Arndts jüngerer Zeitgenosse, Heinrich von Kleist, mit dem er nach 1810 im Kreise der ›Patrioten‹ in Berlin verkehrte, übertraf ihn noch in nationalistischer Rhetorik, wie z.B. im Drama Die Hermannschlacht, 1808 und vor allem in der Ode Germania an ihre Kinder, 1809 (»Schlagt ihn tot! Das Weltgericht fragt Euch nach den Gründen nicht«) geradezu beklemmend drastisch klar wird. Ich habe bislang noch von keinen Aktivitäten gehört, die Kleist-Straße und den Kleist Park in Berlin und die zahlreichen Heinrich von Kleist Schulen umzubenennen und an Kleists Geburtshaus in Frankfurt/Oder eine Warntafel anzubringen. Auch das Körner-Denkmal in Dresden ist noch nicht verhängt und die Körner-Eiche in Friedrichroda noch nicht gefällt, obwohl Theodor Körners Gedichte heftige nationale Poesie darboten und zu blutigem Kampf und Streit für das Vaterland aufriefen: »Frischauf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen, hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht. Du sollst den Stahl in Feindes Herzen tauchen…« (1813). Und das von ihm verfasste Gedicht Lützows wilde Jagd (1813) war auch keine fröhliche Versbegleitung zu einer Fuchsjagd! Und könnte man ihm nicht auch vorhalten, dass Josef Goebbels seine berühmt-berüchtigte Sportpalast Rede am 18. Februar 1943 mit Körners Worten schloss: »Nun Volk steh‘ auf und Sturm brich los!«?

In den Kontext nationaler und nationalistischer Diskurse in dieser Zeit gehören auch einige uns sehr bekannte Philosophen und Theologen, z.B. Johann Gottfried Herder, Johann Gottlieb Fichte, Georg Friedrich Wilhelm Hegel und der ›Kirchenvater des 19. Jahrhunderts‹, Friedrich Daniel Schleiermacher. Der letzte hatte sich zur Zeit der Befreiungskriege öffentlich engagiert, gehörte zu der ›Patriotenpartei‹ in Berlin und verkündete von der Kanzel, dass Preußens Krieg gegen Napoleon ein gerechter, ja ein ›heiliger Krieg‹ sei. In seiner Predigt am 28. März 1813 in der Berliner Dreifaltigkeitskirche verlas er den Aufruf zur nationalen Erhebung von König Friedrich Wilhelm III. »An mein Volk« und flehte Gott um »Heil und Segen für die Waffen des Königs und seiner Bundesgenossen« an. Schleiermacher war Arndts Schwager und blieb ihm Zeit seines Lebens in besonderer Geistesverwandtschaft verbunden. Selbst im grün-linken Kreuzberg ist die Umbenennung der Schleiermacherstraße noch nicht beantragt worden, wohl schlicht aus Unkenntnis. In der Tat waren es nur wenige Fachhistoriker und Theologen, die diesen Aspekt von Schleiermachers Wirken bearbeitet haben. Die bei Schleiermacher anklingende Sakralisierung des Nationalismus war in der Ideenwelt des frühen Nationalprotestantismus nicht unüblich und entfaltete sich später im deutschen Kaiserreich als ideologische Stütze von Thron und Altar. Der Nationalismus war keine ›Ersatzreligion‹, denn Nationalprotestanten blieben der traditionellen Religion treu, aber es dominierte doch die Überzeugung, dass Gott gnadenvoll die deutsche Nation gesegnet und ihr große geschichtliche Aufgaben zuerkannt hätte. Arndt nahm diese geschichtstheologische Konstruktion in besonderer Betonung auf. Er war ja, wie er in seinen Lebenserinnerungen bekannte, ein tiefgläubiger Mensch, der schon früh durch seine fromme Mutter zur mehrmaligen Lektüre der Bibel motiviert worden war und sich gerne an »die Zeit des ungestörten christlichen Glaubens« auf der Insel Rügen erinnerte. Zwar hatte er den Glauben der Kindheit und frühen Jugend zwischen Aufklärung und ›heidnischem‹ Germanentum eine Zeitlang verloren, sich dann aber wieder intensiv dem lutherischen Protestantismus zugewandt und diesen mit seinem erwachenden Deutschtum verbunden. Er glaubte an den Gott der Geschichte, den Schöpfer der Völker und Lenker ihres Geschicks. Gott wolle die Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit der Völker und nationale Eigenarten verdankten sich der Gnade Gottes.

In seinen Schriften nahm die Bestimmung der nationalen Eigenarten der Völker im Vergleich zum deutschen Nationalcharakter großen Raum ein. Dies geschah mit historisch ausführlichen, durchaus selbstkritischen Längsschnitten, z.B. im ersten Band seines Hauptwerkes Geist der Zeit (1806). Hier warnte er auch, was selten zitiert wird, vor dem »wunderlichen Wahn«, alles »was germanisch ist, teutsch« zu nennen. Die ›Teutschen‹ hätten den Franken gedient und seien erst am Ausgang des 10. Jahrhunderts stärker und unabhängiger geworden. So beschrieb er mit durchaus treffenden historischen Überblicken die Geschichte der Teutschen bis zu seiner Gegenwart (Geist der Zeit, Bd. 1 (1806), o.O, 3. Auflage 1815, S. 188). Die Nation definierte er durch die Sprache und ›natürliche‹ Grenzen, z.B. das Meer, Gebirge und Ströme, allerdings nahm er aus politischen Gründen, den Rhein aus, denn der galt ihm als Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze (Der Rhein Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze, 1814). Der Widerstand gegen Napoleons Politik der Unterjochung und der zwangsweisen Eingliederung verschiedener Völker in ein großes Einheitsreich, sollte die Deutschen, so wollte er es ihnen immer wieder einhämmern, zur Besinnung auf ihre nationale Eigenart ermutigen. In der nationalen Erhebung präge sich der deutsche Nationalcharakter immer schärfer aus. In zahllosen Schriften beschäftigte sich Arndt mit dem ›Deutschtum‹ und dem ›Deutschsein‹, das er mit Attributen wie »Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Redlichkeit, Tapferkeit, Freiheit« und Leistungen wie »Gesetz, Sitte, Wissenschaft und Kunst« versah (Der Rhein Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze, S. 77).

Ganz besonders betonte er die deutsche ›Ehre‹ und ›Treue‹. Ausdrücklich warnte er immer wieder vor der Vermischung mit dem ›Fremden‹, vor allem natürlich dem ›wälschen‹ Geist und ›wälschen‹ Sitten. Einheit durch Reinheit. Der Krieg gegen Napoleon sei ein ›heiliger Krieg‹, weil die nationale Sache eine religiöse Aufgabe sei. Weil das zum Kern des Arndtschen Nation und Nationalismus-Verständnis gehört, hier ein längeres Zitat aus dem zweiten Band seines Hauptwerkes Geist der Zeit, erschienen 1808:

Ein Volk zu seyn, Ein Gefühl zu haben für eine Sache, mit dem blutigen Schwerdt der Rache zusammenzulaufen, das ist die Religion unserer Zeit: durch diesen Glauben müßt ihr einträchtig und stark seyn, durch diesen den Teufel und die Hölle überwinden. Laßt alle kleinen Religionen und thut die Pflicht der einzig höchsten, und hoch über Luther und dem Pabst vereinigt euch in ihr in Einem Glauben. Das ist die höchste Religion, zu siegen oder zu sterben für Gerechtigkeit und Wahrheit, zu siegen oder zu sterben für die heilige Sache der Menschheit… Das ist die höchste Religion, das Vaterland lieber zu haben als Herren und Fürsten, als Väter und Mütter, als Weiber und Kinder; das ist die höchste Religion, seinen Enkeln einen ehrlichen Namen, ein freies Land, einen stolzen Sinn zu hinterlassen; das ist die höchste Religion mit dem theuersten Blute zu bewahren, was durch das theuerste, freieste Blut der Väter erworben ward. (Geist der Zeit, Bd. 2, 1808, London, 18132, S. 197 ff.).

Solche starken Töne blieben zwar schon zu Arndts Zeiten nicht unwidersprochen und mancher Kritiker spöttelte über die ›Deutschtümelei‹, aber diese Stimmen blieben in der Minderheit und gingen im lauten Chor der nationalen Bewegung unter. Die religiöse Überhöhung des Nationalismus war nicht einem christlichen Dogmatismus geschuldet, denn Arndt hielt sowohl zur theologisch-kirchlichen Orthodoxie als auch zum Pietismus Distanz. Es ist einigermaßen schwierig aus seinem komplexen Werk einen klaren Religionsbegriff herauszufiltern. Woran glaubte Arndt? Seinen Gott, seine Religion fasste er nicht in dogmatische Bekenntnisaussagen, eine rationale wissenschaftliche Theologie lehnte er ab (1794 hatte er sein Theologiestudium abgebrochen). Waren das ›Vaterland‹ und das ›Deutschtum‹ seine Religion? »Ich habe dir, dem deutschen Menschen,« schreibt Arndt, »vor allen Völkern die Sehnsucht nach dem Unvergänglichen und Ewigen in die Brust gehaucht. Dies sei deine Weihe in irdischen Dingen! Durch Treue und Gottesfurcht und durch Glauben an die unvergänglichen Güter, welche allein deine unverlierbaren Hoffnungen und Anrechte sind, sollst du dein Herz reinigen und die Einigung und Verjüngung des Vaterlandes bereiten und schaffen« (Das verjüngte oder vielmehr das zu verjüngende Deutschland, ein Büchlein für den lieben Bürgers= und Bauers=Mann. Bonn, 1848. S. 44.).

Es war ein in der ›Anschauung‹ und im frommen ›Gefühl‹ begründeter Glaube, wie es sein berühmter Schwager Schleiermacher 1799 in seinen Reden Über die Religion formuliert hatte. Einerseits war Arndts ›Gott‹ das Unfassbare, Ewige, das die menschliche Wirklichkeit Übersteigende und er ärgerte sich maßlos darüber, dass die radikalen Republikaner demokratische Ideale verkündeten, aber »über den Glauben an ein Jenseits, an die Unsterblichkeit der Seele und eine Erlösung und Vergeltung« spotteten und solches ablehnten (Das verjüngte oder vielmehr das zu verjüngende Deutschland, S. 33). Andererseits identifizierte er Religion und Glaube mit sehr weltlichen ›Idealen‹. Er war fest davon überzeugt, dass das Wesen des Christentums im ›Idealen‹, der Liebe zur Freiheit und dem Vaterland, bestehe. Die undogmatische Orientierung Arndts war kein Hinderungsgrund für ihn, sich an die verfasste preußische Landeskirche zu halten und sich kirchenpolitisch zu engagieren. In Bonn als Hochschullehrer trat er für die vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. 1817 angeordnete ›Union‹ von Lutheranern und Reformierten ein. Er schrieb zahlreiche christliche Gedichte und im aktuellen Evangelischen Kirchengesangbuch sind noch zwei Lieder von ihm erhalten, die er 1819 verfasst hatte. Nr. 357, Ich weiß woran ich glaube und Nr. 213, das Abendmahlslied Kommt her, ihr seid geladen.

Die Tatsache, dass auch andere erleuchtete Geister Deutschlands der nationalen Erregung und Bewegung Tribut zollten, kann Arndts Polemik natürlich nicht relativieren oder ihn ›entlasten‹. Darum geht es auch gar nicht. Der Historiker kann bestenfalls ›erklären‹ und die Kulissen zum historischen Schauspiel zusammenstellen und so das ›historische Erbe‹ sichtbar machen. Er wird sich aber möglichst moralisch-politischer Urteile enthalten, denn es ist nicht seine Aufgabe zu entscheiden, was von dem ›Erbe‹ tatsächlich ›Tradition‹ werden soll. Es kann ihm gelingen, die Parallelität von ›Möglichkeit‹ und ›Wirklichkeit‹ aufzuzeigen, d.h. im Falle Arndts die Möglichkeit zu benennen, dass mit der nationalistischen Orientierung zu seiner Zeit auch eine kosmopolitische Ausrichtung verbunden werden konnte. Dass dies möglich war, zeigten geradezu klassisch unsere beiden ›Dichterfürsten‹ Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller. Schiller, der die »Deutsche Größe« (1801) in der Kultur inkarniert sah, hatte es 1797 in seinen Xenien auf den Punkt gebracht: »Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens; Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus«. Dies hätte Arndt so natürlich nicht formuliert, aber der Gedanke leuchtete schon auf, wenn er z B. die Deutschen aufrief, es als »heiligstes Gebot« zu vermitteln, »daß ihr nie fremde Völker erobern wollet, daß ihr aber auch nimmer leiden wollet, daß man euch nur ein Dorf von euren Gränzen abreißet« oder wenn er knapp feststellt: »Also wir Teutschen sind Kosmopoliten oder sollen es werden. Gott hat uns offenbar dazu bestimmt, dem edlen Karakter eines allgemeinen Weltbürgers näher zu kommen als andere Völker« (Ueber Volkshaß und den Gebrauch einer fremden Sprache. Leipzig, 1813, S. 27). Und er schreibt den ›Teutschen‹ ins Stammbuch, dass »wir Deutsche auch für unsere eigenen Vortheile keinen herzlicheren Wunsch haben« sollten, »als daß unsere Nachbarn durch die glücklichsten Verfassungen und weisesten Gesetze gesegnet seyn mögen« (Christliches und Türkisches. Stuttgart, 1828, S. 12). Doch muss man einräumen, dass solche Äußerungen weit hinter seine nationalistische Polemik zurücktraten. So wetterte er an anderer Stelle gegen den Kosmopolitismus, der den Deutschen von außen angetragen würde: »Jener Kosmopolitismus, den man uns anpreist, ist nicht von Gott, sondern von Tyrannen und Despoten, welche alle Völker und Länder zu einem großen Schutthaufen, ja Misthaufen der Knechtschaft machen mögten…« (Der Rhein, Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Gränze, S. 78).

Sein Franzosenhass, den er sehr drastisch und brutal formulierte, war durch die Lektüre historischer Abhandlungen über die Eroberungskriege Ludwigs XIV. im 17. Jahrhundert und persönliche Erlebnisse französischer Soldatenwillkür in seiner Heimat Pommern früh entfacht. Der Siegeszug Napoleons trieb ihn außer Landes und erregte seinen deutschen Zorn. Aber es war nicht nur Napoleon, »nicht der listige, geschlossene, höhnische, in dem Lande wo Honig Gift ist, geborene Korse, … den ich zornig hasste, den ich am meisten haßte – sie waren es, die Franzosen, die Trügerischen Übermüthigen, Habsüchtigen, die hinterlistigen und treulosen Reichsfeinde seit Jahrhunderten – sie haßte ich im ganzen Zorn, mein Vaterland erkannte und liebte ich nun im ganzen Zorn und in ganzer Liebe« (Der Rhein, Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Gränze, S. 91) Arndt erklärte zwar, er »ehre die großen Tugenden und Eigenschaften dieses großen gewaltigen Volkes«, aber er zog scharfe Grenzen zu den Franzosen, denen er vorwarf, sie hätten durch ihre Kultur (Sprache, Sitten, Geschmack, Mode) Europa ihrer Herrschaft unterworfen (Geist der Zeit, Bd. 1, S. 330ff.). Die politische Herrschaft der Franzosen auf den Spitzen ihrer Bajonette verstärkte seine Animositäten und mündete in einen offenen Hass: »Ich will den Haß, festen und bleibenden Haß der Teutschen gegen die Wälschen und gegen ihr Wesen, weil mir die jämmerliche Aefferei und Zwitterei mißfällt…« Dieser immerwährende Hass gegen die Franzosen wurde auch noch religiös zugespitzt: »Dieser Haß glühe als Religion des teutschen Volkes, als ein heiliger Wahn in allen Herzen, und erhalte uns immer in unserer Treue, Redlichkeit und Tapferkeit;« (Ueber Volkshaß, S. 18f.). Das Empfinden tiefer Demütigung angesichts des napoleonischen Imperialismus und sein glühender patriotischer Missionseifer trieben Arndt zu immer neuen Kaskaden nationalistischer, antifranzösischer Invektiven.

Antisemitismus

In seinen häufigen Wendungen gegen das undeutsche Fremde blieben auch antisemitische Elemente nicht verborgen. Sein Verhältnis zu den Juden war ambivalent. Er bedauerte einerseits die Jahrtausende währende Unterdrückung und Zerstreuung des Judentums, die er als »Opfer der Weltgeschichte« bemitleidete und bekundete gar Verehrung für ihre »welthistorische Bestimmung«. Andererseits, fand er, könne man die Juden nicht »lieben«, weil sie Fremde seien und nicht in diese Welt passten. »…und darum will ich nicht, daß sie auf eine ungebührliche Weise in Teutschland vermehrt werden. Ich will es aber auch deswegen nicht, weil sie ein durchaus fremdes Volk sind und ich den germanischen Stamm so sehr als möglich von fremdartigen Bestandteilen rein zu erhalten wünsche« (Blick aus der Zeit auf die Zeit. Germanien [d.i. Frankfurt am Main], 1814. S. 188) Dabei unterschied er noch zwischen den in Deutschland geborenen Juden, die er ›als teutsche Landsleute betrachten‹ und sie deshalb zu ›schirmen und schützen‹ forderte. Im Sinne des liberalen, etatistischen Emanzipationskonzepts, wollte Arndt die Umsetzung der 1812 gesetzlich verkündeten Judenemanzipation in Preußen an Bedingungen knüpfen. Einen gleichberechtigten Platz in seiner von ›Volk‹ und ›Vaterland‹ gebildeten Nation wollte er ihnen nur zuerkennen »als es ihre Verträglichkeit mit Staaten, die auf ganz anderen Grundsätzen gebauet sind, irgend erlaubt« (Blick aus der Zeit auf die Zeit, ebda.). »Verträglichkeit« sah er aber nicht als gegeben an und argwöhnte verschwörungstheoretisch, dass »Juden und Judengenossen, getaufte und ungetaufte.. unermüdlich und auf allen äußersten radikalsten Linken mitsitzend, an der Zersetzung und Auflösung« dessen arbeiteten, »worin uns Deutschen bisher unsere Menschliches und Heiliges eingefaßt schien … Vaterlandsliebe und Gottesfurcht« (Reden und Glossen. Leipzig, 1848, S. 37). Ganz entschieden wandte er sich gegen die Einwanderung und Aufnahme »fremder Juden«, womit vor allem die »Ostjuden« gemeint waren, die er mit z.T. abwertenden Attributen kennzeichnete (»Unheil«, »Pest‹, »fremde Plage«): »Noch das sage ich zuletzt, daß ich freilich die einwandernden Juden der reinen und teutschen Art für die verderblichsten halte, weil sie dem Christenthum und dem auf demselben ruhenden Staaten unverträglich und weil sie durch langen Druck und Schimpf und Schande entarteter und erniedrigter sind, als die übrigen Bewohner Europas« (Blick aus der Zeit auf die Zeit, S. 200). In einem Schreiben an den Mindener Garnisonsauditor und bekennenden Antisemiten Heinrich Eugen Marcard forderte er das Verbot der Einwanderung von Ostjuden: »Aber die Einfuhr fremder Juden würde ich schlechterdings verbieten. Die Russen jagen uns zuletzt noch alle polnischen Hebräer über unsere Lande.« (Brief vom 12. Februar 1843. In: Ernst Moritz Arndt Briefe. Hrsg. von Albrecht Dühr. Darmstadt, 1972, Nr. 1099a, S. 97f.). Das ist starker Tobak aus heutiger Sicht, aber, wie Professor Thomas Stamm-Kuhlmann, Historiker an der Universität Greifswald in einer Anhörung feststellte, »kein zentraler Gesichtspunkt« im Arndtschen Werk.

Arndt war in Bonn mit der Familie Georg Benjamin Mendelssohn (Enkel des Philosophen Moses Mendelssohn) befreundet und in der Deutschen Nationalversammlung arbeitete er mit getauften Juden, wie Heinrich Simon und dem bekannten Juristen Eduard von Simson zusammen. Gleichwohl führte Arndts fremdenfeindliche, germanophile Einstellung schon in die judenkritische und judenfeindliche Richtung. Aber er war zweifellos kein biologistischer Rassenantisemit und forderte auch nicht, wie andere frühmoderne Antisemiten (z.B. Carl Wilhelm Friedrich Grattenauer und Friedrich Buchholz) die Juden zur Aufgabe ihrer Religion auf. Von Ausweisung und Verbannung der Juden, wie sie etwa von der antisemitischen Deutschen Tischgesellschaft vertreten wurde, ist bei Arndt nicht die Rede. Zur 1811 gegründeten ›Tischgesellschaft‹ gehörten übrigens hochmögende Persönlichkeiten, wie die Universitätsprofessoren Fichte, Schleiermacher und Friedrich Carl von Savigny sowie Angehörige des Militärs wie Carl von Clausewitz, Moritz von Bardeleben und Johann Carl von Möllendorf. Auch Vertreter des kulturellen Lebens wie Clemens Brentano, Johann Friedrich Reichardt und Karl Friedrich Schinkel waren dabei. Arndt ist auch nicht als Wegbereiter eines Vernichtungsantisemitismus (wie z.B. sein jüngerer Zeitgenosse Hartwig Hundt-Radowsky) einzuordnen. Das wird die alerten Anti-Arndt Putzkolonnen nicht überzeugen. Doch wenn sie sich mit dem sogenannten ›literarischen Antisemitismus‹ des 19. Jahrhunderts beschäftigten, würden sie umgehend eine ›Task-Force-Contra Antisemitismus‹ bilden und ein Online-Portal WikiKORREKT eröffnen, um Texte von Autoren wie z.B. Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich von Schiller, Achim von Arnim, Clemens Brentano, Adalbert Stifter, Wilhelm Raabe, Wilhelm Busch, Gustav Freytag, Theodor Fontane und Thomas Mann auf offene oder versteckte Antisemitismen hin zu analysieren. Die Ergebnisse ließen sich dann sicherlich in produktive Umbenennungsaktivitäten umsetzen.

Antidemokratische Einstellung

Es bleibt der Vorwurf, Arndt sei gegen die Demokratie gewesen. Das mag im Lichte deutscher Erfahrungen mit zwei Diktaturen und der heutigen Akzeptanz von Grundprinzipien einer menschenrechtlich begründeten, rechtsstaatlichen, pluralistischen und freiheitlichen Demokratie zutreffend sein. Zu Arndts Zeiten war Demokratie keineswegs nur positiv besetzt, sondern wurde als Ausdruck einer ›ultralinken‹, revolutionär-republikanischen Theorie und Politik wahrgenommen, die den Vorrang von ›Gleichheit‹ vor ›Freiheit‹ postulierte. In der deutschen Öffentlichkeit war Demokratie im Vormärz und in der Revolution von 1848/49 meistens mit Unordnung, Anarchie, Chaos, willkürlicher Gewalt und Aneignung fremden Eigentums assoziiert. In der nationalen Bewegung waren die ›radikalen Demokraten‹ eine kleine revolutionäre Minderheit und zur Anwendung von Gewalt entschlossen, bzw. hatten das zum Entsetzen der bürokratischen Reformliberalen schon exerziert (Badischer Aprilaufstand 1848). Arndt war gewiss kein Demokrat im heutigen Sinne, aber er hatte als Mitglied der deutschen konstituierenden Nationalversammlung 1848 in der Paulskirche zu Frankfurt die im Verfassungsentwurf formulierten Grundrechte des deutschen Volkes (Art. I-V, §§130-151) mit unterschrieben.

Es war das erste Mal in der deutschen Geschichte, dass ein frei gewähltes Parlament Grundrechte beschloss. Er war, obwohl er das von sich behauptete, kein ›Republikaner‹, sondern polemisierte heftig gegen diese: »Nein, wir wollen mit solchen Aufhetzern und Verwirrern keinen unmöglichen republikanischen Mord= und Blutweg gehen…« (Das verjüngte oder vielmehr das zu verjüngende Deutschland, S. 37) Eine Republik mit »großer Uniformität« und »großer Gleichheit« lehnte er ab, sondern befürwortete ein Gebilde mit »Vielseitigkeit, Vielerleiheit, Mannigfaltigkeit, Vielsinnigkeit, Vielfältigkeit«. Erschüttert reimte er nach der Ermordung der konservativen Abgeordneten der deutschen Nationalversammlung Fürst Lichnowsky und General Auerswald im September 1848: »Sind dies der Freiheit Gaben, ist dies der Freiheit Klang, Von schwarzen Galgengraben der Mitternachtsgesang? Nein, Nein, von Freiheitstödtern Des Blindschleichs Schlangenlist, Wo unter grausen Zetern Kein Laut der Freiheit ist« (Reden und Glossen, S. 77).

Entschieden trat er für eine konstitutionelle Monarchie mit einem Zwei-Kammer-System (Volksparlament und Oberhaus) und einem ›Erbkaiser‹ an der Spitze ein. An einer Stelle sprach er missverständlich von der erstrebenswerten »konstitutionellen republikanisch monarchischen Eidgenossenschaft deutscher Könige, Fürsten und Freistaaten«. Diese ›Eidgenossenschaft‹ sollte indes ein föderaler Staat mit einem ›Reichsparlament‹ sein: »Es soll wieder eine deutsche Einheit werden, eine Macht und Majestät des deutschen Namens, wie die Bildung und die Gewalt der Zeit es gebieten, ein wahres Volksparlament, wie die Deutschen es noch nimmer gehabt haben« (Reden und Glossen, S. 13). Er war zutiefst getroffen und enttäuscht, dass der von ihm zur Annahme der Kaiserkrone gedrängte preußische König, Friedrich Wilhelm IV., diese brüsk zurückwies. ›Freiheit‹ war ein Grundwert für Arndt. Freiheit bedeutete für ihn Freiheit von Tyrannei und Fremdbestimmung. Er schrieb von der »großen Freiheit« und meinte damit »unsere ganze volle Volkstümlichkeit in ihrer einigen, in ihr selber abgeschlossenen Unversehrtheit und in ihrer den Fremden Achtung gebietenden Stärke« (Reden und Glossen, S. 19). Freiheit war aber auch ein Grundrecht und so befürwortete Arndt die »unbeschränkteste Preßfreiheit« ohne die »bürgerliche Freiheit nicht bestehen« könne, Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Vereinigungsfreiheit, Wirtschaftsfreiheit und Abbau aller überkommenen Vorrechte, so wie es in der von der Nationalversammlung am 20. Dezember 1848 verkündeten Verfassung niedergelegt war. Obwohl Arndt die schon damals viele nachdenkliche Demokraten immer wieder umtreibende Frage nach dem Verhältnis von Freiheit und Gleichheit nicht systematisch reflektiert hatte, sollte Freiheit durch Gerechtigkeit und Gleichheit ergänzt werden:

Gleichheit und Gerechtigkeit in Liebe und Mitleid, ihr seyd die erhabenen Lehren des heiligen Stifters des Christenthums, ihr müßt die Gesetze der Staaten nund Völker seyn. Die neuere Menschheit muß sich des stolzen Trotzes physischer Kraft, des rohen Gebrauchs der Gewalt, der unmilden Behandlung freigebohrener Menschen als Sklaven begeben, wenn die das Gebot des neuen Weltgesetzes erfüllen will.( Geist der Zeit, Bd. 1, 1806, S. 210).

Schon 1803 hatte er sich in einer aufsehenerregenden Schrift gegen die in seiner pommerschen Heimat noch immer anhaltende Leibeigenschaft gewandt und im schwedischen Königshaus offensichtlich so viel Nachdenken ausgelöst, dass König Gustav IV. Adolf 1806 die Leibeigenschaft aufhob. (Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen. Nebst einer Einleitung in die alte teutsche Leibeigenschaft. 1804, Berlin, 18482). Er übte scharfe Kritik am Adel und am gesamten Feudalwesen:

Ich weiß die Zeit kaum in der teutschen Geschichte, wo teutsche Fürsten edel und vaterländisch gefühlt, gethan und gelitten haben. Schmutziger Ländergeiz, feige Furcht der Gegenwart, unpatriotische Gleichgültigkeit zeichnet sie seit Jahrhunderten aus, und deswegen ist Teutschland seit Jahrhunderten der Tummelplatz aller Kriege und die Beute der Fremden gewesen (Geist der Zeit, Bd. 1, 1806, S. 359, S. 375).
 

So hart er einerseits mit dem Adel ins Gericht ging, wollte er ihn andererseits zur ›Ehre‹ der deutschen Geschichte erhalten. So formulierte er bei der Diskussion um die Abschaffung des Adels in der Deutschen Nationalversammlung in einem Antrag am 19. Juli 1848: »Der Adel ist für die Ehre der deutschen Geschichte und für das Glück der Zukunft des deutschen Volkes noch nicht auszustreichen«. In einer Rede am 1. August 1848 appellierte er an die Abgeordneten, dem Adel den Glanz und die ›Ehre‹ in der Geschichte nicht zu nehmen. Habe man ihm völlig zu Recht alle Privilegien aberkannt, mit denen er andere Stände bedrängt und als ›Last‹ auf dem deutschen Volke gelegen habe, so solle man ihm nun »seine Ahnen, Wappen und Bilder und Zeichen lassen«.

Es gab auch nicht nur den Arndt der aufpeitschenden kriegerischen Gedichte und Pamphlete. »Arndt war kein Gewaltmensch« (Reinhard Staats). Sein berühmtes Vaterlandslied über den Gott, der Eisen wachsen ließ dichtete er auf dem Höhepunkt nationaler Begeisterung der Befreiungskriege und entsprach damit der damals herrschenden Befindlichkeit. Das muss berücksichtigt werden. Er trat für Kriegsdienstverweigerung ein, wenn die Obrigkeit ungerechte, das eigene Volk schädigende Befehle erteile: »Denn der Krieg ist ein Uebel, und die Gewalt ist das größte Uebel«. (Kurzer Katechismus für teutsche Soldaten. O.O., 1813, S. 3, S. 17.). Der Krieg sei »nur einer Krankheit gleich, einer Wuth, und nicht gern möchte ich das ganze Geschlecht darnach richten lassen«. (Geist der Zeit, 1806, Band 1, o.O., 18153, S. 117). Andererseits sei der Krieg notwendig und ein heiliger Krieg, wenn es um die Verteidigung des Vaterlandes und die Befreiung von Tyrannen gehe.

Geschichtspolitik – die politische Instrumentalisierung Arndts

Geschichtspolitik ist die aus politischen Gründen formulierte, d.h. parteiische Interpretation von Geschichte – verbunden mit dem Versuch, eine breite Öffentlichkeit von dieser Interpretation zu überzeugen, um politische Ziele zu erreichen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtspolitik).

Das ist eine im Kern zutreffende Definition. Geschichtspolitik hat viele Facetten und ihre politischen Ziele liegen in einer Bandbreite von Aufklärung und Manipulation. An Ernst Moritz Arndts Werk lässt sich Geschichtspolitik von ›links‹ und von ›rechts‹ demonstrieren. Er wurde von beiden instrumentalisiert. Thomas Vordermayer hat in einer erhellenden Analyse von drei Zeitpunkten verdichteter Diskurse zu Ernst Moritz Arndt – 1909/10, 1919/20 und 1934/35 – herausgearbeitet, wie er von den ›Diskursträgern‹ gesehen wurde und welche persönlichen und ideengeschichtlich markanten Charakteristika ihm hauptsächlich zugeschrieben wurden. So habe er »unbeirrbare weltanschauliche Prinzipientreue und unerschütterliche Volksverbundenheit« in Verbindung mit »Glaubensstärke und Opferbereitschaft« gezeigt und sei als »Erzfeind der Aufklärung« zum »Idealtyp des ›Deutschtums‹ sowie zum Protagonisten einer spezifisch deutschen Männlichkeit« geworden (Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jg. 58, H.4, 2010, S. 486, S. 507). Im 19. Jahrhundert wurde er überschwänglich als Schöpfer eines deutschen Nationalbewusstseins im Kampf gegen den Unterdrücker Napoleon gepriesen, der, trotz mancher Kritik an Preußen, für die ›kleindeutsche‹ Nation unter der Führung Preußens eingetreten sei. 1913 schrieb der Herausgeber eines Gedenkbuches zum 100. Jahrestags der Völkerschlacht von Leipzig, Joseph Loewenich:

Des eigenen Lebens nicht achtend, erhebt Arndt seine Stimme gegen den gewaltigen Unterdrücker, den Korsen – zuerst in seinem 1806 Geist der Zeit –; er stellt sich wie ein Reichsherold vor seine lieben Deutschen, um sie für die Errettung des Vaterlandes, an dem er mit bräutlicher, beinahe übernatürlicher Liebe hing, aus Schmach und Schande zu begeistern, ihnen die Nichtswürdigkeit des gewalttätigen Eroberers im rechten Lichte zu zeigen und den Geist der alten Germanen, den Geist der Freiheit, der Ehre, des Rechtes in ihnen wieder wahrzurufen“.

Historiker und Theologen waren bemüht, Arndt als glaubensstarken, christlichen, aber theologisch undogmatischen, Patrioten zu zeichnen. Es war die Sicht der seinerzeit in Theologie und Kirche dominanten Nationalprotestanten, die den großen Patrioten gewissermaßen zum Ahnherrn ihrer nationalchristlichen Ideenwelt erkoren hatten. Er wurde geehrt, nicht als Mann der Wissenschaft, als Intellektueller, als Historiker, sondern als derjenige, der »das Herz des ganzen Volkes getroffen und hingerissen habe« (Allgemeine Kirchliche Zeitschrift, H. 10, 1860, S. 13). Dieses Herunterspielen durchaus eigenständiger wissenschaftlicher Leistungen, etwa seiner völkerkundlichen Beobachtungen, war einem ausgeprägten Antiintellektualismus der ihn beurteilenden Autoren geschuldet, der nach 1933 »zusätzlich an Schärfe« gewann. Mit gewaltiger Übertreibung verglich man ihn auch mit Luther: »In Luther’scher Kraftsprache, die er aus seiner Luther’schen Bibel, dem einzigen Buche des Knaben, dem vielgelesenen des Mannes gelernt, haucht er dem Volke den rechten Geist ein; in diesem Geiste hat es seine Schlachten geschlagen und seine Siege gefeiert«. Seine nationalistische Sakralisierung der Befreiungskriege ließ sich auch im Ersten Weltkrieg zur Anrufung des ›deutschen Gottes‹ beschwören, um den deutschen Kämpfern Hoffnung und Siegeszuversicht zu verleihen. Das setzte sich in der Weimarer Republik in deutschnationalen Kreisen fort, wo Arndts tatkräftige Vaterlandsliebe und ›Deutschtum‹ den schwächlichen, entschlusslosen ›Vaterlandsverrätern‹ der ungeliebten Republik als leuchtender Kontrast vorgehalten wurde. Zunehmende Probleme bereitete Arndts Religiosität als Begründungskomponente von Nationalismus, da der nationalprotestantischen Interpretation Arndts inzwischen durch säkular-atheistische, neureligiöse und völkische Ideologien ernsthafte Konkurrenz erwachsen war. Dies verstärkte sich im Nationalsozialismus. Arndts Volkstumsverehrung, Betonung der Bedeutung des ›Germanenthums‹ und des ›nordischen Lebensgefühls‹ fanden insbesondere bei den protestantischen, den Nationalsozialismus bejahenden, ›Deutschen Christen‹ bereitwillige Aufnahme. Seine Schrift gegen die Leibeigenschaft wurde im Sinne der ›Blut und Boden‹-Ideologie als ›Kampfschrift für den Bauernstand‹ gepriesen und seine Lobreden auf den Bauernstand mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten als »Sang von Blut und Boden als den Lebens- und Kraftquellen der Nation« gedeutet. (So ein Dr. D. Richter aus Lauban. In: Bodenreform, 1937, S. 310f.). Immer wieder wurde die ›Kraft der Sprache‹ im Einsatz für die ›volkliche Gemeinschaft‹ betont.

Im ›Deutschen Philologenblatt‹ wurde 1935 – zum 75. Todestag des Dichters – konstatiert, dass Arndt »schon vieles ausgesprochen habe was erst durch den Führer erfüllt wurde«. Arndt müsse daher eine »ausführlichere Behandlung« im Unterricht erfahren. Zu vermitteln seien v.a. sein Eintreten für den Bauernstand und sein mutiger und heldenhafter Kampf gegen das Weltbürgertum und die »Vermischung mit allem Fremden«. Er habe »bei seinem Vaterland die Vaterlandsliebe wieder erweckt, ähnlich wie Hitler 100 Jahre später«. Letztlich sei er als »Prophet« und »Seher« ein »Vorläufer des Dritten Reiches« gewesen (Deutsches Philologenblatt, Heft 6, 1937, S. 67ff.). Eine Rezensentin schrieb von dem leider bislang nicht ausführlich beleuchteten ›Führerbild‹ und der ›Führersehnsucht‹ Arndts. Es liegt auf der Hand, dass die christliche Seite Arndts den Nationalsozialisten gar nicht passte, sie mühten sich deshalb darum, diesen Aspekt herunterzuspielen oder ganz zu verschweigen. Es war ihnen an einem ›neuheidnischen‹ Arndt gelegen und sie suchten eifrig in den frühen Schriften Arndts Ansätze dazu. Dies stieß auf den Widerstand einer Reihe von Christen der ›Bekennenden Kirche‹, die auf ihren ›lutherischen Nationalhelden‹ nichts kommen ließen, unter ihnen auch Eugen Gerstenmaier, Hanns Lilje und Martin Niemöller. So wurde Arndt sowohl von überzeugten Nationalsozialisten als auch ihren Kritikern und Gegnern jeweils in Anspruch genommen, was dazu beitrug, dass sein Erbe bis 1945 unbeschädigt überdauerte.

Auch die Instrumentalisierung Arndts durch den ›real existierenden Sozialismus‹ und Kommunismus hat ihm über 1945 hinaus zu anhaltender Prominenz verholfen. Die kommunistischen Lobreden waren allerdings deshalb schon sehr befremdlich, weil Arndt in seinen Schriften ›Sozialismus‹ und ›Kommunismus‹ stets heftig abgelehnt hatte. 1848 klagte er über »die tollen und wilden Propheten dieser Tage, die Baalspriester eines irdischen Glückseligkeitsdienstes«, die gottlose Träume von sozialistischen und kommunistischen Gesellschaften predigten, »die zum Theil die Aufhebung alles Besitzes, vollständige Gemeinschaft der Arbeit und des Vermögens, ja die Gemeinschaft der Weiber und Kinder und die Auflösung aller Familienbande und Hauserziehung« bedeuteten (Das verjüngte oder vielmehr das zu verjüngende Deutschland, S. 46f.). Die naiven Unterstellungen Arndts ignorierend, lobten Sozialisten seinen publizistischen Beitrag zum gewaltsamen antiimperialistischen Befreiungskampf der Nation, zur Waffenbrüderschaft von Deutschen und Russen, seinen Kampf gegen Feudalismus und Junkertum, sein Eintreten für eine demokratische Verfassung, seinen Einsatz für eine Volksarmee (!) und schließlich – fast kurios – seine Forderung nach sportlichen nationalen Wettkämpfen für den Abbau von Klassengegensätzen. Die positive Wertung Arndts blieb bis zur ›Wende‹ erhalten. Noch in der zweiten Auflage der Erinnerungen von Arndt, erschienen im ›Verlag der Nation‹, Ostberlin, 1989, begann der Historiker Professor Rolf Weber, Universität Leipzig und Berlin, seine Einleitung mit dem Satz: »Ernst Moritz Arndt ist eine herausragende Gestalt in unserer nationalen Geschichte«. (Ernst Moritz Arndt. Erinnerungen 1769-1815. Hrsg. von Rolf Weber, Berlin, 19892, Einleitung, S.5). Weber schrieb dann beeindruckt von der »hämmernden Eindringlichkeit seiner patriotischen Lyrik« und der »Leidenschaftlichkeit seines Einsatzes für die Weckung deutschen Nationalgefühls« und sah ihn gar in der Nachfolge Ulrichs von Hutten, dem »großen kämpferischen Humanisten des frühen 16. Jahrhunderts«. Hervorgehoben wurden seine Schriften über das Ethos patriotischer Soldaten und die Volksbewaffnung, er wurde gerühmt als »unermüdlicher Anwalt der Bauern, als Fürsprecher ihrer Emanzipation aus den Fesseln feudaler Abhängigkeit, als ein Vorkämpfer für die Sicherung ihrer sozialen Existenzrechte gegenüber Adelswillkür und kapitalistischem Profitstreben«. Scharf kritisierte Weber die »reaktionäre Arndt-Legende«, d.h. die reaktionäre Instrumentalisierung Arndts in Kaiserreich, Weimarer Republik und Faschismus, die »durch das Fehlen eines marxistischen Gegenbildes wucherte und Sumpfblüten trieb«. Dieses Gegenbild entfaltete Weber in seiner Einleitung, wobei er nicht unkritisch verfuhr. Er sah und thematisierte die Widersprüchlichkeiten und problematischen Seiten des Arndtschen Werkes, die nationalistische »Militanz« und den »undifferenzierten und ins Maßlose gesteigerten Haß auf die Franzosen« sowie die Glorifizierung des eigenen Volkes. Arndts Religiosität reduzierte Weber auf eine pädagogische Funktion: »Um sich den Volksmassen verständlich zu machen«, habe er sich der Sprache des Alten Testamentes und Luthers bedient und dies habe zur »Wiederbelebung seines christlichen Glaubens« und der »Rückkehr zur Gläubigkeit seiner Kindheit und Jugend« geführt. Wohlweislich verfolgte Weber diese für die Kommunisten unangenehme und sperrige Thematik nicht weiter. Alles in allem lässt sich festhalten, dass die Linke die nationale Frage als Etappe bis zum Sieg der sozialistisch-kommunistischen Weltgemeinschaft ernsthaft diskutierte und dem von Arndt verkündeten, glühenden Patriotismus eine fortschrittliche Funktion zuerkannte. Und deshalb hieß die Universität Greifswald ab 1954 wieder ›Ernst Moritz Arndt‹ Universität, was nun 2018 revidiert und Arndt zu den Akten gelegt wurde. Oder soll man mit Leo Trotzki sagen, dass Arndt endgültig auf dem Kehrichthaufen der Geschichte gelandet sei?

Ein Fazit

Es kann kein Zweifel sein: Arndt ist ein vielseitiger, anstößiger, widersprüchlicher Charakter, was sich in der Fülle seines Werkes ausdrückt. Dies zu erhellen und zu entschlüsseln lohnt sich allein schon deshalb, weil ein biographischer Zugang geeignet ist, lebensweltliche Aspekte in für die deutsche Geschichte entscheidenden Entwicklungsphasen zwischen 1806 (Ende des ›Alten Reiches‹) und 1848 (Revolution) sichtbar zu machen. Arndt ist eine historische Schlüsselfigur bei der Konstruktion von Nationalstaat und Nationalismus. Er stand für einen Nationenbegriff zwischen politischer Romantik und Aufklärung, für Überlegungen zu einer Staatsverfassung in vordemokratischen Zeiten, die Legitimation kriegerischer Unternehmungen (Befreiungskriege) und der Entwicklung einer ›Soldatenethik‹.

Nun war es kein fachwissenschaftliches Interesse, das neue Aufmerksamkeit zu Arndt geschaffen hat, sondern das politisch motivierte Anliegen, die Universität Greifswald von ihrem Namenspatron zu befreien. So wie dieses Unternehmen in den letzten Jahren angelegt war, kann ich nur von einer Fortsetzung der Instrumentalisierung Arndts sprechen. Hier gibt es also eine problematische Kontinuität, wobei die gegenwärtige Instrumentalisierung überwiegend vom linksgrünen Lager inszeniert wird, mit politischen Zielen, die weit über Arndt hinausgreifen. Es geht um die Revision von Geschichtsbildern und einer Historiographie, die in unheilvoller Kontinuität mit nationalistischen, antisemitischen und rassistischen Inhalten und Strategien gesehen wird. Die relative Stabilität von Antisemitismus in der deutschen Nachkriegsgesellschaft und die – gerade mit den sozialen Medien verbundene – neue öffentliche Präsenz patriotischer ›Gefühle‹, nationaler und nationalistischer Orientierungen sowie Tendenzen der Repristination ›völkischer Ideen‹, sind für die politische Linke Alarmsignale. Sie sieht sich zur Verteidigung ihrer Version einer offenen, freiheitlichen, pluralistischen, antirassistischen und multikulturellen Gesellschaft herausgefordert. Geschichtspolitik ist dazu ein geeignetes Instrument, weil die politischen Protagonisten optimistisch darauf setzen, dass ihre linke Erinnerungspolitik bei den relevanten intellektuellen Eliten in Wissenschaft (Hochschulen!), Politik, Kirchen, Medien und politischer Bildung positive Resonanz findet. Umbenennungskampagnen sind ohne gewaltigen Aufwand in Szene zu setzen. Erfolg ist natürlich nicht garantiert, doch das einfache Publikum (vulgo: ›Volk‹) kann erst einmal überrascht und verblüfft werden, denn die Aktivisten können in der Regel mit einem nicht gerade ausgeprägten Geschichtswissen und Geschichtsbewusstsein der von einer Umbenennungsmaßnahme Betroffenen rechnen.

In Fachkreisen, NGOs (v.a. ›Geschichtswerkstätten‹), Kirchen, Medien und politischen Parteien finden sich immer genügend Unterstützer, um solche Kampagnen erst einmal anzuschieben. Weitere Sympathisanten werden im Gestus der Dauerempörung über die ›rechten Tendenzen‹, das Versprechen ›rückhaltloser Aufklärung‹ und gezielte Demonstrationen gewonnen. So kommt es gegenwärtig zu einer neuen Welle von ›Umbenennungsmanie‹, was historisch nichts Unbekanntes ist: Der Althistoriker Herwig Wolfram will eine ›Umbenennungsmanie‹ bereits im 3. Jahrhundert n. Chr. entdeckt haben, als eine Art Namenskampf zwischen Byzantinern und Wandalen.

So geht es voran im 21. Jahrhundert: Greifswald verabschiedet sich von Ernst Moritz Arndt, nicht mehr tragbar ist sein Name für eine Kaserne in Hagenow, in Lübeck gibt es keinen ›Hindenburgplatz‹ mehr und auch die ›Hindenburgdämme‹ auf dem Wege nach Sylt und in Berlin sollen weichen. In Berlin plant das Bezirksamt Mitte derzeit die Umbenennungen von Straßen im sogenannten ›Afrikanischen Viertel‹ im Wedding, die teilweise nach Aktivisten des deutschen Kolonialismus wie Adolf Lüderitz (1834–1886) oder Gustav Nachtigal (1834–1885) benannt sind. Was ist mit der Waldersee-Straße in Berlin-Reinickendorf, benannt nach Graf von Waldersee, der 1900 den Boxeraufstand in China blutig niederschlug? (Kaiser Wilhelm II: ›Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht!‹). Es ist bislang noch nichts geschehen, wohl weil der Bezirk von der CDU geführt wird… Ich habe lange in Berlin-Schlachtensee gewohnt, in der ›Spanischen Allee‹. Nur weil sehr wenige wussten und wissen, dass diese Straße bis 1939 ›Wannseestraße‹ hieß und dann von den Nazis im Andenken an das ›glorreiche‹ Eingreifen der deutschen ›Legion Condor‹ im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Franco-Faschisten (Zerstörung von Guernica, 1937) umbenannt worden ist, hat offenbar noch keine öffentliche Kampagne stattgefunden. Vielleicht sollen auch keine schlafenden Hunde geweckt werden, denn die Schlachtenseer haben sich an ihre Spanische Allee gewöhnt… Die ›Beuth-Hochschule für Technik‹ in Berlin streitet seit Herbst 2018 in einem ›ergebnisoffenen Dialog‹ um die Umbenennung der Einrichtung wegen des offensichtlichen Antisemitismus ihres Gründers Christian Peter Wilhelm Beuth (1781-1853), der, gemeinsam mit anderen bedeutenden Geistesgrößen (siehe oben) Mitglied der antisemitischen ›Deutschen Tischgesellschaft‹ war. Die Umbenennung ist nur noch eine Frage der Zeit. Wollte man Beuths Name allein nur in Berlin aus aller Öffentlichkeit tilgen, dann hätten die Putzkolonnen sehr viel zu tun, denn es müssten nicht nur die beiden Beuth-Straßen in Mitte und Niederschönhausen umbenannt werden. Und was müsste geschehen, wenn sich diese Aktivitäten auf alle weiteren Mitlieder der ›Tischgesellschaft‹ und auch anderer nationalistischer Vereine erstreckten?

Was kommt als Nächstes? Die Umbenennung der drei Arndt-Straßen in Berlin (Kreuzberg, Mahlsdorf, Adlershof) und dem Arndt-Platz (Adlershof)? Was ist mit den drei Fichte-Straßen in Berlin-Bohnsdorf, Kreuzberg und Hermsdorf? Die Brentano Straße in Steglitz? Die Clausewitz-Straße in Charlottenburg? Der Savignyplatz? Die Schinkelstraße in Grunewald und der Schinkelplatz in Mitte? Alle diese Herrschaften waren Mitglieder der ominösen ›Tischgesellschaft‹, wenn sie auch nicht, wie Beuth, mit antisemitischen Äußerungen besonders aufgefallen sind.

Es ist einzuräumen, dass mit dieser Geschichtspolitik auch ernsthafte Motive verbunden sein können. Und so halte ich fest:

1. Umbenennungen sind in einer demokratischen Gesellschaft prinzipiell legitim, wobei ein starkes Motiv sein kann, eindeutig identifizierbaren Schaden von der freiheitlich-demokratischen Grundordnung abwenden zu wollen. Hierfür sind Kriterien über ›Schaden‹ und ›Nutzen‹ zu entwickeln. Eine besonders schwierige Aufgabe ist es, das aus aktueller Sicht ›Belastende‹ zu den ›Leistungen‹ der historischen Persönlichkeit (und/oder Institution) in Geschichte und Gegenwart ins Verhältnis zu setzen.

2. Umbenennungsabsichten und entsprechende Aktivitäten können aber darauf hindeuten, dass damit die politisch gezielte Tilgung historischer Persönlichkeiten aus dem kollektiven Gedächtnis einer Nation intendiert ist. Das ist ein schwerwiegender, gesamtgesellschaftlich relevanter, Vorgang. Gerade deshalb bedarf es sorgfältiger, wissenschaftsgestützter Recherche und eines kritischen, ergebnisoffenen wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurses, in dem auch die Motivlagen der streitenden Diskursträger sichtbar werden müssen (›Erkenntnisinteresse‹).

3. Historische Persönlichkeiten sind immer, nach Maßgabe des aktuell verwertbaren Quellenbestandes, komplex, d.h. auch widersprüchlich und unterschiedlich interpretierbar, je nach dem Erkenntnisinteresse der beurteilenden Personen und Institutionen.

4. Bei der Beurteilung historischer Persönlichkeiten ist zu berücksichtigen, was von dem auf uns gekommenen ›Erbe‹ (oder den ›Überresten‹) – bei kritischer Beurteilung bisheriger ›Traditionspflege‹ – noch heute als ›Tradition‹ weitergegeben werden kann und soll. Dazu leisten die interdisziplinär aufgestellten Geisteswissenschaften, um dem alten Terminus die Ehre zu geben, seit vielen Jahrzehnten hilfreiche Unterstützung. Sind bei der Sichtung des ›Erbes‹ (im weitesten Sinne der ›Quellen‹) strenge geschichtswissenschaftliche Kriterien anzulegen, so kommen bei der Entscheidung über ›Tradition‹ zahlreiche nichtwissenschaftliche Faktoren zum Tragen (z.B. Geschichtskulturen, gesamtgesellschaftliche Stimmungslagen, ideenpolitische Grundwerte, politische Motive und Ziele), die Gegenstand kritischer Diskurse sein müssen.

5. Geschichtspolitik schwankte immer zwischen ›Aufklärung‹ und ›Manipulation‹. Das ist in gesellschaftlichen Diskursen zu Umbenennungen in Rechnung zu stellen, vor allem wenn sich die ›Experten‹ (wer ist einer?), die sich in der Regel nicht einig sind, anschicken, das ›unwissende Volk‹ mit volkspädagogischer Energie zu belehren.

6. Im Falle Ernst Moritz Arndts ist die Geschichtspolitik m.E. auf den abschüssigen Pfad geraten, einseitig Begründungen und Rechtfertigungen für die ›damnatio memoriae‹ zu gewinnen. Es geht hier eben nicht nur um eine Umbenennung, sondern die Tilgung einer historischen Persönlichkeit aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen.

7. Es ist nicht zu bestreiten, dass Arndts Werk mit einem religiös-kulturell aufgeladenen Nationalismus, xenophobischen (›Franzosenhass‹) und antisemitischen Tendenzen sowie rabiater, aggressiver Rhetorik imprägniert war. Das ist kritisch zu reflektieren, aber darauf lässt sich Arndts Werk nicht reduzieren. Er war kein großer Historiker, trotz mancher bemerkenswerter Beobachtungen zu nationalen Charakteren und ›Eigenschaften‹, aber ein sehr guter Geschichtenerzähler mit kraftvoller Sprache und bildhaftem Ausdruck.

8. Er hat als Angehöriger der intellektuellen Elite des Bildungsbürgertums einen bemerkenswerten Beitrag zur Entstehung eines deutschen Nationalbewusstseins und einer deutschen Identität geleistet. Das hören die politischen Eliten von heute und ihre Unterstützer in den Medien gar nicht mehr gern, sondern überziehen die Träger neuer nationalinspirierter Diskurse mit dem platten Vorwurf des ›Rechtspopulismus‹, wenn nicht gar noch schlimmer. Aber so lässt sich die Frage nach der Bedeutung der Nation und des Nationalbewusstseins im Zeitalter der Globalisierung eben nicht erledigen.

9. Arndt ist nicht nur als ›Ideologe‹ des Nationalismus zu sehen. Er hat bis an sein Lebensende auch einen Patriotismus seiner Pommerschen Heimat vertreten und mit seiner Würdigung anderer Völker, in Sonderheit seiner Verehrung für Schweden, auch eine kosmopolitische Seite gezeigt.

10. Arndt hat den Krieg als Befreiungskrieg eines imperialistisch beherrschten Volkes bejaht, obgleich mit religiöser Weihe. Das letzte ist ihm zum Vorwurf gemacht worden. Er hat aber zugleich Gewalt und Soldatenwillkür verurteilt und eine ›Soldatenethik‹ formuliert, die auch Befehlsverweigerung aus Gewissensgründen einschloss.

11. Arndt hat die dynamische Wirkung von Religion für die Herausbildung und politische Stabilisierung der Nation hervorgehoben. Obwohl die nationbildende Funktion von Religion längst als geschichts- und religionswissenschaftlich belegt gilt, wird dies von hartnäckigen Vertretern der These von der vermeintlich unaufhaltsamen ›Säkularisierung‹ als weltgeschichtliches Phänomen bestritten. Arndt hatte zweifellos richtig die funktionale Bedeutung der Religion für die entstehende deutsche Nation gesehen.

12. Arndt ist in der Deutschen Nationalversammlung (1848/49) für eine Verfassung eingetreten, die erstmals in deutschen Geschichte einen Grundrechtskatalog enthielt. Dieser wurde zum Vorbild für die Weimarer Reichsverfassung und das bundesdeutsche Grundgesetz.

Alles in allem: Es gibt für mich keinen Grund, den Namenspatron Ernst Moritz Arndt zu ächten und ihn aus der kollektiven Erinnerung der Deutschen zu tilgen

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(Zu dem vorliegenden Beitrag existiert ein umfassender Fußnotenapparat. Bei Interesse kann der Beitrag mit Fußnoten – über die Redaktion Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! – vom Autor bezogen werden.)

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