Herbert Ammon
Geopolitik – Zur Wiederkehr
eines verloren geglaubten Begriffs im 21. Jahrhundert

Mein Vater hat das Siegel aufgebrochen.
Den Hauch des Bösen hat er nicht gesehen.
Den Dämon ließ er in die Welt entwehn.
Albrecht Haushofer
Aus universalgeschichtlicher Sicht hat Geopolitik – die Dialektik von Macht, Raum und Zeit – eine bis in die Zeit der alten Hochkulturen zurückreichende Vorgeschichte. Die Schwäche des Begriffs liegt in seinem Determinismus, sein heuristischer Wert in der Wahrnehmung der geographischen und geographisch-historischen Bedingungen politischen Handelns. Er wird sinnfällig in dem Diktum des finnischen Diplomaten und Staatspräsidenten Juho Kusti Paasikivi (1946-1956) im Hinblick auf die prekäre Lage Finnlands im Schatten des (sowjet-)russischen Imperiums: »Man kann nicht gegen die Geographie seines Landes Politik machen.«

Unbeschadet der ideologischen Formel ›Eurozentrismus‹ und allfälliger ›Nationalismus‹ -Attacken soll die Thematik im Blick auf die Zukunft Europas aus europäischer und spezifisch mitteleuropäisch-deutscher Sicht diskutiert werden. Ist vom Begriff ›Geopolitik‹ her die Einnahme einer Perspektive geboten, so ergibt sich der Blickwinkel aus dem Ort unserer historischen Existenz. Den thematischen Zugang öffnet ein Zitat des amerikanische Historikers David P. Calleo, der anno 1980 in kritischer Zuspitzung gegen die vorherrschende, die deutsche Teilung befestigende  These vom ›deutschen Sonderweg‹ schrieb:  »Sogar die Nazi-Episode kann man weniger als Folge eines angeborenen Fehlers der deutschen Kultur interpretieren oder als ein gewissermaßen eigengesetzlich zum Ausbruch kommendes nationales Geschwür, das sich nach einem eigenen inneren Rhythmus entwickelt, sondern als Folge des intensiven Drucks, der von außen auf Deutschland lastete. Geographie und Geschichte hatten sich verschworen,  Deutschland zu einem späten, raschen, anfechtbaren und umkämpften Aufstieg zu verhelfen. Die übrige Welt reagierte darauf, indem sie den Emporkömmling zermalmte. Wenn im Verlauf dieses Prozesses dem deutschen Staat die guten Manieren abhanden kamen und er von einem bösen Dämon besessen wurde, lautet die richtige Schlussfolgerung nicht so sehr, dass die Kultur in Deutschland auf extrem schwachen Füßen stand, sondern dass sie überall zerbrechlich ist.« (Calleo, S. 23).

Im Unterschied zur US-amerikanischen Vertragsgesellschaft, geprägt von zukunftsorientiertem, ›geschichtslosem‹ Bewusstsein, von universalistisch-ethischen Impulsen und kapitalistischer Zweckrationalität, repräsentiert die Kultur des ›alten‹ Europa, der westlichen Halbinsel des Kontinents Eurasien, den Begriff okzidentaler Rationalität in seinen historisch bedingten Widersprüchen. In den historisch geprägten Gesellschaften Europas entfaltete sich der kulturell prägende bürgerliche Freiheitsbegriff, verwurzelt im Personenbegriff des Christentums und vermittelt durch Humanismus, Reformation und Aufklärung, seit dem 18. Jahrhundert in sichtbarem Widerspruch von christlich-religiöser Tradition und Aufklärung. Der Aufklärungsprozess mündete – anders als in dem naturrechtlich gestützten »Wertesystem« (Talcott S. Parsons) der Weltmacht USA – in einen umfassenden Transzendenzverlust (›Tod Gottes‹), welcher in Deutschland – sub specie Auschwitz – das zeitgenössische Bewusstsein eines moralisierenden Nihilismus konstituiert. Zusehends fungiert das Holocaust-Gedenken als zivilreligiöser Überbau im ›zusammenwachsenden‹ EU-Europa.

Für die nicht zufällig mit dem epochalen Mauerfall neu einsetzende Debatte um ›Geopolitik‹ sind die genannten kulturellen oder kulturpsychologischen Momente von erheblicher Bedeutung. Sie überschatten die historische Reflexion über die Kausalität der deutschen und europäischen Katastrophe und trüben den Blick für die weithin von geopolitischer Faktizität bestimmte Zukunft. Im folgenden werden Thesen zu den machtgeschichtlichen Dimensionen der Thematik sowie zur aktuellen Wirkkraft geopolitischer Faktoren im globalen Kontext des 21. Jahrhunderts vorgestellt:

I

Geopolitische Faktoren sind in der gesamten, für die Ortsbestimmung der Gegenwart maßgeblichen Geschichte der Neuzeit wirksam. Sie sind angelegt im Scheitern der abendländisch-mittelalterlichen Kreuzzüge, im dekretierten Verzicht Chinas auf maritime Vorstöße nach Westen (1436), im Untergang von Byzanz (1453) und in der Blockade des östlichen Mittelmeers durch die Osmanen. Sie wurden seit der Epochenwende manifest in der überseeischen Expansion Europas. Im Westen lösten Portugal, Spanien, die Niederlande und England einander als führende Seemächte ab. Nach dem ›teutschen Krieg‹ schufen die Mächte durch den Westfälischen Frieden 1648 ein auf ein schwaches Zentrum gegründetes, relativ dauerhaftes Friedenssystem, gesichert durch das »Jus Publicum Europaeum« (Carl Schmitt). Nach dem Spanischen Erbfolgekrieg wurde im Frieden von Utrecht (1713) die ›balance of power‹ als Friedensprinzip festgeschrieben. Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) mündete die Rivalität der fünf großen Mächte (1+4 = Großbritannien, Frankreich, Österreich, Preußen, Russland)) in den ersten europäischen ›Weltkrieg‹.

Denker der Aufklärung stellten im 18. Jahrhundert wirkungsmächtige geopolitische Konzepte bereit. David Hume definierte 1741 die britische Hebelposition als Garantie der Ausbreitung der Freiheit auf dem Kontinent (On the Balance of Power). Montesquieu deutete den »Geist der Gesetze« (De l'ésprit des lois, 1748) eines Landes als Ausdruck von Geographie und Geschichte. Er gab den freiheitlichen Seemächten den Vorzug und prägte das bis heute – etwa im Hinblick auf Russland – wirksame Bild der »orientalischen Despotie«. Diderot (Contributions à l´histoire des deux Indies, 1780) propagierte die französische koloniale Expansion in Konkurrenz zu England als mission civilisatrice.

II

Mit der Entstehung der USA (Amerikanische Revolution 1776-1783; Verfassung 1787-1789) erwuchs den alten europäischen Mächten ein transatlantisches Gegengewicht mit enormem Potential und universalem Sendungsbewusstsein. Die in der Monroe-Doktrin 1823 begründete de-facto-Allianz der abgefallenen Tochternation USA und des Britischen Empire garantierte die britische Weltmacht zur See bis ins Entscheidungsjahr 1941. Die Monroe-Doktrin proklamierte zugleich den US-amerikanischen Anspruch auf Hegemonie in der westlichen Hemisphäre. Im Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 trat die bereits unter Präsident Thomas Jefferson (Louisiana Purchase 1803; Expedition von Lewis und Clark 1803-1807) auf zwei Ozeane und Gegenküsten ausgerichtete junge Nation offen in den Kreis der Weltmächte ein. In beiden Weltkriegen fungierten die USA als kriegsentscheidende Macht.

Im II. Weltkrieg bezahlte England das Bündnis mit den USA mit dem Verlust des Empire. Im Zeichen der UNO und der Vision der »One World« traten die USA in Afrika und Asien als Vorkämpfer der Entkolonialisierung auf, im Nahen Osten beerbten die USA England als dominante Macht. Offenkundig endete die »besondere Beziehung« (special relationship) 1956 bei dem von der US-Regierung unter Eisenhower erzwungenen Rückzug der Briten und Franzosen vom Suez-Kanal. Sie kam einseitig erneut in der im zweiten Irak-Krieg 2003 erwiesenen britischen Gefolgschaft zum Vorschein.

III

Im Gefolge der Französischen Revolution erfuhr das europäische Mächtespiel um Hegemonie und Gleichgewicht eine revolutionär gesteigerte Qualität. Die Kriegserklärung der Nationalversammlung (20.4.1792) an die Fürstenstaaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (an »den König von Ungarn und Böhmen«) mündete in den seit Ludwig XIV. bekannten Ruf nach den ›natürlichen Grenzen‹. Nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. erfolgte die  Kriegserklärung an England. Alsbald entfaltete sich Napoleons revolutionär befeuerter Machtwille im Dienste der Westmacht Frankreich in alten und neuen geopolitischen Dimensionen. Napoleon scheiterte an der britischen Seemacht sowie an den Fakten der Geographie. In Stichworten: Seeschlacht bei Abukir (1798) und ›Flucht aus Ägypten‹ (1799), Trafalgar (1805), Kontinentalsperre (1806), Rückzug aus dem brennenden Moskau (1812).

Nach der Niederwerfung Napoleons kehrte Europa auf dem Wiener Kongress 1814/15 zum Gleichgewichtsprinzip zurück. Die deutschen Staatsmänner, mit Metternich und Hardenberg an der Spitze, beschränkten sich auf die Errichtung des Deutschen Bundes, eines (ausbaufähigen?) Staatenbundes im Zentrum Europas. Im System des Wiener Kongresses 1814/15 fiel den Flügelmächten – der Seemacht England und der Landmacht Russland – das Hauptgewicht zu.

IV

Die auf einen deutschen Nationalstaat zielende Märzrevolution 1848 warf unverzüglich die alten Machtfragen wieder auf. Mangels eigener militärischer Kräfte sah sich die  Frankfurter Paulskirche zur Abwehr der dänischen Annexion Schleswigs auf die noch vom Bundestag entsandten preußischen Truppen angewiesen. Auf den Vorstoß der Preußen am ›Bosporus an der Ostsee‹ fanden sich rasch die konkurrierenden Mächte England und Russland sowie Frankreich zur konzertierten Aktion zusammen, die in den Waffenstillstand von Malmö (26.8.1848) mündete. Das Fiasko von 1848 inspirierte das liberale deutsche Bürgertum zur patriotischen Idee des Flottenbaus, der gewöhnlich allein imperialistischen Zielsetzungen des 1898 gegründeten Deutschen Flottenvereins  zugeschrieben wird.

Die national-demokratische Lösung der ›deutschen Frage‹ scheiterte an der Schwäche und revolutionären Halbherzigkeit des deutschen Bürgertums. Inwieweit ein großdeutscher oder selbst nur ein kleindeutscher demokratischer Nationalstaat für das europäische Staaten- und Machtsystem verträglich gewesen wäre, mag als Gegenstand historischer Spekulation dienen. Nicht anders hätte das vom österreichischen Ministerpräsidenten Fürst Felix von Schwarzenberg (1848-1852) als ›reaktionärer‹ Gegenentwurf ins Spiel gebrachte Projekt eines mitteleuropäischen 70-Millionen-Reiches das Gleichgewicht tangiert. Die Schwarzenberg-Lösung hätte eben den Hegemonialblock geschaffen, der 1914 in den Weltkrieg (als Zweifrontenkrieg) eintrat.

V

Der Krieg gegen Frankreich 1870/71 »bedeutet[e] die deutsche Revolution, ein größeres politisches Ereignis als die Französische Revolution des vergangenen Jahrhunderts«. Durch die Reichsgründung (18.1.1871), so Benjamin Disraeli als Führer der Konservativen im Unterhaus am 9. Februar 1871, »[ist] das Gleichgewicht der Macht völlig zerstört worden.«

Der Aufstieg des Deutschen Reiches zur europäischen Zentralmacht setzte alsbald (im französisch-russischen Militärbündnis 1892/94) die vermeintliche Antithese von Revolution in Gestalt der liberalen Dritten Republik in Frankreich und Reaktion, verkörpert im autokratischen Russland, sowie im Bündnissystem von vor 1914 die klassische geopolitische Konstellation von Seemacht vs. Landmacht außer Kraft. Zugleich potenzierte sich die Rivalität der europäischen Mächte im Zeichen des Industriekapitalismus. Sie kam im Übergang vom Freihandelsimperialismus zum Hochimperialismus, im System von Schutzzöllen (›Neomerkantilismus‹) und in einer neuen Phase kolonialer Expansion erneut in geopolitischen Dimensionen zur Entfaltung.

VI

In den Krisenzyklen des Industrie- und Finanzkapitalismus, in der Dynamik von Überproduktion und Unterkonsumtion, von Spekulation und Kapitalexport, in der nationalstaatlichen Konkurrenz um Rohstoffquellen und Absatzmärkte fanden Imperialismus-Theorien den Schlüssel für die Kolonialkonflikte in Übersee und für den heraufziehenden europäischen Krieg. Die maßgeblich vor dem Hintergrund des Burenkriegs (1899-1902) entwickelten imperialismuskritischen Theorien (John A. Hobson 1902, Rudolf Hilferding 1910, Rosa Luxemburg 1913, Wladimir I. Lenin 1916) fielen zeitlich zusammen mit den auf globale Räume ausgerichteten geopolitischen Doktrinen (Friedrich Ratzel 1897, Alfred Thayer Mahan 1890/1900, Halford Mackinder 1904, Rudolf Kjellén 1899/1916, Karl Haushofer 1924).

Die geopolitischen Raumtheorien verstanden sich als ›realistische‹ Konzepte zur Analyse globaler Machtfaktoren, zugleich als politische Handlungskonzepte. Es handelte sich je nach Perspektive um gegensätzliche und/oder komplementäre Denkschulen. Alfred Thayer Mahan (1840-1914) setzte in The Influence of Sea Power in History 1660-1783 (erstmals 1890) unter den Bedingungen für Seemacht neben Faktoren wie Bevölkerungsgröße, Nationalcharakter und Regierungsform die physische Geographie eines Landes obenan. Die insulare Position der alten Seemacht England diente ihm als Vorbild für das globale Ausgreifen der USA.

Aus britischer Perspektive, in der neben Russland auch die auf eine halbkontinentale Landmasse gestützten USA als Konkurrenzmacht des Empire fungierte, verflocht Halford Mackinder (1861-1947) historische Reflektion mit geographischer Deskription zu geopolitischer Doktrin. In seinem epochalen Vortrag vor der Royal Geographic Society 1904 lenkte er den Blick auf Eurasien (»Euro-Asia«). Eine fernöstliche Gefahr einer Welthegemonie sah er in einem nach Russland ausgreifenden chinesisch-japanischen Reich. Mackinders besondere Warnung galt indes einem – de facto seit 1890 erledigten – Bündnis des Deutschen Reiches mit dem »Heartland« Russland und dessen »pivotal area« Zentralasien. Es handelt sich um eine bis heute bestehende, realpolitisch bedeutsame Befürchtung (Zbigniew Brzezinski 1997). Darüberhinaus erweist ein Axiom des Geographen Mackinder bis heute seine Relevanz: »The actual balance of political power at any given time is, of course, the product, on the one hand, of geographical conditions, both economic and strategic, and, on the other hand, of the relative number, virility, equipment, and organization of the competing peoples.« (In: The Geographical Pivot of History, S. 437).

An Friedrich Ratzels (1844-1904) Raumbegriff anknüpfend definierte der schwedische Geograph und Staatswissenschaftler Rudolf Kjellén (1864-1922), der Erfinder des Begriffs ›Geopolitik‹, den ›Lebensraum‹ als die der Bevölkerung eines Staates angemessene materielle Basis. Karl Haushofer (1869-1946) zog die für Deutschland vermeintlich eindeutigen Lehren aus dem verlorenen Weltkrieg und entwickelte in Fortsetzung der Ideen Ratzels und Kjelléns seine folgenreichen – von Hitler teils applizierten, teils missachteten – geopolitischen Konzepte eines eurasischen Kontinentalblocks, gegründet auf ein Bündnis aus Deutschland, Japan und Russland (in der Zeitschrift für Geopolitik, 1924 ff. sowie in: Wehr-Geopolitik, 1933).

VII

Im I. und II. Weltkrieg erwiesen die ›klassischen‹ geopolitischen Doktrinen – ungeachtet der dezisionistischen Momente im Kriegsverlauf des Ersten sowie der spezifisch irrationalen Fixierungen der NS-Akteure im Zweiten Weltkrieg – ihre realpolitische Relevanz. Der  »Selbstmord Europas« (Paul Ricoeur) entsprang wesentlich der fatalen Logik des Schlieffen-Plans, somit einerseits der im Bündnissystem von vor 1914 verfestigten macht- und geopolitischen Faktizität, andererseits vermeintlicher strategischer Notwendigkeit. Ausschlaggebend für die Niederlage der Mittelmächte 1918 waren die knappen kontinentalen Ressourcen, die britische Seeblockade, nicht zuletzt das materielle Interesse und die Potenz der USA. Das auf Missachtung der Überseemacht USA, auf ›Siegfrieden‹ im Westen sowie auf Machtausdehnung im Osten (bis hinein in den Kaukasus) und gerichtete Konzept der OHL scheiterte an Raum (Vormarsch im Osten nach dem Frieden von Brest-Litowsk [3.3.1918]) und Zeit (Wiederaufnahme des unbeschränkten U-Boot-Krieges, Spekulation auf Kriegsentscheidung vor Entfaltung des amerikanischen Militärpotentials, militärischer Zusammenbruch im August/September 1918).

Im Jahr 1919 schrieb Mackinder sein als Handreichung für die britischen Vertreter in Versailles gedachtes »geopolitisches Meisterstück« (Sempa II) Democratic Ideals and Reality. Als Vorkehrung gegen ungebrochene deutsche Machtambitionen empfahl er einen cordon sanitaire zwischen Deutschland und Russland. Dazu die klassische Formel: »Who rules East Europe commands the Heartland, Who rules the Heartland commands the World-Island, Who rules the World-Island commands the World.« (zit. in Sempa I)
 
Das Buch wurde 1942 neu gedruckt. Mackinders Aufsatz The Round World and the Winning of the Peace erschien im Juli 1943 in »Foreign Affairs«. Gleichsam komplementär zu Nicholas Spykmans »Rimland«-Theorie fanden Mackinders geopolitische Konzepte ihren Niederschlag in der »containment«-Politik der Nachkriegszeit sowie in der geopolitisch angeordneten Blockstruktur, namentlich der NATO. (Vgl. Sempa I, Sempa II)

VIII

Aus spezifisch britischer Sicht sprach Winston Churchill nach dem Finale des II. Weltkriegs 1945 von dem zweiten Dreißigjährigen Krieg. Der fernöstliche Kriegsschauplatz blieb in dieser Perspektive ausgeblendet. Tatsächlich ging dem II. Weltkrieg 1937-1939 ein zweijähriges Vorspiel in Fernost voraus. Es begann mit dem Angriff Japans auf China (7.7.1937). Die imperialistische Aggressionspolitik brachte das nach der ›Öffnung‹ des Inselreiches durch US-Commodore Matthew Perry (1853/54) in wenigen Jahrzehnten zur Großmacht aufgestiegene Japan in unauflöslichen Konflikt mit der Pazifikmacht USA. Im August 1939 erlebten die Japaner ihre erste Niederlage gegen sowjetische Panzertruppen unter General Schukow am Grenzfluss Kwan-long in der Mandschurei. Der Krieg in Fernost endete mit dem von den USA ersehnten Kriegseintritt Stalins gegen Japan und dem Zusammenbruch der japanischen Kwantung-Armee im August 1945.

In Europa steckte Hitler – ungeachtet des Ribbentrop-Molotow-Akommens (Hitler-Stalin-Pakt) vom 23. August 1939 – von Anbeginn des von ihm entfesselten Krieges (1. September 1939), genauer seit der Einlösung der britisch-französischen Garantie und Bündnisverpflichtung für Polen (3. 9.1939), spätestens seit Churchills Übernahme des Kriegskabinetts (10.Mai 1940) in der Napoleon-Falle. Nach der verlorenen »Luftschlacht um England« (»Battle of Britain«) im Sommer 1940 war der Krieg an einem ersten Wendepunkt angelangt. Bereits 1940/41 avancierte die USA erneut zur kriegsentscheidenden Weltmacht. Als – hierzulande gedanklich unerlaubte, kontrafaktische – Hypothese sei dahingestellt, ob Hitler vermittels des von ihm in dieser Phase ins Auge gefassten ›Viermächtepakts‹ (›Kontinentalblock‹ nach dem Modell Haushofers) den globalen Konflikt hätte ›neutralisieren‹ können. Die Basis dafür hätte in der Hinnahme der von Stalins Außenminister Molotow beim Berlin-Besuch 12./13. November 1940 präsentierten Konditionen, orientiert an alten russisch-imperialen, geopolitisch definierten Zielen, bestanden.

Mit dem Entschluss (»Weisung Barbarossa« vom 18.12.1940) zum seit Juli 1940 ventilierten Angriff auf die Sowjetunion, gepaart mit der rassenideologischen Missachtung der einzig anderen Chance eines Befreiungskrieges war das Scheitern von Hitlers Macht- und Lebensraumprojektionen unausweichlich. Die schwache Möglichkeit eines neuerlichen Arrangements mit Stalin (unter der Hypothek einer sowjetischen Vormacht in Europa) ließ Hitler aus ideologischen und psychologischen Motiven unversucht.

Hitlers und  Mussolinis Kriegserklärungen an die USA (11.12.1941) komplettierten das Mächtedrama des II. Weltkriegs. Die USA mochten seit Februar  bis November 1941 (lend-and-lease-Gesetz, Besetzung Islands, Hilfslieferungen an England und die Sowjetunion) de  facto bereits die Rolle einer Kriegspartei  eingenommen haben. Dessen ungeachtet  erscheinen die  nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor (7.12.1941) erfolgten  Kriegserklärungen der Achsenmächte  weder von der Bündnislogik noch vom Wortlaut  des Dreimächtepakts zwingend geboten. Vielmehr entzieht sich unter dem Aspekt  des japanisch-sowjetischen Nichtangriffspaktes (13.4.1941) sowie   insbesondere vor dem Hintergrund des  vor Moskau gescheiterten  deutschen Angriffs (5.12.1941)  das Vorgehen der  faschistischen Diktatoren der realpolitischen, die Kriegschancen abwägenden Logik. 


IX

Vor und während des II. Weltkrieges entwickelte der aus den Niederlanden stammende Theoretiker Nicholas Spykman (1893-1943), ein Kenner der Geopolitik Karl Haushofers, ein zukunftsweisendes geopolitisches Modell. 1938/39 trat er als Gegner des amerikanischen Isolationismus hervor. Für Spykman, Gründer des Institute of International Studies in Yale und Vertreter der realistischen Schule unter den amerikanischen Politiktheoretikern, war die Geographie »die dauerhafteste« (»the most permanent«, zit. in: Zambori) historisch-politische Wirkungskraft, die geographische Lage eines Staates war »the most fundamental factor in its foreign policy« (zit. in: Sempa II). Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, zur Zeit des japanisch-chinesischen Krieges in Fernost, des italienischen Abessinien-Krieges und des Spanischen Bürgerkrieges in Europa, erkannte Spykman die Vorboten eines neuen großen Krieges. Vor diesem Hintergrund spitzte er seine Doktrin in dem Satz zu: »The geographic area of the state is the territorial base from which it operates in time of war and the strategic position which it occupies during the temporary armistice called peace.« (zit. in: Sempa II)

Internationale Politik unterliegt nach Spykman allein der allen Staaten inhärenten Machtdynamik. Aus diesem Faktum ergibt sich das Bild eines sich permanent wandelnden Magnetfeldes. Der geläufige Begriff der Machtpole (etwa in dem 1989/91 untergegangenen ›bipolaren System‹) entspringt dieser Machtmetaphorik. »A shift in the relative strength of the poles or the emergence of new poles will change the field and shift the lines of force.« (zit. in: Sempa II) Staatsräson war für Spykman Machträson, in unverblümt darwinistischer Begrifflichkeit »identical with the struggle for survival« (zit. in: Sempa II).

Unter dem dominanten Aspekt der Geographie subsumierte Spykman, ein Berater (so Wolfgang Baumann) des gemeinhin vornehmlich als idealistischer ›Moralpolitiker‹ betrachteten Präsidenten Franklin D. Roosevelt , 1942 in dem Buch America's Strategy in World Politics: The United States and the Balance of Power zehn Machtfaktoren eines Staates: Fläche, Grenzen, Bevölkerung, Rohstoffe, ökonomisch-technischer Entwicklungsstand, Kapitalkraft, ethnische Homogenität, soziale Integration, politische Stabilität, Moral (»national spirit«), Stärke seiner Feinde. (Sempa II, Zambori). In klassischer Denktradition seit Machiavell – dem amerikanischen moralischen Selbstbild klar entgegengesetzt – ordnete er Moral der Macht unter: »The search for power is not made for the achievement of moral values; moral values are used to facilitate the attainment of power.« (in: Sempa II).

Selbst das für Friedensperioden unerlässliche Machtgleichgewicht unterlag dem Vorbehalt des Machtvorteils, des Gewinns eines »großzügig bemessenen Vorsprungs« der jeweiligen Staaten (»Not an equilibrium, but a generous margin is their objective.« In: Sempa II). In der Konsequenz der ewigen Realität von Macht liegen Allianzen und Rüstungskonkurrenz, zuweilen Krieg. Moralische Abscheu gegen Krieg entspringt nach Spykman verwirrten Emotionen und unklarem Denken. Krieg im 20. Jahrhundert wurde militärisch, politisch, wirtschaftlich und ideologisch geführt, bedeutete somit »totalen Krieg«, so die Schlussfolgerung von Francis P. Sempa (Sempa II).

Für die USA definierte Spykman anno 1942 die bis heute gültige Perspektive auf Europa: »We have an interest in the European balance, as the British have an interest in the continental balance.« (zit. in: Sempa II). Den Globus teilte er in Anlehnung an Mahan und Mackinder in geopolitische Regionen ein. Schlüsselregionen waren Mackinders »Heartland«, die Meeresregionen um Eurasien als »the great circumferential maritime highway of the world«, die »große konzentrische Pufferzone«, bestehend aus Europa, Persien, dem Nahen Osten, Südwestasien, China, Indochina und Ostsibirien. Von besonderer strategischer Bedeutung erkannte er den Bogen vom Nahen Osten über den Golf hin zum »südwestlichen Asien« wegen der dortigen Ölregionen.

 Mitten im Krieg, als das militärische Hauptgewicht der USA noch gegen den Aggressor Japan gerichtet war, prognostizierte Spykman den Aufstieg Chinas und folgerte daraus die Notwendigkeit einer Allianz USA-Japan zur Erhaltung des asiatischen Machtgleichgewichts. Spykman starb am 26. Juni 1943. Aus seinem Nachlass erschien 1944 ein Buch mit dem progammatischen Titel The Geography of Peace. Aus amerikanischer Perspektive, von der kontinentalen ›Insel‹ in der westlichen Hemisphäre aus, revidierte Spykman Mackinders Begriff des ›Heartland‹ zugunsten des ›Rimland‹, der materiell und machtpolitisch zentralen Pufferzone zwischen dem ›Heartland‹ und den angrenzenden Meeren. Die Gefahr für eine Seemacht (USA) liege im Zugriff einer eurasischen Landmacht auf die Randzonen. Mackinders Formel war daher abzuändern. Spykmans auf das ›Rimland‹ gerichtete geopolitische Doktrin lautete: »Who controls the Rimland rules Eurasia, who rules Eurasia controls the destiny of the world.« (zit. in: Sempa II; Zambori).

Die ›Rimland‹-Theorie fand ihren faktischen Niederschlag in dem noch im II. Weltkrieg von den USA ausgehandelten Verträgen mit Saudi-Arabien. Im geostrategischen Rahmen kam sie (als geographisch exakte Entsprechung zu Mackinders ›Heartland‹) in den Paktsystemen der 50er Jahre zum Vorschein.

X

In den amerikanischen Konzepten für eine Nachkriegsordnung und den daraus hervorgegangenen Institutionen (Bretton-Woods-System mit IWF und Weltbank, UNO) treten geopolitische Aspekte kaum hervor. Sie werden allenfalls erkennbar in der Doktrin weltweiten Freihandels sowie in dem antikolonialen Selbstverständnis der amerikanischen Außenpolitik. In den Jahren des Kalten Krieges trat diese ›idealistische‹ Dimension amerikanischer Außenpolitik hinter vermeintlicher geostrategischer Zweckmäßigkeit zurück, insbesondere in der Unterstützung und Fortsetzung des französischen Kolonialkriegs in Indochina.

In der Phase der Entkolonialisierung (zeitlich markierbar mit der Unabhängigkeit Ghanas 1957) traten die USA mit einem vor allem auf Afrika gemünzten Konzept des ›nation-building‹ (innerhalb der als unveränderlich dekretierten Kolonialgrenzen) auf den Plan. Das politologisch fundierte Konzept einer sich auf liberaler Wirtschaftsordnung erhebenden demokratischen Staatsordnung diente nicht nur als Gegenentwurf zu den kommunistisch inspirierten, von sowjetrussischer Seite instrumentalisierten Befreiungsbewegungen. Es sollte zugleich die nach Unabhängigkeit strebenden Territorien in einen vom amerikanischen Interesse her definierten liberalen Weltmarkt einordnen.

XI

Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht des ›Großdeutschen Reiches‹ zerbrach die Anti-Hitler-Koalition in den Jahren 1947/48 an den machtpolitischen, ideologisch zugespitzten Konflikten über die Kontrolle des Kontinents, insbesondere über das Potential des besiegten Deutschland. Der neue Globalkonflikt mündete in den mit teils herkömmlichen, teils ›modernen‹ geopolitischen Instrumenten (komplexe konventionelle und nukleare Waffensysteme, Militärbündnisse) und geopolitischen Zielen (Besetzung von politisch-militärischen Operationsbasen, Sicherung von Energiequellen, Besetzung von geostrategischen Positionen) ausgetragenen Kalten Krieg.

Im Zeichen des atomaren Patt eskalierte der Ost-West-Konflikt dank der durch die europäische Teilung fixierten Hegemonialbereiche nur in Stellvertreterkriegen in der ›Dritten Welt‹ zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Oberhalb dieser Konfliktebene stabilisierte die Rivalität der beiden Weltmächte den Weltfrieden im Zeichen des ›bipolaren Systems‹. War die Hegemonie der östlichen Weltmacht in ganz Osteuropa auf reinen Zwang gegründet und somit stets labil, blieb die ›sanfte‹ Führungsrolle der USA ungeachtet des Vietnam-Protestes im wesentlichen unangefochten. Nur der in tradierten europäischen Machtkategorien denkende General de Gaulle wagte mit dem Austritt Frankreichs aus der NATO-Militärorganisation eine Herausforderung der Führungsmacht. Die von der amerikanischen Kulturrevolution inspirierte ›68er‹-Bewegung trug langfristig zur Festigung der amerikanischen Kulturhegemonie – und Machtposition – bei.

Geopolitische und geostrategische Faktoren bedingten maßgeblich den Zusammenbruch der Sowjetunion (Einmarsch in Afghanistan 29.12 1979, ökonomisch-technische Herausforderung durch die »Strategic Defense Initiative« [SDI] des US-Präsidenten Ronald Reagan ab 1983). Mit dem Fall der Mauer, dem Auseinanderbrechen des sowjetischen Imperiums sowie mit der aufgrund der deutschen Wiedervereinigung forcierten Gründung der EU trat die Weltgeschichte in eine neue Epoche ein.

Nicht zufällig setzte um das Epochenjahr 1989 herum geradezu schlagartig die Aufwertung der Geopolitik ein, bezeichnenderweise noch vor dem Mauerfall zuerst in Polen, zuletzt auch, in deutlicher Zurückhaltung, in dem in seine neue Mittellage gerückten Deutschland. Geopolitik gehörte seit je neben der International Political Economy in den USA, Großbritannien, Israel und Frankreich zum Curriculum der Politikwissenschaft (Baumann). Seit 1976 existiert in Frankreich die von dem Geographen Yves Lacoste gegründete Zeitschrift Hérodote. Revue de géographie et de géopolitique.
 
XII

Für geopolitische Analysen gilt das – von Spykman einst in 51 Karten fixierte – Axiom, dass alle Staatsmänner die Position ihres Landes als das Zentrum der Welt betrachten. Ob für Vertreter der classe politica der Berliner Republik eine solche Annahme zwingend ist, sei dahingestellt. Das Ziel eines Großteils der deutschen politischen Klasse ist die der Verfassung widersprechende, vollständige Aufhebung deutscher Staatlichkeit in einem postnationalen, europäischen Bundesstaat. Inwiefern ein solches Gebilde bereits existiert und sich als global handlungsfähiges Subjekt erweist, muss noch offenbleiben. Mancherlei widersprüchliche Tendenzen (wie die Entstaatlichung im Kontext der Globalisierung) und Fakten (unterschwellige, historisch überkommene Rivalitäten; Rückgriff auf den Staat in der derzeitigen globalen Finanzkrise) stehen diesem Ziel entgegen.

XIII

In einer als historisch offen begriffenen Situation erscheinen aus deutscher Perspektive für das 21. Jahrhundert – in der Konfiguration von machtpolitischen, geographischen, demographischen, kulturellen, ökonomisch-technischen und kulturell-sozialen Faktoren – folgende Bedingungen und Tendenzen (samt Imponderabilien) maßgeblich:

1) Machtpolitisch: Ungeachtet seiner Integration in EU und NATO bestimmt die  geographische Mittellage die historisch-politische Realität Deutschlands. Als große Mittelmacht ist Deutschland eingebunden in ein doppeltes Machtgeflecht, einerseits in das in das durch militärische Präsenz befestigte Hegemonialsystem der USA, andererseits in das im Gefolge des Vertrags von Maastricht (1992) zum zentralistischen Bundesstaat tendierende Staatengebilde EU. Die Behauptung der amerikanischen Position im »euroatlantischen Raum« (bis zum Bug, nicht bis Wladiwostok), so Zbigniew Brzezinski 1997, war das Ziel hinter der Osterweiterung der NATO in der Ära Clinton, wodurch die 1990 zwischen Präsident Bush Sr. und Präsident Gorbatschow getroffene Übereinkunft negiert wurde. Frankreich, für eine eigenständige Rolle gegenüber den USA zu schwach, wies Brzezinski die Kontrolle Deutschlands zu. Im Kontext der bestehenden »Einbindung« agiert und reagiert die deutsche Außenpolitik mit wachsendem, teils verdecktem, teils offenem militärischen Einsatz in den Konfliktfeldern des Balkan, des Nahen Ostens, im Kaukasus, in Afghanistan und am Horn von Afrika. Das Verhältnis zu der geschwächten östlichen Großmacht Russland scheint ungeklärt.

Wie jeder Status quo unterliegt eine solche Definition der europäischen und weltpolitischen Rolle Deutschlands der historischen Dynamik. Vor dem Hintergrund der ›Globalisierung‹ und der aktuellen Zuspitzung im Zeichen der globalen Finanzkrise prognostiziert das oberste Gremium der US-Geheimdienste National Intelligence Council: »Das internationale System, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, wird 2025 fast nicht mehr wiederzuerkennen sein.« (Bericht »Global Trends 2025«). Die Geheimdienst-Auguren prophezeien – zwanzig Jahre nach der skeptisch-relativierenden Prognose Paul Kennedys 1987 – einen ökonomischen, finanziellen, technischen und militärischen Machtverlust der USA.

Eine solche Prognose ist nicht unfehlbar. Immerhin werden im Nahen Osten (Irak, Iran, Israel-Palästina), im Kaukasus (russisches Vorgehen gegen den jüngsten US-Klientelstaat  Georgien), in Mittelasien (Verlust der Militärbasen in Usbekistan und – derzeit dank russischer Demarche anscheinend wieder offen – in Kirgistan), am schärfsten in Afghanistan, der uralten Schlüsselregion am Hindukusch und im Pandschab, die Grenzen der amerikanischen Macht erkennbar. An der Bewältigung dieses Krisenensembles wird sich das Schicksal des neuen Präsidenten Barack Obama entscheiden.

Die künftige weltpolitische Rolle Russlands erscheint manchen Beobachtern als unkalkulierbar. Dem seit Putin erneut erhobenen alten Machtanspruch stehen Negativfaktoren (Einbruch der Rohstoffpreise, fehlende Reinvestitionen zur Modernisierung von Infrastruktur und Industrie, dramatischer Bevölkerungsrückgang, brain-drain) entgegen. Dafür sprechen Phänomene wie der ungebrochene national-russische Patriotismus und die in der wiederbelebten Orthodoxie gegründete Identität.

Das »russische Problem« scheint derzeit ein doppeltes zu sein: Einerseits verfolgt Russland seit Putin und Medwedew nationalrussische Machtpolitik (ohne auf die ideologischen Konzepte der ›Eurasier‹ eingeschworen zu sein). Zugleich fehlt es der russischen Außenpolitik an politischer Flexibilität gegenüber der EU. Umgekehrt schließt die EU von ihrem Selbstverständnis her, nicht zuletzt nach der Osterweiterung, eine auf einen umfassenden ›Europa‹-Begriff gegründete, enge Kooperation mit der östlichen Kontinentalmacht aus.

Die ökonomisch-technischen Daten weisen die ›Schwellenländer‹ China, Indien (?) und Brasilien als kommende Weltmächte aus. Die Rolle der demographisch geschwächten, ökonomisch noch nicht rekonsolidierten Randmacht Japan ist schwer abzuschätzen. Japans Interesse an offenen Märkten deckt sich derzeit mit dem amerikanischen und chinesischen. Rohstoffknappheit sowie Exportabhängigkeit könnte es aber auch wieder in Konflikt zu China und Korea bringen.

Das in den Strukturen der EU geeinte Europa stellt entgegen den Intentionen seiner Protagonisten und der Euro-Bürokratie noch keinen einheitlichen Machtkomplex dar. Zum einen liegt ein politisch umfassend geeintes, eigenständig agierendes Europa entgegen aller Rhetorik nicht im Interesse der USA. Die Vereinigten Staaten stützen ihre Position in Europa innerhalb der NATO-Struktur über ein weit gefächertes System von Militärbasen. Außer ihrer Sonderbeziehung zu Großbritannien verfügen sie über starke Einflussmöglichkeiten in Polen sowie in den baltischen Staaten.

Zum anderen zeichnen sich im Raum der EU-Staaten aufgrund gegensätzlicher Geschichtserfahrungen und Selbstdefinitionen der Eliten der EU-Staaten historisch begründete, stets schwankende Konstellationen und machtpolitische Achsen ab: Skandinavien-Niederlande-England; Polen-Ungarn-Italien; Deutschland-Österreich-Kroatien-Bulgarien; Frankreich-Polen-Rumänien; Deutschland-Spanien. Großbritannien beansprucht eine Sonderrolle. Zugleich hat die deutsch-französische Allianz das Machtdreieck England-Frankreich-Deutschland nicht gänzlich außer Kraft gesetzt. Als Joker kommen Staaten wie Irland, Tschechien, Belgien ins Spiel. Unsicherheitsfaktoren ergeben sich aus der Instabilität der alten und neuen Balkanstaaten sowie dem maßgeblich von Polen betriebenen Anschluss der Ukraine.

Als ständiges Gefährdungsmoment steht im Falle schrumpfenden Wirtschaftswachstums die Frage der Umverteilung im EU-Raum (Panajotis Kondylis). Die von Brüssel betriebene Entmündigung der nationalstaatlich orientierten Staatsvölker könnte unerwarteten Widerspruch auslösen. All das könnte die auf Westeuropa ausgerichtete, für die Gründerväter Schumann-Adenauer-Monnet grundlegende französisch-deutsche Gemeinsamkeit (›Motor der Integration‹) immer wieder in Frage stellen.

Nur kurzzeitig bewährte sich die deutsch-französische Allianz gegen den Widerstand fast aller anderen europäischen Staaten und der USA in der Achse Chirac-Schröder-Putin während des 2003 eröffneten zweiten Irak-Krieges. Das damals erweckte Misstrauen durchzieht die anno 2004 auf 25 sowie 2007 auf 27 Staaten erweiterte EU. Sollte die Türkei (mit einem Bevölkerungspotential von derzeit bereits über 75 Millionen) um 2015 der EU als Vollmitglied beitreten, ergeben sich völlig neue geopolitische Gewichtungen.

2) Ökonomisch-technisch: Noch behauptet das rohstoffarme Deutschland seine auf hoch entwickelter Wissenschaft, Technik und Bildung beruhende Position als ›Exportweltmeister‹. Faktisch ist die ökonomische Basis des deutschen Wohlstands aufgrund der globalen Konkurrenz sowie der Verlagerung der industriellen Produktion in Billiglohnländer im Schwinden begriffen. Damit schwindet die Rolle und der potenzielle Einfluss Deutschlands in der EU. Als gesamtgesellschaftlich schwächende, destabilisierende Faktoren wirken die demographische Entwicklung durch das Anwachsen der Alterspyramide und den Einwanderungsdruck (›Migration‹) aus dem islamisch-nahöstlichen Raum.

3) Kulturell-sozial: Die ökonomischen Unsicherheitsfaktoren sind zunehmend verwoben mit kulturell-sozialen Desintegrationsmomenten. Offensichtlich sind die bestehenden Sozial- und Gesundheitssysteme schon in den nächsten Jahren nicht mehr zu finanzieren. Die in Jahrzehnten gewachsenen Wohlstandserwartungen sind in einer Massendemokratie frei von Konflikten vermittels besserer Einsicht schwerlich zu reduzieren. Die Investitionen in ein durch Verlängerung der nichtberufsbildenden Schulzeit, Verwohlfeilerung von Schulabschlüssen, Masseneinwanderung und soziale Desintegration (›Prekariat‹) verschlechtertes Bildungssystem erfordern rasches ökonomisches Wachstum zur Finanzierung. Umverteilung stößt alsbald an politische Systemgrenzen, keynesianisch vermittelte Neuverschuldung setzt den Erfolg der erhofften Wachstumsimpulse voraus.

Die anhaltende Einwanderung, verquickt mit dem rapiden Anwachsen einer Bevölkerung mit ›Migrationshintergund‹, d.h. einer jungen Generation ohne historisch-kulturelle, selbst sprachliche Bindung an das Einwanderungsland, resultiert in absehbarer Zeit in die Herausbildung eines »externen Proletariats«. (Arnold Toynbee) auf deutschem, europäischem Boden. Unter den bereits auf 35% der schulpflichtigen Jugend bezifferten Einwanderern stellen die aus der Türkei (Türken, Kurden, Lasen / Nationalisten, Islamisten, ›Linke‹/ Sunniten, Alewiten, Yeziden usw.), aus dem nahöstlichen Krisenraum (Palästinenser) sowie aus dem Maghreb, allgemein aus dem islamischen Kulturkreis stammenden Jugendlichen einen hochpolitischen Risikofaktor dar. Höhere Kriminalitätsraten, Diskriminierungsklagen sowie Umverteilungsforderungen gehören zu den sozialen Kosten der unverminderten ›Migration‹. Die Tabuisierung der Thematik seitens der politischen Klasse und der etablierten öffentlichen Meinung könnte in absehbarer Zeit zur realen Zuspitzung ethnisch-sozialer Probleme beitragen.

Angesichts eines fehlenden integrationspolitischen Assimilationsdrucks seitens der deutschen Eliten, welche umgekehrt die deutsche Bevölkerung kontinuierlich unter Faschismusverdacht (›rechts‹) stellen, dürften – abgesehen von ihrer ideologischen Qualität – die einerseits universal-menschenrechtlich begründeten, andererseits auf die deutsche NS-Vergangenheit orientierten ethischen Maximen ihre gesamtgesellschaftliche Funktion (›Integration‹) alsbald einbüßen. Realistischer und längst erkennbar ist die Herausbildung eigener Eliten unter den Einwanderern, die, begleitet von ›Rassismus‹-Vorwürfen an die Einheimischen, Eigeninteressen verfolgen, gepaart mit der Orientierung an Kultur und Interessen ihrer Heimatländer. Im Falle von Konflikten bis hin zu ›asymmetrischen Kriegen‹ ist die Parteinahme ›für die eigene Sache‹ vorauszusehen.

Die angedeuteten Gefahren einer umfassenden Desintegration, verquickt und verschärft durch globalpolitische Konflikte, sind konstitutiv für das von Émile Durkheim benannte Phänomen sozialer Anomie. Am Horizont eines hier bewusst düster gezeichneten Szenarios erscheint der Zerfall der liberalen Demokratie, das bellum omnium contra omnes und die diktatorisch gebändigte Anarchie. »Das Lager ist der Nomos der Moderne« (Giorgio Agamben).

XIV

Gilt es den skizzierten schlimmsten Fall (›worst-case scenario‹) abzuwehren oder auszuschließen, so bedarf es eines klaren Selbstbewusstseins und eines situationsgerechten Instrumentariums. Man mag dieses in der an der europäischen Realität des anbrechenden Industriezeitalters entwickelten marxistischen Gesellschaftsanalyse suchen. Die marxistische Analyse der stets neu hervorbrechenden Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise vermag deren krisenhaften Momente zu benennen, nicht jedoch zu lösen. Die Auflösung aller Widersprüche in einer friedlichen Utopie gehört ins Reich politischer Theologie.

Die von der traditionellen ›Linken‹ angestrebte humane Machbarkeit der Geschichte zielt angesichts der skizzierten geopolitisch-machtpolitischen und historisch-kulturellen (›ideologischen‹) Gegebenheiten in mancherlei Hinsicht an der Wirklichkeit vorbei. Zur Klarstellung: Diese Feststellung ist nicht mit der Bejahung von blindem, amoralischem Dezisionismus gleichzusetzen. Als historisches Faktum gilt indes festzuhalten: Von den Französischen Revolutionskriegen bis in die Gegenwart (Kosovo-Krieg, Afghanistan) haben sich ›linke‹ Akteure derselben militärischen Machtinstrumente bedient wie ›rechte‹. Dem Credo der universalistischen ›Linken‹ – heute gewöhnlich im Gewand des westlichen menschenrechtlichen Universalismus – steht die Einsicht entgegen: »Das einzige, wofür der Universalismus bürgen kann, ist die Verwandlung aller Kriege in Bürgerkriege.« (Panajotis Kondylis).

Zur historisch-politischen Wirklichkeit von heute, in der nicht aufhebbare Widersprüche zum Vorschein kommen, einige Beispiele:

– Gänzlich unberechenbar erscheint die Rolle der Atommacht Pakistan.

– Im Hinblick auf die neue Weltmacht China mag man das Land mit geschätzten 1,3 Milliarden Menschen im Rahmen seiner derzeitigen Grenzen für territorial selbstgenügsam oder für expansiv, für friedfertig oder für kriegslüstern halten, am Selbstverständnis der Han-Chinesen als ›Reich der Mitte‹, an ihrem machtpolitischen, ökonomisch-technischen Potential (einschließlich des Löwenanteils amerikanischer Staatsanleihen) und ihren zwangsläufig globalen (und außerglobalen) Ambitionen ändert eine solche Einschätzung nicht das mindeste.

– Eine Lösung des für den Frieden in Nahost zentralen Israel-Palästina-Konfliktes mag man für überfällig und wünschenswert halten, eine friedliche Lösung rückt dadurch nicht näher. Der Gedanke sei erlaubt, dass es sich im Falle einer ›Lösung‹ innerhalb des islamischen Spannungsbogens allenfalls um eine temporäre Stornierung des Konflikts handeln dürfte.

– Das Elend im postkolonialen Afrika mag man den alten Kolonialmächten anlasten und die Jagd nach Mineralien für westliche Hochtechnologie der kapitalistischen Raubgier – derartige Analyen ändern nichts an chinesischen (›kommunistisch-kapitalistischen‹) Interessen an den Ölvorkommen im Sudan und Angola noch an der Barbarei der schwarzafrikanischen warlords und ihrer Kindersoldaten.

XV

In summa: Geopolitische Fakten und Momente erweisen ungeachtet der immensen Steigerung der militärischen Vernichtungspotentiale seit 1945, des veränderten Zeitfaktors im digitalen Zeitalter sowie des Ausgreifens der großen Mächte in den Weltraum ihre historische Wirkungsmacht. (Als aktueller Beleg sei das soeben eröffnete Rennen um die Rohstoffressourcen in den Polarregionen erwähnt.) Der ›ewige Friede‹ (Immanuel Kant) mag im Hinblick auf die Zukunft der Menschheit erstrebenswert und geboten sein, er bleibt angesichts der antagonistischen Momente in einer multipolaren, pluralen Welt ungesichert. Vor dem skizzierten Hintergrund ergeben sich für eine an existenziell deutschen Interessen ausgerichtete deutsche Politik folgende Fragen:

1) Besteht für das historisch belastete Deutschland angesichts der demographischen Krise noch eine auf historische Selbstbehauptung gerichtete Zukunftsperspektive? Ist die sich in nahezu allen Industrieregionen des Landes abzeichnende Orientalisierung noch aufzuhalten? Welche geopolitischen Perspektiven ergeben sich in einer Generation für multiethnische bundesrepublikanische Eliten?

2) Gibt es in Deutschland noch Eliten, die ihr Denken auf das eigene Land ausrichten? Wenn ja, wie lässt sich das in deutscher Wissenschaft, Technik und Bildung vorhandene Potential politisch in humanem Sinne mobilisieren? Wie kommt ein von neoliberaler Wirtschaftspolitik in nationalen Besitzständen geschwächtes Land zu neuer ökonomisch gestützter Handlungsfähigkeit?

3) Wie entkommt das heutige Deutschland, »umzingelt von Freunden« dixit Volker Rühe, CDU-Verteidigungsminister unter Bundeskanzler Kohl, der transatlantischen Abhängigkeit und dem unter Nicolas Sarkozy erneut evidenten europäischen Dreiecksverhältnis England-Frankreich-Deutschland? Wie könnte eine Führungsliaison von Deutschland und Frankreich die stets präsente innereuropäische Achsenbildung zugunsten einer gesamtkontinentalen Ausrichtung neutralisieren?

4) Kann ein politisch handlungsfähiges Europa auf einer umfassend vertieften deutsch-französischen Allianz gegründet werden? Wie kommen Deutschland und Frankreich zu einer – fraglos aus französischer Sicht unverzichtbaren – nuklear gestützten, gemeinsamen Sicherheitspolitik und Militärstrategie? Wie vertragen sich unsichere französische Präpotenz und unsichere deutsche Machtvergessenheit? Wie sichern die beiden europäischen Mächte technisch sinnvoll und politisch verantwortungsvoll die Versorgung mit Energie und Rohstoffen?

5) Könnte und sollte eine deutsch-französische Führungsallianz aus gesamteuropäischem Interesse eine Interessengemeinschaft mit Russland herstellen? Russland verfügt über mehrere geopolitische Optionen, zum einen über die Achse Moskau-Teheran, zum anderen über das Bündnis mit Japan und/oder China. Ist die von Russland über die Schanghai-Gruppe verfolgte Option tragfähig? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die rohstoffarme westliche Halbinsel Europa? Wenn nein, wäre eine Allianz mit dem von imperialem Selbstverständnis geprägten Russland zukunftsreich? Wie könnte die Achse Paris-Berlin im Falle einer Verbindung mit Russland eine simple Unterwerfung unter die zentralistisch-imperiale Dynamik des russischen Großreiches abwehren?

6) Vorstellbar ist der umgekehrte Fall eines fortschreitenden Niedergangs Russlands aufgrund seiner prekären Lage (Bevölkerungsschwund, brain-drain, offene Grenzen im Fernen Osten, Dauerkonflikte in der Schlüsselregion Kaukasus, labile Diktaturen in den aus dem Imperium herausgelösten asiatisch-islamischen Staaten). Wie könnte und müsste ein ›deutsch-französisches‹ Europa auf den möglichen – und von einigen US-Thinktanks angestrebten – Zerfall der eurasischen Macht Russland reagieren? Wäre eine deutsch-französische oder französisch-deutsche Entente in der Lage, die in der EU widersprüchlich vereinten Staaten und Völker, insbesondere die ›gebrannten Kinder‹ in Ostmitteleuropa, vom europäischen Interesse und Nutzen einer Allianz mit dem europäisch geprägten Russland zu überzeugen?
 
7) Wie könnte eine deutsch-französisch dirigierte EU das vorhandene ökonomisch-technische und kulturelle Potential (in Form geschärfter historischer Sensibilität auf deutscher Seite) fruchtbringend in eine kontinentale Allianz einbringen? Wäre es ratsam – etwa im Rahmen einer umfassenden Reorganisation der Nato –, die derzeit noch »einzige Weltmacht« (Brzezinski) USA zum Verzicht auf ihre europäischen Stützpunkte zu bewegen? Wäre Europa ohne den atomaren Schutz- und Erpressungsschirm der USA machtpolitisch überhaupt handlungsfähig? Nach der soeben von dem Atlantiker Sarkozy vollzogenen Rückkehr Frankreichs in die Militärorganisation der NATO scheint die hier anvisierte europäische Option wenig aussichtsreich.

8) Unsere Überlegungen münden in skeptische Fragen: Ist entgegen allen bürokratisch verfolgten Bestrebungen in Richtung ›Vereinigte Staaten von Europa‹ ein politisch handlungsfähiges Subjekt ›Europa‹ eine realistische Zielvorstellung? Was bedeutet der von den Eliten angestrebte EU-Beitritt der Türkei für das historisch-kulturelle und geopolitische Selbstverständnis des alten Kontinents? Ist ein solches Europa unweigerlich den global-politischen Ambitionen der USA (sowie ihrer geostrategischen und geopolitischen Interessenallianz mit der Türkei und Israel) ausgesetzt? Wie könnte sich ein solches Europa den – panturanisch motiviert und ideologisiert – nach Zentralasien ausgreifenden Machtprojektionen der Türkei widersetzen?

9) Im Falle des Misslingens einer Integration unter deutsch-französischer und/oder französisch-deutscher Führung: Welche Achsenbildungen sind innerhalb EU-Europas abzusehen, was bedeutete die ›Balkanisierung‹ des Kontinents für ein Land wie Deutschland?

10) Ist ein Europa, in dem sich dank dem geschichtlichen Reduktionismus der (west-)deutschen Deutungseliten die Funktionseliten des Landes in der Mitte ihrer Geschichtsverantwortung entledigt haben, im Mächtefeld des 21. Jahrhundert noch handlungsfähig? Welches Interesse für die historisch-kulturellen Grundlagen und die geopolitischen Koordinaten Europas ist bei den multiethnisch geprägten Eliten der nächsten Generation zu erwarten? Was sollte ihnen an einem – trotz oder wegen des epochalen Umbruchs 1989 – anscheinend historisch widerlegten Land gelegen sein? Wieviel Zeit bleibt dem Land, einst »reich an Gedanken« (Hölderlin), zur Bestimmung seiner Zukunft im mutmaßlich konfliktreichen Pluriversum des 21. Jahrhunderts?

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