11. Jahrgang 2012
Die Rückkehr des Tabus. Scham, Schamgrenzen und Schamlosigkeit im postsouveränen Zeitalter

Wer etwas über Bewusstseinslagen in der westlichen Welt in Erfahrung bringen möchte, kann sich auf den Leitfaden der aktuellen Tabudiskussion verlassen. Für die Wissenschaften stellt sich die Lage etwas anders dar. Reden und Schweigen, Stolz und Scham, Veränderungswille und Beharrungsvermögen, Selbsterhaltung und -zerstörung sind elementare Konstituentien von Gesellschaften, Individuen, Systemen aller Art, selbst bloßen Gedanken, die sich nur um den Preis der Gedankenlosigkeit voneinander trennen oder in ein bloßes Feindschaftsverhältnis überführen lassen. Allgemein gesprochen kann es daher stets nur darum gehen, die Leistungsfähigkeit sowie die Leistungsfähigkeit zunächst des Begriffs ›Tabu‹, sodann der Sache selbst zu beschreiben. An dieser Beschreibung sind von der Linguistik bis zur Rechtswissenschaft alle kulturwissenschaftlichen Disziplinen beteiligt – ganz abgesehen von der Religionswissenschaft, die nicht zu Unrecht hier einen ihrer großen Hebel vermutet. Ganz unvermittelt gerät das wissenschaftliche Denken dabei in einen schwer zu überbrückenden Gegensatz zum populären, das unverwandt an der Vorstellung vom ›primitiven‹, mit allen gebotenen Mitteln zu überwindenden Tabu festhält. Dass auch diese Vorstellung ›kein Tabu‹ sein darf – wer wollte das (und mit welchen Mitteln) der Mediengesellschaft vermitteln?


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