Siegmar Faust

Ein frei denkender Geist, der weder parteilich noch ideologisch festgelegt ist, sondern sich politisch so verhält, dass er instinktiv immer auf die Gegenseite tritt, wenn er spürt, dass das Gesellschaftschiff Schlagseite bekommt, denkt nicht, wie es Politiker oder Journalisten gewohnt sind, in kurzatmigen Momenten der Links-rechts-Masche, die ihnen zwar kurzfristig nutzen, also Vorteile bringen mögen. Ein suchender, irrender, jedoch zweckfrei denkender Mensch, der von seinen Vorteilen absehen kann, wagt sich auch in Wortgefechte mit solchen Leuten, bei denen er eigentlich nur verlieren kann, weil er deren vormenschlicher Gerissenheit nicht gewachsen ist.

Doch derjenige, der vor allem etwas von der Welt verstehen will, also der Wahrheit näher kommen möchte, kann nicht anders und lässt sich immer wieder von Politikern oder Journalisten durch ihren Jagdinstinkt zur Strecke bringen. Denn er denkt und empfindet nicht nur in den Kategorien der Gegenwart, sondern leitet das Verständnis der Gegenwärtigkeit aus dem Vergangenen her, um sich auch eine Zukunft vorstellen zu können. Oder mit Franz Grillparzer weiter argumentiert: »Die Schlauheit ist daher oft scharfsichtiger und fast immer geschickter als ihr verständiges Gegenbild, eben weil sie einen engeren Gesichtskreis hat und man Weniger leichter übersieht als Viel. Nur zu oft aber entgeht ihr der kaum errungene Nutzen, und der Held von heute ist das Gespött von morgen.«

Zwei Journalisten versuchten es schon, angeregt durch ein Biermann-Zitat, mich als Gespött vorzuführen, aber sie haben mich noch immer nicht erlegt oder erledigt. Zu viele alte und jetzt dadurch sogar neu gewonnene Freunde verteidigen mich vehement. Journalisten stehen fast Schlange, mich noch interviewen zu können. Wollen sie mich in den Größenwahn treiben? Haben sie keine interessanteren Objekte auf ihrer Agenda? Ich bin doch schon mehrfach geimpft worden gegen Unrechtserlebnisse. Dadurch hat sich in mir ein Rechtsbewusstsein verfestigt, kein Linksbewusstsein.

Ich nehme trotz vieler Warnrufe solche Herausforderung immer wieder an, ohne mich auf das Niveau der Schlauheit herabzulassen, sondern sehe mich weiterhin der theologisch-philosophischen Weitsicht verpflichtet, auch wenn ich die politisch-ideologischen Fallstricke durchaus sehe, mit denen sie mich fesseln wollen. Aber was die Stasi nicht schaffte, das schaffen auch die schlauen Wutgutmenschen nicht, die immer von vornherein wissen, dass links gut, rechts böse, schwarz-rot-gold falsch und grün-rot richtig ist. Was dabei herauskommt, wenn diese Farben gemischt werden, dass soll jeder selber ausprobieren. Sie wollen jedenfalls als stolze Vertreter des Fortschritts ihre Weltsicht für die einzig richtige behaupten, dazu die Natur bezwingen und den neuen Menschen hervorbringen. Derweil schicken sie eigene Kinder auf Privatschulen.

Totalitäre Gewissheiten scheinen göttlicher Natur zu sein. »Der Glaube braucht die Feinde«, schrieb Georg Diez einst in einer SPIEGEL-Kolumne, denn das wäre, wenn es nach ihm ginge, das »älteste Mittel aller Herrschaft« und suggeriere Sinn. Sorgt wirklich nur feindseliger Sinn »für Zusammenhalt«? Heute teilt eher die Ideologie »die Welt in Die und Wir«, und zwar so anmaßend, infantil und letzten Endes menschenfeindlich wie deren Vorbilder, mögen sie Marx, Herbert Marcuse, Dutschke, Habermas oder als Praktiker Lenin, Stalin, Trotzki, Hitler, Mao, Pol Pot, Castro oder »Che« Guevara geheißen haben.

Ist es nach 100 Millionen Menschenopfern immer noch nicht möglich, endlich einmal zu begreifen, dass gerade jene, die vorgeben, der barbarischen Vorgeschichte der Menschheit den Todesstoß versetzen zu wollen, selber Gestalten dieser Vorgeschichte sind? Wie drückte es Manès Sperber aus? »Sie gehen in den Kampf gegen Götzen mit der Seele von Götzendienern.«

Was können wir noch von diesem jüdischen Schriftsteller, Sozialpsychologen und Philosophen lernen, der es am Ende seines Lebens in Paris gar noch schaffte, aus dem durchaus kritischen Kommunisten Wolf Biermann einen Antikommunisten zu machen?

Wer sich nicht anmaßt, weder ein Heiliger, noch ein Weiser oder Held zu sein, erst der kann jene Demut aufbringen, mit der jede Religiosität beginnt. Das heißt, wie Sperber schrieb, »dass man bei sich wie bei anderen die menschlichen Unzulänglichkeiten als eine Tatsache hinnimmt. Denn wer die Menschheit nicht mit der liebevollsten Geduld betrachtet, der hat nichts von ihr verstanden und wird unausweichlich ihr Feind werden.«

Ich habe ja nichts gegen Gegner, doch die sind von ihrem Wesen her fair und streiten im produktiven Sinn mit mir und ich mit ihnen. Doch Feinde sind jene, die mich willentlich falsch interpretieren, mir falsche Sätze in den Mund legen, mich als Holocaust-Leugner hinstellen oder mir heimliche Sympathie für Nazis unterschieben wollen, um mich heimtückisch oder wütend aus der Gesellschaft herausdrängen und mir die Lebensgrundlage meiner ohnehin kargen Verdienstmöglichkeiten entziehen zu können. Alles Eigenschaften, die Nazis wie Kommunisten, also allen totalitären Ideologen zu eigen sind und weiterhin auszeichnen. Das konnte der ehemalige Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen nur bestätigen: »Das derzeitige Niveau der Gewalt mit Aggression von Linksextremisten sowohl gegen Polzeibeamte als auch gegen zivile Personen und Einrichtungen ist besorgniserregend.« (Reuters, 20.06.2018)

Doch so ungnädig will ich diese Journalisten-Jäger, die in großer Überlegenheit dem Linksextremismus und den roten Göttern mehr zugeneigt sind als einem verlegenen Rechten, gar nicht charakterisieren, weil ich eher Mitleid mit ihnen empfinde, denn, wie es so volkstümlich heißt: ihnen schwimmen die Felle davon. Deshalb konstruieren sich die ach-so-modernen Alle-Welt-Umarmer im Verbund mit den Turbokapitalisten, die ebenso jede Begrenzung und damit das Nationale hassen, ihre Fälle selber zurecht, um die für Sie bedrohliche Wirklichkeit oder den immer weiter angeschwollenen Bocksgesang nicht wahrnehmen zu müssen. Ihr hintergründiges Motiv hat der ehemalige Stasi-Major und Vernehmer Bernd Roth aus Gera aus seiner damaligen Einstellung heraus anschaulich beschrieben:

»Der Blick auf den mutmaßlichen ›Feind‹ weckte immer besondere Emotionen. Es war der Blick eines Jägers auf seine Beute. Die Tatsache, dass der andere davon nichts fühlen konnte, versetzte mich in eine besondere Stimmung. Ich wusste, dass ich alles daran setzen würde, meine Kreise um ihn immer enger zu ziehen, bis er auf dem bewussten ›Stuhl‹ saß.«

Doch die linke Deutungshoheit selbstgefälliger Sesselpforzer bricht europaweit zusammen, ihre angehimmelte Mutti-Kanzlerin wird immer mehr im Sinne des Märchens von Hans Christian Andersen entzaubert. Dadurch entsteht, wie es auch der Cicero-Autor Alexander Kissler sieht, ein panikartiger Alarmismus, »wie er sonst Rechtspopulisten vorgeworfen wird«. Verfolgt man nur die Schlagzeilen in der Presse, dann »lautet das Credo des Teams Merkel: Scheitert die Kanzlerin, scheitert Europa. Tritt Merkel ab, geht der Westen unter. Setzt Seehofer sich durch, ist die Demokratie am Ende. Merkel oder Barbarei.«

Und solche den Stasi-Methoden noch immer verpflichtete Schreiberlinge und deren Hintermänner/Hinterfrauen soll ich noch ernst nehmen? Mir gegenüber haben sie die rote Linie des Anstandes und der Fairnis weit überschritten. Dennoch verzeihe ich ihnen, indem ich jederzeit mit ihnen weiter diskutieren würde. Mit Stasi-Vernehmern habe ich in den insgesamt 17 Monaten Untersuchungshaft schließlich auch gesprochen, leider viel zu viel. Doch seither weiß ich durch Moses: »Du sollst kein falsches Gerücht verbreiten; du sollst nicht einem Schuldigen Beistand leisten, indem du als Zeuge Gewalt deckst.«

Nach dem Zusammenbruch der DDR lernte ich nicht nur das einst gefürchtete Politbüro-Mitglied Günter Schabowski näher kennen, sondern auch die beiden Stasi-Offiziere Hagen Koch und Günter Schachtschneider. Mit ihnen verband mich bald eine Freundschaft, und wir zogen alle drei aufklärend durch die Gegend. Schabowski und Koch leben leider nicht mehr; Schachtschneider wurde im Jahr 2000 als Verfassungsschutz-Mitarbeiter, der er seit 1993 war, öffentlich enttarnt. Danach verschwand er aus Berlin und ich verlor ihn aus den Augen.

Sogar von Geheimdienstlern des BND habe ich mich schon ausfragen lassen, denn sie interessierten sich plötzlich für mich, als ich mit Hilfe der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) am 21./22. Oktober 1989 in Frankfurt am Main einen Kongress organisiert hatte unter der Überschrift »Deutschland einig Vaterland?« Ja, das war damals so entspannungsstörend wie verdächtig. Aber Gott stand mir bei, das Herbeigesehnte geschah.

Gott war und ist mächtig. Ihm vertraue ich entschieden mehr als mir selber oder irgend einem Geheimdienst. Und noch etwas Unvollkommenes fällt mir ein, was mich stärkt und zugleich die Linken entlarvt und sicher erstaunen lässt: Der neue Berliner Flughafen »Willy Brandt« steht noch immer »geschlossen« hinter mir...

Ich werde also nicht irgendwohin fliegen oder fliehen, weder in die innere noch in die äußere Emigration, sondern bleiben, der ich war, der ich bin und auf eigene Faust immer sein werde: »...wie im Himmel, also auch auf Erden...«

Schon in meinem jugendlichen Leichtsinn schrieb ich einst ein in der DDR nie veröffentlichtes, jedoch wenigstens von der Stasi beachtetes Gedicht, angeregt von dem damals etablierten Dichter Günter Kunert, dem es später ebenfalls in den Westen zog. In seinem Gedicht »IKARUS 64« hieß es: Tankweis Tränen im Vorrat: / Fliegen ist schwer.

Unter dem Titel AUCH EIN IKARUS antwortete ich:

fliegen ist leicht
widerspricht da einer
der schon so oft geflogen ist
dass er kaum noch auf-fällt
wenn er stolpert oder fliegt: auf
die straße auf die fresse auf die spitze
so treibt ers
dass er grundlos gehen muss
obwohl er sich kaum noch rühren kann
doch das rührt ja keinen von denen
die hier das land zum himmel erheben

fliegen ist ein kinderspiel

jeder kann mal fliegen
wer einen rundflug bucht
im land der engen horizonte

aber nur jene
die nicht vom himmel fallen
die man so fallen lässt wie uns
wir fliegen wirklich
bis wir kein land im land mehr sehn

wir sind frech wie die spatzen
lässig überfliegen wir städte stätten und staaten
wir sind schuld- und parteilos
sind weder mit vor- noch mit ersatzteilen belastet
mitunter sind wir die reinsten engel oder deren enkel
auf alle fälle sind wir das himmlische kind
und außerdem sind wir überheblich
weil wir nicht patriotisch oder sonstwie idiotisch
auftreten können
müssen wir fliegen
auch wenn es uns schwerfällt.

 

 

 

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