Ulrich Schödlbauer

von Anne Corvey und Ulrich Schödlbauer

 

Nur ein Orakel, das man kennt, kann sich erfüllen und ist wahr.

Das Experimentum Crucis läuft wie geschmiert.

 

Erster Auftritt

 

Iokaste, Teiresias sitzen sich an einem langen Tisch gegenüber.
Von draußen klingen Fetzen des Wortwechsels zwischen Ödipus und Kreon herein.

 

I

(steht auf und schließt das Fenster)
Ich hasse diese miese kleine Schlange Iokaste,
die ihre Geschäfte von anderen erledigen lässt.
Willst du spontan Einspruch erheben? Bitte, schreib es hin.
Dann haben wir einen Dialog.

T

Kein Grund, dich zu beunruhigen.
Gestern im Auto hast du gesagt:
»Das hätte ich mal machen sollen«
und ich habe erwidert: »Aber ich habe Angst.«
Schon vergessen? Du lachst. Ist das etwa kein Anfang?

I

Bitte nicht diesen Quengelton. Erinnere dich daran,
dass du tot bist und alte Geschichten aufwärmst.
Selbst dein Geschlecht ist geborgt,
nebenbei. Aber wir wollen nicht von Dingen reden...

T

... die dir unangenehm sind.
Was willst du eigentlich?
Bleib ruhig. Du brauchst es mir nicht zu sagen.
Mein Auftritt
hat dir missfallen.

I

Ein toller Auftritt.
Der König ist so gut wie tot.
Ich fürchte fast, du willst,
dass ich dich dafür lobe.

T

Überrascht dich das?
War ich nicht gut?
Wenn ich sie nicht überzeugt habe,
so habe ich sie doch beunruhigt.
Der König ist tot von Geburt. Dafür kann ich nichts.
Eher könnte ich sagen, du hast du ihn getötet.

I

Ich habe ihm das Leben gegeben.

T

Eine schöne Gabe. Das erinnert mich
an gewisse Staaten, die Kraftwerke an den Grenzen aufstellen,
um ihre Großzügigkeit unter Beweis zu stellen.

I

Was redest du da?
Von solchen Dingen kannst du nichts wissen.
Der König lebt.
(Spuckt aus.) Mörder.

T

Mörderin, wenn ich bitten darf. Fragt sich nur,
wem der König gehört. Es hilft nichts, wenn wir ihn wie eine Schachfigur
zwischen uns hin und her schieben.
Er ist deiner nicht minder als meiner.
Vielleicht war ich an seiner Geburt mehr beteiligt als du.
Der König hat einen zweiten Leib, den du nicht begreifst.

I

Das ist der Punkt. Unser beider Iokaste
ist immer gut gefahren mit dem, was du
ihr Nichtwissen nennst. Vielleicht wusste sie mehr
als wir alle. Vielleicht wusste sie...
alles. Aber das ist eine Phrase, die man auch weglassen kann.

T

Wusste der König davon?
Und falls er es wusste – mit wem teilt er ihn, diesen zweiten Leib?
Eines scheint mir ganz sicher:
Du weißt nichts.
Du weißt nicht einmal,
in welcher Rolle ihr euch gegenseitig bedient habt.
Wie Iokaste da gleich hinausgehen wird und die Bübchen
vom Spielplatz zu zerren versucht, das hat schon Klasse.
Übrigens ganz umsonst.

I

Kein Wort davon. Sie werden bezahlen
und nicht einmal wissen, dass es für nichts ist.

T

Dafür ist gesorgt. Trotzdem frage ich dich:
Um welchen von all diesen Leibern
hast du dich verdient gemacht?

I

Man könnte denken, du wirst persönlich.
Falls es dich beruhigt:
Zwischen uns war nichts.

T

Das ist nicht wahr. Und die Kinder?

I

Schaustücke fürs königliche Gemüt.

T

Du entziehst dem Drama den Saft.

I

Besser den Saft als den Sinn.

T

Was du sagst, macht mich froh.

I

Dein Humor hat mich schon als Kind erschreckt.

T

Ich wusste nicht, dass er in die Ferne wirkt. Heute zum Beispiel...

I

... regiert uns beide der Hass. Eine schöne Regung,
man könnte sie der Dame opfern, mit der es zu Ende geht.

T

Ich könnte sie deiner Zukunft opfern, sobald...

I

... ich sie mit dir teile, ich weiß.
Schlange, hinterhältige.
Da sieht man es wieder:
die ganze Wahrsagerei dient nur dem Eigennutz.

T

(lacht) Zwanzig Jahre. Ein langer Entzug. Und immer noch süchtig.
Dieser Teiresias ist die fünfundzwanzigste Haut.
Gerade sie wird man nicht mehr los.
Du wirst langsam unruhig, du zupfst an ihr, sie aber
sitzt fest. Ich würde mich gerne ablösen.
Offenbar fehlt das Lösemittel.
Das verstehe, wer will.

I

Hab ichs mir doch gedacht, Schuft.
Du willst dich vom Acker machen.
Aber – mitgefangen, mitgehangen.

T

Ein bisschen frivol bist du geworden in all deinen Jahren.
Das interessiert mich, das ist etwas Neues.

I

Heißt das, du bleibst? Hier? Heute?

T

Was man so nennt. Sagen wir lieber:
ich stehe dir bei, wo doch die Not so groß ist.
Aber es wird dir nichts nützen. Die Gesetze des Volkes
sind unerbittlich und die Sache ist hausgemacht.
Es gibt keinen Christopher Street Day für Inzüchtige.
Umso schlimmer, wenn die ganze Aufführung nur fürs Volk war.

I

Wie mans nimmt. Ich liebe ihn.

T

Ist das wahr?

I

Ich habe ihn in den Tod gestoßen, indem ich ihn
vor dem Tod bewahrte. Nennt man das nicht Liebe?

T

Man könnte es auch Verrücktheit nennen.
Jeder hat da seine eigene Klaviatur. Das hier
ist Liebe als Passion, soweit sind wir nicht.
Auf alle Fälle hat es mich
tief gekränkt, dass du diesen Laios...

I

... den alten Sack...

T

... so nah an dich herankommen ließest.

I

Gegenfrage: Was sollte ich damals tun?

T

Ein königlicher Balg musste her, nicht wahr?
Da hängt man sich das Kittelschürzchen zum Gensammeln um
und nennt es Liebe. Ganz schön durchtrieben.

I

Ich muss dich sehr verletzt haben, mein Lieber.

T

Mein Unverfänglicher, das ist schön wie du jetzt
das Geschlecht wechselst. O die du da hangest
am Baum des Gebärens, ich muss dir etwas gestehen.

I

Da bin ich aber neugierig.

T

Teiresias war nur ein Vorwand, um dich einzuwickeln
und dir ein gutes Gefühl zu geben.
Damals war ich noch nicht so weit.
Das Seheramt gab mir so eine Art...
Festigkeit. Heute könnte ich es vielleicht ausfüllen
– ausfüllen, ja, das ist das Wort.
Aber das steht auf einem anderen Blatt.

I

Teiresias steht uns also noch bevor?

T

Wie mans nimmt.
Aber, ehrlich gesagt, ich bin sein Leben satt,
bevor ich es richtig führe. Es hat keinen Sinn,
die Dinge zu sehen, wie sie sind, und es ist absurd,
sich dabei auch noch in einem Mann zu verstecken.

I

Was willst du damit sagen?
Wir Frauen hätten es besser?
Lernst du es nie?
Das hat dich schon einmal die Identität gekostet.

T

Da draußen redet dein Sohn, der bald sterben wird.
Du wirst vor ihm sterben, aber das kümmert dich nicht.
Warum?
Weil du ihn bereits überlebst.
Er ist dein Sohn und du siehst ihn kommen und gehen.
Du heißt ihn kommen und gehen.
Er heißt der, der auf den Wink einer Frau
kommt und geht. Du kannst das Identität nennen, ich
nenne es Schwäche.

I

Ödipus mein Sohn? Sollte ich das wissen?

T

Darüber sprechen wir die ganze Zeit.
Wissen, Nichtwissen: was heißt das schon? Sag bloß nicht,
du hättest nie eine Ahnung gehabt.
Das mag glauben, wer will. Vermutlich hat dich sein knackiger Hintern
zum Schweigen gebracht. Oder was sonst?

I

Ich sollte dich aus dem Haus werfen.
Aber aus wessen? Lass mich nachdenken.
Es ist sinnlos, gegen eine Barriere zu laufen,
die man selbst vor einem Menschenalter aufgerichtet hat.
Warum bist du nicht meine Freundin geblieben?
Das hätte die Dinge entscheidend verändert.

T

Du darfst die Replik auch wieder streichen.
Ganz wie du dich fühlst.
Geht es dir jetzt besser?

I

Du warst scharf auf diesen Seherposten.
Ich wollte ein Kind.
Was war schon dabei?

T

Nichts, meine Liebe. Gar nichts.

 

Zweiter Auftritt

 

Hirte, Teiresias, Iokaste.

 

Hirte

(draußen vor dem Fenster im Gespräch mit Ödipus)
Von jenem ward er Sohn genannt, doch drinnen
Mag dir am besten deine Frau es sagen.

(Iokaste steht auf und schlägt das Fenster zu.)

T

(spöttisch)
So hörst du es. Der gute Hirte
klärt alles auf. Mir müssen sie vertrauen,
ihm glauben sie. Du solltest ihn jetzt hassen.
Stattdessen liebst du ihn.

I

Iokaste hasst ihn, nicht ich. Was soll der Lärm?

T

Sie werden keine Ruhe mehr geben, bis du deinen Platz geräumt hast.

I

Welchen Platz?
Ich fahre in dem fort, was ich seit langem mache:
Ich ignoriere sie. Den Platz, den sie meinen können,
habe ich schon vor Jahren geräumt.

T

So abgeklärt, Schwester?

I

Schwester hast du mich nicht mehr genannt,
seit wir zusammen auf Schlangenjagd gingen.

T

Du wirst den Grund schon erraten haben.

I

Nachtragend bist du,
übelwollend und nachtragend. Schließlich
warst du es, die auf das Schlangenpärchen einschlug. Oder sollte ich
besser sagen: die dazwischenging? Bis heute habe ich nicht verstanden,
warum du es tatest.
Was geschah dann?
Wurdest du Frau oder Schlange?

T

Frau, Schlange,
wie man es nimmt. Ich habe den Unterschied vergessen.
Es war alles so... wirklich.

I

Du streust Komplimente, ohne hinzusehen.
Oder doch? Erkennst du mich?

T

Nun hör auf zu schmollen, es wird Zeit.
Das Gesetz ist heute nicht auf deiner Seite.
Es zermalmt dich.

I

Wie naiv du bist. Das Gesetz ist nicht auf Iokastes Seite
und ich bin nicht auf der Seite des Gesetzes.
Iokaste ist jetzt an der Seite ihres Sohnes.

T

Ein trostloser Platz, wenn man bedenkt,
dass er den Richterspruch schon gefällt hat.
Ohne Ansehen der Person.
Ich möchte sehen, wie du dich da herauswindest.

I

Immer wollen die Söhne sich für ihre Väter rächen,
nachdem sie sich an ihnen gerächt haben.
Mit diesem Unsinn konnte ich mich niemals anfreunden.
Wenn das so weitergeht, gibt es bald keine Männer mehr.

T

Daran erkenne ich deine Grundangst.
Ich hatte also Recht, mich dir als Teiresias zu nähern.

I

Recht vielleicht, aber keinen Grund.
Und wenn ich es recht bedenke, war auch das Recht nicht auf deiner Seite.
Ich hätte dich dem Volkszorn ausliefern können.
Stattdessen habe ich dich geschont.
Laios war ein gütiger Mensch.

T

Der seinen Sohn umbringen wollte
und zu schwach war, dafür zu sorgen, dass es geschah.
Du hast es hintertrieben, das wissen wir beide.
Dieses Heute ist dein Werk.
Du hast es nicht hergeben wollen, dein Bübchen.
Du hast auf ihn gewartet all die Jahre.

I

Nicht jeder gibt gern den Totschläger.

T

Worauf spielst du an?

I

Ein Schlangengleichnis, es fällt mir nur so ein.
War es nicht sogar zweimal? Ich hörte so etwas.
Das zweite Mal sollte das erste reparieren.
Eine Mordslogik.

T

Ganz recht. Genauso hätte Ödipus Kreon geopfert,
um seinen Mord an Laios zu decken.

I

So kommst du mir nicht davon.
Zwischen Wünschen und Handeln besteht immer noch
ein kleiner Unterschied.

T

Der kleine Unterschied, ich las darüber. Ein Teiresias
macht diesen Unterschied nicht. Er kann ihn nicht sehen,
wenn du verstehst, was ich meine.

I

Ein blinder Seher... Darauf
tust du dir viel zugute. Ich habe mich oft gefragt,
ob du uns nicht alle anführst. Mal soll es Hera veranlasst haben,
mal Athene. Wer weiß, was du den Damen alles erzählt hast.
Ich für meinen Teil denke mir:
Vielleicht ist der Seher blind.
Aber was ist mit der Seherin?

T

Du schmeichelst, um Zeit zu gewinnen.

I

Alle Zeit der Welt.

T

Sie wird dir nichts nützen.
Das Urteil ist vollstreckt. Du bist tot, meine Gute, und Ödipus
ist ein ganz normaler Komplex.

I

Soviel Identität war nie.
Eingewickelt in deine Seherhaut siehst du
wie ein ganz normaler Rechthaber aus.
Ein bisschen mehr Schamgefühl, wenn ich bitten darf.

T

Die alte Schmähsucht an einem solchen Tag.
Als Iokaste warst du mir lieber. Das Weib des Ödipus
hat dich zuviel Substanz gekostet. Du hast den Sohn nicht loslassen können,
ich dich. Da sind wir beide uns nichts schuldig geblieben.

I

Ach die Schuld. In diesem Hause
spricht jeder von Schuld, seit ich zur Tür hereingekommen bin.
Bin ich schuldig, weil ich herkam? Das könnte denen so passen.
Bin ich schuldig, wenn das alte Gerede nicht aufhört?
Ich habe es nicht angefangen
und mich daran nicht beteiligt. Bin ich vielleicht schuld
an einem Orakel, das du ergaunert hast? Ich
habe es nicht bestellt.
Als es auf dem Tisch lag,
habe ich es noch nicht einmal verstehen wollen.
Bin ich schuld daran, dass sich ein Schwächling
vor seinem eigenen Sohn fürchtet?
Lass ihn leben, habe ich gesagt, lass ihn leben.
Jeder normale Sohn überlebt seinen Vater.
Aber er musste die Natur aushebeln,
nur um sich das bisschen Macht zu erhalten. Beim Herkules!

T

Herrlich, die Muskelspiele.
Sie sind den olympischen stets voraus.
Aber du vergisst die Sphinx.

I

Auch da hat man gemunkelt, dass du
dahinter steckst. Ehrlich gesagt, soviel Intelligenz habe ich dir
denn doch nicht zugetraut. Aber sie war ein Ärgernis,
das ist wahr. Dafür hat sie mir schließlich meinen Sohn zurückgebracht.

T

Deinen Sohn?
Von dem du bis eben noch nichts gewusst haben willst?
Iokaste! Du bist es!
Ich kann dir nicht sagen, wie sehr es mich freut.
Gerade noch warst du eins dieser Wesen,
vor denen ich mich fürchte.

I

Des Sehers Furcht ist wenigen gemeinsam.
Nur manche hat des Lebens Sinn
so zugerichtet, dass sie sein bedürfen.
Die anderen leben in der Sonne hin,
die jede Träne trocknet...

T

... außer der,
die aus der Götter Hand in ihren Becher rollte. –
Du siehst, es geht noch, wie in alten Zeiten.

I

Jetzt, wo es zu Ende geht. Du bist und bleibst
ein Geschöpf der Nemesis. Ich sollte vielleicht
die Kinder vor dir in Sicherheit bringen.

T

Kinder oder Enkel?

I

Kindeskinder, wie auch immer.
Ich habe diese Schuld nicht gewollt.

T

So nimm sie auf dich.
Du hättest sie immer auf dich nehmen müssen.
Da gibt es keine Wahl. Du wolltest leben
um jeden Preis. Dass du nichts davon abgeben konntest,
das ist deine Schuld.
Das Leben, das du gabst, sollte in dich zurückfließen.
Besser: Es sollte dich nie verlassen.

I

Und wenn es so wäre?

T

Wider die Natur?

I

Weißt du, Schwester,
ich habe mein Leben gelebt wie jede,
ich habe keine Natur in mir gefunden.
Was die Leute Natur nennen,
scheint mir ein Missverständnis.
Man muss alles zu sich heranziehen,
sonst hat man nicht gelebt.

T

Schwester?
Das gibt mein heutiges Amt nicht her.
Aber solche Worte aus deinem Munde!
Ich könnte ihn dir mit ein wenig Prophetie wässrig machen:
Was du da ausplauderst, das wird man einmal die Gesellschaft nennen.
Die Menschen bauen eine zweite Welt und ziehen dorthin um.
Unsere Welt wird veröden...

I

Jetzt erschreckst du mich aber tüchtig.

T

Gern geschehen. Was wird aus dem, was nach uns kommt?

I

Das ist ein Geheimnis. Entweder es fällt in mein Leben, dann weiß
ich nicht, was es bedeutet, oder es fällt nicht hinein, dann weiß
ich nicht, was es ist. Also, wo liegt die Schuld?

T

Die Schuld liegt in dem, was geschieht.

I

Dann ist alles schuldig.

T

In unterschiedlichen Graden. Wer den Göttern nicht auffällig wird,
lebt gemein, aber unbehelligt.
Jedenfalls ist das die gängige Lehre.
Ich sage nicht, dass sie besonders vernünftig ist,
aber zweifellos ist etwas dran.

I

Nur was? Auffällig oder unauffällig –
das liegt doch nicht in unserer Hand. Diese Iokaste zum Beispiel
führt das unauffälligste Leben unter der Sonne,
sie wandelt in ihren Gemächern umher wie ein freundlicher Hausgeist,
wie eine Erinnerung oder ein Dankeschön,
sie will nichts, was sie nicht bereits hat.
Dennoch ereilt es sie –
in Gestalt einer alten Liebe,
einer Erinnerung wegen, die nicht vergehen will,
um einen dummen Spruch,
der den Leuten nicht aus dem Kopf geht.
Heute ist sie das auffälligste Wesen unter der Sonne.
Du selbst hast sie dazu gemacht, aber du weißt nichts davon
oder willst nichts davon wissen.
Du kommst hierher, um wilde Prophezeiungen auszustoßen.
Bist du sicher, dass du nicht am Ende noch einen Einfluss auf das Weltklima nimmst?

T

Kein schlechter Gedanke, ich könnte mir darin gefallen.
Sie sollen das Rauchen einstellen, sofort!

I

Lass das, auf diesem Feld bist du inkompetent.

T

Was du das Weltklima nennst,
liegt zwischen zwei Sprüchen.
Nicht ich mache sie, sie machen mich.
Als Schlange habe ich gelernt, mich zu häuten. Als Mensch
bin ich allem verhaftet. Aber was ist ein Mensch?
Ödipus hat die Frage nicht gelöst,
sondern entschieden. Er ist in die Falle gegangen.
Die Sphinx hat ihn überlistet. Vielleicht
war ich die Sphinx, ich kann mich nicht erinnern.
Ich war außer mir,
dass man mir den Zugang zu dir verwehrte.
Ich hätte Laios mit eigener Hand getötet.

I

Du wärst nicht einmal an der ersten Wache vorbeigekommen.
Sie hatten auch Hunde im Einsatz. Die Sicherheit des Staates ging über alles.
Wenn ich mich auszog, wusste ich mich von hundert Blicken beäugt.
Wenn ich einen Weinkrampf bekam, verdoppelten sie ihre Anstrengungen.

T

Im Haus des Laios?

I

Im Haus des Laios.

T

Du hättest ihn töten können.

I

Ich habe ihn verhext.

T

Das hätte ich mir denken können. Lege das Schicksal eines Staates
in die Hände einer Frau und sie organisiert Séancen.

I

Lege das Schicksal einer Liebe in die Hände einer Missgünstigen
und du könntest dich ebenso gut erdrosseln.

T

Ich hätte diesen Staat
auf ein Signal von dir in die Luft gesprengt. Ja,
die Sphinx war mein Werk,
ich gebe es zu. Laios hatte keine Chance
und er wusste es. Gib deinen Sohn frei,
er hat mit dem Mord nichts zu tun.
Nur in dir schließt sich die Kette.

I

Es steht mir nicht zu, das Orakel zu korrigieren.

T

Nun, dann erhebe dich aus seinem Schatten.

I

Wohin mit ihm?

T

Ins Nichts mit ihm, wie es bei den Klassikern heißt.

I

Deren Unterricht wir abgeschafft haben, weil er nichts bringt.

T

Gedanken vielleicht. Das wäre doch was.

 

Dritter Auftritt

 

Teiresias, Iokaste, später Ödipus. Iokaste liegt entseelt.


T

Ich spürs, ich spürs. Ich fühle die Verwandlung. Ungerecht bist
du, Göttin, wie eh und je. Ich hätte mich in dieser Rolle festsetzen können.
Mit dem Fall habe ich nichts zu tun. Seit ich ihn kommen sah,
war er der Schmerz meiner Seele. Diese Frau hier habe ich geliebt –
ob als Frau oder Mann, ist mir entfallen. Ich muss dieses Gefühl, sie zu
überleben, nicht haben. Gleich wird in der unappetitlichsten aller Szenen
ihr Sohn hereinstürzen. Dagegen muss man sich wappnen.

I

(Von hinten an sie herantretend)
Was regst du dich auf?
Wie von Sinnen, so von hinnen.
Das ist eine alte Geschichte bei uns Frauen:
dass Überleben und Vergehen so nahe beieinanderliegen.
Ein wenig zäher hätte ich mir unsere Iokaste vorgestellt.
Man hätte mich bei ihrer Geburt konsultieren sollen.
Was solls – liegt die eine darnieder, steht die andere auf.

T

Doppelwesen Frau?

I

Ja, ich habe mit meinem Sohn geschlafen.
Ich habe sogar Kinder mit ihm gezeugt.
Warum soll ich es länger leugnen, ich bin ja tot.
Dieser Tag ist länger als jede Nacht. Alles, was jemals geschah,
geschieht jetzt. Ich habe mein Leben gelebt
und ich lebe es weiter.

T

Tot oder lebendig. Das macht keinen Unterschied.
Doch warum erst jetzt?
Dass du nicht loslassen konntest,
macht dich zur Wiedergängerin.

(Ödipus stürzt in den Raum, blickt irre umher und stürzt wieder hinaus.)

I

Wiedergängerin? Ich?
Der da... Das soll mein Werk sein?
Ich erkenne ihn nicht wieder.
Sohn oder Mann, König nicht länger, ich weiß nicht...
jetzt bin ich nur noch Mutter.

T

Redest du jetzt irre?
So verstörend ist das Ganze nun auch nicht.
Fehlt noch, du hättest ein Trauma. Beim Zeus.

I

Ein Traum, ja, ein Traum... das wird es gewesen sein.
Die Art von Träumen endet immer fürchterlich.
Hätte ich loslassen sollen?
Aber das Kind. Mein Kind! Ein Wunschkind
fürwahr. Ein solches Ende
hätte ich mir nicht träumen lassen.
(Strafft sich, richtet den Blick nach oben.) Da
muss ich jetzt durch!

T

Da müssen wir jetzt durch!

I

Was hast du damit zu tun?

T

Was ich damit zu tun habe? Alles!
Oder nichts, wie mans nimmt. Zugegeben,
wenn das Orakel mein Werk war, wie die Leute munkeln,
dann dachte ich dabei nicht an dein Kind,
eher an dich. Ich wollte diesen Waschlappen Laios
von deiner Seite entfernen, koste es, was es wolle.
Ich wusste, du warst mit mir im Bund.

I

Das ist dir hervorragend gelungen.
Zu einem Spottpreis. Jedenfalls
preise ich deine Weisheit und Umsicht.
Ich sehe, du beginnst dich wieder zu häuten.

T

Wollen wir uns jetzt umeinanderringeln und warten,
dass ein neuer Teiresias des Weges kommt und dazwischenschlägt?
Dieser da scheint ausgedient zu haben. Ich jedenfalls
fühle mich frei von ihm. Es fühlt sich gut an,
nie wieder den Seher geben zu müssen.

I

Dass du dich da mal nicht täuschst.
Ich habe dein heuchlerisches Geschlecht gespürt,
damals, als du mir zusetztest.
Vielleicht wollte ich Sicherheit, als ich mir diesen Sohn zog.

T

Sicherheit durch den Mann? Das Modell
hat ausgedient, meine Liebe. In welcher Zeit lebst du?

I

Die Frage gebe ich an dich weiter.
Wie gewonnen, so zerronnen. Mutterliebe
ist wahrhaft, treu und ewig. Du bist neidisch, weil
dir diese Gefühle versperrt sind. Kein Geschlechterhopping
kann dich befreien. Armselige Kreatur!
Dein Geist ist männlich und dein Körper hungrig.
Dass man das nicht zusammenkriegt,
wen wunderts? Von dir
lasse ich mir kein schlechtes Gewissen machen.

T

Und ich mir von dir keine Krise.

I

Du bist die Krise. La Crisi in permanenza.
Höre die Bluemelin auf dem Felde, wie fein sie läuten.
Einfach, gerade gewachsen streben sie der Sonne entgegen.
Der Sonne? Ach du Scheiße.
Nein, ich möchte dich nicht beleidigen.
Deine krumme Geradheit kreuzt meinen Weg, aber sie hält nicht Schritt.
Lieber wäre mir gewesen,
du hättest dich an deinesgleichen gehalten.

T

Schwester, ich bin es.
Ich war es und werde es immer sein.
Zürne mir nicht zu sehr.
Du bist nicht sehr verschieden von dieser da, der draußen
wird gleich verrecken. Nichts steht uns mehr im Weg, außer...

I

Außer...

T

dem Labyrinth.

I

Dem Labyrinth? Lass mich raten.

T

Dieses Rates bedarf es nicht mehr.
Im Labyrinth des Mannes bist du das Ziel.

I

Oder du? O ja, ich weiß,
du willst mich zu meinem Selbst befreien.
So warst du immer. Ich erinnere mich gut
an den Abend, an dem du glaubtest, dicht vor dem Ziel zu stehen.
Doch du hattest die Rechnung
ohne mich gemacht. Keine stimmt freudig zu,
wenn sie wie auf dem Viehmarkt verhandelt wird.

T

Das musst du mir erklären.

I

Erlösung durch Bevormundung
unter Begutachtung aller Vor- und Nachteile.
Wie würdest du das nennen?

T

Einen Verdacht, einen sehr bösen Verdacht.

I

Einen, der sich im Laufe der Zeit, nein, schon am nächsten Morgen
erhärtet hat. Das war der Moment, in dem unsere Wege sich trennten.
Für immer, wie ich hoffte und glaubte. Dass du mir als Schwester
wiederkehren würdest... Wer konnte das ahnen oder wünschen?

T

Ich bin nicht wiedergekehrt. Ich habe dich nie verlassen.

I

Und wo hast du gehockt die ganze Zeit? Hast mich belauert?

T

Was ich für dich war und bin, geht durch alle Verhältnisse hindurch.
Es berührt sie nicht und wird nicht von ihnen berührt. In mir
bist du frei. Du kannst dich mir anvertrauen oder es lassen.
Ich weiß ohnehin Bescheid. Mir kannst du nichts vormachen.

I

Deswegen fürchte ich dich. Die Schwester, die noch im letzten Winkel
der Seele stochert, ist mir zuwider. Das kann es nicht sein.
Das darf es nicht sein. Du hast doch gar keine Ahnung.
Du weißt nicht, was Schwestersein wirklich bedeutet. Du bist nur ein Opfer,
armselig. Ich sage es wieder und wieder, ein Opfer.

T

Habe ich denn gestochert?
Wo habe ich gestochert?
Bin ich am Ende fündig geworden?
Dein Ödipus ist auch meiner.
Wir haben ihn zusammen ausgetragen,
wir haben uns seine Spiele gemerkt,
wir haben ihn uns aufbewahrt
und du hast ihn dir genommen.
Das war nicht fair, Schwester.

I

Also doch Neid? Wieso an dieser Stelle? Ich dachte, du hättest dein
Coming out gehabt? Ich dachte, dir ging es nur um mich?
Da spricht wohl der Mann aus dir. Oder wie soll ich das verstehen?
Meine Liebe, du bist mir das Labyrinth. Doch du wirst es nicht schaffen,
dass ich mich verirre. Mich kriegst du nie.

T

Ein seltsamer Ort, um den Preis deiner Schönheit zu steigern.
Du entkommst mir nicht.
Uns beide schreckt kein Inzest.

I

Du Wahnsinnsfrau.
Ein Fall von Stalking in der Antike. Die Zeitenfolge
war noch nie deine Stärke. Ein echter Fall
von falschem Bewusstsein. Du, du, du
Wanderin zwischen den Welten.
Nein, der Inzest schreckt mich nicht,
er interessiert mich auch nicht.
Er hat mich nie interessiert. Ödipus war ein Experiment.
Ich bin unschlüssig, ob es gelang. Alles Gelebte rechtfertigt sich selbst.

T

Auch Mord?
Ist das der Gedanke?
Wir beide stehen uns näher, als uns bewusst ist. Andererseits...
Ich kann nicht anders, ich werde es immer
herausschreien: Mord ist Mord ist Mord. Du,
du hast seine Seele gemordet und dazu, was schlimmer ist, deine eigene.
Jedenfalls steht sie mir näher, zu meinem Leid.

I

Das heißt, näher als dir lieb ist.

T

O nein, darin täuschst du dich.
Das hieße ja, ich könnte dich aufgeben, wenn ich nur wollte.

I

Auf deine Weise tust du es doch. Du schickst mich auf eine Reise,
deren Ziel du vage benennst, aber nicht kennst. Auch ich kenne es nicht
und weiß nicht einmal, ob ich es kennenlernen will. Auch scheint mir,
dass es sich entzieht.

(Man hört den Schrei des Ödipus, der sich die Augen aussticht.)

I

Mir wäre lieber, er würde es nicht tun.
Was soll mir ein blinder Sohn?
Die Blindheit des Laios hat ihn das Auge gekostet.
Wer weiß, was seine Blindheit anrichten wird?
Was hat er denn gesehen,
das ihn das tun hieß? Nichts weiter:
nenne es Häuslichkeit, nenne es praktische Vernunft.
Du kannst es auch Leben nennen,
falls du das Wort über die Lippen bringst.

T

Du vergisst deine eigene Blindheit,
die du Ahnungslosigkeit nennst. Aber so blind
ist eine Ahnungslosigkeit nicht, die jedem den Tod bringt,
der sich ihr anvertraut, sogar dir selbst, eine
Ahnungslosigkeit, die ihren Namen
erst noch verdienen muss, ihr Name ist...

I

Wenn ich es recht bedenke, fühle ich meine Entseeltheit jetzt stärker.
Ich weiß nicht, ob ich der Schonung bedarf,
aber sie erschiene mir angemessen.

T

Ich weiß, dass du dich immer entziehst, wenn ich dich brauche.
Ich sollte lernen, dich wegzulassen. Vielleicht ist dieser Tod ein Anfang.
Ich gehe jetzt weg und schließe die Tür. Das ist nur eine Geste.
Wer weiß, vielleicht wird einmal etwas Großes daraus.

I

Was soll schon werden? Von meinen Schwestern bist du die Kleine.
Wenn die Großen schlafen, glaubst du, etwas geht vor, das sich dir
entzieht. Aber so ist es nicht. So nicht.
(Sie richtet sich auf, wendet sich zum Publikum und erhebt die Hände.)

T

So nicht und jetzt nicht, das Spiel geht weiter.
Wir sind jetzt global.
This is a never ending story.
Vorhang bitte.

(Vollzieht dieselbe Geste wie Iokaste, so dass sie beide mit erhobenen Händen zum Publikum stehen.)
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