Renate Solbach: Zeichen

Rezensionen 2020

Umberto Eco, Der ewige Faschismus, mit einem Vorwort von Roberto Saviano, München (Hanser) 2020, 77 Seiten

Es kann doch nicht bloß der orgiastischen ›links-grünen‹ Italiensehnsucht geschuldet sein, dass aus der geliebten Landschaft ausgerechnet mit dem fascio, dem Rutenbündel (aus dem ein Beil herauslugt!) – einem antiken italischen Amtssymbol – heutzutage eine polit-rhetorische Devotionalie gegenwärtiger politischer Denunziation entdeckt wurde? – Nun, ›entdeckt‹ kann man diese heute referenzlose Floskel nicht wirklich nennen, es ist eigentlich Retroware. Und dadurch wandelt sich ›faschistisch‹ heute umso mehr, wie Eco schreibt, in ein Fuzzylogic-Wort (24). Diese Fuzzylogic war schon der ursprünglichen politischen Bewegung ›Fasci italiani di combattimento‹ eigen, sie gründet auf gar »keine monolithische Ideologie, sondern ist eher eine Collage« (24), die beliebige Zwecke illustrieren kann. – Diese neue Vokabel (›faschistisch‹), ursprünglich eine Selbstbezeichnung, wurde im Meinungs- und Straßenkampf seither dann auch multikulturell diversifiziert. Sie wurde als Kennzeichnung einer ersten totalitären, unspezifisch aktivistischen Denkungsart aufgegriffen, um die Ablösung des herkömmlich Politischen zugunsten der Auferstehung elementarer technischer Operativkräfte in der Polis (Massenmärsche, Massenmedien, Massenparteien, Milizen und Militär) zu beschreiben. Kurzum: »Wann immer ein Politiker die Legitimität des Parlaments in Zweifel zieht«, sei es aus Ärger über ›unpassende‹ Mehrheitsverhältnisse, sei es über die Anwesenheit einer ›unpassenden‹ parlamentarischen Fraktion, dann, so Eco, »riecht es nach Ur-Faschismus.« (38).

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EDELBERT RICHTER: Für ein Ende der Halbwahrheiten. Korrekturen an unserem Bild von Judentum und Nationalsozialismus, Edition Sonderwege, Manuscriptum Verlagsbuchhandlung, Lüdinghausen und Berlin 2018, 448 Seiten

Wenn Edelbert Richter sich äußert, dann ist das ernst zu nehmen. Als ausgebildeter Theologe und gebildeter Philosoph, in der einstigen DDR-Opposition eher auf dem linken Flügel, und langjähriger SPD- Parlamentarier tut er das immer wieder in Buchform, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Effekthascherei wird ihm niemand unterstellen, der ihn kennt. Nach einem Werk, das die Tradition »deutschen Vernunft«-Denkens dem »angelsächsischen Verstand« systematisch gegenüberstellt, ist vor einem Jahr Für ein Ende der Halbwahrheiten. Korrekturen an unserem Bild von Judentum und Nationalsozialismus erschienen.

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EGON BAHR: Was nun? Ein Weg zur deutschen Einheit. Herausgegeben von Peter Brandt und Jörg Pache, Berlin (Suhrkamp) 2019, 222 Seiten

Was erfahren Schulklassen heute im Geschichtsunterricht über Egon Bahr, den Mann, einst bekannt als der ›Architekt der Ostpolitik‹, und sein politisches Konzept? Historischen Aufschluss vermittelt die vorliegende Schrift. Ihre Veröffentlichung verdankt sich dem Engagement Adelheid Bahrs, der Witwe Egon Bahrs, sowie dem Hagener Historiker und ältesten Sohn Willy Brandts, Peter Brandt. Es handelt sich um den Erstdruck eines 1965/66 von Bahr verfassten Manuskripts, das in dessen Nachlass bei der Friedrich-Ebert-Stiftung aufbewahrt wird. Die einstige Brisanz des Textes ist daran abzulesen, dass der Verleger Klaus Piper eine Publikation des Manuskripts seinerzeit ablehnte, da ihm – wie der Editorischen Notiz zu entnehmen – die »betont nationale Zielrichtung« der Abhandlung sowie deren »vermeintliche Verabsolutierung der Einheit gegenüber der Freiheit« nicht zusagte (S. 51). Auch Willy Brandt, der den Gedanken seines Vertrauten Bahr weithin zustimmte, hielt zu jenem Zeitpunkt – es war die Vorphase der von der ersten schweren Rezession überschatteten Großen Koalition – eine Veröffentlichung nicht für ratsam.

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