Ulrich Schödlbauer

Beitragsseiten

Aufnahme: Renate Solbach (2020)
Fac ten Chek oder Der lange Marsch
Erzählung

 

1

Sie marschierten bei Tag.

Nachts hatten sie Wachtposten aufgestellt. Vergeblich brüllten sie den Himmel an, er möge sich identifizieren. In den Rüstungen, die sie auch im Liegen nicht ablegten, klapperten sie vor Kälte und wärmten sich am Gebrüll. »Nur so kann es gehen«, träumten sie sich hinweg, »und es muss gehen.«

Mittags hielten sie Rast. Zum Zweck der Nahrungsaufnahme lüpften sie ihre Visiere. Seit Beginn des Marsches hatte keiner mehr des anderen Nase gesehen, die eigene ebensowenig. »Der Anblick von Nasen macht blind«, hatte einer der ersten Tagesbefehle gelautet. Schob einer mal das Visier zu hoch und entblößte auf diese Weise den Nasensaum, dann starrten die Nachbarn an ihm vorbei ins Leere.

Auch das Wort ›Nase‹ geriet mit der Zeit in Verruf. Es rührte an eine Sache, die es nicht gab. Sie schraken zusammen, nahm einer es versehentlich in den Mund. »Was willst du damit sagen?« rief dann gleich einer aus der Runde. Das war der Denunziant.

Der lange Marsch hatte sie Vorsicht gelehrt und damit das Wichtigste überhaupt. Sie nannten es »Rücksicht auf die Alten«. Dabei hatten sie die Alten doch längst zurückgelassen. Die Tagträumer wähnten sie gut betreut; den Bedächtigen war schon klar, dass sie in einem Containerlager wegdämmerten, dessen Position mit jedem Tag, der verging, weiter im Ungewissen versank.

Die Vorsicht war allbeherrschend geworden.

Sie kontrollierte jeden vom ersten Atemzug bis zum letzten Seufzer, mit dem das Bewusstsein sich in die Büsche schlug. Sie hatte ein System bizarrer Regeln hervorgetrieben.

Besondere Mühsal verursachte die Pflege der Rüstung.

Es war Vorschrift, sie alle halbe Stunde, außen wie innen, mit einem speziellen Öl einzureiben. Dazu durfte der Besitzer, nach Sicherstellung des vorgeschriebenen Mindestabstands zum Anderen, sie kurzfristig an einigen festgelegten Scharnieren öffnen.

Kontrolleure, erkennbar an ihren in helles Plastikmaterial eingeschweißten Sonderrüstungen, gingen durch die Reihen und warfen jeden Regelbrecher unverzüglich aus dem Zug, nicht ohne ihm vorher den Helm vom Kopf zu ziehen – ein sicheres Todesurteil, wie alle glaubten, denn da draußen herrschte das Virus.

Die Entwicklung des Öls hatte Unsummen verschlungen, welche die kleine Gemeinde aus eigener Kraft nicht hatte aufbringen können. Die Schwächsten, durch Angst um den Verstand gebracht, hatten Schuldverpflichtungen auf ihre Kinder und Kindeskinder unterschrieben, nicht bedenkend, dass die Rüstungen, in die sie sich zwängten, bis auf weiteres den Zeugungsakt unterbanden.

Das war den Gläubigern aufgefallen.

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