Ulrich Schödlbauer
Aufnahme: Renate Solbach (2017)
Fac ten Chek oder Die Parole
Erzählung

 

1

General Pe Ting lag auf dem Sterbebett.

Fac ten Chek betrachtete seine rissigen Hände.

»Der Westen ist etwas, das überwunden werden muss«, dozierte die brüchige Stimme des Generals bar jeder Überzeugungskraft.

Fast machte es sie unwiderlegbar.

– Warum ist etwas und nicht nichts? brütete Fac ten Chek.

Der Westen ist nichts, das überwunden werden sollte.

Sprach so der weise Pe Ting? Nein, so sprach er nicht. Seine Lippen zitterten leicht, für Sprechakte standen sie, wie es schien, nicht mehr zur Verfügung.

So ist das, wenn Denken denkt. Denkt es denn? Denkt Denken? Was, wenn es nicht denkt, sondern … fließt? Dummes Bild. Wohin sollte es fließen? Ins Meer der Worte? Von oben nach unten? Von West nach Ost? Von Ost nach West?

Es gab den Westen, warum? Nun ja, warum nicht? Niemand hat die Absicht, Himmelsrichtungen zu überwinden. Es ergab keinen Sinn. Es gab den Westen, weil es die Länder des Westens gab. Sie gab es, weil Menschen in ihnen lebten, findige Menschen, daneben auch weniger findige. Viele.

Niemand musste sich vor ihnen fürchten, es sei denn, er fürchtete Massen und ihre Wirkungen.

Fac ten Chek hatte länger im Westen gelebt als im Land seiner Väter. Er fürchtete ihn nicht. Es gab ihn, es gab uns.

Fac ten Chek hasste ihn nicht.

Viele Menschen zelebrierten ihren Hass auf den Westen wie eine Religion – die erste globale Religion, die diesen Namen verdiente. Ihre Riten unterschieden sich von Kontinent zu Kontinent. Aber die Brunst war dieselbe und die Parolen passten in einen Abwasch.

Die meisten dieser Gläubigen lebten im Westen.

Sie lebten keineswegs schlecht, Fertigprodukte einer kulturellen Gemengelage, von der sie wenig oder nichts kapierten.

Manche kapierten sie nur zu gut. Der Selbsthass verwandelte sie in tickende Zeitbomben. Sie hassten den Westen, weil sie auf Erlösung aus waren und der herrschende Zug im Westen sie ihnen verweigerte.

 

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