Muse del Oro

Thema 2017

Paul Mersmann: Zirkus

Ein Hoffnungsbild bricht ein, hier und heute, weil kulturell nichts bereitsteht, das hülfe, mit dem Gegenblick zurechtzukommen. Vielleicht ging alles ein wenig schnell. Der globale Markt, der dieses Zukunfts- und Hoffnungsbild bescherte, war plötzlich da. Zukunftsbilder, die mit ihm nichts anzufangen wissen, verdammen seither zur Hilflosigkeit. So kam es zum Paukenschlag. Die Geschichte der transformierenden Fort- und Umschreibung von Zukunftsbildern riss ab. Der globale Markt schuf ein Zukunftsbild, das nur an ihn selber anknüpft. Konkurrenz, die es ernst zu nehmen hätte, gab und gibt es nicht. So avancierte dieses eine schubartig zum dominierenden Hoffnungsbild. Nicht jeder mag es, niemand aber will ins Blaue hoffen oder die Seinigen zum Hoffen ins Blaue schicken.

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In der klassischen Tradition galten alle reinen Formen der Regierung, also Monarchie, Aristokratie und Demokratie, für verderblich, da in ihnen die Tendenz zur Verschlechterung, zum Abkippen in die korrupte Form angelegt war. Die Monarchie galt vielfach auf den ersten Blick als die beste Regierungsform, da in ihr der »gute König« herrschte, der das Gemeinwohl im Sinn hatte und zugleich eine umfassende Handlungskompetenz besaß. Er wollte also das Gute und war auch in der Lage, dementsprechend zu handeln – was will man mehr. Allerdings gab es keine Garantie dafür, daß der gute König gut blieb.

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›Post truth‹, zu Deutsch ›postfaktisch‹, heißt das Unwort des Jahres 2016. An die Stelle einer Wahrheit der Fakten tritt eine ›Wahrheit‹der Fakes, was auf den ersten Blick irritierend, auf den zweiten inspirierend sein kann, wenn wir das mit Nietzsche ins Auge fassen. In seinem faszinierenden Essay Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinn entwickelt er eine Theorie der Sprachbildung und entlarvt mit ihrer Hilfe ›Wahrheit‹ als Sprachspiel mit konventionalisierten Kontingenzen nach sozial kanonisierten Gebrauchsregeln. Wir Menschen sind keine wahrheitssuchenden und wahrheitsliebenden Wesen, die die Wahrheit um ihrer selbst willen verehrten. Wir Menschen bleiben gegen reine, folgenlose Erkenntnis des Wahren zumeist gleichgültig und ziehen ihr Täuschung und Lüge solange vor, als sie uns nicht spürbar schädigen.

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