Bewaffneter Eingang einer ›Gated Community‹ in Jakarta

Juni 2018

Wie ein Virus breitet sich die Ummauerung in der Stadt aus. Es geht um eine gesellschaftliche Schicht, die aus unterschiedlichen Gründen nach Abgrenzung ruft.

Es scheint, das Anliegen ist die Sicherheit. Es geht jedoch um mehr. Es ist ein antiurbanes Verhalten, das im Wesen der Bewegung steckt. Sie nutzen das Stadtleben aus und weigern sich am Geschehen der Stadt teilzunehmen, denn diese ist überflutet von Menschen, Armut, Verkehr, Müll, Kriminalität und einem unkontrollierten Wachstum. Eine Realität, die für die großen Metropolen zutrifft.

In diesen sogenannten ›Gated Communities‹ versucht man zusammenzuleben. Es scheinen alle gesellschaftlichen Konzepte möglich zu sein. Die Gemeinschaften können historisierend sein. Riten können übernommen werden, die mit der realen Welt wenig zu tun haben. Die Spaltung bleibt aber immer gleich: in der Ummauerung wird gewohnt und im Urbanen wird verdient. Ähnlich den Pendlern in manchen europäischen Städten, die gerne im Grünen leben.

Generell ist das Wohnen geteilt. Die Reichen wohnen exklusiv und an den bevorzugten Orten der Stadt. Ihre Grundstücke sind ummauert. Ihre Architektur ist stets besonders und die Gestaltung ihrer baulich-räumlichen Umgebung individuell. Wir reden von den Villen, die an allen Orten existieren und die Exklusivität städtischer Gegebenheiten beanspruchen: »… die Stille, die Breite der Straße, die Höhe der Bäume, die menschenleeren Gehwege, die gestutzten Hecken, die niedrigen weißen Bungalows, in denen die Herrscher lebten. Sogar das gelbe Licht, das die hohen Straßenlampen verströmten, sahen nach Geld aus – wie Säulen aus flüssigem Gold.« (Arundhati Roy, Das Ministerium des äußersten Glücks: E-Book, deutsch, S. 350-351)

Es gibt natürlich Stadtteile wie Wasir-Akbar-Khan. Dieser wurde bebaut, bewohnt, enteignet, zerstört und wieder aufgebaut. Seit Mitte der siebziger Jahren durchlebte dieser Stadtteil alle Phasen der afghanischen Geschichte. Im Norden Kabuls gelegen, der in den sechziger Jahren als Erweiterung ausgewiesen wurde. In den rasterförmig angelegten Grundstücken sollten die Besserverdienenden wohnen.

Architektonisch ist das Gebiet vielfältig: neben der Moderne tauchen alle Formen auf, die der Bauherr aus den europäisch-amerikanischen Vorbildern kopierte. Zusätzlich sind hier einige Botschaften ansässig, die das Quartier besonders machen. Es ist noch immer ein exklusiver Teil der Stadt. Oft werden diese Wohngebiete durch ›Watchmen‹ wie in Gambia (Westafrika) bewacht.

Die Urbanität erforderte mehr und mehr Sicherheiten. Kameras vielerorts sind ein Beweis für diese Entwicklung. Nicht nur Einkaufszentren, Schulen, Verkehrsführungen, Flughäfen etc. werden kontrolliert und bewacht, sondern auch Wohnsiedlungen und Privathäuser.

 

Eingang einer ›Gated Community‹ in Rio de Janeiro

 

In Rio de Janeiro sind im Lauf der Jahrzehnte sogar die mehrgeschossigen Wohnhäuser durch mehrere Sicherheitszonen verändert worden. Der umzäunte Vorgarten hat eine verschlossene Tür, die nur vom Bewacher geöffnet werden darf. Dann folgt der Haupteingang mit weiteren Restriktionen. Erst muss der Besucher angemeldet werden, dann darf die Treppe oder der Aufzug nach oben benutzt werden. Vor der Tür stehend wartet man auf die Entriegelung der vielen Schlösser, die sich öffnen müssen, um eintreten zu können.

Ivan Vladislavic beschreibt diese Situation für Johannesburg: »Mehrmals täglich muss man es scharf schalten. Oder aber unscharf… Nicht ein Augenblick bleibt einem mehr, etwas noch einmal zu überdenken, vom Haken hinter der Tür einen Schal mitzunehmen, nachzusehen, ob der Anrufbeantworter angestellt ist oder auf dem Weg durch den Flur einen letzten Blick in den Spiegel zu werfen.« Heimkehren ist ähnlich. »Ein solches Haus betritt man nicht entspannt, indem man die Schuhe von sich schleudert und die vertraute Luft atmet. Jedes Fortgehen geschieht in Eile, jede Heimkehr ist ruhelose Rückkehr.« (Ivan Vladislavic, Johannesburg. Insel aus Zufall, S.9)

Ähnliches gilt für die Gated Communities, die in der Regel einen bewachten Eingang besitzen. Nicht jeder kann in die Siedlung. Man muss sich am Tor anmelden und erst nach Rückfragen und Bestätigung darf passiert werden. Es gibt Tore, die von bewaffneten Securities bewacht werden. An der Vielfalt der Waffen kann man erkennen, wie wichtig die Community ist.

Gewöhnlich ähneln die Anlagen der Siedlungen einander: monoton angelegte, serielle Bauten entlang der Straßen. In Dubai gibt es bekanntlich die ›Palm Jumeirah‹-Siedlung. Die aus Sand nachgestellten Palmenzweige, die mühselig mit Hilfe von Sandimporten aus Australien gebaut worden sind, werden jeweils durch eine Straße erschlossen, die wiederum in Wendekreisen endet. Zu beiden Seiten der Straße erstrecken sich zweigeschossige Bauten. Zwischen diesen Palmenzweigen befindet sich Wasser. Da sich das Wasser nicht bewegt, entstehen Fäulnis und entsprechende Gerüche. Aus diesem Grund werden die daran angrenzenden Terrassen selten genutzt. Während der Planungsphase hat man dieses Problem verdrängt. Das Wasser muss bewegt werden, will man Stillstand zu vermeiden.

Zugleich ist festzustellen, dass der Import vom Sand täglich teurer wird. Ähnliche gigantische Projekte gibt es inzwischen allerorts. Forest City, zwischen Malaysia und Singapur gelegen, ist eine Stadt, die auf viel Sand gebaut ist. Luxuswohnungen, Sportfelder, Wasserläufe etc. entstehen hier. Die ökologischen Konsequenzen werden häufig nicht berücksichtigt.

Gewöhnlich orientiert man sich bei den ›Gated Communities‹ an der amerikanischen Ästhetik. Der Eingangsbereich zur Straße hin ist offen. Ein oder zwei Garagen für den Jeep, die Limousine, dem Pick-Up finden sich hier. Ein Basketballnetz ergänzt diese Dramaturgie.

Der Film La Zona – ein mexikanisch-spanisches Drama von Rodrigo Plá (2007) – zeichnet drastisch die fatale Struktur einer ›Gated Community‹. Eine Organisation mit eigener Gesetzgebung und direkter Verbindung zur Bürokratie und Polizei. Am Ende des Films werden jene Polizeibeamten zurechtgewiesen, die sich gegen die Korruption stellten. Im Ergebnis wird die erzählte kriminelle Handlung irrelevant. Das Unrecht siegt.

Der Film beschreibt eine strukturelle Gegebenheit, die ›Gated Communities‹ definiert. Ihre Abgeschlossenheit erlaubt ihnen individuelle Regeln. Dabei geht es nicht um die Pflege des Vorgartens und des Gartens, es geht um Regeln des Verhaltens. Jede Gemeinschaft konstituiert sich auf der Basis von ideologischen Prinzipien.

Ökonomisch gibt es keine Differenzen, denn sie definieren die Voraussetzung. Wichtig ist, dass sie der Idee der Gemeinschaft folgen.

Die Idee der Gemeinschaft kann aus historischen Stilen ihre Gesetzmäßigkeiten entwickeln. Alle Bewohner befolgen einen gemeinsam beschlossenen ›informed consent‹, der Verhaltensrituale festlegt. Besondere Treffen regeln den Umgang mit Abweichungen von diesen Regeln und die Sorge, diese innerhalb der ›Gated Community‹ zu belassen. Nichts dringt nach Außen, somit entstehen auch Außenseiterpositionen innerhalb dieser Gemeinschaften. Die Lösung kann ein Nachgeben der ›Angeklagten‹ nach sich ziehen oder in letzter Konsequenz den Ausschluss aus der Gemeinschaft.

Bei den größeren Siedlungen, wie wir sie in Südamerika, Indien, China und in anderen Städten finden, können sie die Größe einer Kleinstadt erreichen. Neben Einkaufszentren, Sportanlagen, Wasserläufe, Krankenhäuser, Büros, Cafés, Restaurants gibt es auch Landeplätze für den privaten Gebrauch.

Sie sind also autonome Einheiten inmitten der eigentlichen Metropole. In der Regel verdient man im urbanen Bereich das Geld, um in der Exklusivität leben zu können.

In La Zona solidarisiert sich ein junger Mann mit einem verfolgten Jugendlichen, der sich in seiner Verzweiflung im Keller des Hauses versteckt hält. Seinen Eltern gegenüber verschweigt er diesen Umstand und versorgt den Verfolgten – bis hin zum verzweifelten Versuch, den Jugendlichen von der Polizei retten zu lassen, die sich nicht um ihn kümmerte. Auf dem Weg zur Polizei stoppt der aufgebrachte Mob den Vater und den Jungen und schlägt den Jungen so lange, bis er zusammenbricht. Alles geschieht auf der Straße zwischen den monotonen Bauten und den Grünanlagen.

Die Gemeinschaft zelebriert in gewohnter Weise ihre Rituale und verdrängt den Widerstand. Er ist aber da, auch wenn er nicht tragend ist. Gesellschaftlich sind alle gleich. Es können aber auch subversive Bewegungen entstehen. Angehörige der jüngeren Generation können zu ihnen gehören, denn die Vielfalt des urbanen Lebens fehlt hier gänzlich. Auch wenn es privatisierte Universitäten und sonstige Einrichtungen gibt – die soziale Differenz ist kaum vorhanden.

Sie erfährt man in der realen Stadt. Hier bewegen sich alle gesellschaftlichen Schichten. Armut ist neben Reichtum zu sehen, Dichte neben Chaos. Die Selbstreflexion erhält hier eine Chance.

Suketu Meta schreibt in seinem Buch Bombay – Maximum City: »die Bewohner verteilen sich nicht gleichmäßig über die Insel. Zwei Drittel der Einwohner sind auf nur fünf Prozent der Gesamtfläche der Stadt zusammengepfercht, während sich das reichere Drittel über die verbleibenden fünfundneunzig Prozent verteilt.« (S. 33)

Eine Realität, die er in den 90er Jahren beschrieben hat. Weder in Bombay noch andernorts ändern sich die Verhältnisse. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bleiben gleich. ›Ummauerung‹ und ›Segregation‹ werden weiterhin die Stadt prägen. Die europäische Stadt wird am meisten verlieren, denn ihre historische Qualität, aus einer sozialen und funktionalen Mischstruktur zu bestehen, wurde zunehmend aufgelöst. Heute gehört die Innenstadt den Touristen, unbegrenzt entstehen Einkaufszentren, unbebaute Flächen in der Innenstadt werden zu teuren Wohnflächen. Das Soziale erliegt der Kommerzialisierung der Stadt.

 

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