Ulrich Schödlbauer

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M strotzt vor Allmacht und trifft das Rechte 

Das Ufo, das der sehend blinde Raum
mir vor die Füße spuckt, als hätt den Rotz
er länger nicht zu halten sich vermocht
enthält jetzt mich, den sonst nichts halten kann.
Dies bleiche Ding und ich sind heute eins.
Ich kenn mich aus. Ich kenn mich aus. Die Phrase würd
ich jedem in die Gurgel dreschen, der
mich aufzuhalten wagte, jetzt, im Gang.
Ich würd, im Dunkeln selbst, zwischen zwei
Schneidbrennern hindurch das Ziel verfolgen,
als sei’s ein Köter, der mich narrt.
Man hat sie bis ins Kleinste mir beschrieben
und bis in die intimste Innerei
liegt sie jetzt frei. Wenn nie zuvor
an einem solchen Ort ich stand,
dann steh ich jetzt, hier stehend, so,
wie ich schon immer stand, als stünd
mir alles noch bevor, bis in den Schwanz.
Hier bin ich: Herr.
Wem’s passt, dem bin ich’s gleich. Wem nicht
dem lass ich Zeit, denn ich komm wieder.
Der Herr des Hauses: Das bin ich. Die Kraft
die mich durchschlägt, als schlüge sie eins tot,
stammt nicht aus mir. Woher sie stammt?
Das weiß, wer’s wissen will, wer nicht
der weiß schon mehr und braucht es nicht zu wissen.
Wenn ich jetzt sag: Der Sozialismus
ist pleite, lächeln sie
in sich hinein, als wüssten sie
was das bedeutet. Darin gleichen sie
ganz ihren Vettern von der Spree.
Sie wissen nichts, sie denken ökonomisch.
Ich bin die Pleite und sie stellt mich frei.
So freigestellt, bin ich der Feind,
den sie nicht fürchten können, weil
er ihnen nichts sagt, nur was nötig wäre
und was es kostet. Das verstehen sie.
Ich bin hier, um zu reden.
Daher werde ich reden.
Ich bin hier, um zu schweigen.
Daher werde ich schweigen.
Ich bin hier, um den Offenbarungseid abzulegen.
Sie werden mir gerührt zuhören
sie werden Beifall klatschen, sich in der Pflicht fühlen
die Signatur des Untergangs bewundern.
Das Geheimnis des Überlegenen ist: Überlegenheit.
Genosse Schreiber schreiben Sie das auf.

Das ist von mir.


M bringt einen leeren Saal zum Tosen

Sei das Messer, das den Laib durchschneidet
nicht der Fresser, der an Durchfall leidet
Sei der Laib / zerbrich das Messer
Sei Schnitt / sei Bruch / sei zerbrochen
Der Dichter, Gottes Chamäleon, ist als Chamäleon Gott
Das ist leicht gesagt, aber schwer ausgeführt
Gott ist eine Schimäre
Der Dichter ist eine Schimäre
Das Land ist eine Schimäre
Dieses Land ist eine Schimäre
Vom Menschheitsfluch durchschnitten, an den Rändern blutig
Mit einem Kranz von Speichel um die Schläfen
Reiß ihm die Zunge aus: Das dankt dir stumm
Zerschlag die Beine ihm: Nichts geht mehr
Zertrümmre ihm das Jochbein: Den Gestank der Sippschaft
wird es nicht los.

So sieht es aus.

Schreiben Sie das, Genosse.
Rechnen wir mit dem bürgerlichen Publikum
solang es mit uns rechnet
Hat es sich ausgerechnet
wohin die Reise geht, erübrigt sich der Rest
Hier, schreiben Sie
So vieles wäre auszuprobieren
durchzuprobieren
um eine Ahnung, die Spur einer Ahnung
nur zu erhalten, womit man ankäme
wie man ankäme
wie man durchkäme


M hält einen Moment inne um nachzudenken

Lasst fahrn was gestern
Sicherheit hieß heut
heißt die Parole: ohne Sicherheit
leben, denn Leben und Sicherheit
sind geschieden für eine Weltsekunde,
die nicht vorbeigehen will, tickend
in jedermanns Brüsten.
Was heute not tut damit einer
wie ich ein Leben führt wie jeder
Einer und Jeder, Sie versteh’n den Witz
nimmt Maß und Nicht-Maß, Sie versteh’n mich weiter
an dem was nötig ist damit die Le’hm
der andern, Sie versteh’n mich immer noch
damit die Leben aller anderen
sich endlich gleichen können wie ein Ei
dem andern Ei.
Ein Ei dem andern. Darauf steh ich
und läuft der Dotter mir zu Füßen weg.
Doch doch, so läuft das
Subjektiv gilt das in gleichem Maße wie es objektiv gilt
Vielleicht sogar mehr.
Kann mir einer folgen?
Ich bitte darum, mir nicht zu folgen
Verstehen Sie mich nicht falsch
Verstehen Sie was falsch läuft
Verstehen Sie die Fälschung  


M wählt seine Worte mit Vorbedacht

Hätt ich ein Messer, tät ich ihm
den Reifen melken, bis kein Tropfen Bluts
den Apparat beseelte, der uns schändet.
Wer mich einsperrt, den sperr ich aus.
Doch hat, wie man mir glaubhaft zugesichert
Gefahr niemals bestanden, die uns nicht
geschirmt hätt auch

Ist das von mir?

Anders gefragt: Ist das von mir?
Und anders diesmal: Ist das von mir?
Kann, was von mir, mich fremd
anstarrn, als sei’s erbrochen, fremde Kost?
Als sei’s, verjagt, mir auf den Schoß gekrochen?
Als sei’s erbettelt, kurz vorm Steinerweichen?
Als habe Leichengift sich selbst entleibt?
Hier bricht die Sprache aus, das bleiche Vieh
unwissend, wo es hinstürzt,
und wie zurück, denn: Dorthin
Oh mein Geliebter! muss das Huhn
das goldne Eier legt, noch vor
dem Frühstück

Das Dilemma ist das Dilemma
Keiner ist da es zu beseitigen
Keiner da es zu erklären
Keiner rechnet vor was es kostet
es zu beseitigen oder zu erklärn
oder die Beseitigung zu erklärn
oder die Erklärung zu beseitigen

Dabei weiß alle Welt ––

Was will die Welt schon wissen, was ihr nicht
ins Fleisch gebrannt, ins Hirn getreten, ins
Gedärm gestoßen wurd, was hat die Welt
seit sie aufbrach, dem Wissen abgehandelt
das ihr das Wasser abgräbt, das die Luft
verknappt, den Licht enterbt, aus
Staub den Fraß formt, den
sie schlucken soll?

Unwissend schreitet die Plebs
auf Wogen der Empörung
sie kann das Wasser nicht,
sie will den Wanst nicht halten
unwillig schreit sie im Licht
der Erkenntnis
egal welcher ––

Pause

Ein bourgeoises Schwein bleibt ein bourgeoises Schwein
Ein proletarisches Schwein bleibt ein proletarisches Schwein –
den Schimpf auf Schimpf getürmt, und Hass auf Hass
bleibt Schwein, was frisst und sich Gedanken macht
was frisst gedankenlos sich durch bis Delos
Wüsst ich, vor Troja, nicht, was mich berennt
Was mir zu schlachten Menelaus befahl?
Blieb Schwein nicht Schwein, was blieb
vom Aufbau den der Abriss schirmt
mit hohler Birne, blieb
vom Massenwahn
Mastabbruch wird mit Freiheitsentzug nicht unter zwölf
Jahren geahndet das interessiert
keine Sau warum zwölf?
Das les, als Frage, wer im Knast
die Dreizehn vollmacht statt die eigne Hose

Quotensau Dichter
lieber lass ich mich Schreiber nennen
Nennt mich so
ganz ohne Zusatz
rein wie der Jüngste Tag

Korrektur

Wenn Hochmut heiß auf Hochmut folgt, so wisst:
Das Fell, das euch juckt, müsste noch gefunden
doch darf gewalkt es werden, prophylaktisch


M denkt laut und spricht leise

Nichts fasziniert den Menschen der Freiheit so wie die Diktatur
Nichts fasziniert die Menschen der Diktatur so wie die Freiheit
Die Diktatur ist die Sehnsucht nach der Freiheit, also schön
Der Mensch der Freiheit liebt das Schöne, also die Diktatur.
Er kann sie sich nur nicht vorstellen

An dieser Klippe werdet ihr scheitern
Wer seid ihr anzunehmen
die Aufmerksamkeit auf das, was zu sagen
ihr euch im feigen Herzen erkühnt
hielte ewig?

Baut nicht auf Ewigkeiten: Ewig steht
der Bau


M erntet Applaus und erfüllt die Bitte um eine Zugabe

... An jenem Tag sähn
alle blass aus, hüben und drüben
aber Hand aufs Herz, Freunde: wir
hätten die vollen Terminkalender und ihr
das Nachsehen

Man hält die Organe der Diktatur für mächtiger
sie verbreiten mehr Furcht, also sind sie allgegenwärtig
Allgegenwärtig ist die Furcht

Chiua-Pe zum Beispiel
die Geliebte
ein Gefäß der Furcht: schmächtig, zerbrechlich
eine Actrice ohne Fehl
aber steigerungsfähig, lässt überall
den Weltstoff durchschimmern
das kostbare Nass
das alle einseift

Sobald die Umstände es nahelegen, verwandelt sie sich in ein Triebknäuel, das aus jedem Verkehr, elastisch bis zur Prägnanz, hervorkriecht, als sei nichts geschehen

Gelobt sei die Furcht, die alle einseift

Der ehernen Letter M zum Beispiel sieht kaum einer an, dass sie nach unten klammert
mit einem oben offenen Mund
der saugt und saugt

 

aus: Die Versiegelte Welt. Der Excess

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