Ulrich Schödlbauer

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»Dann wären Sie also – entschuldigen Sie meine direkte Redeweise – diesmal zu einem positiven Abschluss ihrer Überlegungen gekommen? Das freut mich natürlich. Man kann die drei bösen Frauen, auf die Sie sich mit sich selbst geeinigt haben, ohne mit sich einig zu sein, auch ganz anders reihen. Dann stehen Sie in Folge für drei Generationen Mütter, die an den Kindern versagten, weil die Gesellschaft, die allgegenwärtige Gesellschaft, ihnen keine passenden Rollenbilder anbieten konnte. Der Gedanke kam mir bereits, als Sie Ihr ›Regiment der Teufelinnen‹ beschrieben. Was auf der einen Seite teuflisch anmutet, klingt auf der anderen nach simpler Überforderung. Man hätte sie mit ihrer Aufgabe nicht allein lassen dürfen. Am krassesten empfinde ich das, wenn wir den Blick von der privaten Reihe weg auf den öffentlichen Schauplatz lenken und damit auf die dritte Frau. Wurde sie nicht von tausend unsichtbaren Händen mit der Versicherung auf ihren Platz geschoben, ›Du schaffst das!‹, ohne dass je eine ernsthafte Prüfung ihrer Eignung stattgefunden hätte? Eignungsprüfungen für Machtträger, vor allem an der absoluten Spitze des Staates, sind eine knifflige Angelegenheit, die gewöhnlich durch den steinigen Weg dorthin bereinigt wird. In diesem Fall wurde die kinderlose Frau ohne weitere Fragen zur Mutti der Nation gekürt und in den folgenden Jahren erlosch, Zug um Zug sozusagen, die politische Intelligenz des Landes, doch das mag jeder mit seiner persönlichen Wahrnehmung abmachen. In der Politik sind sechzehn Jahre ein Menschenalter. Während dieser Periode ist eine Generation in die Funktionsposten des Staates und seiner Wirtschaft eingezogen, die sich nicht vorstellen kann, von jemand anderem regiert zu werden und mit dieser Vorstellung – entschuldigen Sie – diffuse Angstgefühle verbindet. Das wird nun hoffentlich bald per Wahl überstanden sein, aber so zu denken ist auf der anderen Seite ziemlich naiv. Es wird noch lange nachschwingen.«

»Mag sein, es ist Überforderung. Ja, Sie werden recht haben, es ist Überforderung. Was sonst sollte es sein? Aber dann müssen Sie mir auch den Mechanismus zeigen, der aus Überforderung das Verhängnis wachsen lässt. Jede dieser Frauen war auf ihre Weise ein Verhängnis. Die beiden ersten für den engen Familienrahmen, den zu sprengen ihnen gelang, um es einmal so auszudrücken, vor allem aber für mich, der ich entrinnen durfte, ohne dass es an meinem Schicksal das Geringste änderte, die dritte für ein Land und darüber hinaus für den Kontinent, wenn nicht für die berühmten internationalen Organisationen, aber letztlich doch für die Menschen, denen sie um ihrer Sorge willen die persönliche Freiheit abgeknöpft hat wie ein überflüssiges Outdoor-Kleidungsstück, das nun, da wir alle um den Küchentisch versammelt sind und selbstgebackene Krapfen verzehren, nicht mehr nötig erscheint. Sie mag nicht die einzige sein in diesem sehr ernsten Spiel, aber sie hätte, als Lenkerin eines ganz offensichtlich neben wenigen anderen zum Experimentierfeld internationaler Interessen auserkorenen Landes, dem Ganzen eine andere Richtung geben können, hätte sie es nur einen Augenblick lang gewollt. Sie hat sich wie eine Schauspielerin in ihre Rolle als Dämon zweiter Ordnung gestürzt. Seither war die Frage immer nur: ›Bin ich gut?‹ Und wie immer scholl es ihr aus dem Haus der Zwerge entgegen: ›Ja, du bist gut.‹ Und so ist sie eben gut. Gut für wen? Gut für die zwangskurierten und in Hygienesäcken entsorgten Alten, denen es verwehrt wurde, an einer Grippe zu sterben wie Generationen vor ihnen, die drangsalierten Kinder, deren Spätschäden die nächste Generation von Psychiatern beschäftigen werden, gut für die um ihre Existenzen gebrachten Einzelkämpfer, die, als Gesamtheit betrachtet, das Rückgrat jeder Gesellschaft bilden? Gut für die ausgeschaltete Kultur? Gut jedenfalls für die Milliardengewinnler, die Steuergeld pur auf ihre Konten umschaufeln durften, gut für die Spieler im Hintergrund, die, wie die Formel lautet, vom Umbau der Wirtschaft profitieren, gut für alle, die sich neuerdings vor Aufträgen nicht retten können.«

»Klingt vertraut. Da bleibt noch ein klitzekleines Problem. Wie halten wir es mit den kommenden Spätschäden?«

»Sehen Sie, die Prügel, die ich in meiner Kindheit überreichlich erhalten habe, die waren ja nicht symbolisch, sie prasselten tatsächlich auf meinen Körper nieder und verwandelten ihn in jenes hyperempfindliche, hypererregbare physische Etwas, dem eine suizidale oder sagen wir selbstzerstörerische Tendenz nicht abgesprochen werden kann. Das Füllhorn zweifelhafter Wohltaten, das die jetzige Regierung über die Menschen entleert, derer sie auf irgendeine Weise habhaft wird, erzeugt neben der starken, propagandistisch aufgeblasenen symbolischen Komponente medizinische Effekte, die peu à peu in noch überschaubaren, in naher Zukunft zahllosen Studien zutage treten werden. Auch die Mühlen der Wissenschaft mahlen langsam. In diesen Studien wird, wie in winzigen Brenngläsern, die ganze Verantwortungslosigkeit der gegenwärtigen Politikergeneration und ihrer Zuarbeiter sichtbar werden. Das vorauszusagen bedarf keiner prophetischen Gabe. Es bedarf eines gewissen Mutes, das mag sein, solange der Gegenwind so scharf bläst. Es wird immer Menschen geben, die diesen Mut aufbringen, so wie es immer Menschen geben wird, die sie davon, natürlich nur aus besten Gründen, abzubringen versuchen. Und offensichtlich gibt es Menschen wie mich, deren Wunden bei einer solchen Gelegenheit zu bluten beginnen, ohne dass es dazu besonderer Handlungen bedürfte. Was ist mit ihnen? Was ist mit mir? Ich kann es Ihnen nicht sagen, ich bin Betroffener. Ich würde gern eingreifen, aber wo immer ich hingreife, greife ich mich selbst an und werde bis an die Grenze zur Bewegungslosigkeit dafür bestraft. Der Garten, Sie verstehen… In einer klirrenden Winternacht hat mich mein Vater einmal in den ungeheizten Schuppen gesperrt, um einer Lüge willen, während das Kleeblatt, sich großzügig Lügen-Absolution erteilend, sich an den Abendbrottisch begab … sie haben mich dann dort draußen vergessen, was fällt ihnen sonst schon ein. Die Lüge, verstehen Sie, verträgt keine Bluter.«

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Ein Marabu, schweigend. Ich wartete auf eine Geste. Es kam aber keine.