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Orhan Pamuk hat in dem Roman »Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt« von einem »unentrinnbaren Schicksal« geschrieben. Für ihn ist die Stadt Istanbul einerseits ›seine‹ Stadt, weil sie die Stadt seiner Familie ist und zugleich gilt ihm Istanbul als ein Sinnbild für eine schicksalhafte, beinahe verzweifelte Bindung Istanbuls an Europa, den ›Westen‹ und die europäische Stadt, deren Einflüsse ständig präsent sind und zur Stellungnahme herausfordern. Denn man kann sich nur für oder gegen die Idee bzw. Utopie der europäischen Stadt entscheiden – ignorieren kann man sie nicht. In diesem Sinne ist die europäische Stadt für Istanbul ›unentrinnbares Schicksal‹.

Pamuk beschreibt seine Biographie und die Geschichte Istanbuls als eine fortwährende Gratwanderung zwischen Ost und West. Es ist dies wesentlich auch eine Geschichte der Konflikte zwischen jahrhundertealten Traditionen sozialer Bindung und einer modernen Orientierung emanzipierter Individuen an Demokratie, Toleranz, Bildung und kulturelle Offenheit – das heißt an Werten, die für die europäische Stadt konstitutiv sind. Für Orhan Pamuk ist Istanbul eine besondere Stadt, deren Bewohner sich inmitten eines traditionsgeprägten Landes abgewandt haben von dem Territorium, auf dem sie leben. Sie sehnen sich nach dem ›Westen‹ und dem Lebensstil einer europäischen Stadt. Diese europäische Stadt wird in Istanbul aber auf eine besondere Weise geträumt und erinnert. Sie ist hier vielleicht mehr als anderswo ein Ort voller Geheimnisse, ein imaginärer von zahlreichen Mythen, Legenden und auch Ideologien umwobener Raum.

Dadurch prägte Europa nachhaltig die heutige Zivilisation: Hier entstand die Idee von einer demokratischen Gesellschaftsorganisation, hier setzte eine wirtschaftliche und technische Entwicklung ein, die die gesamte Welt beeinflusste. Die europäische Stadt spielte dabei stets eine entscheidende Rolle. Sie ist ein abendländisches Ideal und eine Vision und Utopie zugleich.

Europa basiert auf ganz bestimmten Werten und Traditionen. Die Werte der Antike wie das an Vernunft und Kritik orientierte griechische Menschenbild, die Entwicklung demokratischer Strukturen oder das römische Rechtssystem bildeten die Grundlagen für die Ausbildung der zivilen Gesellschaft.

Sie waren Motor für Entwicklung und Innovation und ermöglichten das Entstehen des visionären Denkens, das Eröffnen von Utopien – eine Entwicklung, die in einer hierarchisch verkrusteten und einzig auf den Glauben an eine transzendente Kraft beruhenden Kultur nicht möglich gewesen wäre.

Und genau dies prägt noch immer viele Orte mit außereuropäischen Traditionen. Im Islam beispielsweise sind politische Macht und Glaube untrennbar. Die Religion determiniert alles, ihre Regeln sind zu befolgen. Der Gedanke, etwas zu hinterfragen, ist noch heute Blasphemie.

Die Schicksalsergebenheit wurde im antiken Griechenland von Vernunft und Kritik abgelöst. Die griechische Philosophie sprengte den Rahmen der Religion und suchte Natur und Mensch ganz aus sich heraus zu erklären. Bestimmend wurde die ratio. Alles wurde veränderbar.

Der Historiker Christian Meier beschreibt dieses Phänomen folgendermaßen: »Diese Kultur der Freiheit, der Verantwortung und der Offenheit sowie der weit- und tiefgetriebenen ratio und der Bereitschaft, Menschen- und Götterwelt, also sich selbst radikal in Frage zu stellen, hat das abendländische Europa aufs stärkste vorgeprägt und ausgeprägt. Lange war sie weit überlegen. Sie erlaubte zu sagen, zu formen, zu denken, zu fragen, was man selbst kaum zu sagen, zu formen, zu denken und zu fragen vermochte. Und man konnte sich aufs Beste an ihr reiben. Dank der Vielfalt ihrer Perspektiven, dank der Ambivalenz, in der sie sich erfuhr, konnte und kann man sie immer neu erfahren.«

Mit der Aufklärung wurde die Vernunft endgültig zur entscheidenden Instanz. Die Kritik wurde ihr Instrument. Nur die Vernunft sollte über Wahrheit und Irrtum jeder Erkenntnis und über die Normen, an denen sich der Mensch in seinem Handeln zu orientieren hat, entscheiden.

Jeder einzelne galt damit in seiner Entscheidung als autonom und frei. Es galt die Emanzipation aus geistiger Bevormundung. Der Mensch, nicht mehr Gott stand nun im Mittelpunkt. Noch mehr als in der Antike verband sich mit dem Glauben an die Vernunft der optimistische Fortschrittsglaube.

Diese klare Trennung von transzendenter und weltlicher Ordnung ebnete endgültig den Weg in die säkularisierte Moderne, hin zu Demokratie, Pluralität, Rechtsstaatlichkeit, Entwicklungen und Visionen.

Während das westliche Europa »ungestüm in ein neues Zeitalter« drängte, blieb der byzantinische Osten weitgehend in der antiken Tradition verhaftet und verharrte in alten Ordnungs- und Herrschaftsstrukturen. Statt Neuerung und Wandlung Stagnation.

Der tunesische Historiker Hischam Dschait beurteilt diese Entwicklung folgendermaßen: »Die Muslime begriffen sehr wohl, dass die Europäer sie auf der Ebene der Macht überholt hatten«, »aber sie konnten nicht begreifen, dass es an der Basis jenes fulminanten Aufstiegs in Europa zu einem Bruch mit dem religiösen Sockel – und das war das eigentliche Werk der Aufklärung – gekommen war.«

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen ist die europäische Stadt der Geburtsort der bürgerlichen Gesellschaft, sie steht für Emanzipation. Sie ist der Ort der Emanzipation des Bürgertums als wirtschaftliches, politisches und kulturelles Subjekt, symbolisiert in der städtebaulichen Architektur, die zum Ausdruck der bürgerlichen – zivilen – Identität wurde.

Stadt ist auch ein Ort der Kommunikation. Die zivile Form hat uns einen Code aufgegeben, der jede Begegnung erlaubt. Fremde können sich begegnen, man erfährt die Differenz und will sie erfahren. Stadt ist ein innovativer Ort der produktiven Auseinandersetzung mit allem Fremden. Der Leonardo Benevolo bezeichnete die Stadt als »eine ganze Welt im kleinen, überschaubaren Rahmen«.

Radikaler als andere Kulturen hat die europäische Stadt den Menschen – jenseits religiöser Traditionen – in Gestalt des freien Bürgers als ein zur Größe befähigtes Wesen definiert. Man könnte auch sagen, die europäische Stadt ist vom Noch-nicht-Möglichen besessen, das sie fortwährend in der Begegnung und Reibung mit dem Anderen sucht.

Vor diesem Hintergrund wird die europäische Stadt auch als ›revolutionärer Ort‹, als ›Zentrum gesellschaftlicher Dynamik in Richtung auf die moderne, kapitalistisch organisierte und demokratisch verfasste Gesellschaft‹ angesehen. Leonardo Benevolo schrieb: »Diese Tendenz zur Selbstorganisation, die sich in der arabischen und der orientalischen Welt so nicht findet, ist der Grund für die Vitalität der europäischen Städte. Sie wird auch zum Kennzeichen der europäischen Zivilisation überhaupt und bildet die Grundlage ihres weltweiten Erfolgs.«

Weil der europäischen Stadt die Offenheit für das Andere, das Unbekannte und Neue fest eingeschrieben ist, wurde sie zu einem globalen Expansionszentrum. Auch wenn diese Werte in der ausbeuterischen, brutalen und deterministischen Realität von Kolonialismus und imperialistischen Feldzügen oft verleugnet worden sind, wurden sie dadurch als Vision nicht aufgehoben. Die tradierte europäische Konzeption von Demokratie und Gleichberechtigung, von innerer Solidarität mit dem Anderen sowie die Ideen der sozialen Verantwortung und Gerechtigkeit gehen tiefer als die mit ihrer Verbreitung einhergegangenen Gewalttaten.

Es war die von europäischen Städten ausgehende ökonomische Ausbeutung und zugleich Neugier, die Sehnsucht in die Fremde zu gehen, das Bedürfnis, die eigenen Traditionen zum Primat zu erheben, aber auch angesichts des Anderen zu hinterfragen, die jenen Prozess ausgelöst haben, den wir heute als Globalisierung bezeichnen.

In diesem Sinne kann man Globalisierung auch als eine Europäisierung sehen – als einen Prozess, in dem die Werte der europäischen Stadt als Ideen in die Welt getragen worden sind – und zu universellen erklärt wurden.

Daher konnten die über die Jahrhunderte insbesondere aus antiker Philosophie, Christentum und Aufklärung entwickelten europäischen Werte schließlich auch ein maßgeblicher Baustein für die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776 und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789 in der französischen Revolution werden, die dann wegweisend für Staaten Europas bzw. der westlichen Welt wurde: Proklamiert wurden die ›natürlichen, unveräußerlichen und heiligen Rechte des Menschen‹ –- mit universellem Anspruch. Sie fanden über 150 Jahre später, 1948, Eingang in die UNO-Deklaration der Menschenrechte, unterschrieben von 150 Staaten.

Im Grunde ist die Idee von einer ›Weltzivilisation‹ damit eine Übertragung bzw. Erweiterung der europäischen Stadtutopie. Sie ist universal angelegt. Die Globalisierung stellt deshalb eine große Chance dar, wenn man sie nicht nur als Angleichung von wirtschaftlichen Bedingungen versteht, sondern als Möglichkeit für globale Wertebildung und Kommunikation.

In diesem Kontext steht die Idee der europäischen Stadt als Symbol dieser Werte daher vor einer neuen Herausforderung. Es kommt darauf an, die Werte präzise zu benennen, zu verteidigen und offensiv einzubringen. Dies sind: Demokratie, Achtung der Menschenwürde und ‑rechte, Freiheit, Gleichheit, Toleranz. Und alle, die in diesem Kontext in Europa leben, haben diese Werte zu stützen und zu verteidigen.

Um zu dem Bild der europäischen Stadt als Rührei zurückzukehren, bedeutet dies u. a. auch, dass wir ihre spezifisch europäische Rezeptur bewahren müssen. Angesichts des wachsenden Anteils anderer Religionen und Traditionen gilt es daher darauf zu achten, dass keine Zutaten die zivilen Werte Europas verwässern.

Es gilt, zum Beispiel für die muslimische Bevölkerung, die bis 2100 etwa 50% der Bevölkerung Europas ausmachen soll, die säkulare Gesellschaft zu respektieren. Es geht darum, dass sich der Islam in diesem Kontext europäisiert und nicht umgekehrt.

Der zu Beginn erwähnte Begriff des ›alten Europa‹ sollte positiv angenommen werden, nicht im Sinne von ›veraltet‹ oder ›überholt‹. Die historischen Werte sind als verpflichtender Bezugspunkt zu nehmen. Ihre Qualitäten bestehen im Kontext der Globalisierung deshalb vor allem darin, die Frage um den Sinn von Fortschritt und Entwicklung humanitär zu formulieren und zu beantworten.

2007 wurde in Leipzig ein für die Neudefinition der europäischen Stadt wichtiges Dokument angenommen: Die Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt.

Sie wurde anlässlich eines informellen Ministertreffens der EU im Mai dieses Jahres verabschiedet. Erklärtes Ziel des Dokumentes ist es, »eine ausgeglichene räumliche Entwicklung auf der Basis eines europäischen polyzentrischen Städtesystems zu befördern.« Dabei geht es weniger um ein konkretes baulich-räumliches Leitbild, sondern vor allem um die Gestaltung von Strategien und Beteiligungs-Prozessen einer »integrierten Stadtentwicklungspolitik« sowie um die »Herstellung und Sicherung qualitätvoller öffentlicher Räume«.

Diese Charta formuliert die Idee der europäischen Stadt nicht formal und ästhetisch, sondern als ein politisches Modell, mit dem Werte wie die Mit‑ und Selbstbestimmung der Bürger, soziale Integration und die Nutzung des öffentlichen Raums verbunden sind. Eine solche Zielvereinbarung, die vielen Urbanisten vielleicht als selbstverständlich erscheint, hat es bisher in der Europäischen Union nicht gegeben. Und erstmals haben sich die Vertreter der EU gemeinsam auf eine Aktualisierung der europäischen Stadtidee verpflichtet.

In der Hoffnung, dass wir das Erbe der europäischen Stadt und ihre Werte auf diese Weise schützen können, ist die Charta ein wichtiger Schritt für den Erhalt der europäischen Vision im Kontext der Globalisierung.

Im öffentlichen Raum die unterschiedlichen Interessen auszuhandeln und sich um Konsensfindung zu bemühen, das ist das Vermächtnis der europäischen Stadt. Es lebendig zu erhalten ist nicht nur ein Betrag zur eigenen Tradition, sondern auch zur Zukunft der Stadt im globalen Kontext. Mehr denn je ist es Aufgabe, die europäische Vision zu exportieren.

 

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