Paul Mers­mann und die andere Moderne

Unter den Müßigen ist der Maler ein Gott – jedenfalls, sofern er es nicht vorzieht, Prophet zu werden und dem Müßiggang wenigstens teilweise zu entsagen. Auch er ist blind, aber er sieht die Möglichkeiten, die in einer Ausführung stecken. Das Organ, das ihn sehend macht, ist der Pinsel: das dritte Auge. Zu seinem Kummer trägt er es nicht auf der Stirn. Die Hand, die einen Pinsel hält, kann ihn auch weglegen. Dann steht der Künstler vor den Bildern wie ein anderer auch. Malersein ist nichts Besonderes, sobald einer das Utensil beiseite lässt, das ihn dazu macht. Auch diese bescheidene Einsicht muss von Zeit zu Zeit realisiert werden, auch sie kann, wie jede Einsicht, verloren gehen. Dann zählen andere Dinge, die schnell aufgezählt und ebenso schnell vergessen sind. Aber wenn der Pinsel zählt, dann ist jeder Kult um ihn verständlich und gerechtfertigt in einem. Der Malkult fungiert als Vermittlungsinstanz zwischen dem Malerhirn und dem notwendigen Utensil, er ist die unsichtbare Hand, die neben der sichtbaren ins Spiel kommt. Erst das Werk beider Hände lässt entstehen, was Mersmann ›Peinture‹ nennt, die fette Malerei diesseits der Motive und Proportionen, der Auswahl und Zusammenstellung der Farben und diesseits der Abstraktion.

Erstveröffentlichung: Dif­fu­sion der Mod­erne. Paul Mers­mann und die Kunst, in: Stef­fen Diet­zsch /​Renate Sol­bach (Hg.), Paul Mers­mann — Dif­fu­sion der Mod­erne, Hei­del­berg 2008, S. 764.

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