(4) Unser philosophischer Kanon lichtet sich

… wir verloren nicht nur einen Klassiker…

Im Februar 1956 versammelte sich in Moskau der XX. Parteitag der sowjetischen Kommunisten. Am letzten Tag der Veranstaltung, am 25. Februar 1956, trat ein stark bewegter Nikita S. Chruschtschow (1894-1971) ans Pult. Er war der Generalsekretär der Partei. Er hielt, in ›geschlossener‹ Sitzung, eine Rede mit der schlichten Überschrift »Über den Personenkult und seine Folgen«. Nach drei Stunden konnte jedem im Saale klar sein, dass jetzt etwas ›in der Welt‹ war, das sie nachhaltig verändern wird. Diese Rede wird in der veröffentlichten Meinung bis heute als ›Geheimrede‹ klassifiziert, doch das war sie nicht. Dass das ein ›Geheimnis‹ hätte bleiben können, war, jedenfalls von Moskau her gesehen, völlig abwegig. Nur unsere deutschen Genossen versuchten hysterisch, das hier Gesagte geheim zu halten. Der deutsche Parteichef (Ulbricht), der in Moskau dabeisaß, dekretierte dann – wie nebenbei –, übrigens sei Stalin ›kein Klassiker mehr‹ …

Die Rede hatte die Elementarkraft einer Naturkatastrophe. Die politische Geographie von ›Neuer‹ und ›Alter‹ Welt war dahin. Alle, die dort im Saal saßen, waren momentan heimatlos geworden. Die Brisanz der Rede war, dass sie das Bild und die Hoffnung des Weltkommunismus grundstürzend änderte. In Westeuropa prophezeite ein denkender Kopf einen tektonisch-unabwendbaren Weg des weiteren Geschehens. Vom revolutionären Berg habe sich ein Stein gelöst, der auf seinem Weg nach unten in die Ebenen zur machtvollen Lawine werde und alles rest- und bedingungslos zerstöre. Der geschichtliche Weg beanspruchte fast ein halbes Jahrhundert und erweist sich als unumkehrbar, was sich Menschen auch immer wünschten. – Manche der enttäuschten Gläubigen, und wir waren es wohl alle, träumten diese Rede anfangs noch in die Nähe von Lenins Aprilthesen (1917), die damals jenen Aufbruch initiierten, dessen Pathologie wir eben zuschauen mussten. Jedoch: Die Geschichte wiederholt sich eben nicht, es sei denn, wie Marx vermutete, als blutige Farce‹ in all den ohnmächtigen Versuchen, ihre Verläufe aufzuhalten oder zu korrigieren.

Es war, als ob sich ein Sinnbild aus Alexander Solschenizyns Erzählung »Matrjonas Hof« (1971) im großen ›Hof‹ der sozialistischen UdSSR grausam erfüllte, dass nämlich auch ein herzhafter Umbau (Perestroijka) den alten Hof nicht würde retten können. Solschenizyns Hoffnung allerdings, die Wiedergeburt des alten Russland und sein Abwerfen der Last der Erbarmungslosigkeit (Daniil Granin), wollten wir (deutsche) Studenten damals noch nicht mittragen.

Die Sowjetunion zeigte in ihrer Entwicklung gegenüber der DDR eine paradoxe Asymmetrie: Ihre ökonomischen Leistungen waren schwächer, dagegen aber alle zivilisatorischen Gebrechen und Entartungen viel stärker. Das führende Partei-Personal der DDR nahm das auf ihre Weise zur Kenntnis. Hier gefiel man sich darin, überheblich lächelnd auf die Union herabzublicken. In der Zivilgesellschaft der DDR dagegen entwickelte sich eine erstaunliche und unerwartet sympathische Neigung zu ›den Russen‹. Wodurch? Eben durch die kulturelle Befreiung der Entstalinisierung. Man staunte über die neuen kritischen Filme (exemplarisch »Die Kraniche ziehen«, 1957) und die Bücher von Aitmatow, Trifonow, Rybakow, Granin, die jetzt erscheinen durften. Hier entwickelte sich eine Zuneigung zu den Russen ›von unten‹, die bis heute bei vielen ›aus dem Osten‹ noch präsent ist. Den führenden Leuten im Lande missfiel das (damals wie schon wieder heute). Ihren Lieblingsspruch, von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen, hatten sie spätestens 1956 aus dem Verkehr gezogen. Jetzt ging es nur noch darum, sowjetischen Gedanken aus Politik, Literatur und Kunst den Zugang in die DDR zu verwehren. Dazu gehörten in erster Linie die Papiere des XX. Parteitages selbst. Die Schriftsteller Schalamow und Solschenizyn galten als kreuzgefährliche Leute, als Menschen mit konterrevolutionären Ideen im Gepäck. In ihrer ideologischen Verbohrtheit und Einfallslosigkeit ließen sich die Parteileute (›Apparatschiks‹) dazu hinreißen, sogar die höchst populäre sowjetische Zeitschrift »Sputnik« zu verbieten. Sie brachten es fertig, Chruschtschow und Gorbatschow für ihre geistige Verelendung verantwortlich zu machen.

In der DDR musste Chruschtschows Referat 34 Jahre, bis nach dem Ende der SED, auf seine Veröffentlichung und Auswertung warten. Sie begann erst 1990. Namentlich einer meiner späteren Leipziger Studenten, Michael Schumann (1946-2000), orientierte die Neue Linke mit seinen Reden über den Stalinismus auf die weltgeschichtliche Tragik, die mit der Etablierung von Strukturen sozialer Gerechtigkeit verbunden sein kann.

Leider hört man noch immer den bitteren Vorwurf an Chruschtschow, er habe in seiner historischen Analyse nicht nur nicht das ganze »Tafelwerk des Historischen Materialismus« zur Anwendung gebracht, sondern er habe das ganze Projekt ›Kommunismus‹ verraten. Könnte das ein historisch gerechtes Urteil sein? Sollten wir Nachgeborenen nicht viel eher seinen Mut bewundern, sich ›seines eigenen Verstandes zu bedienen‹, und zwar ohne (Partei)Leitung durch Andere. Wir sollten seinen Mut, ja Todesmut, bewundern, den (gottgleichen) Führer der Partei, Stalin, schwerer Verbrechen anzuklagen. Er hat das Referat gegen die Widerstände und Drohungen seiner alten Kollegen in der Parteiführung, Molotow (1890-1986), Malenkow (1902-1988) und Kaganowitsch (1893-1991) durchgesetzt. Das war eine historische Tat von einer einmaligen historischen Würde, die ihm in der Menschheitsgeschichte nie vergessen werden darf. Es ist und bleibt dabei nebensächlich, ob in seinen Analysen diese oder jene Ursachen vergessen oder vernachlässigt werden. Er hat seine Rede gehalten und alle mächtigen Barrieren überwunden. Es war seine tiefe Überzeugung, dass die Wahrheit allen kritischen Köpfen dieser Erde zugänglich gemacht werden musste, weil anders die Partei nie die geringste Chance haben würde, mit ihrer Schande fertig zu werden, was auch immer die Folgen seiner Aktion sein würden. Diese Haltung allein verdient unsere tiefe menschliche Ehrfurcht vor diesem Mann Nikita Sergejewitsch Chruschtschow.

 

Wird fortgesetzt.

 

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