Muse del Oro

›Post truth‹, zu Deutsch ›postfaktisch‹, heißt das Unwort des Jahres 2016. An die Stelle einer Wahrheit der Fakten tritt eine ›Wahrheit‹der Fakes, was auf den ersten Blick irritierend, auf den zweiten inspirierend sein kann, wenn wir das mit Nietzsche ins Auge fassen. In seinem faszinierenden Essay Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinn entwickelt er eine Theorie der Sprachbildung und entlarvt mit ihrer Hilfe ›Wahrheit‹ als Sprachspiel mit konventionalisierten Kontingenzen nach sozial kanonisierten Gebrauchsregeln. Wir Menschen sind keine wahrheitssuchenden und wahrheitsliebenden Wesen, die die Wahrheit um ihrer selbst willen verehrten. Wir Menschen bleiben gegen reine, folgenlose Erkenntnis des Wahren zumeist gleichgültig und ziehen ihr Täuschung und Lüge solange vor, als sie uns nicht spürbar schädigen.

Worin also könnte die Wahrheit der Lüge, das Richtige einer falschen Tatsachendarstellung für die Masse der ›Postfaktiker‹ im politischen Raum, also für die Trump-, Putin-, Erdogan-, Le Pen-, Orban-, Wilders- und Rechtspopulismus-Wähler und -Sympathisanten liegen? Postfaktiker glauben erwiesene Unwahrheiten, weil darin eine gefühlte Wahrheit für sie zum Ausdruck kommt, also durch eine falsche Aussage ein wahrhaftig empfundenes Gefühl einen sprachlichen Ausdruck erhält, und so würde ich hinzufügen, das so bislang nicht zu seinem Ausdruck kommen konnte.

Und um dieses bis dato unartikulierte und unangesprochene Gefühl soll es in diesem Versuch gehen, das wiederum Nietzsche auf seinen Begriff brachte, um die Affektivität, die er ›Ressentiment‹ nannte. Ressentiment sei die Lebensstimmung jener, »denen die eigentliche Reaktion, die der That versagt ist, die sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten.« (Nietzsche, Genealogie de Moral)

Und so möchte ich in drei Abschnitten mich erstens an einer Psychogenese des Ressentiments und zweitens an einer Soziogenese des Ressentiments versuchen, um sodann drittens seine Politisierbarkeit zu untersuchen, die derzeit der neo-nationalistische Populismus von Rechts besorgt.

Psychogenese des Ressentiments

Was verbirgt sich hinter dem Begriff des ›Ressentiment‹? Ganz allgemein gesprochen ist mit ›Ressentiment‹ ein besonderes Affekterleben gemeint, das umgangssprachlich als ›Verbitterung‹ oder ›Groll‹ bezeichnet wird, eine Affektivität, die als Leiden empfunden wird, zu einer Art nachhaltiger »Selbstvergiftung« (Scheler) führt und die ressentimal gestimmte Person entsprechend gegen reale oder fiktive Widersacher nachtragend grollen lässt. ›Ressentiment‹ ist damit in einer ersten Annäherung eine besondere psychische Struktur, die nicht aus der kognitiven, sondern aus der affektiv-spontanen Reaktion auf einen Leiden machenden Reiz entsteht, die sich aber weder offen ausdrücken noch aktiv äußern kann, sondern innerpsychisch bleiben und ablaufen muss.

Die Frage ist: Weshalb unterbleibt die adäquate Affektreaktion auf einen Leiden machenden Reiz? Sie unterbleibt, weil Ich mit Sanktionen oder Gegenreaktionen rechnen muss, denen Ich nichts Gleichstarkes und Wehrhaftes entgegenzusetzen habe. So reagiere Ich nicht adäquat gegen den negativen äußeren Reiz, sondern inadäquat gegen meine Spontaneität, also gegen mich selbst. Ich empfinde mich als Unterlegenen gegenüber einem Überlegenen, genauer: nehme mich als Ohnmächtigen gegenüber einem Übermächtigen wahr. Wiederholt sich dieses Ohnmächtigkeitserleben häufig und lange, so kann sich die es spontan verneinende Gegenwehr-Affektivität und die sie ins Innerseelische zurückdrängende Unterdrückungsreaktion zu einem affektiven Erlebensmuster der Selbstverneinung verfestigen und einleben. Mit dieser eingelebten Verfestigung verändert sich aber die Negativität dieses affektiven Erlebens selbst, indem es quasi gegenstandslos wird und gegen seinesinguläre Auslösebedingung sich verselbständigen kann. Als Folge expandieren die Aufregungsanlässe und extensivieren sich die Reizkulissen – Qualität schlägt in Quantität, spontane Negation in prinzipielle Negativität gegen sich selbst und alle Anderen um.

Rache und Neid

Intentional ist dieses negative Affekterleben mit Rache und Neid verwandt. Rache entsteht im raumzeitlichen Hiatus zwischen erlebter und erlittener Kränkung oder Verletzung einerseits und künftig zu übender Vergeltung andererseits. Auch hier verhindert die Furcht vor der negativen Sanktion eines überlegenenMächtigen eine angemessene Spontan-Reaktion gegen den Verletzer.

Neid ist eine Emotion, die uns begehren lässt, was ein Anderer besitzt.Sie entsteht durch ein vergleichendes Sich-in-Beziehung-setzen zum Anderen, aus einer konstitutionellen Unselbständigkeit des Selbstwertgefühls, das sich in Beziehung zu Anderen setzen muss, um zu eigener Positivität zu kommen. Mag das Begehren fremden Gutes oder fremder Eigenschaften noch so stark sein, auch den Neider hält eine übermächtige Sanktionsdrohung davon ab, sich in den Besitz fremder Werte zu bringen.

Bleiben Rache und Neid ohnmächtig, entstehen Rachsucht und Neidsucht. Rachsucht bildet sich, wenn es dem Rachedurstigen nicht gelingen will, Vergeltung an denen zu üben, die ihm die begehrte Wertschätzung und Anerkennung, den Anspruch auf soziale Geltung vorenthalten oder Güter und materielle Werte ihm wegnehmen, um jene anderen statt ihm zuzuerkennen und diese anderen statt ihm zuzuteilen. Hat sich das Rachegefühl aber soweit zur Rachsucht entwickelt, so verselbständigt es sich gegen reale Rachegründe und wird in der Wahrnehmung gegen beliebige Andere dominant, die es fiktional, sich selbst täuschend, als Angreifer auffassen will, um Rache real an ihnen erleben und ausleben zu können, auch wenn objektiv kein Grund dafür vorliegt. Soweit gediehen, ist das charakteristische Appetenzverhalten der Rachsucht ausgebildet, das sich Feinde fiktional kreiert, um Rache real üben zu können.

Neidsucht gedeiht, wenn das Begehren des Neiders immer aufs Neue ins Leere läuft und ohnmächtig darin bleibt, das zu erlangen, was andere besitzen – materielle Güter: Geld, Bildung und Beruf oder ideelle: Prestige, Statussymbole und Auszeichnungen, die mir alle selbst doch auch prinzipiell zustehen sollten. Wie die Rache in Rachsucht übergeht, so überschreitet der Neid die Schwelle zur Neidsucht, sobald er sich an beliebigen Eigenschaften und Gütern anderer aufreizt und dafür fiktionale Rechtfertigungsgründe konstruiert. Der Sinn dieser Rechtfertigungsfiktionen besteht in der Umkehrung von Ursache und Wirkung im Neid-Verhältnis: Neider erleben nicht sich selbst und das eigene Unvermögen, sondern vielmehr die beneideten Besitzer und ihre Besitztümer als Ursache dafür, dass sich die geneideten Güter oder Eigenschaften nicht in ihrem Besitz befinden, wie es sich ihres Erachtens nach eigentlich verhalten sollte.

Eine weitere Steigerung erfährt dieser Selbst- und Fremd-Täuschungs-Zusammenhang der Neidsucht, sobald er nicht nur die beneideten Anderen zur Ursache ihres Nichtbesitzes erklären kann, sondern auch den eigenen Selbstwert ausschließlich im Vergleich zum Fremdwert der beneideten Anderen zu empfinden und wahrzunehmen, ja zu leben vermag. Neider nehmen dann prinzipiell Andere und ihre Wertigkeiten nicht mehr wahr, ohne sich an diesen und diese an sich zu messen. Fällt aber dieser Wertvergleich negativ aus – und er fällt meistens negativ aus – entsteht ein »drückendes Minderwertigkeitsbewusstsein«(Scheler), das einer Kapitulation des Selbst vor sich selbst gleichkommt. Um diesem vernichtenden Vergleichsresultat auszuweichen, flüchten sich Neider in eine charakteristische Täuschung, die die Anderen in der Fantasie mittels Vorurteilen oder Stereotypen als minderwertiger oder niedrigrangiger abwerten und ihre als wertvoll erachteten Eigenschaften oder Besitztümer mittels Rechtfertigungsfiktionen als unberechtigten Besitz darstellen. Gleichzeitig werten sich Neider in der Fantasie selbst als mehrwertiger oder höherrangiger auf und sprechen sich allein ein berechtigtes Anrecht auf die beneideten Eigenschaften und Besitztümer der Anderen zu.Im Ergebnis hat sich also beim ohnmächtigen Neider ein analog dem beim ohnmächtigen Rächer zu beobachtendes Appetenzverhalten eingestellt. Der Neider setzt an den Eigenschaften und Besitztümer Anderer an, um die Anderen durch Vergleich abzuwerten und sich selbst aufzuwerten.

Bleiben Rach- und Neidsucht auch weiterhin unerfüllt, gewinnen sie schließlich diejenige habituelle Konstanz, die die Rede vom ›Ressentiment‹ auf ihren Begriff gebracht hat. ›Ressentiment‹ bezeichnet einen Latenzzustand, der unterhalb der Schwelle des Selbst-Bewusstseins vor sich hin grollt und die betroffene Person in ihrer Konstitution negativ stimmt oder genauer: existentiell verstimmt.

Zum Abschluss sei noch darauf hingewiesen, dass der ganze Vorgang sich unabhängig vom Zutun eines bewussten ›Sichzusichselbstverhaltens‹ (Ernst Tugendhat) vollzieht, also unabhängig vom Selbstbewusstsein und der Subjektivität der Person. Das Ressentiment ist der vorläufige Endpunkt eines Prozesses abnehmender Intensität und Präsenz eines negativ gerichteten Affekterlebens, der eine primäre Verletzung und Kränkung in eine sekundäre Verletzbarkeit und Kränkbarkeit solange verfremdet, bis sie zu einer ihrer selbst unbewussten Verletztheit und Gekränktheit erstarren und als habitueller Teil die Empfindungsweise der Betroffenen grundieren. Ressentiment, so kann seine Psychogenese zusammengefasst werden, ist ein unbewusst verinnerlichtes Muster negativen Affekterlebens ohne Ausdrucksmöglichkeit und Handlungsfolge, eine negative Impression, die nicht Expression zu werden vermochte und im Ergebnis sowohl die Selbstempfindung als auch die Außenwirkung des Selbst bestimmt.

Soziogenese des Ressentiments

Nachdem das Ressentiment phänomenologisch in seiner Psychogenese beschrieben ist, steht nun die Darlegung seiner sozialen Entstehungsbedingungen im Mittelpunkt.
Zunächst ist wichtig, sich darüber klar zu werden, dass soziale Situationen eine eigene Dimension im Unterschied zur innerpsychischen Strukturbildung des Erlebensmusters ›Ressentiment‹ erfassen, die bisher zergliedert wurden. ›Eigene Dimension‹ heißt, dass Umstände, Rahmenbedingungen, also ›überindividuell‹ wirksame Strukturzusammenhänge identifiziert werden können, die von der seelischen Individualität der Person weitgehend unabhängig zu denken sind. Sie umfassen den genuinen Gesichtspunkt, unter dem die Soziologie die Genese des Ressentiments betrachtet. Sie erklärt das Ressentiment zur abhängigen und die soziale Situation zur unabhängigen oder erklärenden Variablen. Die Soziologie beschreibt auf diese Weise die Struktureigentümlichkeiten der typischen Situationen, in denen Menschen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Latenzzustand des Ressentiments entwickeln. Und genau dies ist unter ›Soziogenese des Ressentiments‹ zu verstehen.

Die Frage ist: Welche gesellschaftlichen oder sozialstrukturellen Situationen diese Prozesse im Massenmaßstab hervorbringen, die für die Bildung des Ressentiments günstig sind?

Diskrepanz zwischen sozialstruktureller Lage und gesellschaftlicher Anerkennung

Auch hier bietet Max Schelers Argumentation einen Gedanken, an den sich anknüpfen und der sich mit Gewinn weiter ausspinnen lässt. Besonders in modernen Demokratien mit ihren verfassungsmäßig und formell verbürgten Gleichheitsrechten seien bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders für Ressentimentbildung anfällig. Und zwar solche Gruppen oder Schichten oder Klassen oder Soziallagen, die eine große Diskrepanz zwischen ihrer allgemeinen Rechtsstellung und den mit ihr verbundenen öffentlichen Geltungsansprüchen einerseits und ihren faktischen Machtchancen andererseits zeigten, derart, dass sie sich faktisch nicht in der Lage sehen, diese ihre Gleichberechtigungsansprüche ihrem prinzipiell anspruchsberechtigten Umfang gemäß durchzusetzen. Die ›Gleichheit‹ vor dem Gesetz, des politischen Einflusses, der Bildungs- und Berufschancen sowie der Vermögensbildung sind auch in Demokratien ungleich verteilt – so Scheler.

Und dieser offensichtliche und spannungsreiche Widerspruch zwischen rechtlicher Gleichheitsnorm und sozialer Ungleichheitsrealität bildet einen günstigen Nährboden für die sozialstrukturelle Genese des Ressentiments aus. Denn die allgemeine Gleichheitsnorm erzeugt einen sozial indifferenten Gleichheitsanspruch, der durch seine Normativität für soziale Differenzen nach unten wie nach oben sensibilisiert. Seine egalitäre Normativität motiviert und berechtigt gerade zu einer kognitiven Vergleichsoperation, genauer: zu einem wertenden Statusvergleich, der Unterschiede zum eigenen sozialstrukturellen Status erst als soziale Ungleichheiten kategorisierbar, soziale Ungleichheiten als soziale Ungleichwertigkeiten skandalisierbar und schließlich soziale Ungleichwertigkeiten als sozialmoralische Ungerechtigkeiten dramatisierbar macht.

In dieser wertenden Vergleichsperspektive, die für egalitär verfasste Demokratien konstitutiv ist, ist das ›Ressentiment‹ eine Größe, mit der man überall rechnen muss. Sie ist omnilatent, weil sich stets Differenzen wahrnehmen lassen, die der Statusvergleich für eine Bevölkerungsgruppe in Relation zu anderen Bevölkerungsgruppen als eigenes Minus gegenüber fremdem Plus zu messen und negativ zu bewerten gestattet.

Die Soziogenese des Ressentiments setzt allerdings nicht an individuellen, sondern vorrangig an kollektiven Affektlatenzen an, die ins Ressentiment abgesunken und dort eingefroren sind. Die Frage ist: Um welche Gesellschaftsschichten und welche kollektiv geteilten Ressentiments handelt es sich? Die Frage ist von einiger Komplexität und bedarf zu ihrer Beantwortung zunächst eines Blickes in die Ungleichheitsforschung zu den Soziallagen der Armut und der prekären Lebenslagen sowie zu den Mittelschichtlagen.

Armut und prekäre Soziallagen

Mit Armuts- und prekären Lebenslagen sind die untersten Schichten in der vertikalen Ungleichheitsstruktur der Gesellschaft bezeichnet. Je nachdem, welche Armutsdefinition statistisch zu Grunde gelegt wird, zählt man zu den in Armut lebenden Menschen solche, die mit weniger als sechzig Prozent vom Durchschnittseinkommen auskommen müssen. Dieses Schicksal trifft in der Bundesrepublik ca. vierzehn Prozent (Statistisches Jahrbuch 2016) der Gesamtbevölkerung. Zwar trifft die immerhin von fünfunfsiebzig Prozent der Bevölkerung geteilte Meinung empirisch nicht zu, dass die Armen ärmer und die Reichen reicher würden, wohl aber bestätigt die Forschung, dass in Armut Lebende immer mehr ›abgehängt‹ werden, was nicht an der Schere zwischen Armen und Reichen sondern zwischen Armen und dem Durchschnitt abzulesen ist. Fakt ist, dass der Regelsatz für die laufenden Hilfen zum Lebensunterhalt dynamisch an die allgemeine Lohn- und Gehaltsentwicklung angepasst wurde. Seit 1965 haben diese im Vergleich zum Nettorealverdienst der Arbeitnehmer um achtzig Prozent zugenommen, während dieser in derselben Zeit aber um vierund vierzig Prozent zugelegt hat. Daher leben Menschen in Armut zwar heute weniger kümmerlich als vor 50 Jahren, aber die Kluft zwischen armer Bevölkerung und dem Durchschnitt wird kontinuierlich größer. Arme unterscheiten den Lebensstandard der Mehrheitsbevölkerung zunehmend tiefer, mit anderen Worten: sie werden sukzessive von der allgemeinen Wohlstandsentwicklung ›abgehängt‹.

Relative Armut ist heute aber eine dynamische Phase, da die Verweildauer in der Armutszone zeitlich begrenzt und die Fluktuation in sie hinein und aus ihr heraus hoch ist. In den neuen Bundesländern zeigt sich ein noch dynamischeres Ver- und Entarmungs-Muster als in den alten. So ist das Armutsrisiko im Osten Deutschlands dreimal so hoch ist wie im Westen, weil wegen der geringen Vermögensbildungschancen der ehemaligen DDR-Bürger Arbeitslosigkeit gleichbedeutend mit deutlich erhöhtem Armutsrisiko war und ist. So war zum Beispiel zwischen 2003 und 2004 jeder dritte Ostdeutsche länger als ein Jahr arbeitslos gewesen und lebte damit ständig mit der Furcht davor, in Armut abzugleiten.

Zu diesen ca. vierzehn Prozent in Armut Lebenden lassen sich aber noch diejenigen ca. dreiundzwanzig bis fünfundzwanzig Prozent der von Armut bedrohten Bevölkerung zählen, die in der so genannten ›prekären Wohlstandslage‹ leben, eine etwas zynische Kategorisierung, die der faktischen Armutslage vorgelagert ist. Prekär, also von Armut bedroht, leben alle diejenigen, die in Datenreports seit 2002 mit ca. fünfzig bis fünfundsiebzig Prozent des Mittelwertes aller Nettoäquivalenzeinkommen der Haushalte und ihrer Mitglieder auskommen müssen – Paare ohne Kinder mit ca. 1000 Euro plus, Paare mit zwei Kindern mit ca. 2000 Euro plus. Die Lebenssituation der Menschen in prekären Soziallagen gilt als besonders verwundbar im Sinne von unsicher, heikel oder instabil. Sie gehen wenig angenehmer Erwerbsarbeit nach, haben geringe Einkommen und wenig Aussicht auf Erbschaften, sind stärker mit Kriminaltät belastet und laufen ein deutlich höheres Risiko, an Herz und Kreislauf, Diabetes und am Bewegungsapparat zu erkranken – kurz, Menschen in prekären Lebenslagen haben eine deutlich kürzere Lebenserwartung.

Zählt man in Armut und in prekären Soziallagen Lebende zusammen, dann fristet um die fünfunddreißig bis siebenunddreißig Prozent der Deutschen ihr Leben im Horizont der Armut, entweder kurzfristig in Armut oder langfristig mit der direkten Armutsdrohung. Schichtensoziologisch gesehen sind diese Menschen zwischen dem unteren Rand des Mittelstandes der ungelernten und angelernten Dienstleister und Arbeiter und der Unterschicht angesiedelt. Sie sind die objektiv Abgehängten unserer Gesellschaft und fühlen sich subjektiv auch abgehängt, was sich an ihren Selbstbeschreibungen zeigt, die sie als Menschen vorstellen, welche sich von der Politik im Stich gelassen fühlen.

Mittelschichtlagen

Die sozialwissenschaftliche Ungleichheitsforschung, die vertikale Ungleichheiten erforscht, schenkt der sogenannten gesellschaftlichen Mitte seit einigen Jahren hohe Aufmerksamkeit, ohne dass Einigkeit darüber bestehen würde, wo sie unten anfängt und oben aufhört. Wird die ›meritokratische Triade‹ aus Bildung, Beruf und Einkommen zugrunde gelegt, kommt eine ›bürgerliche Mitte‹ in den Blick, die vor allem aus den freien Berufen der Ärzte, Rechtsanwälte, Architekten, Berater und Therapeuten einerseits, aus den leitenden Angestellten der Banken und Unternehmen und auch den Professoren und Wissenschaftlern der Universitäten und führenden Forschungsinstitute andrerseits besteht. Gehen die Forscher von den Berufsgruppen insgesamt aus, da von ›Bürgertum‹ als Klasse, Stand und Lebensführung nur noch in ideologisch affirmativer oder polemischer Absicht gesprochen werden kann, so entsteht ein weitaus differenzierteres Bild. In dieser Perspektive bildet die ›bürgerliche Mitte‹ allerdings nur den oberen Mittelstand von knapp siebzehn Prozent der berufstätigen Bevölkerung ab. Zur ›Mitte‹ der Gesellschaft zählen und zählen sich selbst aber auch der mittlere Mittelstand der Erzieher, Sozialarbeiter, Computertechniker oder Buchhalter, die kleinen bis mittleren Selbständigen in Handwerk, Handel und Gastronomie sowie die traditionelle Arbeiterelite der Meister mit ca. dreiundzwnzig Prozent. Und vollzählig erfasst ist die gesellschaftliche Mitte erst, wenn auch der so genannte untere Mittelstand der gelernten Dienstleister: Fachkräfte in Büro und Bank, Verkauf, Gastronomie, Betreuung und Pflege sowie die qualifizierten Facharbeiter und qualifizierten Handwerkerberufe wie Elektriker und Mechaniker mit ca. zweiundzwanzig Prozent in die Zählung mit aufgenommen werden.

Menschen der Mittelschichtlagen betrachten sich als die Stützen der Gesellschaft. Sie rechnen es sich, ihrer Leistungsbereitschaft und ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Initiative und ihrer von autonomer Verantwortung für das eigene Leben getragenen Lebensführung als Verdienst an, dass in der Bundesrepublik Wohlstand erwirtschaftet wird und das gesellschaftliche Leben eine hohe Lebensqualität erreicht hat.

Politisierbarkeit des Ressentiments

Die Soziogenese des Ressentiments gründet in diesen durch Vergleich produzierten Diskrepanzwahrnehmungen auf dem Boden der demokratischen Gleichheitsgarantie, die für die eigene Gruppe negativ ausfällt.

Prekäre Lebenslagen sind trotz Arbeitsmotivation und tatsächlichen lebenslangen Arbeitens mit materiellen Gütern des Konsums deutlich unterausgestatteter als andere Bevölkerungsgruppen. Menschen in prekären Soziallagen sind zumeist angelernte Arbeiter oder Dienstleister, die ebenso leicht durch andere Arbeitnehmer ersetzt werden wie ihre Arbeitsplätze durch technologische Rationalisierung wegfallen können. Und ihnen droht im Falle ihrer Arbeitslosigkeit von allen Schichtungsgruppen am ehesten das Abrutschen in die Armut. Menschen in prekären Soziallagen sind daher besonders anfällig für die Ausbildung eines Ressentiments aus dem ohnmächtig bleibenden, neiderfüllten Vergleich, der sich aus materieller Not und existentieller Furcht vor gesellschaftlichem Abstieg in die Unterschicht der Armut speist. Aus dieser Situation heraus sind sie äußerst sensibel für besser gestellte Gruppen, deren Besserstellung sie sich leicht mit Hilfe von Gründen erklären, die diese als soziale Ungerechtigkeit zu ihren Lasten erscheinen lassen.

Abstiegsbedrohte Mittelschichtlagen hingegen kritisieren die geringe ideelle Anerkennung und öffentliche Wertschätzung, die sie kraft ihres Selbstbildes als Stützen und Vertreter der Normalmoral der Gesellschaft für sich in Anspruch nehmen. Insbesondere untere und mittlere Mittelschichtangehörige zeigen sich für eine Ressentimentbildung aus frustriertem Anspruch auf soziale Geltung anfällig, dessen Vergeltungsbedürfnis ohnmächtig und ohne politische Artikulation bleiben muss.

Zur Ressentimentaffinität dieser Schichten passen empirisch drei Konfliktthemen, die seit Jahren die politische Agenda der Bundesrepublik bestimmen: ›Arbeit versus Kapital‹, ›Oben versus Unten‹ und ›Inländer versus Ausländer‹. Und alle drei Konfliktfelder sind geeignet, mit einer Politisierung der beschrieben Ressentiments verbunden zu werden, wenn es weder innerhalb des Systems demokratischer Parteien noch des der intermediären Verbände und Interessengruppen gelingt, für diese Konfliktthemen akzeptable Lösungen zu finden. Denn bleiben diese Konflikte längere Zeit ungelöst, tendieren sie dazu, sich zu radikalisieren und Konfliktgegenstände nicht zu desaggregieren und zu praktikablen Kompromissen kleinzuarbeiten, sondern sich zu grundsätzlichen Konflikten aufzuschaukeln, die das politische System selbst infragestellen. Dann werden die Konfliktthemen durch politische Akteure besetzbar, die sich außerhalb des etablierten Parteien- und Bewegungsspektrums bewegen. Dann schlägt die Stunde des Populismus, der sich gegen das ›Establishment‹ und mit den ›kleinen Leuten‹ solidarisch erklärt, um sich zur Stimme ihrer angeblich unterdrückten und vernachlässigten Interessen erklärt. Und dann schließlich können ressentimentale Stimmungen aus ihrem Latenzzustand geweckt und in manifeste Gefühle überführt werden, die sonst bei funktionierenden Konfliktlösungsmechanismen des politischen Systems latent bleiben müssen.

Die drei Konfliktthemen – Kapital versus Arbeit, Oben versus Unten, Inländer versus Ausländer

Die Bundesrepublik hat den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit auf Basis der grundgesetzlich garantierten Tarifautonomie von einem fundamentalen Konflikt, bei dem jedesmal das gesamte System von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf dem Spiel steht, zu einem pragmatischen Konflikt verändert, der als Konflikt zwischen gleichberechtigten Tarifparteien institutionalisiert und damit stets aufs Neue verhandelten, praktisch-vertraglichen Lösungen auf Zeit zugeführt wurde und wird.

Bezüglich der Konfliktthemen ›Oben versus Unten‹ und ›Inländer versus Ausländer‹ sieht es anders aus. Das sind Konflikte, die durch Regierungs- und Oppositionsparteien in der medialen Öffentlichkeit ausgetragen, durch Wahlen entschieden und durch rechtstaatliche Regelungen auf Zeit gelöst werden.

So wird der Konflikt zwischen ›Oben versus Unten‹ in der Bundesrepublik durch eine Steuerpolitik der Umverteilung, den Sozialstaat, die Sozialpolitik und Arbeitsmarktpolitik mit mehr oder weniger Entlastung des ›Oben‹ und mehr oder weniger Alimentierung des ›Unten‹ von Legislaturperiode zu Legislaturperiode mehr oder weniger zufriedenstellend bearbeitet. Eine politische Radikalisierung derjenigen materiell gegründeten Ressentiments der prekären Unterschichten gegen ›die‹ Reichen und gegen ›die da oben‹, die sich mit beiden Konfliktthemen verbinden lassen und politisch genutzt werden könnten, haben für die Geschichte der Bundesrepublik bis heute nicht die revolutionären Dimensionen eines Klassenkampfes im marxistischen Sinne erreichen können.

Etwas anders sieht es mit dem dritten Konfliktthema ›Inländer versus Ausländer‹ aus. Dieses Thema ist mit einer neuralgischen Stelle des deutschen nation und state building verknüpft, mit dem auch in der Bundesrepublik immer wieder Politik: Migrationspolitik, Asylpolitik und gegenwärtig Flüchtlingspolitik gemacht wird. Diese Identitätsthematik spitzte sich in den letzten Jahrzehnten zu der Streitfrage: ›Einwanderungsland oder Keinwanderungsland?‹ zu, die wiederum mit der alten und wohl nie endgültig zu entscheidenden Frage nach der ›Deutschen Nation‹ zusammenhängt.

Politisches Resultat dieses immer wieder aktualisierten Konfliktthemas ›Inländer versus Ausländer‹ in Verbindung mit der der Frage ›Was ist Deutsch?‹ und was nicht, ›Wer gehört zur deutschen Nation und wer nicht?‹, ist ein anachronistisches Staatsbürgerrecht, das sich nicht gegen das vormoderne ius sanguinis und für das moderne ius solis entscheidet, und ein kompliziertes Aufenthaltsrecht von der Duldung bis zum heutigen Asylbewerbergesetz. So wurde die Einwanderung und Integration so genannter Russlanddeutscher auf dem Boden des ius sanguinis nie so problematisiert wie das Thema der Einbürgerung von Kindern der ›Gastarbeiter‹ oder ›Asylbewerber‹ oder ›Flüchtlinge‹, die in der Bundesrepublik geboren wurden. Auch schlagen aus diesem Konfliktthema nicht nur die rechtsextreme NPD in den 60er Jahren und die Republikaner von den späten 80ern in Berlin und Baden-Württemberg bis 2001 politisches Kapital, sondern auch der rechte Flügel der CDU/CSU,der FDP und aktuell die AfD.

Die Frage nach der deutschen Nation hat eine lange Geschichte: Helmuth Plessner schrieb über die ›Die verspätete Nation‹, man sprach vom deutschen Sonderweg und spricht von der unsicheren deutschen Nation bis heute. Was sie sein soll, über diese Frage ist keine Einigkeit im Sinne vorpolitischer Bestimmungen zu erzielen. All jene Versuche bleiben problematisch, welche ›die‹ Deutschen durch biologische Abstammung, ethnische oder kulturelle Eigenschaften als homogene Nation zu definieren suchen. Und auch ihr heutiges Echo: ›Wir sind das Volk!‹auf ›Pegida‹-Demonstrationen gibt ja nur für einen Teil und bei weitem nicht für die Mehrheit der Bevölkerung eine Antwort.

Auch hat Ausländerfeindlichkeit eine lange Tradition in Deutschland. In den neuen Bundesländern war sie in der DDR trotz staatlicherseits verordnetem Antifaschismus und Internationalismus latent vorhanden, obwohl es de facto kaum Ausländer gab, von wenigen Angolanern, Kubanern und Vietnamesen abgesehen – die DDR das ›war‹ und die neuen Bundesländer ›sind‹ ausländerfeindlich ohne Ausländer und verstehen sich als ethnisch homogen. Insofern finden dort Identitätsideen nach wie größere Resonanz als in den alten Bundesländern, die die Deutschen als ethnisch und kulturell homogene Abstammungsgemeinschaft begreifen und Zugehörigkeit zur deutschen Nation partikularistisch und exklusiv und nicht universalistisch und inklusiv bestimmen.

Im Unterschied zur DDR haben wir in der Bundesrepublik dagegen eine Übernahme der historischen Verantwortung für die Verbrechen und Untaten der Nazis. Die DDR aber internationalisierte den Nationalsozialismus als Faschismus und (fehl-)interpretierte die Nazi-Diktatur als Strategie kapitalistischer Krisenbewältigung im Stadium der Agonie. Damit aber konnte ›Vergangenheitsbewältigung‹ nicht zum Gegenstand der politischen Bildung und Schulbildung werden – ebenso wenig wie in Österreich übrigens, das den Nazi-Totalitarismus externalisierte und als aufgezwungenen Regime-Import aus Deutschland interpretierte, was den großen Erfolg der Haider-Partei und der Präsidentschafts-Kandidatur Norbert Hofers bis heute miterklärt.

Folge war und ist in der Bundesrepublik eine Gesetzgebung, die hochsensibel auf nazistische Narrative gleich welcher Art reagiert und sich in ihrem Selbstverständnis ein Grundrecht auf Asyl in die Verfassung geschrieben hat, das letztlich die historische Erfahrung des Nationalsozialismus unter der Leitidee verarbeitet: ›Auschwitz darf sich nicht wiederholen‹ – mit großem Recht, wie ich überzeugt bin, und die daraus von Fall zu Fall folgenden Übertreibungen bei weitem aufwiegend.

Mit dieser identitätspolitischen Weichenstellung sind die staatspolitischen Selbstdefinitionen der Deutschen als einer Nation ausgeschlossen oder zumindest hoch problematisch, die sich nicht politisch aushandeln lassen, also vorpolitisch und entschieden partikularistisch sind wie die ethnisch und biologisch definierte Identitätsidee der Volksnation des Nazi-Totalitarismus, wie die sprachlich, religiös, historisch definierte Idee der Kulturnation und wie die gesellschaftlich definierte Klassennation der untergegangenen DDR. Die heutige Bundesrepublik aber versteht sich seit 1989 dezidiert und auch in der Mehrheit der Bevölkerung als Staatsbürgernation, basierend auf einer starken und offenen Zivilgesellschaft.

Rechtspopulistische Politisierung der Ressentiments über das nationalistische Narrativ

Es ist die These dieses Versuchs, dass in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise in der Bundesrepublik mittels des Konfliktthemas ›Inländer versus Ausländer‹ durch rechtspopulistische Demagogie eine Politisierung des Ressentiments aus neiderfülltem Vergleich und aus frustriertem Geltungsanspruch betrieben und mittels eines nationalistischen Narrativs erfolgreich in politische Macht umgesetzt wird, das sich über ein teils biologisch, ethnisch und kulturell definiertes Nationverständnis definiert. Es sind die so genannten ›Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes‹ (Pegida) und vor allem die so genannte ›Alternative für Deutschland‹ (AfD) die sich jenseits der politischen Arenen zu den Demagogen des populistischen Nationalismus machen und sowohl die materiell schlecht gestellten, prekären Lebenslagen als auch die materiell gut gestellten, aber in der Selbstwahrnehmung abstiegsbedrohten Mittelschichtlagen als Träger kollektiver Ressentiments mit großem politischem Erfolg mobilisieren.

Sie agieren als politische Akteure, die als politische Bewegung und Partei deren latenten Ressentiments eine Deutung der Situation und den in ihm eingekapselten Neid- und Rachebegehren eine Rechtfertigung und Richtung anbieten. Und sie stellen den Trägergruppen dieser Ressentiments im Kontext von Massendemonstrationen und Parteiveranstaltungen eine Arena zur Verfügung, in denen die unterdrückten Neid- und Racheaffekte ihre Erregungskraft zurückerhalten und die mit ihnen verbundenen Ohnmachts- und Unterlegenheitsgefühle die immer schon gewollte, aber stets unterdrückte Gelegenheit zur spontanen Artikulation in Form eines wütenden Protest- und Entrüstungsverhaltens ermöglichen. Politisch wirksam werden die aus ihrer Latenz heraus sich als Affekt manifestierenden Ressentiments, wenn sie in direktes Wahlverhalten umschlagen und die Zusammensetzung von Parlamenten mitentscheiden können. Dann sind aus Ressentiments Gefühle und aus Ressentimentpolitik Gefühlspolitik geworden.

Die Frage ist: Wie und warum gelingt es dem Neo-Nationalismus der Rechtspopulisten das Ressentiment der Menschen anzusprechen? Schauen wir uns die beiden hauptsächlichen Trägergruppen der beschriebenen Ressentiments dazu im Einzelnen an.

Politisierung prekärer Soziallagen und die Mobilisierung grollender Nichtwähler

Die AfD bietet Menschen in prekären Soziallagen, die faktisch sozial abgehängt sind und sich subjektiv auch abgehängt fühlen, eine nationalistische Identifikation und eine Zugehörigkeitsidee an, die sich derzeit in scharfer Abgrenzung gegen Fremde, Flüchtlinge und Muslime ergibt. Die Spitzenpolitiker der AfD kommunizieren sowohl eine Definition der deutschen Nation über ethnische (Frauke Petry), kulturelle (Alexander Gauland) und auch biologische (Björn Höcke) Kriterien. Diese Propaganda mobilisiert vor allem Nichtwähler, die, wie die Wahlforschung im Anschluss an die Bundestagswahl 2013 zeigen konnte, überwiegend in prekären Soziallagen im Vorhof der Armut leben müssen. Die rechtspopulistische Demagogie bietet den sozial ›abgehängten‹ Menschen in prekären Lebenslagen die Möglichkeit, sich zu dieser Art des Deutschseins dazugehörig zu fühlen, das durch den polarisierenden und wertenden Vergleich zu den ausgegrenzten Nichtdeutschen eine nationalistische Zugehörigkeit exklusiver Art herstellt, die ihre soziale Abgehängtheit aufzuheben scheint. Gleichzeitig verschafft sie ihnen ein Gefühl der Höherrangigkeit, das das Stigma ihrer existentiellen Prekarität in der Vorstellung zu überwinden verspricht. Der neo-nationalistische Rechtspopulismus kommuniziert, dass das Problem der Probleme die Anderen, Fremden, Flüchtenden und Migranten sind und die Lösung der Lösungen die Herstellung einer ethnisch, kulturell und auch biologisch homogenen Gesellschaft ist, die diese ›Anderen‹ aus- und die ›Eigenen‹, also sie, einschließt. Diese Situationsdeutung trifft deshalb bei Menschen in prekären Lebenslagen auf Zustimmung,

  • weil sie ihnen erstens erlaubt, sich zu einem Kollektiv der Eigenen zugehörig und nicht mehr von diesem ›abgehängt‹ zu fühlen, da sie sich auch leicht als partikularistisch: ethnisch, kulturell, biologisch definierte Deutsche verstehen können und auch wollen – das drückt die Parole ›Wir sind das Volk!‹ am deutlichsten aus; und
  • weil sie ihnen zweitens plausibel erscheinen lässt, dass ihre materiellen und ideellen Probleme nicht selbstverschuldet, sondern durch eine Politik fremdverschuldet ist, die diese Anderen, nicht zur partikularistisch definierten Nation gehörenden, positiv privilegieren und zwar auf Kosten einer negativen Diskriminierung ihrer selbst – auch wenn das objektiv so nicht zutrifft: Weder die Volksparteien noch die mehr oder weniger themenspezifisch gebundenen Parteien der etablierten Politik pflegen öffentlich eine Unterschichtenverachtung;
  • schließlich verschafft es ihnen über die nationalistische Höherrangigkeitvorstellung ein erhöhtes Selbstwertgefühl, das sich über den abwertenden Vergleich mit ›den‹ Flüchtlingen herstellen lässt.

Dieser Eindruck lässt sich leicht aus den zahlreichen online gestellten Interviews und O-Ton-Beiträgen auf YouTube verifizieren. Dort äußern sich Pegida-Demonstranten und AfD-Sympathisanten oder -Mitglieder gebetsmühlenartig voller Hass und Wut und erweisen sich vollkommen unerreichbar für Argumentationen: begründete Aussagen und präsentierte Fakten. Stolz demonstrieren sie ihre obstinate Ablehnung realistischer, tatsachenbasierter Wirklichkeitswahrnehmungen, zu der sie sich laut und aggressiv bekennen. Dabei sagen die Interviewten im Grunde alle dasselbe: ›Die herrschende Politik gibt den Flüchtlingen das Geld, die Anerkennung und die Unterstützung, die uns von Rechts wegen zusteht, weil wir doch das Volk und jene doch nicht das Volk, sondern die Fremden sind! Wir fühlen uns durch die Medien oder die ›Lügenpresse‹ belogen, durch die Politik oder das ›Establishment‹ betrogen und durch die Fremden oder den ›Islam‹ bedroht!‹

Diese Moralisierung von Medien, Politik und Muslimen ermöglicht eine extreme Vereinfachung der Lagewahrnehmung, die auch das verständliche Bedürfnis dieser Menschen bedient, sich als Opfer entrüsten und gegen endlich erkennbar gewordene Täter wüten zu können. Und das alles im Vertrauen darauf, dass die Rechtspopulisten an der Macht ihnen das schließlich an Geld, Besitz und Anerkennung geben würden, was ihnen die Politik und die geflohenen Menschen in dieser Deutung der Situation zu nehmen scheinen. Ein politisch fataler, alter und unausrottbarer Irrtum.

Politisierung abstiegsbedrohter Mittelschichtlagen und die Mobilisierung geltungsfrustrierter Protestwähler

Wähler der AfD und Demonstranten der Pegida sind nicht mit Menschen in prekären Lebenslagen identisch. Andere Pegida-Läufer und AfD-Wähler sind Protest- und Wechsel-Wähler, die aus der CDU/CSU, SPD und Linken und auch von der rechtsextremen NPD der AfD zustimmen und der Pegida zulaufen. Sie entstammen gerade nicht den prekären Soziallagen und tragen real auch nur ein geringes Abstiegsrisiko in der vertikalen Schichtungsstruktur, auch wenn sie sich fiktional von Abstieg bedroht fühlen, wie die empirische Mobilitätsforschung zeigt. Dieser Wählertypus und Pegida-Läufer springt auch auf das nationalistisch politisierte Flüchtlingsthema an, zwar aus ähnlichen Affekt- und Stimmungslagen heraus wie die Wähler in den prekären Lebenslagen, aber doch aus einer völlig anderen materiellen Situation. Und während diese es nicht besser wissen können, aber es endlich einmal auch besser wissen wollen als alle anderen, könnten es jene besser wissen, wollen es aber nicht.

Bei den Protest- und Wechselwählern ist eher – wie gesagt - das Gefühl dominant, dass sie nicht die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung seitens Politik und Medien erhalten, die ihnen nach ihrem Selbstverständnis verdienter- und daher berechtigterweise zustehen. Und genau diese Anerkennung und Wertschätzung erhalten ihrer Wahrnehmung nach im Namen der Menschenrechte unberechtigterweise die um Asyl bittenden Flüchtlinge, die außerdem noch durch materielle Güter und Geld Unterstützung erführen, während sie selbst doch ihr Leben lang haben schuften und schaffen müssen und nichts geschenkt bekommen haben im Leben – so die immer wiederkehrenden Aussagen, die sich auch hier über YouTube leicht verifizieren lassen.

Diese Menschen erreicht dasselbe Narrativ, nach dem ihr ohnmächtiges Begehren nach Vergeltung sucht und ihnen einen auch für andere, kollektiv anerkennungsfähigen Wertbezug offeriert, der ihr Wertschätzungs- und Anerkennungsbegehren in den Augen Anderer, kurz: ihren gekränkten Stolz besänftigt und sich öffentlich zu zeigen und auszuzeichnen erlaubt.

Genau diese Funktion erfüllt der Neo-Nationalismus der Rechtspopulisten: Denn Nationalismus heißt immer ›America first!‹ (Trump), ›Holland te eerst!‹ (Wilders) und ›Deutschland zuerst‹ (AfD). Nationalismus tritt stets mit einem Höherrangigkeitsanspruch gegenüber anderen Nationen auf, der sich auf einen Singularitätsanspruch gründet, der sich seiner Besonderheiten ethnisch, kulturell oder auch biologisch vergewissert. Doch gerade die deutsche Nationsgeschichte ist im Kern auch eine Kränkungsgeschichte, konkret: die Geschichte eines gekränkten Stolzes, die sich von den Napoleonischen Kriegen über den verlorenen ersten und zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart hinzieht. Genau deshalb ist der deutsche Nationalstolz immer mit verletztem Stolz imprägniert, ebenso kränkungsanfällig wie kränkungsüberwindend, indem er sich mit anderen vergleichen muss, um sich seiner eigenen Wertigkeit vergewissern zu können. Der Nationalist (nicht allein der deutsche) kommt dabei immer gut, die Anderen immer schlecht weg.

Rechtspopulistische Protestwähler und Bewegungsprotestierer können durch Identifikation mit den Parolen des Neo-Nationalismus endlich öffentlich auf sich stolz sein, weil sie auf die deutsche Nation stolz sein können, als deren Teil und Stütze sie sich verstehen.

Postfaktischer Rechtspopulismus und Ressentiment

Ressentiments sind individuelle und kollektive Stimmungszustände ohne bestimmte Richtung und Gegenstände, also Latenzzustände ohne Bewusstsein ihrer Intentionalität. Damit Psychogenese und Soziogenese des Ressentiments Populismusresonanz entwickeln, braucht es demagogische Vermittlung, die seine Stimmungslatenz aufheben und in manifeste Gefühle und Affekte überführen hilft. Rechtspopulistische Demagogie markiert zu diesem Zweck Adressaten und Themen, die, wie gezeigt, den ressentimental eingekapselten Frustrationen und Kränkungen erlauben, sich in den Affekten der Wut und Entrüstung zu entladen und auf diese Weise endlich einen Verhaltensausdruck erreichen, der die ressentimentypische Ohnmacht überwindet und ihrer verneinten Affektivität eine subjektiv adäquate Artikulation ermöglicht.

In den westlichen Demokratien verwendet die rechtpopulistische Demagogie nationalistische Narrative, um die latenten Ressentiments des Sozialneids und verletzten Stolzes anzusprechen und in manifeste Emotionen zu transformieren, die sich auf Demonstrationen politisieren und durch die sich Nichtwähler und Protestwähler als Wähler gewinnen lassen. Dabei hat rechtes Denken nichts weniger als Emanzipation im Sinn, bedeutet Zugehörigkeit zur homogen gedachten Nation keineswegs Verbesserung materieller Prekarität oder Anerkennung mentaler Geltungsbedürftigkeit. Vielmehr lehnen die rechtsintellektuellen Spindoktoren der AfD mit dem Gleichheitspostulat doch gerade diejenige Grundvoraussetzung ab, die das demokratietypische Ressentiment zwar mitverursacht, aber auch seine sozialstaatliche und sozialpolitische, bildungspolitische und arbeitsmarktpolitische Bearbeitung zum Besseren hin motiviert.

Überdies bestehen zwischen genuin rechten Positionen und ›Metapolitiken‹ einerseits und den Bedürfnissen und Lebenslagen von Menschen, die in Armut und prekären Lebenslagen ihr Leben fristen müssen andererseits, keinerlei inhaltlich-sachliche Übereinstimmungen. So ruht rechtes Denken auf einer zutiefst negativen Anthropologie auf, die Differenzen als Ungleichheit naturalistisch und diese als Ungleichwertigkeit ontologisch interpretiert. Die von ihm angestrebte Sozialordnung ist ebenso hierarchisch wie die politische Ordnung, die es als autoritäre Elitenherrschaft denkt. Und schließlich ist die ›Nation‹ ihr absoluter Wertbezug, der einem ›Europa der Nationen‹ und einem ›Aufstand der Kulturen‹ (Alain de Benoist) die Richtung weisen soll, und das wird, das können wir aus bitterer historischer Erfahrung wissen, früher oder später ein Europa der nationalistischen Kriege werden, Kriege um nichtiger territorialer Ansprüche und nicht um einer richtigen materiellen und mentalen Besserstellung der Europäer willen.

So lautet das Unwort für Rechtsintellektuelle ›Gleichheit‹, sie muss weg. Beseitigt werden müssen die Idee einer ›Gleichheit der Lebenschancen‹ und die Institutionen, die zu ihrer Realisierung eingerichtet sind. Sozialstaat, Sozialpolitik und überhaupt jegliche politische Rücksichtnahme gegenüber den sozial Schwachen sind in den Augen der Rechten widernatürlich und müssen in Dekadenz enden. Daher nehmen Rechtsintellektuelle die soziale Liberalität westlicher Demokratien als Symptom des Verfalls und Niedergangs wahr. In ihren Augen sind Menschenrechte und Weltoffenheit, Liberalität und Toleranz, Rechtsstaat und Gleichberechtigung, Sozialstaat und soziale Marktwirtschaft, kurz die Institutionen und Wertideen offener Gesellschaften nichts weiter als Manifestationen eines einzigen Dekadenzsyndroms. In ihrer Sicht sind sie die Folge der nach 1945 eingegangenen Westbindung, die alle Wertbezüge, von denen sie überzeugt sind, außer Kurs gebracht und ruiniert hat. Deshalb setzen sie auf Verschärfung und Krise, auf Härte und Schmerz, auf Krieg und Elend, auf Nationalismus und Ethnozentrismus, auf Anti-Kapitalismus und Anti-Parlamentarismus, um die Welt in denjenigen Zustand zu bringen, der mit ihrer negativen Anthropologie übereinstimmt.

Doch das hat mit dem, was Menschen sich für sich wünschen, die ›Wir sind das Volk!‹ skandieren, wenig bis gar nichts zu tun. Denn Zugehörigkeit zur Nation und Ausschluss aller, die sie nicht dazu zählen wollen, also Homogenität statt Heterogenität bringt auch nicht die geringste Verbesserung ihrer materiellen Lebenslage und ressentimentalen Lebensverstimmung.

Dennoch sind Rechtspopulisten und ihre Spindoktoren mit ihrer Ressentimentpolitik erfolgreich. In Europa erringen sie Parlamentssitze und in den USA erobert einer der ihren das Amt des Präsidenten. Für ihren Erfolg greifen sie auf eine höchst dubiose Währung rhetorischer Vereinfachung zurück, um die Seelen der grollenden Schichten zu kaufen. Ein hochwirksamer Wechselkurs von fakes in facts und umgekehrt von facts in fakes fixiert diese Währung, die Wahrheiten in Lügen und Lügen in Wahrheiten nach Belieben konvertiert, um die Wirklichkeit mit ihren Macht- und Selbstdarstellungsinteressen zu harmonisieren und den Ressentiments ihrer Klientel Artikulationsmöglichkeiten und Befriedigung zu schaffen.

Die populistische Ressentimentdemagogie konstruiert letztlich eine Wirklichkeit jenseits von ›Lügenpresse‹, ›Establishment‹ und offener Gesellschaft. In ihr findet die ressentimentale Verstimmtheit der Nichtwähler und Protestwähler politisch ein Unterkommen, ein zweifelhaftes, weil unwirkliches Unterkommen, das sich zwar als Befreiung ausgibt, tatsächlich aber auf eine Inhaftnahme hinausläuft, wo Stolz und Groll zusammentreffen, um in Lüge zu vereinsamen und zu verdummen und in Wahrheit gekränkt und abgehängt zu bleiben.

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