2 male paradise fishes are fighting for territory by their mouth. Quelle: Wikimedia Commons

Statt eines Prologs: Wendezeit/Zeitenwende

 

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
sie säuseln und wehen Tag und Nacht,
sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
man weiß nicht, was noch werden mag,
das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden!

Ludwig Uhland (1787 - 1862)

»Nun muss sich alles, alles wenden.« Dem Dichter antwortet der Oberst von Zitzewitz, Namensgeber einer Reihe von Witzen über das Offizierskorps der KuK-Monarchie: »Langweiliger Zivilist. Da sagt man einfach: Kehrt!« In den Wendewochen des ausklingenden Jahres 1989 konnte man beide Typen wiederfinden. Den Angst und Qualen überwindenden Poeten mit dem zukunftsfrohen, dennoch etwas skeptischen Frühlingsglauben: Die Welt wird schöner mit jedem Tag, man weiß nicht, was noch werden mag … Er teilte des Kanzlers Kohl naiven oder vorgetäuschten Glauben an kommende blühende Landschaften, an einen sanften Übergang vom geteilten zum vereinigten Deutschland, er spürte linde Lüfte erwachen, atmete frischen Duft, hörte neuen Klang. Ihm stand der Vertreter des Realitätsprinzips gegenüber, der Brutalo, der dem Neuankömmling, den neuen Ländern, entgegenrief: »Kehrt! Vorwärts in die Vergangenheit, Marsch, Marsch!« Wohin gehörte ich? Mir fehlte der Frühlingsglaube, die Begabung für jedwede Art von Glauben, und ich war seit meiner Kindheit allergisch gegen den Offizierston, gegen die Kommandosprache.

Ein Hauch von Freiheit

Wie schnell, wie radikal schlug die Stimmung in diesen letzten Wochen des Jahres 1989 um. Wir erwachten, geweckt durch die linden Lüfte einer neuen, anbrechenden Zeit, neuer Mut durchströmte uns, wir ahnten, dass wir an tiefgreifenden Veränderungen teilhatten, doch war uns unsere individuelle Bedeutungslosigkeit gegenüber den angeblichen großen Akteuren der Geschichte – der Klasse, der Partei und einigen großen, führenden Persönlichkeiten – dermaßen gründlich eingebläut worden, dass uns der Gedanke, historische Akteure zu sein, anmaßend, maßlos vorkommen musste. Umso heftiger forderten wir, Subjekte unserer eigenen Geschichte zu werden.

Ende Oktober fand in Berlin in der Kongresshalle am Alexanderplatz der seit langem geplante VII. Kongress der DDR-Philosophen statt, mit ausländischen Gästen, wie üblich. Diese alle vier Jahre stattfindende Veranstaltung sollte die letzte ihrer Art sein. Eine Sendung des Fernsehens, ein Gespräch mit Philosophen fand am Vorabend statt – live, und ohne Vorabsprachen. Das war überaus ungewöhnlich. Manfred Buhr, der Direktor meines Akademie-Instituts, hatte bestimmt, daß mein Kollege Steffen Dietzsch, durch seine Arbeiten über Kant und Nietzsche, und ich, vor allem mit Veröffentlichungen zu Sartre bekannt, daran teilnehmen sollten. Warum wir? Ich denke, er schätzte uns als selbständige Denker, als unorthodoxe Persönlichkeiten. Ergebene, ja unterwürfige Mitarbeiter gab es im Institut für Philosophie genug. Er benutzte sie, verachtete sie zugleich. Bei seiner Wahl, uns vor die Kameras zu schicken, spielte sicher Sympathie eine Rolle, doch bei genauerer Überlegung komme ich zu dem Ergebnis, dass er uns auch benutzte. Es war nützlich, in dieser Wendezeit zu beweisen, dass sich an seinem Institut Köpfe fanden, fähig, außerhalb der engen, ideologisch vorgegebenen Pfade zu denken. Die keine Amtsträger waren, sondern über den engen Fachkreis der Philosophen hinaus durch ihre Arbeiten einen gewissen Namen hatten, ohne den Ruf von Dissidenten erworben zu haben. Wir nutzten die Gelegenheit.

Der Fernsehmoderator fragte mich, was Philosophie sei, könne, solle. Ich hatte lange, zu lange geschwiegen, 1968, als sowjetische Panzer den Prager Frühling erstickten, 1976, als Wolf Biermann ausgewiesen worden war. Aus Feigheit, Angst vor den Folgen, den Bruch mit meinem bisherigen Leben, zu dem es geführt hätte. Ich fand gute Gründe für die schlechte Entscheidung: Ich war nicht, wie andere, die öffentlich protestierten, bekannt genug, mein Protest würde nichts bewirken, unbemerkt untergehen, und keine Bekanntheit würde mich schützen. Ich würde für eine unwahrscheinliche Wirkung einen hohen Preis zahlen. Der Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist war mir ein negatives Vorbild, seinem Beispiel wollte ich nicht folgen. Ich dachte zwar mit Sartre, der Mensch sei, was er mache, das allein zähle, nicht was er fühle, meine, beabsichtige, und bedachte nicht, dass die Umkehrung ebenso wahr ist: Der Mensch ist auch, was er nicht macht, was er unterlässt, sich nicht engagieren ist ebenfalls eine Weise des Engagements. Ich hätte es auch mit Spinoza sagen können, dessen determinatio est negatio zu einem meiner Leitgedanken geworden war. Auch hier galt die Umkehrung: negatio est determinatio. Und ich hatte mich durch heikle Situationen meistens recht geschickt durchgeschlängelt, es vermieden, den preußischen Sozialismus, wie ich ihn für mich nannte, zu nahe an mir herankommen zu lassen. Dafür hielt ich eine Trumpfkarte in der Hand, die sich meistens bewährte: meine Mitbürger nahmen mich nicht als richtigen Deutschen wahr, ich war vermutlich ein Deutscher, aber nicht weniger ein Franzose. So kam mir das Bild, dass sie von Franzosen hatten, ihre Vorurteile, zu Gute. Sie sahen es mir nach, wenn ich weniger pünktlich, weniger zuverlässig, leichtfertiger war, dafür war ich lustiger, verstand es besser, das Leben weniger ernst zu nehmen, es mehr zu genießen. Das brachte mir, wie mir nach 1990 die verschiedenen Beurteilungen und Einschätzungen zeigten, die ich in meinen Stasi-Unterlagen fand, eine gewisse Bewunderung und auch eine gute Portion Neid ein. Ich nannte es meine Narrenfreiheit, ich missbrauchte sie schamlos, wo es ging.

Jetzt, vor dieser Kamera, in diesen Tagen, da nichts bleiben konnte, wie es war, da die von Egon Krenz, seit zwei Wochen die neue Nummer eins, proklamierte Wende als Versuch, eine tatsächliche Wende möglichst zu verhindern, durchsichtig war, da ich nicht mehr an der bei allen Frustrationen dennoch bequem-korrumpierenden Nische namens Akademie der Wissenschaften hing, die mehr Freiräume bot als irgendeine andere DDR-Einrichtung, fühlte ich mich frei von allen Ängsten, konnte ohne Hemmungen und Rücksichtsnahmen das Gefühl genießen, zu sagen, was ich dachte, unzensiert, ungefiltert, und es wurde im gleichen Augenblick ausgestrahlt, vermutlich auch gehört von vielen mir Unbekannten.

Ich sprach von der Funktion der Philosophie als kritisches Denken. Ihre Sache sei der Zweifel, nicht Überzeugungen. Sie unterscheide sich von Ideologien und Propaganda, sie habe nicht eine Weltanschauung zu propagieren, sondern bestehende Verhältnisse der Kritik zu unterwerfen. Im 18. Jahrhundert habe sie sich in der Aufklärung von ihrer Rolle als Magd der Theologie befreit, nun müsse sie sich von ihrer Stellung als Magd der Partei und ihrer Ideologie befreien. Und wandelte den Gedanken Sartres in Was ist Literatur? ab, erklärte, die Philosophie könne sich nur entfalten und ihre Funktion erfüllen in einer demokratischen Ordnung, wie jedwede schöpferische Tätigkeit, wie alle Künste, Literatur, Malerei, Musik. Es sei in ihrem ureigenen Interesse, sich für eine demokratisch verfasste Gesellschaft einzusetzen. Ihre Entfaltung sei aber auch im Interesse der Gesellschaft, sie trage zur deren unverzichtbaren Selbstreflexion bei. In diesem Sinne könne ein Kongress von Philosophen etwas sein, was alle Bürger des Gemeinwesens angehe. Schließlich zitierte ich die Erklärung von Egon Krenz, die Partei müsse nunmehr dem Volk ihr Gesicht zuwenden. Ich kommentierte, aus seinen Worten könne man schließen, welchen Körperteil die Partei bisher dem Volke zugewandt habe. Am nächsten Tag wurde ich in meiner Kaufhalle angesprochen, man hatte sich über meine Bemerkung gefreut, herzhaft gelacht.

Auch der Philosophie-Kongress selbst war nicht mehr, was er in all den Vorjahren gewesen war. Manfred Buhr, der ein Einleitungsreferat halten sollte, war ratlos, holte sich bei Steffen und mir Rat, wir rieten ihm ab, wie er vorsah, die führende Rolle der Arbeiterklasse als ernstzunehmende zu betonen, sagten ihm, dieser Begriff sei zu sehr missbraucht worden, Demokratisierung stehe auf der Tagesordnung, auch, jedoch nicht nur für die Arbeiter. Unzensierte Redebeiträge wurden gehalten, junge Philosophen taten sich zusammen und verlasen eine gemeinsame Erklärung, die freie Lehre und Forschung, unzensierte Veröffentlichungen forderte.

Ich ergriff auch das Wort, inspiriert von Gedanken, die mir im Umgang mit Pierre Bourdieu vertraut geworden waren. Ich wusste, da ich als Dolmetscher hinzugezogen worden war, dass es seit langem eine internationale Vereinigung von Philosophen gab, die DDR Mitglied dieser Organisation war. Doch es gab keinen nationalen Verband von Philosophen, jene der DDR kannten nicht mal die Existenz dieser internationalen Organisation, in der sie von einigen von der Partei Auserwählten wie Erich Hahn, Alfred Kosing und Manfred Buhr vertreten wurden. Das war eine der vielen Lügen, wie sie es auf allen Gebieten gab. Ich informierte die Kongressteilnehmer darüber und forderte die Gründung eines freien, unabhängigen Philosophenverbandes, der Teil einer neuen, bisher nichtexistierenden Zivilgesellschaft der DDR werden sollte. Ich hatte den Eindruck, meine Kollegen verstanden nicht die Bedeutung meines Vorschlages, ich hatte ihn nicht klar genug erläutert oder sie hatten andere, dringendere Sorgen, oder beides.

Der Kongress endete am 3. November. Am 4. November veröffentlichte das Neue Deutschland, das zentrale Presse-Organ der SED und damit des von ihr geführten Gemeinwesens, »eine Erklärung von Prof. Dr. Manfred Buhr von der Akademie der Wissenschaften zum Abschluß dreitägiger Beratungen auf dem VII. Philosophen-Kongreß der DDR.« »Wir sollten nicht auseinandergehen ohne das Versprechen, daß wir künftig unablässig, mit ganzer Kraft und allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln dafür eintreten, daß die eingeleitete Wende weitergetrieben wird, um sie unumkehrbar zu machen«, erklärte mein Institutsdirektor, den Begriff der »Wende« aufgreifend, den Egon Grenz am Vortag in seiner Ansprache anläßlich der offiziellen Einführung in seine neuen Ämter des Staatsratsvorsitzenden und Generalsekretär des Zentralkomitees der SED zu seinem Banner gemacht hatte. Ich erkannte, er brauchte unseren Rat nicht. Zu seinen Lieblingslektüren gehörte Machiavellis Der Fürst (De principe). Er wusste, wie man mit Macht umgeht und sich zugleich für Wendungen offenhält. Meinen Rat brauchte er wahrlich nicht.

Maienlüfte im November

Am 4. November sollte ich den rumänischen Gast des Kongresses zum Flughafen begleiten. Ich wollte auf keinen Fall die Protestdemonstration auf dem Alexanderplatz verpassen, zu der Vertrauensleute der Gewerkschaften Berliner Theater aufgerufen hatten, für »die Verwirklichung der Verfassungsartikel 27 und 28 über das Recht auf Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit«. Es gelang mir, einen Kollegen dafür zu gewinnen, an meinerstatt den rumänischen Professor nach Schönefeld zu bringen. An diesem 4. November, einem Höhepunkt der Wende, die weder Egon Krenz noch Manfred Buhr meinten, schwebte ich auf einer Wolke der Hoffnung und Begeisterung, hatte das Gefühl, dass der Pariser Mai 1968 nun in Berlin stattfand, ich ein wenig nachholen könne, was mir damals nicht vergönnt war. Ich erlebte ein großes Fest der Freiheit, genoss die Feststimmung, den Humor, der von den vielen selbstgemalten Transparenten ausging. Auch hier war plötzlich die Imagination an der Macht, schimmerte der Strand unter dem Pflaster, wurde das Unmögliche verlangt, das gestern noch unmöglich Scheinende. Der Pariser Mai 68 lag umso näher, als mich meine französische Freundin S. auf dem Alexanderplatz begleitete. Sie kannte die Geschichte meiner Familie. In einem Satz fasste sie die neue, meine neue Situation zusammen: »Jetzt kannst Du gegen die Regierung sein, ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben.«

Ich hatte im letzten Moment darauf verzichtet, meinen Fotoapparat mitzunehmen, nicht aus Angst vor möglichen »Sicherheitsorganen«, sondern aus Furcht, von den Demonstranten für ein derartiges Organ gehalten zu werden. So notierte ich die Losungen, schrieb sie zu Hause auf meinen Computer und druckte sie aus, auf einer Papierrolle, wie sie damals üblich war. Am Montag heftete ich im Institut den langen Papierstreifen an die Wandzeitung. Jene, die nicht zur Kundgebung gekommen waren, sollten die schöne Prosa der Befreiung kennenlernen können: »Ruinen schaffen ohne Waffen« als Kommentar zur DDR-Wohnungspolitik, »Glaube nur den Statistiken, die Du selbst gefälscht hast« als Zusammenfassung der ständigen Erfolgslügen und viele andere, die bewiesen, dass sich ein dialektischer Humor entwickelt hatte.

Eine halbe Million Teilnehmer wurden bei dieser Kundgebung am 4. November auf dem Alexanderplatz gezählt, die größte, die die DDR je gekannt hatte. Als einzige in der DDR-Geschichte war sie von unten organisiert, von oben jedoch genehmigt worden, wie Gregor Gysi, einer der Redner auf dem Alexanderplatz, von Ende 1989 bis 1993 letzter Vorsitzender der SED-PDS und ihrer Nachfolgepartei PDS, in seiner Rede betont hatte. Er irrte: Als der demokratisch gewählte Salvador Allende am 11. September 1973 von Augusto Pinochet in einem Militärputsch gestürzt wurde, gehörte ich zu den Studenten, die spontan, ohne nach einer Genehmigung zu fragen, Unter den Linden, vor der Humboldt-Universität, gegen Augusto Pinochet demonstrierten. Allende, seit drei Jahren sozialistischer Präsident Chiles, vom Volk in einer echten Wahl gewählt, also legitimiert, stellte für uns eine Hoffnung dar, wir sahen in ihm eine Alternative zum dogmatischen poststalinistischen Regime in der DDR, so wie wir 1959 in der kubanischen Revolution eine Alternative gesehen hatten, sie 1979 auch in Nikaragua sahen, als die Sandinisten unter Führung der FSLN und Daniel Ortega bis 1990 das Land regierten.

Plötzliche Öffnung

Die Hochstimmung, die eine halbe Million fröhlicher Demonstranten auf dem Alexanderplatz am 4. November vereint hatte, hielt in den nächsten Tagen an. Am Abend des 9. November fuhr ich zur Geburtstagsfeier meiner Freundin L. Ich hatte gehofft, die Gäste, die zum Kaffee und Kuchen nachmittags eingeladen waren, wären schon gegangen. Als ich am frühen Abend kam, gingen die letzten. Wir hatten einige Stunden für uns allein. Kurz vor Mitternacht fuhr ich, recht müde, zurück, entlang der Mauer zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße. An der Warschauer Brücke war ein Grenzübergang, an dem gewöhnlich am Tag einige Rentner die Seite wechselten. Eine der größten Errungenschaften der DDR war es ohne Zweifel gewesen, das Altwerden attraktiv zu machen. Wer das Rentenalter erreicht hatte, keine Arbeitskraft mehr war, sondern nur noch den Staatshaushalt belastete, durfte ohne Schwierigkeiten in den Westen reisen und in die DDR zurückkehren. Jetzt erlebte ich ein ungewohntes Schauspiel. Eine dichte Menschenschlange überquerte die Warschauer Straße, bewegte sich auf diesen sonst überwiegend von Rentnern benutzten Grenzübergang zu. Bevor ich zu L. gefahren war, hatte ich Schabowskis Erklärung vor der internationalen Presse gehört, vernommen, dass eine neue Grenzregelung in Kraft trete, die jedem DDR-Bürger erlaube, entsprechende Visa zu beantragen, um maximal vier Wochen im Jahr den Westen zu besuchen. Ja, diese neue Bestimmung trete sofort in Kraft, hatte er auf die Frage eines italienischen Journalisten geantwortet. Ich hatte das zur Kenntnis genommen, es nicht im Sinne von hic et nunc, hier und jetzt, als Appel »auf zur Grenze« verstanden. Offensichtlich im Unterschied zu vielen anderen Bürgern, die sofort aufgebrochen waren. Das hatte zur später tausendfach kommentierten Maueröffnung, zuerst an der Bernauer Straße, dann aber eben auch an der Warschauer Brücke geführt. Ich sah dieses mir unwirklich scheinende Schauspiel, setzte meine Fahrt fort und legte mich schlafen.

Einige Stunden später wurde ich durch schrilles, anhaltendes Klingelläuten aus dem Schlaf gerissen. War es ein Traum, ein Albtraum? Nein, es gab keinen Zweifel, dieser schlafunterbrechende Lärm kam von meiner Wohnungstür. Noch schlaftrunken zog ich einen Bademantel an, wankte durch den Flur, öffnete die Tür. Ich musste mir nicht die Augen reiben. Da stand mein Bruder vor mir, flankierte von zwei jungen Frauen: »Was, du pennst noch, ganz Berlin ist seit Stunden auf den Beinen, die Mauer ist offen, und du liegst im Bett! Wir sind hungrig, mach uns ein Frühstück!« Was blieb mir weiter übrig, meine Ruhe war dahin, doch konnte ich schlecht meinem Bruder, der seit 1984 Ostberlin nicht mehr betreten hatte, sagen, komm später vorbei.

Am Tage der Maueröffnung erstaunte mich meine Mutter, die manchmal, so hatte ich jedenfalls den Eindruck, Schwierigkeiten hatte, sich in den überstürzenden Ereignissen zurechtzufinden, mit einer Bemerkung, die sich als weitsichtig herausstellen sollte. Ich hatte unterschätzt, dass sie zwar 88 Jahre alt war, doch auch auf eine lange politische Erfahrung zurückblicken konnte. Ihre erste Reaktion war: »Jetzt werden sie den Honecker verhaften.« Das geschah tatsächlich, doch erst 1992, was meine Mutter nicht mehr erlebte. Er wurde vor Gericht gestellt, als Staatschef der untergegangenen DDR verantwortlich gemacht für Menschenrechtsverletzungen wie Freiheitsberaubung (die Mauer) und Beihilfe zum Mord (die beim versuchten illegalen Grenzübertritt auf Grund des Schießbefehls Erschossenen). Das Verfahren wurde jedoch, nach vielen juristischen Vorstößen und Rückzügen, aufgrund seiner Krankheit eingestellt.

Honecker reiste schließlich am13. Januar 1993, nach etlichen Umwegen, unter anderen über Moskau, die dortige chilenische Botschaft, einem Pfarrhaus in der Nähe Berlins, zu seiner Familie, seiner Frau Margot, seiner Tochter, ihrem Ehemann, nach Chili, wo er im Mai 1994 starb. Fünf Jahre nach dem Prozess gegen Honecker, 1997, holte die Justiz Krenz ein. In den sogenannten Mauerschützenprozessen wurde er wegen Totschlags zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. 2003 wurde er aus der Haft entlassen. Ende Oktober 1989, auf dem kurzwährenden Gipfel der Macht, ahnte er nichts davon.

Letzter Abschied, allegro ma non troppo

Ich bin hier fehl am Platz. Was suche ich hier? Mit jeder Stunde wusste ich weniger darauf zu antworten. Ausgerechnet ich. Waren alle derart kompromittiert, dass sie nicht in Frage kamen? Man hatte mir eingeredet, es gäbe keinen Geeigneteren. Es war abwegig und schmeichelhaft. Seit fast zwanzig Jahren, seit 1970, war ich ihr Mitglied, nie war jemand auf die Idee gekommen, mich als Delegierten auszuwählen, zu wählen. Es schmeichelte mir nicht nur, es weckte meine Neugier. Ich sagte zu.

So war ich nun Delegierter der Grundorganisation der SED des Zentralinstituts für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR bei der Kreisdelegiertenkonferenz besagter Akademie der noch existierenden, schon grenzenlosen DDR, im Dezember 1989, genauer am 21. An meinem fünfzigsten Geburtstag. Vier Tage vor Weihnachten, sechs Wochen nach der versehentlichen Öffnung der Berliner Mauer. In Berlin-Adlershof, am Standort der naturwissenschaftlichen Institute, hatten sich in einem großen Saal die Entsandten aller Institute versammelt, um über die Zukunft der DDR, der Akademie, des Sozialismus, und natürlich auch der Partei zu debattieren, der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, so hieß sie seit 1946, seit der Vereinigung von kommunistischer und sozialdemokratischer Partei im Osten Deutschlands, was nicht ganz ohne Zwang stattfand. Die Veranstaltung dauerte den ganzen Tag, mit einigen Pausen, bis in den späten Abend.

Vorbei war die Zeit, da alles zuvor wohl orchestriert wurde, feststand, welche Beschlüsse gefasst, welche Kandidaten für leitende Funktionen gewählt wurden. Den ehemaligen Strippenziehern im Hintergrund waren die Strippen entglitten, sie standen da mit bloßen Händen, versuchten, diese in Unschuld zu waschen. Alle Meinungen waren möglich, wurden verkündet, die einen wollten eine völlige Erneuerung, andere retten, was ihnen erhaltungswürdig schien oder auch nur, was zu retten möglich schien. Mit jeder Stunde offenbarte es sich mir deutlicher: Ich bin nicht the right man in the right place in the right time. Dieses Gefühl hatte ich oft, in den letzten Jahren, Jahrzehnten, doch selten bedrängte es mich so stark wie heute. Warum dachte ich es in Englisch? Weil keine andere Sprache diesen auf den ersten Blick trivialen Gedanken so knapp und klar ausdrücken kann? Oder ging die berühmte Schere im Kopf, die Selbstzensur so weit, das ich nicht wagte, diesen Gedanken im vertrauteren Deutsch zu denken? War sie immer noch wirksam, gemäß dem häufig zu hörendem »Ich bin nicht meiner Meinung«, das ununterscheidbar Scherz und Ernst war. Ja, der falsche Mann am falschen Ort zur falschen Zeit. Ich war dabei, an dieser ungastlichen Stätte die absurdeste Geburtstagsfeier meines Lebens zu erleben – ausgerechnet am rundesten aller runden Geburtstage, der mit viel Optimismus, mit dem Optimismus, den einige hier zu bewahren versuchten, die Mitte des Lebens, bestenfalls, markieren könnte. Der Satz bohrte weiter. Wer kann schon von sich sagen, der richtige Mann – die richtige Frau – am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein. Und wenn ja, ist es selten mehr als ein glücklicher Zufall. Martin Luther King, Obama, vor ihnen Nehru, Gandhi, nach ihnen Gorbatschow, auch Kohl glaubte es von sich, doch was blieb übrig, wie lange hielt »zur richtigen Zeit«? Nein, so trivial wie auf den ersten Blick ist der Satz nicht, er berührt den Platz des Individuums in der Geschichte, zwingt auch das Individuum, sich zu fragen, wer es ist. Er erreicht fast die Tiefe der scheinbar einfachen Fragen, mit denen Kant sein Denken, seine Erkenntnistheorie, seine Ethik, seine Metaphysik und schließlich seine Anthropologie zusammenfasst: was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen, was ist der Mensch?

Ich dachte zurück an einen meiner linken westberliner Freunde in den sechziger Jahren. Er erklärte mir, warum ich nicht am richtigen Platz wäre. Ich sollte in den Westen wechseln. Der richtige Mann am rechten Platz wäre ich in der DDR als Ingenieur, als ein mit technischem Wissen ausgestatteter Fachmann, der zur ökonomischen Stärkung des Landes beitragen könnte. Meine Stärken jedoch wären kritisches Denken, Argumentieren, Sprechen und Schreiben, Sprachen. Solche Leute würden zur Stärkung der linken politischen Bewegung im Westen gebraucht, dort könnte ich in sinnvoller Weise in die Geschichte eingreifen, Subjekt meiner eigenen Geschichte werden, dort könnte ich der richtige Mann am richtigen Platz sein. Gegen seine Argumente hatte ich nichts zu setzen als meine Loyalität gegenüber dem Lande, in das meine Mutter mich 1950 verpflanzt hatte, Loyalität, die ich für eine gegenüber meinen Eltern hielt. Doch in den folgenden Jahren, in all der Zeit bis zu diesem unwirklich-überwirklichen fünfzigsten Geburtstag hatte ich an seine Worte denken müssen – ohne dass ihnen Taten folgten.

Ich überwand mein Unbehagen, ergriff das Wort, erklärte, ohne durch die Mehrheit der mich entsendenden Genossen dazu legitimiert zu sein, denn sie hatten mir keine Linie vorgegeben, die ehrlichste Antwort auf die vergangene Geschichte wäre die Selbstauflösung der alten SED, die an der Unfähigkeit, Sozialismus und Demokratie miteinander zu vereinbaren, historisch gescheitert sei. Das könnte die Voraussetzung sein für die Gründung einer offenen, demokratischen linken Partei ohne Machtanspruch, schon gar keinen ausschließlichen. Ich stellte den Antrag, darüber abzustimmen, erhielt keine Mehrheit. Die groteske Theateraufführung nahm ihren Fortgang, mehr und mehr wurde in vielen Erklärungen der Wille erkennbar, nichts lernen zu wollen, zu bewahren, sich weiter etwas vorzulügen. Ich begriff, meine Genossen hatten den falschen gewählt. Seine persönliche Sicht war hier nicht gefragt, blieb unerhört.

Nun ergriff Gregor Gysi, hier, in Adlershof, am 21. Dezember 1989, erneut das Wort. Der Anwalt war kein Mitarbeiter der Akademie. War er vom neuen Vorstand der SED entsandt, war er als Gast eingeladen worden? Er argumentierte weder moralisch noch forderte er radikale Veränderungen. Seine Rede war ein geschliffenes juristisch-pragmatisches Plädoyer, ähnlich legalistisch wie am 4. November auf dem Alexanderplatz, wo es ihm, wie den meisten Rednern, nicht darum ging, die DDR abzuschaffen, sondern in einen Rechtstaat zu verwandeln, ohne dabei den Sozialismus über Bord zu werfen. Rechtstaat und Sozialismus hielten sie für miteinander vereinbar, trotz der bisherigen historischen Erfahrungen. Er hatte einprägende Sätze für Forderungen gefunden, die für einen halbwegs gesunden Menschenverstand, den die Franzosen bon sens nennen, selbstverständlich sind: Bisher war alles verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt war, es sollte alles erlaubt sein, was nicht ausdrücklich und eindeutig vom Gesetz verboten ist. Nun begründete er, warum die SED sich nicht auflösen könne, dürfe (ganz überhört wurde mein Beitrag also vielleicht doch nicht). Sie verlöre dann ihr gesamtes Eigentum. Damit ginge auch die Existenzgrundlage, nicht nur die heutige, für Tausende und aber Tausende hauptamtliche Funktionäre verloren. Es gäbe dann keine Fonds, um ihre Rentenansprüche zu erfüllen. Die Millionen, die Genossen als Beiträge eingezahlt haben, die Immobilien, die parteieigenen Betriebe, der Rechtsanspruch auf dieses Eigentum ginge verloren (Mit einem vergleichbaren Argument hatte die DDR darauf verzichtet, die Reichsbahn umzubenennen, sondern darauf bestanden, im Unterschied zur Bundesbahn, Rechtsnachfolger zu sein. Das erklärte unter anderem, warum das zur Reichsbahn gehörende S-Bahnnetz und auch die Bahnhöfe in Westberlin DDR-Eigentum waren). Zum Teil gelang diese Rettung von Vermögen. Es war nicht unerheblich. In der Berliner Zeitung vom 26. Juni 2018 lese ich auf Seite 15: »Die SED galt mit einem Vermögen von etwa sechs Milliarden Ost-Mark (…) und zahlreichen Immobilien und Betrieben als eine der reichsten Parteien in Europa. Einen Teil des Geldes deponierten geschäftige SED-Genossen in der Wendezeit auf Schweizer Banken.« Anlaß zu diesem Rückblick ist der Rückfluss von 185 Millionen Euro in die Kasse der Bundesanstalt für vereinigte Sonderausgaben, der Nachfolgerin der Treuhand. Dieses Vermögen wird entsprechend der Einwohnerzahl der damaligen DDR-Gebiete auf die heutigen »neuen Länder« verteilt. Sachsen erhält 54.8, Berlin 15 Millionen Euro. Die Berliner Ost-Bezirke dürfen Wunschlisten für die Verwendung dieses unerwarteten Geldsegens aufstellen, »zweckgebunden und für die Allgemeinheit, also für die Wirtschaft, für soziale und kulturelle Zwecke.« Das entspricht vermutlich nicht ganz dem, was sich Gregor Gysi am 21. Dezember 1989 in Adlershof vorstellte. Ich verstand damals: Er wollte nicht das Haus von Grund an erneuern, auch um den Preis, brüchige Wände einzureißen, er wollte lediglich das Tafelsilber retten. Nach dieser überzeugenden Rede wußte ich, dass mein viel zu langer, immer wieder aufgeschobener Abschied von der sich realsozialistisch nennenden DDR an seinem endgültigen Ende angekommen war. Ich musste wieder, wie am 4. November auf dem Alexanderplatz, als Gregor Gysi betonte, die Kundgebung sei von oben genehmigt worden, an Lenins Bemerkung denken: Wenn die Deutschen bei einer Revolution einen Bahnhof stürmen, kaufen sie vorher Bahnsteigkarten (drückte sie Spott oder Bewunderung oder beides aus?). Und auch an die portugiesischen Militärs in Lissabon, die am 25. April 1974 während der Nelkenrevolution die Diktatur stürzten. Ihre Panzer hielten bei Rot an den Kreuzungen und rollten erst bei Grün.

Eine bekannte Stimme riss mich plötzlich aus meinem Tagtraum, die Panzer und bahnsteigstürmenden Revolutionäre lösten sich auf. Ich erkannte meinen Genossen H.H., wie ich Romanist, wir hatten gemeinsam einen Roman, und vor nicht allzu langer Zeit kürzere Texte für das 1984 Unter den Linden eröffnete Centre culturel français (das erste und einzige in einem sozialistischen Land) übersetzt, unter Pseudonym, wir wollten nicht um eine Genehmigung nachfragen müssen, und auch nicht das Honorar von West in Ost im Verhältnis 1:1 tauschen. Er trat auf mit einer Nummer, von der ich nicht wusste, wie sie gemeint war. War es eine Provokation? Eine satirische Einlage? Oder war sie gar ernst gemeint? Er sagte, die Mitglieder der Kampfgruppen wüssten doch, wo die Waffen stünden, und hätten gelernt, mit ihnen umzugehen. Die Akademie mit ihren drei Hundertschaften könnte die Pistolen vom Typ Makarow, die Kalaschnikows, die Panzerfäuste des Typs RPG 19 aus den Waffenkammern holen, noch hätten wir die Schlüssel, und das Signal geben, um die Konterrevolution zu stoppen, die Macht wieder fest in die Hand nehmen, um die Grenze zu schließen, wie sie es 1961 getan hatte, noch sei es nicht zu spät, man dürfe die historische Initiative nicht kampflos aus der Hand geben. Sein anti-konterrevolutionärer Aufruf fand noch weniger Widerhall als meine Einladung zur Selbstauflösung, wurde einer ernsthaften Erwägung nicht für wert befunden.

An die Anfänge vom Ende der DDR musste ich denken, in Adlershof, sechs Wochen nach der Öffnung der Mauer, während der Fluss der Reden über mich strömte, Vergangenes als Treibgut mit sich riss, ich stundenweise gegen den Schlaf kämpfte, aber meinen Auftrag noch so ernst nahm, dass ich nicht ging. Ich schwamm zurück gegen den Strom der verflossenen Zeit, zurück zum Anfang, da ich in Berlin gelandet war, in Berlin-Ost, aus Paris kommend, ein Anfang, ähnlich absurd wie das Ende, von diesem her betrachtet. Damals hatte für mich das Abenteuer DDR begonnen, das nun vierzig Jahre später endete. Ich blickte zurück auf das, was Sammler, Sammler von Münzen, von Briefmarken, von Ausgefallenerem, mit Genugtuung ein abgeschlossenes Sammelgebiet nennen – eine abgeschlossene historische Epoche.

 

Auszug aus: Vincent von Wroblewsky, Vermutlich Deutscher (unveröffentlicht)

 

0
0
0
s2sdefault