Renate Solbach: Sarkophag

DIETZSCH: Sie wurden 1938, mit siebzehn Jahren, in die Societas Jesu aufgenommen. Was für ein Verhältnis hatten Sie damals zur Philosophie?

TILLIETTE: Als junger Jesuit hatte ich ursprünglich wenig Neigung zur Philosophie. Ich war an Literatur, an Dichtung interessiert, auch ein wenig begabt dafür. Wir hatten uns als Gymnasiasten natürlich mit Philosophie befasst, doch nur ein Jahr lang. Ich war zwar mit Eifer dabei, aber unser Lehrer am College war ein alter Herr, ein Geistlicher, der uns abgesehen von Bergson, den er manchmal zitierte, kaum Anregung gab. Dann kam der Krieg über uns. Ich setzte mein Studium in der Gesellschaft fort, nicht im Noviziat, sondern im Junioriat, in Grenoble, wo ich die Literaturprüfung ablegte. Dann ging ich nach Deutschland, als Zwangsarbeiter, das heißt, ich kam dorthin direkt aus einem Jugendlager der unbesetzten Zone, wo wir eine Art Wehrersatzdienst leisteten.

DIETZSCH: Sie mussten als Priester Wehrdienst leisten?

TILLIETTE: Ich war noch nicht Priester, ich war noch im Scholastikat, also Schüler. ln der Gesellschaft Jesu dauert es ungefähr zwölf, dreizehn Jahre, bis man geweiht wird, und erst nach fünfzehn oder sechzehn Jahren ist man ein würdiger Pater. Nach dem Krieg habe ich mich dann in die Philosophie gestürzt. Es war die Zeit des Existentialismus, und blutjung, wie ich war, versuchte ich nicht nur Sartre, Camus, die Beauvoir und Gabriel Marcel, sondern vor allem auch Karl Jaspers zu verstehen, sein großes dreibändiges Werk Philosophie von 1932, das noch lange in mir nachhallte. Heidegger war sehr schwierig, ein Grund, Abstand zu halten. Vielleicht war das ein Irrtum, ein Fehler, nicht dass ich Heidegger damals kaum gelesen habe, sondern dass ich zu sehr an Jaspers hing, der mich am Ende ein bisschen enttäuscht hat, doch das ist eine andere Geschichte. Außer zur Philosophie fühlte ich mich immer auch zur Literatur hingezogen, schon früh habe ich Proust und Claudel gelesen. Kurz und gut, durch diese Anfänge bin ich geprägt worden, bin ich Existentialist geworden und vielleicht auch geblieben, obwohl meine Ausbildung an sich eher vom deutschen Idealismus bestimmt war.

DIETZSCH: Offensichtlich entspringt Ihre philosophische Bildung, mit Kant gesprochen, »zwei Stämmen«: dem literarischen Esprit der französischen Nachkriegskultur und den Hörsälen der Sorbonne. Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an die akademische Welt von damals zurückdenken?

TILLIETTE: Ich hatte an unserer Fakultät großartige Lehrer: die Patres Regnier, Le Blond, Agaësse, Gauvin, auch August Brunner. Im Scholastikat war damals Hegel anstelle von Thomas von Aquino der große Kronzeuge, und zwar dank Marcel Regnier und Jean Gauvin. Hier wurde für eine auserlesene Gruppe Hegels Phänomenologie des Geistes sozusagen buchstabiert. Mühsam folgte ich dem Text und den Erläuterungen. Aber Gauvin hatte eine besondere Begabung, das Schwere leicht und das Leichte schwer zu machen. Mir imponierte bei Hegel die ungeheure Fähigkeit, ein Ganzes, ein Ereignis, ein Stück Geschichte bis ins kleinste zu zergliedern, so wie Proust das Knäuel der Gefühle entwirrt. Nachher ließ meine Bewunderung für Hegel nach, doch ab und zu schlage ich die Phänomenologie auch heute noch auf.

DIETZSCH: Sie wurden dann Philosophielehrer, waren an verschiedenen Jesuiten-Colleges, unter anderem an einem Gymnasium in Paris. Dennoch blieben Sie weiterhin ein Lernender in der Philosophie.

TILLIETTE: Ich war kein guter Lehrer, zu schwierig, zu umständlich, aber ich war Feuer und Flamme. Dadurch habe ich aber meinen Schülern auch etwas gegeben. Denn Begeisterung ist das Herz des Unterrichts. Während meiner fünf Unterrichtsjahre lernte ich das Werk von Merleau-Ponty kennen. Das war eine andere Phänomenologie als die Hegels. Sie passte wunderbar in ein Gymnasium, dieses Denken war für Abiturienten höchst geeignet. Eine lebendige Methode, eine gediegene konkrete Darstellung, ein eleganter Stil. Das gefiel meinen Schülern. Ich selber ging drei Jahre lang, von 1954 bis 1957, montags und donnerstags ins College de France zu Merleau-Pontys Vorlesungen. Seine Redeweise war einmalig, nie versprach er sich, er hatte nur einen Zettel, sprach frei und beherrschte seinen Stoff völlig.

DIETZSCH: Sie entschieden sich dann für eine akademische Karriere. Was waren während dieser Zeit Ihre maßgeblichen philosophischen Bildungserlebnisse?

TILLIETTE: Ich bereitete mich auf die Habilitation vor. Dabei intensivierten sich auch meine persönlichen Kontakte zu Philosophen wie Jean Wahl, Vladimir Jankélévitch, Jeanne Hersch, auch zu Paul Ricœur. Jean Wahl lud mich ein, Vorträge in seinem College philosophique zu halten. Ich wurde ihm von Kardinal de Lubac empfohlen. Jean Wahl wurde mein erster Doktorvater. Er war der drolligste Professor, den ich je gekannt habe: ein Zwerg mit einem Eulengesicht, lakonisch, einsilbig, er wusste alles und glaubte an nichts. Seine knappen Fragen waren wie Tarantelstiche. Solche Fragen habe ich erst wieder von Castelli in Rom gehört, wenn er den Gegner entwaffnete. Ich kam mit voreiligen akademischen Plänen zu Jean Wahl – Augustinus, die Philosophie der Freiheit in Frankreich im 19. Jahrhundert. Nein, er wollte Schelling; er hatte soeben das Buch von Walter Schulz durchgeblättert und war gar nicht einverstanden. So begann für mich ein geistiges Abenteuer, das beinahe zwölf Jahre andauerte.

Mein zweiter Doktorvater, nach der Themenwahl Schelling, war natürlich Vladimir Jankélévitch. Er hatte das vielleicht bedeutendste Werk zu Schelling im 20. Jahrhundert überhaupt geschrieben. Jankélévitch war durch den Krieg zum Erzfeind der Deutschen geworden, er hatte deren Denker und Musiker aus seinem Gedankenkreis verbannt, nur mit Schelling machte er eine Ausnahme. Er war ein lieber Herr, vornehm, mit seiner berühmten Haarsträhne, seinem Künstlerhabitus, ein Musikkenner. In der Sorbonne fiel er auf durch seine Rhetorik und vor allem durch seine Erfindungsgabe in Sachen Anthropologie. Er las und schrieb über Ironie, über Melancholie, über die Lüge, über das Böse, das Verzeihen, das Abenteuer, die Langeweile usw. Ursprünglich war er Ethiker. Ich habe ihn nach meiner Habilitation kaum noch gesehen, aber wir blieben gute Freunde. Ich habe ihm in einem Sonderheft der Zeitschrift L’Arc meine Ehrerbietung bezeugt.

Neben Paul Ricœur, für mich bis heute ein anregender Denker und guter Freund, möchte ich Emmanuel Lévinas nennen. Auch er war mir gewogen, immer sehr empfindsam und manchmal auch empfindlich, aber mir gegenüber stets fein und zuvorkommend. Die große philosophische Freundschaft war natürlich der alte Gabriel Marcel. Fünfzehn Jahre lang war ich eng mit ihm befreundet, er war so rührend in seinem Alter, so entwaffnend, er hat viel gelitten für die Seinigen und auch für Frankreich. Pater Jean Daniélou war zwar nicht mein Lehrer, aber er gehörte in Paris zur Zeitschrift Les Etudes, der ich ab und zu Manuskripte schickte und meine Aufwartung machte. Ich habe ihn früh kennengelernt, schon im Krieg, als er noch in Lyon lebte. Zuletzt will ich noch Pater Fessard erwähnen, der mir durch seine Verbindung von Philosophie und Theologie viel bedeutet hat. Aber ich bin kein Fessardianer, dafür war er zu sehr Hegelianer und auch zu schwierig.

DIETZSCH: In Ihrer Lehrtätigkeit nach der Habilitation dominieren theologische, christliche Themen – Sie sind ja ein Ordensmann –, aber darüber hinaus haben Sie sich auch mit kulturphilosophischen Fragen befasst. Waren Sie also ganz frei?

TILLIETTE: Eine verständliche Frage. Ich habe mich als Philosoph erst allmählich entdeckt. Ich war, wie Sie aus dem bisher Gesagten richtig vermuten könnten, zunächst sehr eklektisch. Aber ich weiß, was ich als Philosoph oder als Denker vorziehe. Auch bin ich sehr neugierig, und ich kann sagen, dass mich als Historiker der Philosophie fast alles interessiert, ausgenommen vielleicht die allerletzten Bewegungen in Frankreich, die für mich Schall und Rauch sind, Derridada & Lacancan, wie ein deutscher Kritiker einmal schrieb. Also ich bin erst allmählich ein Denker geworden, aber was heißt Denker, das ist vielleicht ein bisschen überheblich. Ich war auch schriftstellerisch tätig, ich habe für Les Etudes geschrieben, literarische Artikel, über Filme, über den Feminismus, über Fußball. Doch es hat mir viel Zeit geraubt, denn meine große Arbeit über Schelling war schon in Vorbereitung, und ich hatte gute Beziehungen zu ehrwürdigen deutschen Gelehrten wie Horst Fuhrmans und Walter Schulz.

Und dann kam 1969 der Ruf vom Institut Catholique, das ist unsere katholische Universität in Frankreich, auf den Lehrstuhl für Geschichte der modernen Philosophie. Anfang der siebziger Jahre wurde ich dann von der Gregoriana, der Päpstlichen Universität in Rom, zu Vorlesungen eingeladen; dort wollten sie mich bald ganz haben. Das Institut Catholique hatte natürlich das Vorrecht, und so haben meine Oberen den Apfel geteilt, also jeweils ein Semester in Paris, ein Semester in Rom. Daraus wurden dann achtzehn Jahre Institut Catholique und vierundzwanzig Jahre Gregoriana. 1996, im Alter von fünfundsiebzig Jahren, wurde ich emeritiert.

In meinen Vorlesungen behandelte ich die Geschichte der Philosophie, unter anderem das transzendentale Ego, natürlich Kant und jahrelang Schelling, den ich gründlich, fast auswendig kenne. Aber dann kam ich zu einem Thema, das mich schon seit Jahren faszinierte. Es war auch durch Schelling initiiert, nämlich Christus und die Philosophie.

DIETZSCH: Überraschend das Zusammenführen dieser zwei Elemente. Was heißt das, Christus und die Philosophie?

TILLIETTE: Ich selbst habe nie eine Trennung zwischen Glauben und Philosophie erlebt. Nur als ich ganz jung war, hatte ich Schwierigkeiten, Vernunft und Glauben zu vereinbaren. Ich vertrete eine christliche Philosophie, das Christentum ist die Wiege meiner philosophischen Gesinnung. Zugleich muss ich betonen, dass ich der Philosophie – oder sagen wir der Vernunft – ihre Freiheit, ihre Autonomie zugestehe. Natürlich, die Zeiten der christlichen Philosophie im Stile der Scholastik sind vorbei, und wir müssen auch die, erlauben Sie ein ganz unzeitgemäßes Adjektiv, heidnische Philosophie miteinbeziehen als die große Bewegung der Moderne seit Cartesius. Es gibt viele Städte im Reich der Philosophie, aber meiner Meinung nach ist eine christliche Philosophie letzten Endes der tiefere Grund jeder Philosophie.

DIETZSCH: Wäre die Idee der christlichen Philosophie, so wie Sie es verstehen, das Zukunftsprojekt einer europäischen Philosophie? Einer europäischen Philosophie in dem Sinne, dass sich, wie Lévinas sagt, europäisches Denken aus zwei Quellen speist: aus der Bibel und den Griechen?

TILLIETTE: Ein Wunschtraum! Aber ich muss sagen, das ist theoretisch. Wir müssen die Wahrheit ins Auge fassen, dass in Europa die Religion, nicht nur das Christentum, im Untergang begriffen ist. Man sieht kaum noch eine lebendige Regung. Kann man eine christliche Philosophie lehren, wenn kein religiöser Boden da ist?

DIETZSCH: Ortega y Gasset hat gesagt, er glaube einzig und allein an die Gedanken von Schiffbrüchigen. Weil sie existentiell konstruktiv sind. Vielleicht entspringt der Krise des Christentums etwas Ähnliches?

TILLIETTE: Die Krise bleibt natürlich nicht auf das Christentum beschränkt, sondern hat Wirkungen auf die Kultur insgesamt. Nehmen Sie unser eigenes Fachgebiet, die Philosophie. Was die Medien erobert, ist gewissermaßen byzantinistische Philosophie - Sprachspiele und narzisstische Äußerungen. Ich spreche von den - mit Verlaub gesagt – Spinnereien in Frankreich, dem Erfolg von Derrida, Deleuze, Lyotard, Castoriadis, von Lacan ganz zu schweigen. Das stimmt mich pessimistisch. Ich habe den Eindruck, ihre enigmatischen Texte verraten nichts vom Bau der Welt. Dekonstruktion ist eine seltsame Erfindung, denn Abbau setzt doch einen Bau voraus. Dasselbe gilt für das »schwache« Denken, das mein Freund Gianni Vattimo ausgebrütet hat. Als Kritiker war Derrida sehr begabt, und der Gedanke der Grammatologie – am Anfang war die Schrift – war fruchtbar. Er hat aber alles verpfuscht durch eine gewisse geistige Verdrehtheit. Sein Erfolg stimmt bedenklich. Er begann mit ziemlich gediegenen Deutungen von Husserl und Lévinas, doch am Ende hatte er nur noch Einzelteile und ein farbloses Ich in der Hand. Lacan war halb verrückt und schlauer als seine Anhänger. Mit solcherart Degenerierung droht die Philosophie in Unphilosophie auszuarten. Alles fing damit an, dass Foucault, ansonsten ein glänzender Schriftsteller, den Tod des Menschen verkündete. Nietzsche und andere hatten den Tod Gottes verkündet, aber um den Menschen zu erheben, zum Übermenschen zu erhöhen. Daraus schließt Foucault, dass der gläubige Mensch dem Schicksal seines Gottes folgt, auch der Mensch der Aufklärung. Sein Leichnam ist der Mensch des Idealismus, ein Idealmensch, ein Träger von Werten. Aber damit ist auch der Mensch selbst in den Abgrund gerissen. Foucault ist der Erbe des Strukturalismus, einer Welt von Formen und Ordnungen, in der die Freiheit wenig Spielraum hat. Die Gesellschaft ist wie ein Bienenstock oder ein Ameisenhaufen. Eine Vorstellung, die zugleich uralt und sehr modern ist.

Die Moden der zeitgenössischen Philosophie gehen vorbei, und die tüchtigen Philosophen, die heute vergessen sind, die – um nur ein paar aus der romanischen Welt zu nennen – Fessard, Bruaire, Pareyson, warten auf eine Wiederentdeckung oder einen Vorfrühling, wie das Korn unter dem Schnee.

DIETZSCH: Ihre Idee einer philosophischen Christologie ist mehr als nur eine Antwort auf jene Bewegungen. Es geht Ihnen nicht darum, neuthomistisch auf irgendeine christliche Autorität zurückzugehen, sondern um die Lebendigkeit der alten Glaubensquellen überhaupt.

TILLIETTE: Die Evangelien ändern sich nicht! Und Gott sei Dank gibt es einige christliche, sagen wir ruhig traditionelle Denker, die geistig noch nicht tot sind. Ich habe Ihnen von Gabriel Marcel und Maurice Blondel erzählt. Vorausgesetzt also, dass es diese christliche Philosophie gibt, ist sie der Boden, auf dem eine philosophische Christologie gedeihen kann. Ich bin natürlich nicht ihr Erfinder. Für Frankreich war es Henri Gouhier. Ich selber habe seit den siebziger Jahren mit Nachdruck das Problem Christus für die Philosophie zurückgefordert. In Deutschland nur mit geringem, in Frankreich, Italien und Spanien jedoch mit größerem Erfolg.

Christus, der Gottmensch, das Geheimnis des Gottmenschen spielt in der modernen nachcartesianischen Philosophie eine enorme Rolle. Cartesius selber war zu vorsichtig, er belässt es bei Anspielungen, obwohl er eine Theorie der Eucharistie hatte. Christus ist Angelpunkt in mehreren Philosophien der Neuzeit, am nachdrücklichsten bei Spinoza, für den, wie wir aus einer Gesprächsnotiz von Leibniz wissen, Christus der summus philosophus war, also der Philosoph par excellence. Er erscheint bei Malebranche, Leibniz, Kant. Auch Hegel hatte eine (lutherische) Philosophie des Kreuzes; Christus dient hier als große begriffliche Gestalt, doch trägt sie mehr die Züge seines Geistes als seiner Person. Und Hegels ›spekulativer Karfreitag‹ hebt sogar den historischen Karfreitag auf. Hegel hat hier Ernst gemacht mit der abgrundtiefen Einsamkeit des reinen Begriffs. Es geht dann weiter mit Christus bis hin zu den Atheisten. Natürlich würde ich nicht sagen, Sartre sei ein Hauptvertreter der philosophischen Christologie. Gleichwohl gibt es viele Schematismen in seinem Werk, die direkt von Christus kommen. Was mich stutzig machte, war das Schweigen der Historiker in dieser Sache. Auch gute Christen haben in der klassischen Philosophie nichts von Christus hören wollen, vielleicht aus Respekt. Nur ein Beispiel: Der große Martial Gueroult, ein Philosophiehistoriker unseres Jahrhunderts, hatte für eine Edition von Fichtes Anweisung zum seligen Leben eine lange Einleitung geschrieben, 90 Seiten, wo nur einmal der Name Christus vorkommt. Wenn man aber die Anweisung liest, sieht man, dass Christi Geist nicht nur die sechste Vorlesung, sondern dieses ganze schöne Werk durchweht. Deshalb wollte ich ihn vor dieser Vorsicht in Schutz nehmen. Ich wollte zeigen, wo überall Christus sich in den Systemen und im Denken der Autoren widerspiegelt, mit seinem Geheimnis als Gottmensch, mit seinen Dogmen, inklusive der Sakramente. Und ich wollte zeigen, dass es doch einen Christus der Philosophie gibt und dass er zur Philosophie gehört. Das war der Punkt.

DIETZSCH: Sollte man also mehr vermuten als lediglich ein Symbol der Vernunft? Was unterscheidet Ihr Projekt von einem Christentum der Vernunft Lessingscher Prägung?

TILLIETTE: Also diese Formel Lessings bleibt mir verdächtig, denn das vernünftige Christentum der Aufklärung ist bemüht, die Glaubensinhalte zu sublimieren und ihnen ein rationales Äquivalent zuzuordnen. Und Christus als eine Chiffre, wie auch Freund Ricœur sagt, das ist mir zu wenig. Ich bin kein Protestant und ich glaube an eine christliche Philosophie, was für evangelische Christen weit schwieriger ist. Jedenfalls ist Christus nicht nur ein Symbol. Natürlich ist er ein Monogramm für die Vernunft, auch bei Kant. Ich habe aber nicht die Sorge, dass Christus von der Vernunft verschlungen wird. Gerade da liegt meine Differenz mit dem ehrwürdigen und viel bewunderten Hans Urs von Balthasar. Dieser großer Theologe glaubte nicht, dass es möglich ist, eine christliche Philosophie auszuarbeiten, für ihn ist die Vernunft zu gierig, sie angelt nach allen Inhalten, und auch Christus ist für sie eine Beute. Also bei aller Achtung für Balthasar, ich finde ihn zu pessimistisch, und ich glaube, dass man Christus als Philosophen darstellen kann. Ich folge dabei ganz Blondels Definition der Philosophie als rationabile obsequium und seiner Vorstellung von der Heiligkeit der Vernunft. Christus muss aus der philosophischen Asche auferstehen. Finden Sie nicht?

DIETZSCH: Ich bin überrascht. Man fragt sich, wozu – neben der Theologie – eine philosophische Christologie überhaupt gut ist?

TILLIETTE: Ich versuche damit einer bestimmten Entwicklung der Philosophie selber Rechnung zu tragen. Der leichenblasse Gott der Philosophie ist seit langem erledigt. Mit anderen Worten, der Gott des Deismus ist wirklich tot, und die Gedanken des Menschen sind jetzt frei für den sinnlich erscheinenden Gott. Frei, wie Pascal sagt, für Christus als Gott der Menschen, als Gottmenschen. Er ist es, der die Gedanken von uns Menschen heimsucht. Und wissen Sie, obwohl die Philosophie jetzt emanzipiert ist, aufgeklärt und säkularisiert, seit Cartesius vor allem, erahnt sie doch mehr und mehr ihren Ursprung aus der Theologie. Bis zur Neuzeit gab es keine philosophische Christologie. Inzwischen hat eine Neubesinnung stattgefunden, jetzt geht es besonders der Philosophie – und Christus ist ihr Symbol und Schlüssel – um den Nachweis, dass und wie Christus ihre Kardinalbegriffe beleuchtet und im wahrsten Sinne des Wortes offenbart: Subjektivität und Intersubjektivität, Transzendentalität, Zeitlichkeit, Körperlichkeit, Bewusstsein, Tod. Kurz: Christus ist ein guter und sicherer Hermeneutiker für den Grund der Dinge. Christus ist eben eine enorm plastische Gestalt.

DIETZSCH: Gibt es auch einen Platz für die Politik in dieser christlichen Philosophie?

TILLIETTE: Wenn eine Philosophie vollständig ist und systematisch, muss sie auch das Politische einschließen. Ich würde nur sagen, ich sehe keinen Unterschied zwischen dieser politischen Philosophie und den großen Grundsätzen eines vernünftigen Lebens im Sinne des Christentums. Christliche Philosophie, wie ich sie verstehe, ist ein vollständiges Aufnehmen des Evangeliums, und das ist vor allem eine Anrede, ein Anruf an das Individuum, und in diesem Sinne finden sich hier Normen für die Gesellschaft. Wie Sie wissen, orientieren wir im Unterschied etwa zum Islam mehr und mehr auf die freie Initiative der Bürger, auf die großen Grundsätze der Achtung vor dem menschlichen Leben, auf Eintracht und auf die friedliche Lösung der Konflikte.

Aber die christliche Philosophie, von der ich träume, ist nicht wie Hegels Rechtsphilosophie staatsorientiert. Eben weil wir auf Religion, auf Andacht und Pietät angewiesen sind und nicht so sehr auf den Staat. Natürlich befürworte ich einen gerechten und aufgeschlossenen Staat. Dennoch, es gibt Gesetze, zu denen eine christliche Philosophie (der Christ und die Kirche) auf Abstand gehen muss, weil sie einer höheren Instanz verpflichtet ist.

DIETZSCH: Warum ist es im Alltag so schwer, die Gebote des Dekalogs einzuhalten?

TILLIETTE: Erstens sind die Gebote – Sie wissen, wie sehr Hegel sie bewunderte – mehr oder weniger ein Widerhall der Seligsprechungen. Es handelt sich um eine erhabene Lehre, und Christus und die Kirche, beide wissen, wie schwierig und vielleicht unmöglich es ist, ihr zu genügen. Kein Heiliger, sondern Kant hat gesagt, dass es vielleicht nie einen wirklich ehrlichen Menschen gab.

DIETZSCH: Ja, Kant war, ganz in der Nachfolge Luthers, ein ausgezeichneter Anthropologe. Gut, aber die Frage zielt darauf, wie eine praktische Philosophie dazu beitragen könnte, die moralische Schwerkraft jener Gebote zu reduzieren?

TILLIETTE: Wollen Sie die Pflichten abschaffen? Zum Beispiel in der Familie? Es gibt eine Pflicht des Vaters, eine Pflicht der Mutter, und wenn Sie das abschaffen und alles unter die Gesetzeshaube stellen, dann geht erst recht nichts. Aber ich weiß, in unserer Zeit wächst generell die Abneigung gegen Forderungen. Wir Jesuiten aber kennen die Kasuistik, und sie ist ein Weg, Entscheidungsprobleme auch situativ zu beurteilen, also die Gebote nicht allein ››unerbittlich« zu verstehen. Nur muss man hier die große Gefahr einer Anpassungsethik sehen. So ist die katholische Sexualethik sehr streng und, ich würde sagen, sogar uneinhaltbar, das heißt unmenschlich. Aber trotzdem steht gerade sie für die Würde des Lebens und des Individuums. Ihr Ideal ist vielleicht nicht zu verwirklichen, dennoch müssen wir diesen Horizont aufrechterhalten. Es gibt auch das viel umstrittene Zölibat. Auch wenn es vielleicht unmenschlich erscheint, auch wenn es hier viel Ungehorsam gibt, die Kirche wird das Gesetz nicht abschaffen. Denn das würde bedeuten, dass sie von Idealen, von schwer erkämpften Idealen Abschied nimmt und sich dem Geist der Welt beugt. Aber wir wissen natürlich, dass es unmöglich ist, immer unversehrt der Wahrheit zu dienen, nie aufzubegehren, nie unkeusche Gedanken zu hegen. Wir sind Sünder und befinden uns zugleich im Zustand der Gnade, das ist unsere Paradoxie, darin und damit leben wir. Ich glaube aber, dass es für das Christentum eine große Niederlage, ja ein Scheitern wäre, wenn man meinte, jetzt noch mehr Nachsicht üben zu müssen.

DIETZSCH: Ich glaube auch, dass eine Chance für das Christentum darin besteht, unzeitgemäß zu sein. Sonst würde es bald identisch werden mit der Welt, und dann wäre es wohl überflüssig.

TILLIETTE: Ganz überflüssig, und die Gefahr ist jetzt groß. Die Zeiten der gegenwärtigen Krise, so beschrieb es Hans Urs von Balthasar, sind sogar stürmischer als am Ende des Mittelalters. In dieser Situation also – das klingt ein bisschen pessimistisch – werfe ich mein Werk wie eine Flaschenpost ins Meer, in der Hoffnung, dass sie irgendwo aufgelesen wird.

DIETZSCH: Was halten Sie von Montaignes Satz »Wer Sterben gelernt hat, hat das Dienen verlernt«.

TILLIETTE: Der Tod – der absolute Herr – hüllt die gesamte Geschichte in einen Schleier der Wehmut, ja Verzweiflung. Alle Philosophen von Rang haben dem Tod, der Hydra, ins Auge gesehen, auch diejenigen, die wie Spinoza sagen, Philosophie sei keine meditatio mortis, sondern eine meditatio vitae. Der Tod erheischt Schweigen. Und doch, als Philosophen kommen wir nicht umhin, mit ihm zu reden. Er ist eine Grenze des Denkens, und dennoch überschreiten wir sie. Alles am Tod spricht für ein Ende schlechthin, besonders heute, wo kein fester Glauben das soziale Gewebe trägt. Aber der Tod eines Menschen ist nicht wie der Tod eines Tieres. Das hat Heidegger klar und schön gesehen. Aber seine Folgerung kann kaum befriedigen: mit festem Blick, frei und männlich, ins kalte Nichts schauen. Auch Bloch, der große Ungläubige, wollte den Tod als ein Abenteuer erleben. Ich halte das für zu kurz gedacht. Die größten Denker haben die Idee und Ahnung des Überlebens aufgenommen. Auch wer nicht daran glaubt, sieht, dass der Tod etwas Einzigartiges ist. Nur de Sade hat versucht, den Tod zu bagatellisieren, aber er ist die Ausnahme. Im übrigen lebt der uralte Glaube, dass der Mensch gerichtet wird und dass er gerettet werden will und auch soll.

DIETZSCH: So könnten wir den Tod – mit Luther gesprochen – als einen Akt harter Barmherzigkeit ansehen. Einer harten Barmherzigkeit Gottes, die uns vom sündigen Leib befreit. Sie bietet die Chance, sich von der Erbsünde zu reinigen.

TILLIETTE: Hier gibt es keine Unterschiede zwischen den christlichen Konfessionen.

DIETZSCH: Sie haben an der Gregoriana in Rom auch Vorlesungen über Angelologie gehalten. Engel sind recht rätselhafte Wesen. Was begreifen wir, wenn wir uns mit ihnen befassen?

TILLIETTE: Als öffentliches Thema sind die Engel ein bisschen verblasst, auch in der Theologie, aber sie haben nie den Horizont unserer geistigen Welt verlassen, auch nicht nach der Säkularisierung. Denken Sie nur an Rilkes Duineser Elegien.

DIETZSCH: Bei Rilke sind es die bösen Engel: »fast tödliche Vögel der Seele«, heißt es in der zweiten Elegie.

TILLIETTE: »Ein jeder Engel ist schrecklich«, sagt er. Aber es sind nicht nur Engel des Todes. Engel sind auch ein wunderbarer Eingang, wie die Balkone des Himmels. Vielleicht braucht der denkende Mensch diese Hoffnung, diese Geschöpfe, diese erhabenen Geschöpfe, die als Vermittler zwischen dem großen Gott und dem Menschen figurieren. Sie sind wie eine Jakobsleiter, und sie haben auch die Philosophen immer fasziniert. Obwohl Lessing der Meinung war – nach Auskunft von Schelling –, Engel seien die langweiligsten Geschöpfe. Was vielleicht eine Anspielung auf Klopstock war, bei dem es viele Engel gibt, oder auch auf Swedenborg. Aber unser Schelling hat die Engel gepriesen, besonders in den Philosophischen Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit. Oder denken Sie an die schönen Passagen über den Schutzengel in Schellings Clara. Auch heute schreiben Philosophen über Engel, ich verweise auf Massimo Cacciari – er war Bürgermeister von Venedig – und sein Buch L’Angelo necessario. Die Engel gehören zur Theologie. Aber sie haben auch so unterschiedliche Denker wie Bloch oder Husserl fasziniert. Bekannt ist Walter Benjamins Interpretation von Paul Klees Aquarell »Angelus Novus«, dem sogenannten Engel der Geschichte. Interessanter noch ist Edith Stein, sie war von der Phänomenologie Husserls geprägt, wurde dann katholisch und hat in einem Buch, das noch zu entdecken ist, nämlich Endliches und ewiges Sein von 1950, eine lange und schöne Darlegung über die Engel geschrieben. Sie verweist auf ein Dokument von Dionysius Areopagita (»De nominibus divinis«, 5. Jh. n. Chr.), das die Quelle des Buches über die Engel von Thomas von Aquino ist. Und dann geht ihr Weg zu Christus, dem König der Engel, aber sie beschreibt das mit einer Einfachheit wie zur Zeit von Thomas von Aquin. Edith Stein versteht die Engel nicht primär philosophisch, nicht als Begriffsgestalten im Sinne Hegels, sie lässt nicht alles in Symbolen und Zeichen aufgehen. In einer echten christlichen Philosophie sind Engel eine Realität, die zum Unsichtbaren gehört. Sie sind ehrwürdige Zeugen für das Jenseits, auf das wir sonst keinen Zugriff haben. Engel gehören zum großen Reich der Offenbarungen, die auch in der Philosophie beachtet werden sollten. Kurz: Engel sind Mittler, die uns beim spekulativen Denken helfen, die uns helfen, das Überleben und die Beziehung zwischen Gott und den Menschen besser zu verstehen.

DIETZSCH: Die Engel verweisen uns wohl auf zweierlei: Zum einen darauf, dass wir niemals etwas unmittelbar erleben, also weder die Natur noch unseresgleichen, auch Gott nicht. Zum andern zeugen sie von einer Genealogie des Unsichtbaren, der Verwandlung von Sichtbarem in Unsichtbares. Die Angelologie ist also eine Art Kommunikationstheorie, aus der wir etwas über Botschaften zwischen drinnen und draußen erfahren können. Wie Lévinas sagt: »Quand Dieu vient à l’idee.« Es betrifft also die Modalitäten, wie Gott in das Denken einfällt. Man darf sich das eben nicht als etwas Unmittelbares vorstellen. Ohne Vermittlung bliebe Gott unbekannt.

TILLIETTE: Das ist eine Variante des ontologischen Gottesbeweises. Auch bei Schelling gibt es dies, wenn er in den Weltaltern von einer Vorstellung des »Du Dieu qui vient avant l’idee« spricht, also von der Melancholie eines Gottes, der vor der Idee kommt, also das Unvordenkliche ist.

DIETZSCH: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?

TILLIETTE: In meinem Alter interessiert mich der philosophische Schaum der Zeit natürlich nicht mehr, ich stürze mich nicht mehr auf das jeweils Neueste, aber ich warte sehnsüchtig auf die Wiederentdeckung solcher großer Lehrer wie Blondel, Edith Stein, Gustav Siewerth, Gabriel Marcel, Teilhard de Chardin. Meine Leuchttürme sind die Großen des 19. Jahrhunderts. Mit besonderer Liebe denke ich an Kierkegaard. Im Abendlicht meines Lebens sehe ich die Versöhnung von Christentum und Philosophie aufscheinen.

 

Anm.: Erstpublikation in: Sinn und Form (53) 2001, Heft 6, S.810-820. Xavier Tilliette starb am 10. Dezember 2018. Nachruf von Steffen Dietzsch in Iablis: Zum Tode von Xavier Tilliette SJ (2018).

 

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