Renate Solbach: Zeichen

Umberto Eco, Der ewige Faschismus, mit einem Vorwort von Roberto Saviano, München (Hanser) 2020, 77 Seiten

Öffentliche Meinung:
Falsche Perlen vor echte Säue werfen.
Johannes Gross

Es kann doch nicht bloß der orgiastischen ›links-grünen‹ Italiensehnsucht geschuldet sein, dass aus der geliebten Landschaft ausgerechnet mit dem fascio, dem Rutenbündel (aus dem ein Beil herauslugt!) – einem antiken italischen Amtssymbol – heutzutage eine polit-rhetorische Devotionalie gegenwärtiger politischer Denunziation entdeckt wurde? – Nun, ›entdeckt‹ kann man diese heute referenzlose Floskel nicht wirklich nennen, es ist eigentlich Retroware. Und dadurch wandelt sich ›faschistisch‹ heute umso mehr, wie Eco schreibt, in ein Fuzzylogic-Wort (24). Diese Fuzzylogic war schon der ursprünglichen politischen Bewegung ›Fasci italiani di combattimento‹ eigen, sie gründet auf gar »keine monolithische Ideologie, sondern ist eher eine Collage« (24), die beliebige Zwecke illustrieren kann. – Diese neue Vokabel (›faschistisch‹), ursprünglich eine Selbstbezeichnung, wurde im Meinungs- und Straßenkampf seither dann auch multikulturell diversifiziert. Sie wurde als Kennzeichnung einer ersten totalitären, unspezifisch aktivistischen Denkungsart aufgegriffen, um die Ablösung des herkömmlich Politischen zugunsten der Auferstehung elementarer technischer Operativkräfte in der Polis (Massenmärsche, Massenmedien, Massenparteien, Milizen und Militär) zu beschreiben. Kurzum: »Wann immer ein Politiker die Legitimität des Parlaments in Zweifel zieht«, sei es aus Ärger über ›unpassende‹ Mehrheitsverhältnisse, sei es über die Anwesenheit einer ›unpassenden‹ parlamentarischen Fraktion, dann, so Eco, »riecht es nach Ur-Faschismus.« (38).

Aber: Warum wurde – zeitübergreifend – dieser sozusagen Term (›faschistisch‹) so leicht ausgerechnet für die – benachbarte – totalitäre Kontrovers-Ideologie des Sozialismus-in-einem-Land (der ja auch ein National-Sozialismus war!) polemisch verwertbar? Wahrscheinlich aus einem einzigen Grund: Man konnte im partei-kontroversen Sprechakt alle Assoziationen mit dem Nationalen Sozialismus umgehen. Man konnte vermeiden, die Mängel, Fehler und Verbrechen der Anderen irritierend etwa als ›nationalsozialistisch‹ (also auch irgendwie sozialistisch) zu bezeichnen. – So charakterisierten bald die Sozialisten-in-einem-Lande seit den Zwanzigern alle gesellschaftsreformerischen Versuche (z.B. der SPD) als ›sozialfaschistisch‹; die Kritiker und Gegner in der stalinistischen Sowjetgesellschaft in den Dreißigern wurden als ›trotzkistisch-faschistisch‹ verfolgt, wie in den Fünfzigern namhafte Gegner des sogenannten sozialistischen Lagers als ›Tito-Faschisten‹ identifiziert wurden. Dieses brutal-polemische Arsenal demokratisierte sich dann in den Sechzigern, als in Wohngemeinschaften, Polit-Sekten oder auch in Nachbarschaften herkömmlich bürgerliche Lebensgewohnheiten und Umgangsformen, die der jeweiligen Gemeinschaft fremd waren, kurzerhand und unbestimmt als ›faschistisch‹ unter Verdacht gestellt wurden (…deine Pünktlichkeit und der Anzug – irgendwie faschistisch). – Dieser entpolitisierte, formlos-sachfremde Wortgebrauch spitzte sich dann auch in den Siebzigern zu im Urteil – von Johannes Gross – dass der Widerstand gegen Hitler täglich zunehme.

So erkennen wir, wie die politisch-soziale Sprache, gerade wenn sie auf ihren Kampfmodus reduziert wird, allen historischen Bezug und ihr Herkommen verlieren kann und – wie im Fall des Faschismus (wenn man doch eigentlich den Nationalsozialismus meint!) – sich alles Begriffliche ins Moralische wendet; als moralisches Verdikt wird ›faschistisch‹ eine Meinung unter anderen, die man auch – da hier Meinungsfreiheit verfassungsrechtlich garantiert ist – einklagen kann, aber eben folgenlos als freie Meinung des einzelnen, nicht als Konfirmierung eines objektiven Sachverhalts, – denn ein Gericht als Ort der Rechtspflege hat nach westlichem Verständnis keine Kompetenz der personeninvarianten Wahrheitsfindung. Ob hinter einer Meinung ein objektiver Sachgrund liegt, ist für die freie Äußerung dieser Meinung juristisch irrelevant.

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