Acta Litterarum: Die Autoren
 

Die Regierung hat das Volk abgewählt.
Sie hat, vor die Wahl gestellt,
sich ein anderes zu wählen
oder dem Volk keine Wahl zu lassen,
betont, sie werde auch in Zukunft die richtigen Maßnahmen ergreifen.

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Der demokratische Traum
erliegt den Neunmalklugen.
Die Neunmalklugen glauben sich hellwach
und blitzgescheit. Der demokratische Traum
blinzelt: Träumt weiter! und bleibt.

Schödlbauers Deutsches Roulette – dem Wort nach eine Sonderform des Roulettes, die politisch übertragen werden kann, und schon «Roulette« spiegelt den Spielcharakter in der politischen Situation (nicht nur) dieses Landes – besticht, sticht in «Seifenblasen« hinein, die, wie jeder weiß, aufgebauscht politisch wie sonstwie lange bestehen können und bestehen. So stellt sich, dem vorangestellten Passus nach, dem Selbst- und interessensgerechten politisch Handelnden ja tatsächlich «das Volk«, das ihn erhob, bald als größtes Hindernis dar. Denn: Verwickelt in Scheingefechte um die wirklich gute Sache, lugt doch bald das falsche Ergebnis aus der Lüge hervor, die durchaus bemerkt wird. Jedoch: Die «Neunmalklugen« ziehen die Fäden immerhin mit so viel Geschick, dass ihre Gaukeleien – langfristig, in endlosen Verschiebungen – getragen werden. So bleibt der demokratische Traum, was er ist. So wird, ließe sich pointieren, ein ganzes Volk (heißt: die in einem Land wohnenden Menschen) verhökert und stimmt dem – vielfach partizipierend – zu.

Ulrich Schödlbauer: Deutsches Roulette. Festgabe zu Peter Brandts 70. Geburtstag, Heidelberg 2018