Ulrich Schödlbauer

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1

Der Fremde stand wartend auf dem kurzen Rasenstück, das den Radweg vom Flussufer trennte.

»Ich blicke gern auf Wasser, vor allem auf fließendes. Dagegen ist mir feuchte Luft ein Gräuel. Ich bekomme einen nervösen Husten davon. Und das ist, besonders in Zeiten wie diesen, mehr als unangenehm.«

»Wir haben ein Regenjahr. Wie halten sie das aus?«

»Schlecht, sehr schlecht. Aber das steht auf einem anderen Blatt.«

Die Stimme des Fremden klang beschlagen, als stünde ein Hustenanfall dicht bevor. Ein Ausflugsboot glitt vorbei. Drei Männer standen am Bug um ein Fass, ein vierter lehnte ein wenig abseits und beobachtete einen älteren Mann, dessen Verschlossenheit bis auf die Knie reichte. Ein monotones Kolbengeräusch lief dem Schiff nach wie ein einsamer Hund.

»Sie müssen das verstehen«, sagte der Fremde, »diese Verschränkung ist für den, der darunter leidet, alles andere als harmlos. Sie leben am Wasser und Sie fliehen die Feuchtigkeit, weil sie Sie, wie soll ich sagen, zermürbt. Ja, sie zermürbt. Jedenfalls fühlen Sie sich zermürbt und das ist dann praktisch dasselbe. Warum das so ist, kann Ihnen niemand sagen. Die Suche nach organischen Gründen wurde vor langer Zeit aufgegeben. Es gibt sie nicht. Alles ist Psyche. Entschuldigen Sie die platte Bemerkung. Es ist nicht alles Psyche, wofür es keine feste Erklärung gibt. Dieser etwas finster dreinblickende Mann auf dem Schiff gerade … was ich Ihnen jetzt sage, wird Sie überraschen, aber das war mein Vater. Mein Vater, müssen Sie wissen, ist seit über zehn Jahren tot und gelegentlich kommt er vorbei. Ich erkenne ihn gleich, obwohl er sich stellt, als bemerke er nichts. Ich erkenne ihn nicht an irgendwelchen körperlichen Merkmalen, die uns nichts bedeuten, sondern an seiner Verschlossenheit, die eindeutig auf mich zielt, aber das verstehe wohl bloß ich. Wie gesagt, es ist nicht alles Psyche, wofür es keine Erklärung gibt. Dem Toten gefällt das feuchte Wetter. In seinem Schutz lässt er sich häufiger blicken als sonst. Er weiß natürlich, dass ich dann weich bin, nicht im Sinne von Rührung, sondern zermürbt, wie gesagt, ich nehme an, dass er diese meine Verfassung für sich ausnützen will.«

»Sie denken, er will etwas von Ihnen?«

»Das weiß ich nicht. Ich will es auch nicht wissen. Aber er hat es immer ausgenützt, wenn ich schwach war. Er hat es genossen, meine Schwäche auszunützen.«

»Urteilen Sie nicht ein wenig hart?«

»Aber ich urteile doch gar nicht. Ich stelle fest. Mein Vater hat sich, jedenfalls von einem bestimmten Lebensalter an, auf meine Schwächen gestürzt wie ein … wie ein … Leu, mir fällt nichts anderes ein als dieses Wappentier mit seinem dünnen, abfallenden Schwanz und einer grotesken Quaste am Ende. Ich glaube, es begann, als er anfing, sich schwach zu fühlen. Er hat seine Schwächen bestraft, indem er sich in meinen suhlte.«


2

»Ein feuchtes Jahr«, sagte der Fremde – er war ein paar Schritte weiter gegangen und atmete schwerer –, »so ein feuchtes Jahr kann ein Leben völlig verändern. Bisher war es, bis auf die üblichen Einbrüche, stabil, und auf einmal verschwimmt es. Das der anderen geht völlig unbeeinträchtigt weiter, sie nehmen den Stein nicht wahr, der dich zum Stolpern brachte, und alles, was sie dir ins Gesicht sagen, ist: Da, alles eben! Du musst weitergehen. Das eben ist die Schwierigkeit. Du siehst ja ein, dass sie recht haben, du gehst, unter Aufbietung aller Kräfte, ein paar Schritte weiter, doch da ist schon der Punkt, an dem du sagen musst: Ohne mich! Und sie gehen, erst zögernd, weiter: ohne dich. Das Leben geht immer weiter. Du hast, unwillentlich, wie dir scheint, eine Abzweigung genommen, nun gut, auch da geht es weiter.«

Der Gedanke schien ihn zu beschäftigen. Wir gehen ja alle auf ebener Erde dahin, wenn wir nicht gerade Treppen steigen oder in den Alpen kraxeln. Dass so einer scheinbar wie alle dahingeht, aber bei genauerem Hinsehen hinunter, ohne dass sich dort ein sinnvolles Ziel anböte, das ist in der allgemeinen Vorstellung fürs erste nicht enthalten. Als habe er meinen Einfall erraten, drehte er sich um und blickte mir offen ins Gesicht.

»Wir alle sind voller merkwürdiger Abzweigungen, der eine gerät früher, der andere später hinein. Ich will mich hier nicht herausstreichen, nur weil ich leide. Das Merkwürdige an so einem Leiden besteht darin, dass man, einmal verwickelt, es einerseits für unerträglich, andererseits für bewohnbar hält. Diese unwillkürlich sich einstellende Idee der Bewohnbarkeit ist vielleicht die böseste Prüfung, die es bereithält. Wenn so ein Köpfchen keinen Ausweg sieht, dann stellt es sich nicht das Ende vor, sondern richtet sich darin ein. Es geschieht ja alles, so oder so, im Kopf, und der Kopf braucht keinen Ausweg. Er steckt selbst voller Wege.«

»Haben Sie einmal daran gedacht…«

Er brach in ein Gelächter aus, als habe er nur darauf gewartet.

»Gedacht? Ich habe an alles gedacht. Was denken Sie? Das Denken ist schließlich das einzige, was einem in einer Lage wie der meinigen übrigbleibt. Es sind die einzigen Schritte, die Ihnen erlaubt sind. Nein, ich habe aus meinem Kopf keinen Tigerkäfig gemacht, in dem die Gedanken voller Unruhe auf den Moment warten, an dem sie freigelassen werden. Ich halte nichts von freigelassenen Gedanken, bereit, den Erstbesten anzufallen, der ihren Weg kreuzt. Ich habe mich bemüht, meine Lage systematisch zu durchdenken. Es hat mich nicht befreit, aber es hat mir gezeigt  –«

Ein Hustenanfall unterbrach unsere Konversation. Geduldig wartete ich das Ende ab. So ein Husten ließ ihn, inmitten der allgegenwärtigen Seuchenpanik, verdächtig erscheinen. War er ein Träger der geheimnisvollen Krankheit, welche seit nunmehr fast zwei Jahren die Gesellschaft lähmte? Schon sah ich zwei entgegenkommende Frauen ihre Gesichtsmasken festzurren und sich eng an die Mauer drücken. Wie lebte es sich in solchen Zeiten mit einem nervösen Husten, der durch die Situation nur stimuliert werden konnte? Rechnete er damit, kontrolliert, vielleicht sogar verhaftet zu werden?

»Sehen Sie die Bank da drüben? Da sitzen die Arbeiter in der Sonne und trinken ihr Bier. Gestern war die Polizei da, wer weiß, wer sie gerufen hat. Man muss nur einen Augenblick stehenbleiben und sie bei ihrem Treiben beobachten, schon gerät man in ihr Visier. Nein, ich habe nichts gegen Ordnungshüter. In meiner Geschichte spielen sie keine Rolle. Dabei ist es eine Geschichte der Ordnung, fast könnte ich sagen, der Ordnungen, denn mit einer geben sich unsere Quälgeister selten zufrieden.«

Fast hätte er mich gepackt.

»Sehen Sie die Frau? Die Frau, die uns das alles…«, er suchte nach Wörtern, »eingebrockt hat? Sie hält sich abseits, sie hat den Tyrannen installiert, der uns täglich mit neuen Ankündigungen, die nichts weiter sind als verhüllte Drohungen, traktiert. Nichts darf das Bild der hohen Frau trüben. Sie ist nicht schön, aber sie ist mächtig, Schmeichler sagen, sie sei die mächtigste Frau der Welt. Macht schlägt Schönheit. Dabei ist sie eine Getriebene, aber das darf man nicht sagen. Man darf so manches nicht mehr sagen, seit sie das Heft in der Hand hält. Vor allem darf man nicht sagen, dass man es nicht sagen darf. Sonst gehört man gleich zu denen, die nichts zu sagen haben. Das sind so Feinheiten des Geschlechts… Wir Männer sind doch wahre Seismographen des Weiblichen. Sie ist die Dritte Frau. Kennen Sie diesen Ausdruck? Nein? Das macht nichts. Das macht gar nichts.«

Wir setzten uns auf eine Bank. Sie war mit Graffiti besprüht, die Sitzfläche beschmiert, die Rückenlehne fehlte und der vorderste Balken war abgebrochen, aber: Man konnte sitzen. Ein beizender Geruch wehte vom Papierkorb herüber.

»Weibliche Herrschaft ist immateriell. Ich darf das sagen, denn ich habe sie kennengelernt. Habe ich Ihnen schon gesagt, dass ich den größten Teil meiner Kindheit in einem Garten zugebracht habe? Ich merke, Sie finden das beneidenswert. Seien Sie vorsichtig. Die Gärten der Kindheit sind sehr unterschiedlich. Wissen Sie, wie es ist, wenn Sie, aus welchen Gründen auch immer, in einen Garten eingesperrt werden? Wenn das Türchen zur Welt zur Kerkertür wird, nur mit Sondererlaubnis und strengen Zeitvorgaben zu verlassen? Aber die Schule, werden Sie sagen. Ja, die Schule. Sie dürfen keine Freunde haben, jedes Trödeln auf dem Schulweg wird streng geahndet. Warum, werden Sie fragen, was ist das für eine merkwürdige Kindheit? Das habe ich mich auch lange gefragt und keine Antwort bekommen. Heute sage ich Ihnen: Die ganz normale Hölle auf Erden wird von Menschen errichtet, die Verantwortung scheuen und diese Scheu als Verantwortung verkaufen. Sie endet auch nicht mit der Kindheit. Eigentlich endet sie nie. Sie tritt nur nicht immer so stark zutage. In den letzten Monaten konnte sich glücklich schätzen, wer einen Garten besaß. Für all die sinnlos in Quarantäne Verbannten gilt das noch heute. Es ist auch die Frage, wie man einen solchen Garten betrachtet.«

Es arbeitete in ihm. Ich ging einen Schritt zur Seite, beobachtete eine Frau im mittleren Alter, die vergeblich zwei Hunde zu bändigen versuchte, während eine andere lachend auf sie einsprach. Ein offenbar Geistesgestörter hatte einen Lautsprecher an sein Fahrrad montiert und beschallte die Umgebung mit Impfparolen.

Ich trat näher. »Eine Frage hätte ich doch: Was war Ihre Aufgabe in jenem Garten?«

»Gut, dass Sie sie stellen. Mir oblag es, ihn frei von Unkraut zu halten. Zupfen, Sie verstehen? Und nicht so oberflächlich, sondern wurzeltief, Sie verstehen. Ach, nicht mehr, werden Sie jetzt sagen. Das ist doch … easy. Sehen Sie, Sie sind ein Kind, ein junger Mensch, die Schule fällt Ihnen leicht, Ihr Geist benötigt Nahrung, Sie sind eine Leseratte und werden gnadenlos von den Büchern abgeschnitten, die Sie sich heimlich besorgt haben: Hinaus mit dir! Gleichgültig, bei welchem Wetter. Dann sieht die Sache schon etwas anders aus. Und wenn Sie dafür zuständig sind, dass kein reif gewordener Apfel und keine Birne auf dem Boden aufschlägt und dort aufplatzt oder auch nur einen braunen Fleck bekommt, wenn Sie persönlich mit Ihrem Röntgenblick entscheiden müssen, welche Früchte wann von den Bäumen geholt werden müssen – und es gibt viele Bäume in diesem Garten –, und Sie sind ein Kind und haben Kindergedanken im Kopf, dann sieht die Sache wieder ein wenig anders aus. Oh, es gibt viel zu tun in so einem Garten, und wenn da jemand ist, der Sie in Angst und Schrecken angesichts der Vorstellung hält, etwas vergessen oder versäumt zu haben, von dem Sie im Ernstfall noch gar nicht wussten, dass es in Ihren Aufgabenbereich fällt, dann leben Sie eben in Angst und Schrecken, wie denn sonst.«

»Das ist ja bizarr. Was waren das denn für Menschen?«

»Oh, das interessiert Sie? Es waren drei, eine Dreifaltigkeit, wenn Sie so wollen. Eine Frau, ein Mann, eine alte Närrin. Der Mann war natürlich mein Vater. Er arbeitete auswärts und kam nur ein-, zweimal in der Woche nach Hause. Sie müssen sich das so vorstellen – aber was haben Sie denn?«

»Nichts. Mich hat gerade etwas gestochen. Sie wollen also andeuten…?«

»Andeuten? Was um Himmels willen sollte ich andeuten wollen? Was meinen Sie damit?«

»Nun, Sie wollen damit andeuten…«

»Moment mal. Sie unterstellen mir, ich wollte andeuten, dass ich den Ursprung meiner Beschwerden noch immer in meiner Kindheit suche und, erbärmlicher noch, in der Konstruktion der bösen Frau. Darum geht es doch, nicht wahr? Das ist die Mücke, die Sie gerade gestochen hat.«

»Ich weiß nicht. Eigentlich berührt mich Ihre Kindheit nicht. Sie mag erbärmlich gewesen sein, aber Sie sind ein gestandener, nicht mehr ganz junger Mann und sollten die Welt nach anderen Gesichtspunkten beurteilen. Was geht Sie, was geht mich das Unkraut im Garten Ihrer Kindheit an?«


3

Der Fremde zupfte ein Büschel Gras aus, ging hinüber ans Wasser und ließ es hineinplumpsen.

»Sehen Sie, es ist erst ein paar Jahre her, da hat man mich zu einem wissenschaftlichen Symposium eingeladen. Es gab nur wenige Gäste, in der Hauptsache einen weltberühmten, mittlerweile hochbetagten Altertumswissenschaftler samt Entourage, soll heißen, seiner ebenfalls recht bekannten Frau und einem befreundeten jüngeren Wissenschaftlerpaar, das ich bei dieser Gelegenheit kennenlernte. Das Programm sah vor, dass jeder Gast einen Vortrag hielt und man sich ansonsten eine Woche lang dem freien Gedankenaustausch ergab. Das ist ein eher ungewöhnlicher Zeitplan und ungewöhnlich war auch der Ort unseres Zusammentreffens: ein kunstvoll angelegter Landschaftsgarten auf einer Kanarischen Insel hoch über dem Atlantik. In diesem Garten gab es, neben ein wenig Kunst, eine Reihe sorgfältig angelegter Begegnungsorte, an denen, so das Kalkül der Betreiber, der Genius loci die Gespräche intensivieren und die thematischen Horizonte entgrenzen sollte. Es gab, das sollte nicht verschwiegen werden, eine tüchtige Küche, die es an nichts fehlen ließ. Leider gab es auch, wie an solchen Orten wohl unvermeidlich, einen Manager, dessen Servilität gleich in den Beginn eine gewisse Missstimmigkeit hineintrug.

Den greisen Gelehrten kannte ich aus früheren Jahren. Irgendwann war ich Gast in seinem Hause gewesen und meine Begleiterin hatte seine Frau vor noch nicht allzu langer Zeit interviewt. Seltsamerweise schienen sich die beiden an nichts dergleichen zu erinnern. Ihr Unwille, sich mit uns zu befassen, war von der ersten Stunde an unübersehbar. Das wirkte befremdlich, da keine Animositäten zwischen den Parteien existierten. Wir brauchten einige Zeit, um das Geflecht für uns zu entwirren. Offenbar litt der alte Herr an beginnender Demenz und seine gesellschaftlich überaus ehrgeizige Gattin hatte einen dichten Kokon um ihn gesponnen, um dieses kleine Geheimnis so lange wie möglich vor der Welt zu verheimlichen. Dem zweiten Ehepaar fiel dabei der Part der unauffälligen Helfer zu. Es gehörte praktisch zur Familie und verständigte sich mit der alten Dame mittels kleinster Signale. Offenbar besagten einige davon, uns unauffällig aus dem Spiel zu halten. Sie werden sich ausmalen können, wie unter solchen Bedingungen das Symphilosophieren, immerhin Zweck unseres Aufenthaltes an diesem wahrlich zauberhaften Ort, vonstatten ging.

Parallel dazu ging etwas anderes vor. Meine Begleitung und ich wohnten an einem winzigen, spielerisch in die Landschaft gesetzten Patio, auf dem bereits in den Morgenstunden der volle Sonnenschein lag. Unglücklicherweise besaß unser Schlafraum eine rückwärtige Wand aus Fels, auf der sich unentwegt Feuchtigkeit sammelte, ohne dass eine Möglichkeit bestand, diesen Vorgang zu unterbinden. Es dauerte nur eine Nacht und ich litt unter hexenschussartigen Rückenschmerzen. Dazu machte sich die feuchte Meerluft bemerkbar – Sie hören, ich komme meinem Thema näher –, kurz und gut, ich sah mich binnen kürzester Zeit sowohl in meinem sozialen als auch in meinem physischen Komfort empfindlich eingeschränkt. Und wie die menschliche Natur so spielt, sollte es im Lauf der Woche zwischen den beiden Ebenen zu einer Reihe von Interferenzen kommen, die besser unterblieben wären.

Warum ich Ihnen das erzähle? Sehr einfach: Sie sehen die Ingredienzien, den Garten, der zum Gefängnis wird (denn es bestand keinerlei Möglichkeit, von der Insel vorzeitig abzureisen), die Gattin, die sich der in ihrem Kopf vielleicht übertrieben gemalten Autorität des Alten bediente, um sich und ihn droben und uns draußen zu halten, um diesen abgegriffenen Ausdruck zu benutzen, schließlich die fatale klimatische Besonderheit, die mir kurzerhand den Status eines Halbinvaliden bescherte. Aber wo ist die Brücke, höre ich Sie fragen, welche den Einbruch der Feuchtluft in Ihre Physis – denn um irgendeine Art des Einbruchs scheint es sich ja gehandelt zu haben – mit dem Kindheitsgarten verbindet? Sehen Sie, gerade das möchte ich Ihnen erklären. Wohlgemerkt erklären, denn zu erzählen gibt es da eigentlich nichts. Oder doch, wer weiß. Sehen Sie, jetzt, wo ich mit Ihnen spreche, schmecke ich wieder jene unverwechselbare Meerluft, sie überzieht Zunge und Gaumen wie mit … Gelatine und zeichnet für einen Teil jenes Grauens verantwortlich, das ich angesichts meines Zustandes empfinde – dieser eigentümlich ausweglosen Gefangenschaft im eigenen Körper. Das Inselerlebnis muss also doch einen massiven Verstärker darstellen, der die zweifellos vorhandenen älteren Impulse auf ein ganz neues Fundament stellte.«


4

»Die einschneidenden Erlebnisse der Kindheit sind in den seltensten Fällen die lauten. In der Regel bewahrt sogar die unmittelbare Umgebung keine Erinnerung daran und ist sehr überrascht, wenn man einmal etwas davon zum Besten gibt. Ich erinnere mich an eine Sportstunde, in der ich buchstäblich aus allen Wolken auf den harten Boden der Turnhalle fiel, weil ich mein Gewicht an den Ringen zur Unzeit verlagert hatte. Das trug mir eine Gehirnerschütterung sowie die Ermahnung des Arztes ein, vierzehn Tage lang das Bett zu hüten und den Kopf ruhig zu halten. Vierzehn Tage sind eine lange Zeit. Nach drei Tagen war die Geduld der Frau restlos am Ende. Sie befahl mir aufzustehen und ›an die Arbeit zu gehen‹ (was genau sie damit meinte, ist mir nicht erinnerlich). Von diesem Tag datiert ein anderer lebenslanger Begleiter: der Kopfschmerz. Auf mysteriösen Wegen verband sich mein kindlicher Kopfschmerz mit dem in jener Weltecke häufigen Regenwetter, das mich daran hinderte, meinen verhassten gärtnerischen Pflichten nachzukommen. Eine willkommene Kombination, sollte man meinen, wäre der Kopfschmerz nicht echt gewesen, nur eben vergeblich, solange die Sonne schien und die Welt trocken blieb. Von heute aus betrachtet, lernte mein notorisch unterbewerteter Kopfschmerz, auf jedes am Himmel erscheinende Wölkchen zu lauern, um loszupreschen. ›Migräne‹ lautete dann auch das Zauberwort meiner Jugend, für eine diffuse Sache Schonung verlangend, die manchmal gewährt wurde, manchmal hingegen nicht.«

»Damit wir uns richtig verstehen: die Migräne erlöste Sie von der ungeliebten Pflicht, Ihre Nachmittage mit Unkrautjäten und Obstpflücken zuzubringen? Sie besaß demnach eine Art Schutzfunktion für Sie?«

»Wenn man davon absieht, dass ich nicht zu knapp unter ihr litt, ist das richtig. Aber was bedeutet das? Es bedeutet, dass mir, wie so vielen Mitmenschen, als Kind eine Art Liebe zum Leid eingepflanzt wurde. Sie hat sich im Laufe meines Lebens facettenreich bewährt. Zum Beispiel auf jener Insel: Die Feuchtigkeit der Höhle verband sich mit dem allgemeinen Inselklima, um mich davon abzuhalten, die kaum, jedenfalls auf friedliche Weise, aufzulösende Friktion allzu intensiv zu durchleben. Ich war, wenngleich auf wenig angenehme Weise, mit mir selbst beschäftigt.«

»Und das ist der Grund…?«

»Gründe, mein Lieber, sind Schall und Rauch. Was gerade noch Grund war, ist auf einmal Folge und umgekehrt. Irgendwann ist auch die längste Kindheit zu Ende und das Gefängnis steht offen. Erst später realisieren Sie den Klotz am Bein, den Sie in die Freiheit mitgenommen haben. Wenn Sie nicht aufpassen, bewegt er Sie dazu, neue Gefängniskonstellationen herzustellen, die verblüffend der kindlichen ähneln, nur dass Sie es jetzt sind, der im Hintergrund die Fäden zieht und dafür sorgt, dass alles wieder so aussieht wie damals, nur eben erwachsen. Nicht dass Sie damit allein wären. Ihr ganzes Verhalten ist seinem Wesen nach reaktiv, geprägt von einem feinen Sensorium für Spannungen, die andere gern ›subkutan‹ nennen, weil sie nicht allzu viel davon mitbekommen. Sie hingegen, Sie bekommen alles mit, Sie hören das Gras wachsen…«

»Eine gefährliche Metapher…«

»Oh ja. Aber ich will hier nicht die Geschichte meiner verflossenen Beziehungen vor Ihnen ausbreiten. Es wäre auch ungerecht, denn in dem Zustand, in dem Sie mich vor sich sehen, fände ich jedes erwähnenswerte Detail daran zum Kotzen. Ich will diesen Zustand auflösen, ganz recht, und aus irgendeinem Grund neige ich zu der Überzeugung, dass der wahrhaft üble Geschmack in meinem Mund, wie schon einmal, mich auf die richtige Fährte bringt. Und diese Fährte führt, wie Sie sahen, geradewegs zurück in die Kindheit. Ich werde also, wenn es Ihnen recht ist, die Zahl der Elemente vergrößern, die mit von der Partie sind. Dieses Ufer, an dem wir gerade entlang wandern, liebe ich, seit ich es für mich entdeckt habe. Und wissen Sie, was geschah? Eines Tages hatte ich jenen Geschmack im Mund und musste mich fragen, ob ich nicht den feinen Wasserdampf, der über diesem Fluss steht, in seinen Auswirkungen auf meine Lunge und mein Wohlbefinden sträflich unterschätzt hatte. Da war sie wieder, die Umkehr – die Verwandlung eines Glücksortes in einen Ort der Qual.«

»Eine Frage müssen Sie mir gestatten. Wenn Sie wissen, dass dieses Amalgam aus Höhlenfeuchtigkeit und Seeluft, das Ihren Gaumen, wie Sie sagen, okkupiert und Ihnen das Atmen schwer macht, in Wahrheit eine Erinnerung ist und keineswegs das, was dieser Fluss, dürfte er in seiner natürlichen Sprache zu Ihnen sprechen, Ihren Sinnen darböte, wenn Sie das wirklich wissen, wie kann dann dieses Wissen zusammen mit der Sinnestäuschung bestehen, der Sie unterliegen? Das habe ich nicht verstanden.«

»Der Gedanke ist mir fast zur gleichen Zeit gekommen. Zuerst einmal: Warum bin ich mir auf einmal so sicher, dass es sich um eine Täuschung handelt? Offenbar deswegen, weil dieser ›Geschmack‹, um ihn so zu nennen, obwohl es sich eher um einen Geruch handeln müsste, ginge alles mit rechten Dingen zu, wann immer er auftritt, mit der gleichen Intensität und vor allem in der gleichen Zusammensetzung auftritt, so dass mein Körpergedächtnis bereits Bescheid weiß und gewissermaßen voreilend die Haltung demütiger Beklommenheit einfordert, in der die einfachsten Körperfunktionen plötzlich zur Dysfunktionalität neigen, so dass ich mich nicht mehr auf sie verlassen kann.«

»Was Sie da sagen, klingt verrückt, komplett verrückt. Wollen Sie nicht doch einen Arzt aufsuchen?«

»Sie meinen, wenn es sich um eine Form der Besessenheit handelt, dann soll man auch nach den entsprechenden Mitteln greifen?«

»Ich kann es auch so sagen: Wenn Sie den Teufel im Leibe haben, wie es mir langsam vorkommt, dann wäre eine kleine Teufelsaustreibung doch das Gegebene.«


5

»Zur unheiligen Dreifaltigkeit meiner Kindheit gehört als dritte Person die Mutter der Frau, die Mutter – oder Stiefmutter, was immerhin den Vorteil der Genauigkeit hätte – zu nennen ich nicht über mich bringe. Damals habe ich die Alte abwechselnd als Schreckgespenst und als Teufelin wahrgenommen. Später stellte sich heraus, dass sie eine psychische Krankengeschichte besaß, die in der Familie unter Verschluss gehalten wurde. Die Brüder hatten sie bei der Schwester abgestellt und sie war gerade dabei, sich das Leben der Tochter einzuverleiben, als mein Vater und damit ich unvorhergesehenerweise in ihr Leben traten. Lass’ es Wut, lass’ es Eifersucht sein – sie hasste uns beide inbrünstig und ließ keine Gelegenheit aus, uns zu schaden. Diese Person nun, ich kann sie nicht anders nennen, wurde zur Aufseherin über mich ernannt, da ihre Tochter tagsüber aus dem Haus ging, um in einem Gemüseladen Kartoffeln und Petersilie zu verkaufen. Ich sehe sie noch immer da sitzen, den Blick unverwandt auf mich gerichtet, während ich meine Schulaufgaben erledige, und mit einem scharfen Küchenmesser über die Tischplatte fahren – hin und her, her und hin. Dieses Geräusch ist das Urgeräusch meiner Kindheit, gleichmäßig wie der Pendelgang der Küchenuhr und irgendwie krank.
Dieser alte, innerlich zerfressene und wieder kindgewordene Mensch machte Abend für Abend vor seiner Tochter Meldung über die Missetaten, die ich im Laufe des Tages, eigentlich nur Nachmittages, begangen hatte. Ich weiß nicht, ob diesen Berichten jemals ein wahrer Satz beigemischt war. Es handelte sich um phantastische Erzählungen von Vorkommnissen, die niemals stattgefunden hatten, um Lügengeschichten, die meinen energischen Protest hervorriefen, der ebenso energisch, soll heißen mit Geschrei und Schlägen beantwortet wurde. Ich verharre ungern bei Details, aber das Ritual als solches beeindruckt mich noch heute. Unter solchen Verhältnissen wächst ein junger Mensch heran. Zum vollständigen Ritual gehörte die Ankunft meines Vaters, die ich anfangs herbeisehnte, aber bald mehr als alles andere fürchten lernte. War das Wetter entsprechend, holte ihn seine Frau am Gartentor ab und sie inspizierten gemeinsam den Garten, Terrasse um Terrasse, Beet um Beet, Rabatte für Rabatte. So näherten sie sich allmählich dem Haus, während meine Nervosität von Minute zu Minute wuchs. Auch die erwähnten Missetaten kamen hier nochmals zur Sprache, ergänzt um die Missetat an sich, meine Unehrerbietigkeit gegenüber der Alten. Das ergab, zusammen mit den Ergebnissen der Garteninspektion, ein hochgiftiges Gebräu, dessen Folgen sich alsbald auf diversen meiner Körperteile abzeichneten. Mein Vater unterzog sich und mich nicht der Mühe einer erneuten peinlichen Befragung, sondern drosch einfach auf mich ein, Sätze brüllend, deren Sinn ich nicht verstand, weil ich nicht wusste, welche Reden er sich vorher angehört hatte. Gegenrede, etwa in Form von Verständnisfragen, war auch hier nicht gestattet.

Man erinnert sich an so mancherlei, wenn die Stationen der Kindheit an einem vorbeiziehen. Schwamm drüber! Tatsache ist, dass ich diese Jahre in Erwartung von Strafen zugebracht habe, ohne zu wissen, wie ich sie verdient hatte. Natürlich macht das etwas mit einem, um den Jargon zu sprechen, den sich unsere Generation für dergleichen Anlässe zurechtgelegt hat. Man legt so etwas nicht ab, wenn man aus dem Haus geht. Auch als junger Mann habe ich in Erwartung von Strafen gelebt, trotzig, mir dabei auf die Finger klopfend, aber irgendwo in einem unzugänglichen Winkel davon überzeugt, dass ich für alles, was ich tat oder nicht tat, vor allem letzteres, in nicht allzu ferner Zukunft mit fürchterlichen Schlägen bedacht werden würde. Und wie das Leben so spielt, fand sich immer Personal, das die vertraute Konstellation wieder aufleben ließ. Auch die Schläge blieben nicht aus. Nur die dritte Rolle, die väterliche, blieb unbesetzt, vermutlich, weil er bis an sein Lebensende nicht davon abließ, mir Lektionen in Nichtigkeit zu erteilen, gleichgültig, ob ich sie hören wollte oder nicht. Seine letzten Verbündeten gegen mich waren meine Kinder.

Vieles verschwindet im Leben. Auch Teufel, die sich tief ins Fleisch des Delinquenten eingegraben haben? Ich frage nur. Eigentlich möchte ich gern etwas anderes fragen. Lieber wäre mir allerdings, Sie würden diese Frage stellen und ich könnte sie beantworten. Es liegt in diesen Dingen eine Überhärte, die zum Slapstick tendiert. Das wirft die Frage auf: Wo, in all diesem gelebten Irrsinn, steckt eigentlich die Mutter? Sehen Sie, ich habe mich das auch oft gefragt und keine Antwort gefunden. Als diese Dinge geschahen, war meine Mutter tot, Krebs, gestorben in jungen oder doch annähernd jungen Jahren, denn kriegs- und nachkriegsbedingt war ich später zur Welt gekommen, als sich das damals in ihren Kreisen schickte. Sie verstehen, ich gehöre zu den heute so töricht wie überheblich ›Boomer‹ genannten Jahrgängen. Wenn Sie mich fragen, was mir von meiner Mutter geblieben ist, dann antworte ich: das furchtbare Antlitz eines qualvollen Sterbens und das friedlich zurechtgemachte der aufgebahrten Leiche.«

»Wie? Sie haben keine anderen Erinnerungen an Ihre Mutter als diese beiden? Sind denn alle Erinnerungen an Ihre frühe Kindheit ausradiert?«

»Keineswegs. Obwohl ich zugeben muss: die Datenlage ist schütter. Sie werden sich vielleicht wundern: Der Held meiner frühen Kindheit ist mein Vater. Der gute Vater, um genau zu sein, der später für mich unerreichbar wurde, vielleicht schon gestorben war, aber als Vexierbild durch meine zweite Kindheit purzelte. Wann immer er mich schlug, war es ein wenig, als schlüge ich mich selbst. Meine Mutter kommt in den Szenen, an die ich mich erinnere, nicht vor. Während ich das sage, scheint mir der Satz nicht richtig zu sein. Stellen Sie sich ein Bild vor, auf dem eine der beiden Hauptpersonen, vielleicht die Hauptperson, ausradiert oder, noch besser, ausgekratzt wurde, aber so, dass nicht nur die Kontur erhalten blieb, sondern eine Reihe von Rändern, so dass sie gleichzeitig entfernt und anwesend erscheint.«

»Warum sagen Sie das?«

»Weil es mich beschäftigt. Ich bin mir nicht sicher, ob nicht der Ursprung der Zustände, von denen ich erzählt habe, der auf Dauer gestellten Kopfschmerzen, der unvermeidlichen Migräne-Attacken, der Wetterfühligkeit, der Seefühligkeit, um dieses Wort zu kreieren, all dieser psychophysischen Entgleisungen in diesem ausradierten Bild liegt.«

»Das müssen Sie mir erklären.«

»Muss ich das? Sie gefallen mir. Ich verstehe es ja selbst nicht. Es ist eher eine vage Vermutung, die dadurch erregt wird, dass ich immer wieder auf diesen leeren Fleck in meinem Gedächtnis zurückkomme. Sie können einwenden, das sei doch natürlich, dass einer wissen will, aus welchem Bauch er gekrochen ist. Damit haben Sie sicher recht. Aber es ist noch etwas anderes dabei. Sehen Sie, wer immer meine Mutter persönlich gekannt hatte, schwärmte mir vor, welch ein herzensguter Mensch sie gewesen sei. Lange Zeit habe ich das blind geglaubt, weil es, sagen wir es ruhig, mich stabilisiert hat. Sie war die ruhende Gegeninstanz, wenn draußen Sturm aufzog. Aber jedes Mal, wenn ich genauer hinschaute, musste ich feststellen, dass die winzigen Spuren, die sich von ihr in meinem Gedächtnis fanden, eine negative Ladung trugen. Nichts Spektakuläres, aber doch auffällig genug: eine leise Zurückweisung hier, eine strafende Gebärde dort, vor allem eine durchdringende Passivität, die auffällig mit dem ansteckenden Aktivismus meines Vaters kontrastiert. Sie kommt mir vor wie ein Traumbild, das sich entzieht. Und damit meine ich jetzt nicht die Erinnerung, sondern, ganz konkret, eine Person.«

»Ach –«

»Mein Gedächtnis bewahrt zwei Miniaturszenen auf, in denen ihre verwischte Figur einen Tick deutlicher zu erkennen ist. In der ersten sitzen meine Mutter und meine Schwester beisammen und trinken heiße Schokolade, ein himmlischer Genuss in jenen Tagen, und weisen mich ab, als ich meinen Teil davon haben möchte. Ich weiß nicht, was dabei gesprochen wurde, aber zurückbehalten habe ich den Eindruck einer großen Kränkung. Kindereien, werden Sie sagen, aber was macht sie so wichtig, dass sie – und nur sie – die Schranke der Erinnerungslosigkeit durchbrochen haben? Auch die zweite Szene enthält eine Kinderei: meine Schwester hat mich tödlich beleidigt und mein Vater, bei dem ich mich beschwert habe, lässt mich auf seinen Schultern reiten, um es ihr ›heimzuzahlen‹. Doch meine Mutter verhindert den Spaß, indem sie sich allen Ernstes vor ihre Tochter hinstellt und eine unangenehme Szene daraus macht, so dass mein Vater und ich wie begossene Pudel wieder abziehen. Meine Schwester, müssen Sie wissen, ist etliche Jahre älter als ich, ein Kriegskind, und mich bewegt seit Jahren die Vorstellung, dass sie den heimkehrenden Vater, wie so viele Kinder damals, vor allem Mädchen, nie akzeptiert hat, so wie ich den Verdacht hege, dass die Ehe meiner Eltern ›am Ende‹ war, als ihr ziviler Teil beginnen sollte, weil der Mann, der da durch Glück und Zufall dem großen Morden entronnen war, nur noch entfernte Ähnlichkeit mit dem besaß, den meine Mutter ein paar Jahre zuvor geheiratet hatte. Beweisen kann man so etwas nie, es wird durch Lügen zugedeckt, aber es wäre gut möglich, dass sie auf gepackten Koffern saß, als meine Ankunft die Dinge in eine andere Zukunft verschob. Ein kleines Indiz, das in diese Richtung weisen könnte, kommt von meiner Cousine, die nach der Beerdigung von Nachbarn hörte, meine Mutter sei zu einer gewissen Zeit, womöglich mehrfach, im Fenster unserer Wohnung gestanden und habe sich auf den Hof zu stürzen gedroht. Für einen ausgewogenen Charakter spricht das jedenfalls nicht.«


6

»Dann aber … wissen Sie, dass meine Schwester nach dem Tod unserer Mutter einen unbändigen Hass auf meinen Vater entwickelte? Dass sie ihm geradezu vorwarf, an ihrem Tod schuld zu sein? Was war dann ich? Ein Unfall? Ein Unglücksrabe? Ein Sendbote des Unheils? Meine Schwester ist wie ein Komet in die Welt hinaus gerast und in ihr verschwunden, so dass ich, älter und gewitzter geworden, sie nicht mehr befragen konnte. Zu meinem eigenen Erstaunen habe ich stets eine lebhafte Abneigung gegen die Familie meiner Mutter, ihre Schwestern, Nichten und Neffen empfunden, eine physiologische Abneigung, die zu überwinden mir nie gelang. Das kann etwas bedeuten, muss es natürlich nicht. Andererseits fühle ich mich angesichts des Zustandes, im dem ich mich befinde, nicht in der Lage, vorsichtig auf der Stelle zu treten. In dem Moment, in dem mir der Vorzeichenwechsel gelingen sollte: gute Mutter/böse Mutter, sollte sich von selbst die Reihe komplettieren, die dem Kampf der Dämonen, wie Sie ihn freundlich bezeichnet haben, einen zwar nicht guten, aber doch halbwegs entzifferbaren Sinn unterlegen würde. Wie ich das meine? Das abgelehnte Kind nimmt aus der ersten Kindheit nur den halbierten Glücksfond in die zweite mit und erfährt die Verwandlung des geliebten Vaters in einen Quälgeist, wenn nicht ein Ungeheuer, auf diese Weise vollkommen ungebremst, im freien Fall sozusagen. Erst dadurch kann die Bestrafungsfalle vollständig zuschlagen. Eine Welt voll sinnloser Schikanen, umstellt von fürchterlichen, dabei unverständlichen Drohungen und in Gang gehalten durch eine undurchsichtige, extrem schmerzhafte und vor allem demütigende Strafpraxis, wird zum Trainingsfeld für das Sozialverhalten eines jungen Menschen, der sich die Welt nach diesem Muster erschließt, obwohl er sich für einen Entronnenen hält.

Sehen Sie, ich bin ein Mann der Freiheit. Mein Sensorium verbietet es mir, ruhig zu bleiben, wenn neben mir ein Anschlag auf die Freiheit eines Mitmenschen, und sei es nur eine Beeinträchtigung der minderen Art, verübt wird. Da pocht nicht bloß das Herz etwas lebhafter, sondern der ganze von mir geschilderte Apparat setzt sich umgehend in Bewegung. Eine von Medien austapezierte Lügenwelt, in der unabhängige Wissenschaftler von einer Sekunde zur anderen ausgeknipst werden, weil sie darauf hinweisen, dass die Fakten eine andere Sprache sprechen als die gewünschte, eine solche Welt, in der sich eine möglicherweise naive, möglicherweise nur durchtriebene Person auf die Seite der Lüge schlägt, aus Machtdrang, aus was auch immer, ausgestattet mit der Vollmacht, kulturell gebotene Distanzen zu unterschreiten, um in das Leben der Einzelnen hineinzuregieren und zu ‑pfuschen, eine solche Welt bedeutet für mich die perfekte Wiederauferstehung der Welt meiner zweiten Kindheit. Aber was heißt schon ›für mich‹? In diesem Fall bin ich nur der Sensor, ein unglücklicher überdies, der zur Selbstzerstörung neigt, wo er nur anzeigen sollte.

Die Menschen, sagen Sie, nehmen das anders wahr? Wo sehen Sie Menschen? Sagen Sie mir, wo sehen Sie Menschen? Ängstliche sehe ich, Eingeschüchterte, Indoktrinierte, mit Lügen angefüllte, aggressionsbereite Fanatiker, Leute, die das Offensichtliche leugnen und denen die Dummheit aus den Augen trieft, Parteibonzen, Vorteilsnehmer, Wissenschaftler, die offenbar vergessen haben, dass die Wahrheit einer Aussage mit der Richtigkeit der Prämissen steht und fällt, Mütchenkühler, Denunzianten, Quertreiber, Abhängige, von was auch immer, aber Menschen? Lassen wir das, es ist ein großes Thema und führt uns hier nicht weiter. Es bleibt der Mechanismus der Selbstzerstörung. Und es ist wahr, das Problem, das er aufwirft, muss ich lösen und zwar hier und jetzt. Und wenn ich es mir recht überlege, bin ich, angeregt durch das Gespräch mit Ihnen, gerade auf gutem Wege. Der Schlüssel liegt nicht bei Nummer zwei oder drei, sondern bei Nummer eins. Solange ich der aus meinem Gedächtnis entflohenen toten Mutter goldene Kränze flechte, solange ich sie blind als gute Mutter in mir trage, so lange bleibt mir der Zugang zu dem skizzierten Lebensproblem verschlossen. Das ist so. Ich habe die Dinge lange genug so angesehen und weiß Bescheid. Fasse ich den Mut, der bösen Mutter ins Auge zu sehen, der Mutter, deren Leben ich durch meine Ankunft zerstört habe, dann sieht die Sache anders aus. Eine Person, die so empfindet, sollte nicht Mittel und Wege gefunden haben, mich zu markieren? Mir das Bewusstsein einzuträufeln – kindgerecht, wie denn sonst –, schuld zu sein an ihrer Misere, an der Ausweglosigkeit ihrer Existenz, wenn man den Tod einmal als Ausweg beiseite lässt? Das ist schwer vorstellbar. Und wenn nicht sie, dann meine Schwester, ihre getreue Agentin, denn sie sollte bei alledem nicht aus den Augen gelassen werden.

Wenn ich aber seit meiner frühen Kindheit diese Urschuld, da zu sein, mit mir herumtrage, ein Muttermörder, ein Krebsauslöser, dann war auch bereits der Garten, die erste Hölle, ein Steigerungsphänomen, untergründig gespeist von einem Schuldkomplex, der nur darauf wartete, eine konkrete Gestalt anzunehmen, während ein paar Unterteufel Gelegenheit bekamen, den Vater, diesen Leuchtturm meines bisherigen Daseins, in einen Rächer umzudressieren, scheinbar ein willenloses Werkzeug für ihre sadistischen Impulse, in Wahrheit jedoch mich gnadenlos für meine Schuld am Tod meiner Mutter zur Rechenschaft ziehend, ohne dass dies jemals die Schwelle der Wörter passierte. Nein, das ist jetzt nicht übertrieben, sondern liegt auf der geraden Linie des bisher Gesagten und deshalb muss es auch so gesagt werden. Wenn meine Schwester ihm vorwarf, am Tod unserer Mutter schuld zu sein, dann war es für ihn nur logisch, der wirklichen Ursache der fatalen Lebenswendung, also mir, die Verantwortung für das Geschehene aufzubürden, mag sein, zutiefst unbewusst, aber die Tiefe des Unbewussten ist bekanntlich eine Pfütze. Das ließe auch den lebenslangen Zug erklärlich erscheinen, mich, wann immer sich Gelegenheit bot, in eine Art Null zu verwandeln. Wenn es gelang, mich durch irgendeinen magischen Trick wegzuzaubern, dann löste sich das Schuldpanorama der Vergangenheit in Rauch auf und er hatte seinen Seelenfrieden gefunden.

Wissen Sie, dass mein Vater es passend fand, meinen Geburtstag in seinen Sterbetag umzuwidmen? Woher auch, wir kennen uns ja gar nicht. Er schleppte sich förmlich in die ersten Stunden hinein, bevor er das Zeitliche segnete. Vor dem Segen stand aber etwas anderes, ein geisterhaftes Schattenboxen zwischen ihm und mir, der ich an diesem Tag weit weg weilte, ein Duell über große Distanz, so als wollte er mich voranschicken oder mit sich hinüberschleppen, jedenfalls ein letztes Mal annullieren. Ich verstand die Botschaft – du oder ich. Vielleicht … vielleicht sollte ich ihn da ja auch retten. In der menschlichen Psyche liegen diese Optionen nicht sehr weit auseinander. Längst war der Entzug zwischen uns wechselseitig geworden.«

»Aber das hieße doch, sie wären für ihn eine Art Vehikel seines Lebenswillens geworden.«

»Nennen Sie es Vehikel, nennen Sie es den Esel, der den Karren aus dem Dreck ziehen soll, eines ist klar: Mein Leben steht im Zeichen sich kreuzweise überspannender Linien, deren Knotenpunkte den Tod bedeuten. Nennen Sie mich, angesichts der Tatsache, dass ich lebe, ein Genie der Schuld. Das klänge doch wenigstens einmal positiv im Sinne jenes ›Think positive!‹, das in meiner Jugend von – gefühlt! – Millionen von Buttons grinste. Vielleicht wäre es besser, mich ein Genie im Begleichen von Schuld zu nennen, die nie existierte, aber dann regen sich alle protestantischen Streiter: Schwamm drüber. Also lassen wir die Sache mit dem Genie. Heute kommt es mir vor, als ginge es erneut, rein physisch, ums Überleben. Das ist Leuten, die ihr Seuchenläppchen so behende schwingen wie einst Karajan seinen Taktstock, nur schwer zu vermitteln. Aber wer spricht vom Vermitteln? Ich kann, was ich gerade auszusprechen imstande war, weil es den Abschluss einer logischen Kette bildete, nicht einmal mir selbst vermitteln, meiner Psyche, wenn Sie so wollen, denn dort steht unverrückbar geschrieben: ›Gute Mutter!‹ Die gute Mutter, obzwar nicht auffindbar, hat mich ein Leben lang begleitet. Keinen Schritt habe ich ohne sie getan. Immer habe ich darauf gewartet, dass sie ihren angestammten Platz in meinem Gedächtnis einnimmt, dass sie zurückkehrt aus der Verbannung, die ihr von irgendwelchen finsteren Machthabern auferlegt wurde, und dass dieser Tag ein Tag der Freuden sein würde, der gefundenen Übereinstimmung mit mir selbst. Der Gedanke, meine Mutter könne speziell meinem Gedächtnis entflohen sein, mit mir als Fluchthelfer, so wie sie zuvor dem ihr von mir auferlegten Leben in die tödliche Krankheit entflohen war, sie könne ihr Bild entfernt haben, so wie ihre Tochter sich auf Nimmerwiedersehen aus der Familie entfernt hat, erscheint mir vorerst nicht lebbar. Er ist jetzt in der Welt, was ihm dort blüht, weiß keiner, vor allem, weil Gewissheit ohnehin nicht zu erlangen ist. Aber vielleicht unterschätze ich die Kraft der Interpretationen, die das Leben zuunterst aus der Schublade kramt, sobald es ihrer bedarf.«


7

»Dann wären Sie also – entschuldigen Sie meine direkte Redeweise – diesmal zu einem positiven Abschluss ihrer Überlegungen gekommen? Das freut mich natürlich. Man kann die drei bösen Frauen, auf die Sie sich mit sich selbst geeinigt haben, ohne mit sich einig zu sein, auch ganz anders reihen. Dann stehen Sie in Folge für drei Generationen Mütter, die an den Kindern versagten, weil die Gesellschaft, die allgegenwärtige Gesellschaft, ihnen keine passenden Rollenbilder anbieten konnte. Der Gedanke kam mir bereits, als Sie Ihr ›Regiment der Teufelinnen‹ beschrieben. Was auf der einen Seite teuflisch anmutet, klingt auf der anderen nach simpler Überforderung. Man hätte sie mit ihrer Aufgabe nicht allein lassen dürfen. Am krassesten empfinde ich das, wenn wir den Blick von der privaten Reihe weg auf den öffentlichen Schauplatz lenken und damit auf die dritte Frau. Wurde sie nicht von tausend unsichtbaren Händen mit der Versicherung auf ihren Platz geschoben, ›Du schaffst das!‹, ohne dass je eine ernsthafte Prüfung ihrer Eignung stattgefunden hätte? Eignungsprüfungen für Machtträger, vor allem an der absoluten Spitze des Staates, sind eine knifflige Angelegenheit, die gewöhnlich durch den steinigen Weg dorthin bereinigt wird. In diesem Fall wurde die kinderlose Frau ohne weitere Fragen zur Mutti der Nation gekürt und in den folgenden Jahren erlosch, Zug um Zug sozusagen, die politische Intelligenz des Landes, doch das mag jeder mit seiner persönlichen Wahrnehmung abmachen. In der Politik sind sechzehn Jahre ein Menschenalter. Während dieser Periode ist eine Generation in die Funktionsposten des Staates und seiner Wirtschaft eingezogen, die sich nicht vorstellen kann, von jemand anderem regiert zu werden und mit dieser Vorstellung – entschuldigen Sie – diffuse Angstgefühle verbindet. Das wird nun hoffentlich bald per Wahl überstanden sein, aber so zu denken ist auf der anderen Seite ziemlich naiv. Es wird noch lange nachschwingen.«

»Mag sein, es ist Überforderung. Ja, Sie werden recht haben, es ist Überforderung. Was sonst sollte es sein? Aber dann müssen Sie mir auch den Mechanismus zeigen, der aus Überforderung das Verhängnis wachsen lässt. Jede dieser Frauen war auf ihre Weise ein Verhängnis. Die beiden ersten für den engen Familienrahmen, den zu sprengen ihnen gelang, um es einmal so auszudrücken, vor allem aber für mich, der ich entrinnen durfte, ohne dass es an meinem Schicksal das Geringste änderte, die dritte für ein Land und darüber hinaus für den Kontinent, wenn nicht für die berühmten internationalen Organisationen, aber letztlich doch für die Menschen, denen sie um ihrer Sorge willen die persönliche Freiheit abgeknöpft hat wie ein überflüssiges Outdoor-Kleidungsstück, das nun, da wir alle um den Küchentisch versammelt sind und selbstgebackene Krapfen verzehren, nicht mehr nötig erscheint. Sie mag nicht die einzige sein in diesem sehr ernsten Spiel, aber sie hätte, als Lenkerin eines ganz offensichtlich neben wenigen anderen zum Experimentierfeld internationaler Interessen auserkorenen Landes, dem Ganzen eine andere Richtung geben können, hätte sie es nur einen Augenblick lang gewollt. Sie hat sich wie eine Schauspielerin in ihre Rolle als Dämon zweiter Ordnung gestürzt. Seither war die Frage immer nur: ›Bin ich gut?‹ Und wie immer scholl es ihr aus dem Haus der Zwerge entgegen: ›Ja, du bist gut.‹ Und so ist sie eben gut. Gut für wen? Gut für die zwangskurierten und in Hygienesäcken entsorgten Alten, denen es verwehrt wurde, an einer Grippe zu sterben wie Generationen vor ihnen, die drangsalierten Kinder, deren Spätschäden die nächste Generation von Psychiatern beschäftigen werden, gut für die um ihre Existenzen gebrachten Einzelkämpfer, die, als Gesamtheit betrachtet, das Rückgrat jeder Gesellschaft bilden? Gut für die ausgeschaltete Kultur? Gut jedenfalls für die Milliardengewinnler, die Steuergeld pur auf ihre Konten umschaufeln durften, gut für die Spieler im Hintergrund, die, wie die Formel lautet, vom Umbau der Wirtschaft profitieren, gut für alle, die sich neuerdings vor Aufträgen nicht retten können.«

»Klingt vertraut. Da bleibt noch ein klitzekleines Problem. Wie halten wir es mit den kommenden Spätschäden?«

»Sehen Sie, die Prügel, die ich in meiner Kindheit überreichlich erhalten habe, die waren ja nicht symbolisch, sie prasselten tatsächlich auf meinen Körper nieder und verwandelten ihn in jenes hyperempfindliche, hypererregbare physische Etwas, dem eine suizidale oder sagen wir selbstzerstörerische Tendenz nicht abgesprochen werden kann. Das Füllhorn zweifelhafter Wohltaten, das die jetzige Regierung über die Menschen entleert, derer sie auf irgendeine Weise habhaft wird, erzeugt neben der starken, propagandistisch aufgeblasenen symbolischen Komponente medizinische Effekte, die peu à peu in noch überschaubaren, in naher Zukunft zahllosen Studien zutage treten werden. Auch die Mühlen der Wissenschaft mahlen langsam. In diesen Studien wird, wie in winzigen Brenngläsern, die ganze Verantwortungslosigkeit der gegenwärtigen Politikergeneration und ihrer Zuarbeiter sichtbar werden. Das vorauszusagen bedarf keiner prophetischen Gabe. Es bedarf eines gewissen Mutes, das mag sein, solange der Gegenwind so scharf bläst. Es wird immer Menschen geben, die diesen Mut aufbringen, so wie es immer Menschen geben wird, die sie davon, natürlich nur aus besten Gründen, abzubringen versuchen. Und offensichtlich gibt es Menschen wie mich, deren Wunden bei einer solchen Gelegenheit zu bluten beginnen, ohne dass es dazu besonderer Handlungen bedürfte. Was ist mit ihnen? Was ist mit mir? Ich kann es Ihnen nicht sagen, ich bin Betroffener. Ich würde gern eingreifen, aber wo immer ich hingreife, greife ich mich selbst an und werde bis an die Grenze zur Bewegungslosigkeit dafür bestraft. Der Garten, Sie verstehen… In einer klirrenden Winternacht hat mich mein Vater einmal in den ungeheizten Schuppen gesperrt, um einer Lüge willen, während das Kleeblatt, sich großzügig Lügen-Absolution erteilend, sich an den Abendbrottisch begab … sie haben mich dann dort draußen vergessen, was fällt ihnen sonst schon ein. Die Lüge, verstehen Sie, verträgt keine Bluter.«

8

Ein Marabu, schweigend. Ich wartete auf eine Geste. Es kam aber keine.