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Ich setze mich. Reinald Nohal thront hinter der staubfreien Caisse in der Manier eines Offiziers mit Trapperallüren. Hintern raus, Bauch rein, nie ohne Averna.

Ich blicke auf. Reza bringt mir mein übliches ›Menu‹: doppelter Espresso, doppelter Wodka und Mineralwasser, während Klaus mich von der anderen Seite des Raumes grüßt und Frau Maria mit inquisitorischem Blick unhörbar vorbeischwebt, am Ende der Theke sich langsam umdrehend kurz innehält, und ganz leise sagt: »Basta, basta – das ist ein Befehl!« Auf Wiedersehen, du akzentuierter Heiligenschein aus der Vogelhölle.

Die Malerriege hatte die Rahmenbedingungen vorgegeben. Farbe, mittlerweile professoral geworden, presste laut Gedichte aus, in junge Herzen alte Wunden verschmierend, um jenseits aller Spekulationen den Zustand der Ortlosigkeit als definierte Wirklichkeit zu installieren. Es gibt natürlich entstandene Gruppenbildungen, hierarchisch abgesteckte Felder, Erdmassen gleich in ihren Sprüngen und Rissen. Die Maler waren geblieben, ergänzt durch strategisch gezielte Besuche und begrenzt durch die Anderen. Der sächsische Stiernacken Georg Baselitz erschien nur noch sporadisch, Jörg Immendorff gar nicht mehr und das für immer. Markus Lüpertz, ein schöner Mann im Alter, aufdringlich leuchtet das Rot des Innenfutters im Gehrock, und natürlich Gotthard Graubner, nie ohne das Renoirsche Accessoire, mit seiner Frau Kitty, am Ecktisch zur Straßenseite hin. Zum täglichen Leben und Leiden an diesem Ort gehört die zu akzeptierende Tatsache, dass der Terror vom Tresen auszugehen hat. Er stellt den Bühneneingang her, um sich mitsamt den Handlungsreisenden zum kolossalen Strandleben zu entwickeln. Dieser menschliche Sand, auf dem die Paris Bar ihren schwankenden Hafen ausgemacht hat, verklumpt zur Knetmasse im Nummerntakt der Anekdoten: bei den Filmfestspielen betrat einmal Madonna den Laden und setzte sich, ohne zu fragen, an den letzten freien, aber reservierten Tisch. Michel, der ihre Starattitude formvollendet ignorierte, trat mit den Worten an sie heran: »Madame, entschuldigen Sie, aber dieser Tisch ist für die Jury-Präsidentin Gina Lollobrigida reserviert!« Ohne ihn anzusehen antwortete Madonna prompt: »Who the fuck is Lollobrigida?« und blieb sitzen. Helmut Berger, der schönste König Ludwig unter der formenden Hand Viscontis, beschimpfte sturzbetrunken seine anwesenden Hollywood-Kollegen als »Holocaust-Profiteure«, um von ihnen später kategorisch zu verlangen, ihn in ihrer Limousine ins Hotel zu chauffieren, während Michel für Aufsehen sorgte, als er mit Charlotte Rampling auf der engen Toilette verschwand. Als Rainer Werner Fassbinder seinen »Querelle« nach Jean Genet in Berlin-Spandau drehte, kam er mit Jeanne Moreau nach den Dreharbeiten und auch dazwischen in die Paris Bar. Dann saß er kettenrauchend da und ertrank in Kaffee. Einmal fiel die Espressomaschine aus und Michel musste mit Thermosflaschen zum ›Bahnhof-Zoo‹ eilen, um für Nachschub zu sorgen. Der Erregungsgrad durfte nicht abnehmen, der Hysteriepegel nicht beschädigt werden. Unvergessen, der mit dem Rücken zum Lokal Fisch kauende Jack Nicholson und Robert de Niros Abgang: »I’ll copy you in New York.«

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