Ulrich Schödlbauer

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Das Böse

Befragt, was mich unterscheide
von den Eiferern wider die Moderne,
mit dem Bannstrahl der Theorie
schneidend durch alle Verhältnisse,
in denen der Mensch … nun ja, sich verhält,
dürfte ich antworten: das Böse.

Sie versichern: Das Böse ist in der Welt.
Es ist mitten unter uns. Wer’s nicht erkennt,
der hat nicht gelebt oder ist selbst ein Teil
dieses verzweigten Systems. Das Böse,
beteuern sie, kam in die Welt, als der Mensch
schon stutze ich, mein Blick irrt, vielleicht

irrt der Mensch, vor mir stehend in
der Pracht seiner Gedanken, eingeschirrt,
mit den Hufen scharrend, als ginge es nun des Wegs
hinauf ins Gebirg oder ins karge Dahinter.
Gewiss, sie lieben das Abseits. Alles in allem
kein schlechter Zug. Weniger lieben sie den,

der aus dem Abseits kommt. Er sagt ihnen nichts.
Sie sind das Rad im Getriebe, das sich quergestellt hat.
Das Getriebe zum Kreischen bringen: darin besteht ihre Aufgabe.
Sprechend sind sie Zermalmte. Mein Mitgefühl
geht mit ihnen und meine Gedanken
gehen anders.

 


Schuld

Gut machen sich Gedichte
über die Schuld. Nicht dass
es Schuldige gibt, taugt zum Exempel. Für sie
gibt es Gerichte. Doch was im Raum steht, das Schuldsein
aller, das mich, den Prediger, einschließt,
das macht
unangreifbar.

Ich
schließe mich ein.
Ich
schließe dich ein.
Ich
schließe uns sein.
Ich
schließe euch ein.
Ich
schließe sie ein.

Soviel Einschluss
will erst verdaut sein.

Der Schuldige blickt auf den Nichtschuldigen und spricht sein:
Schuldig!
Der Nichtschuldige blickt auf den Schuldigen und spricht sein:
Schuldig!

Warum sollte, die doch in der Welt ist, die Schuld
den ausnehmen, der keine auf sich lud?
Geh dem nach. Forsche, und du wirst finden:
was immer du fandest, es war
vor dir da. So wie jemand sagt:
›Da war doch etwas, dem muss ich nachgehen.‹
Und du gehst ihm nach. Diese Schuld ist größer als du.
Deine Gedanken reichen nicht hin, sie zu erfassen.
Deine Hände reichen nicht hin, diesen Abgrund an Mist
auszuräumen. Allein die Sprache… Die Sprache aller,
bequem, leichtgängig, orthodox:
in ihr ist
alles denkbar und alles
wirkt wie bedacht.


Verwaister Sommer

1

Zu viele Gedanken.
Kein Gedicht, sie
zu erfassen.

2

Was niemals war, ward wahr.
Aussuchen darfst du noch (na klar),
wohin du fällst – denn fallen wirst du bald –:
Nimm diesen Schalter. Der dort ist tot.

Da dir verklickert ist, woran du bist,
kannst du die Klage führen
als hättest du allein das letzte Wort
und wüsstest schon, wohin sie dich verbringen.

Ein Klick zuviel … zieh dir den Lappen
quer durchs Gesicht (Du sollst dich selbst verpesten,
so sprach die Herrin, denn du bist die Pest),
und sprich die vorgewärmten Worte nach.

3

Was nie
begann, das
war dann wohl nichts?

4

Da war ein Sommer, zu dem keiner kam.
Am reich gedeckten Tisch der Natur
schob sich die Angst die letzten Krümel rein
und faselte vom nahen Untergang
und wünschte sich Kasteiung bis ins letzte…
Glied, alles andre schien ihr Hekuba.

5

Das Gedicht im Halse
ersetzt nicht die Serviette.
Dichter
lebt es sich stumm.

 

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