Das Orgiastische dieser volkstümlich religiösen Feste, welche die Ordnung bedrohen, indem sie Gesetze bewusst verletzen, muss jeder Orthodoxie ein Dorn im Auge sein, so wie noch jede aus den Fugen geratene mittelalterliche Kirmes bei dem gebildeten Klerus und den Theologen Abscheu erregte. Und mit welchem süditalienischen Heiligenfest kann sich der Vatikan wirklich abfinden? Aber die neuen Eiferer, Fundamentalisten und Integristen erregen sich noch weit mehr über diesen Abgrund an Sünde und Schande, über den primitiven Aberglauben, der mit Musik, Tanz und fragwürdigen Ritualen den Islam der zerknirschten Mienen und gesenkten Köpfe unterhöhlt. Abschaffen wollen sie das alles, verbieten, da unislamisch, wahrscheinlich von fremden, heidnischen Einflüssen gespeist. Und wahrhaftig, manche der ›heiligen‹ Taten, die dem Manne Rifa’i heute zugeschrieben und von seinen Anhängern nachvollzogen werden, sollen erst nach dem Einfall der Mongolen in die Region bekannt geworden sein. Dazu gehören das Durchbohren des Bauchfleisches, von Schultern und Wangen mit Spießen, das Durchschreiten glühender Kohle, früher das Reiten im ekstatischen Zustand auf Raubtieren und dergleichen mehr. Dagegen soll der wirkliche Begründer des Rifa’iya-Ordens, eben jener Ahmad bin ’Ali Abu l-’Abbas ar-Rifa’i, ein eher bescheidener Mann gewesen sein und unter den heiligmäßigen Koryphäen der Zeit noch nicht einmal eine besondere Stellung eingenommen haben. Die weite Verbreitung des Ordens erfolgte offenbar im Schlepptau anderer populärer mystischer Bewegungen und möglicherweise unter dem Eindruck, den die »Heulenden Derwische« auf die wundergläubige Bevölkerung gemacht hatten. Ob aber mongolische Schamanen das Ihre zu den Exaltationen beigetragen haben, oder ob den Mongolen das alles bloß in die Schuhe geschoben wird, da sie in der Geschichte des arabischen und persischen Orients überhaupt für alles Wilde, Ungehobelte und Unzivilisierte zuständig sind, ist weniger bedeutsam als die Tatsache, dass sich der ungestüme Volksglaube mit seinen dunkeln und anrüchigen Festen gegen alle theologischen Beschneidungsversuche als immun erwies.

Gennaro Ghirardelli
Gennaro Ghirardelli

Übersetzer und freier Publizist

 

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