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Afrikanische Literatur gibt es nicht. Was meine ich, wenn ich das sage? Oder – was meine ich nicht? Ich meine damit nicht die schriftlich oder mündlich überlieferten Texte von Geschichtenerzählern auf oder von diesem Kontinent, sondern die Kategorie als solche. Afrikanische Literatur ist ein leerer, nichtssagender Terminus, genauso wie asiatische Literatur, europäische Literatur, lateinamerikanische Literatur, südamerikanische Literatur, nordamerikanische Literatur und so weiter. Meine Grundthese ist, dass die Gepflogenheit, Literatur nach den Kontinenten einzuteilen, von denen die Autoren stammen, ihre Glanzzeit hinter sich hat - milde ausgedrückt. Dass wir so hartnäckig darauf beharren, diese Kategorisierung beizubehalten, vor allem wenn es um den afrikanischen Kontinent geht, ist ein Verrat an der Komplexität der afrikanischen Kulturen und an der Kreativität afrikanischer Autoren. Wenn Literatur, wie ihre vornehmsten Vertreter sagen, universell ist, dann verdient sie es, nach Kriterien eingeteilt zu werden, die nicht auf Rassenunterschieden basieren, sondern die Funktionsweise des menschlichen Herzens widerspiegeln, das keiner Rasse zugehört.

Natürlich bin ich nicht die Erste, die eine nichtnationale, humanistische Herangehensweise an die Literatur vertritt. Goethe schrieb 1827 von einer »allgemeinen Weltpoesie« und etwas später: »Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muss jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen.« (Gespräche mit Eckermann, 31. Januar 1831). 2001 verfasste Edward Said, immer noch zu dieser »Beschleunigung« entschlossen, einen Text mit der Überschrift Globalizing Literary Study (Globalisierung der Literaturwissenschaft). Dabei räumt er ein: »Der traditionelle Rahmen, innerhalb dessen wir uns mit Literatur beschäftigen, hat etwas, was ganz grundsätzlich nicht funktioniert oder sich zumindest drastisch verändert hat. Die Idee, dass ein Gedicht von Wordsworth als ein Produkt der englischen Literatur des späten 18. Jahrhunderts oder als das Werk eines einmaligen Genies betrachtet werden soll, ist heute ausgesprochen unbefriedigend und unzureichend.« Und Charles Simic, der beim allerersten ilb gesprochen hat, definierte, ebenfalls 2001, Literatur als »die Verteidigung des Individuums gegen sämtliche Verallgemeinerungen, die die Wirklichkeit in ein einziges konzeptuelles System pressen wollen«. Diese drei Männer verweisen, Jahrhunderte voneinander entfernt, auf die Universalität der Dichtung, das Eingebettet-Sein der Kunst und darauf, dass alle Literatur – egal ob englisch, äthiopisch, europäisch, afrikanisch – die geopolitischen und persönlichen Grenzen sprengt, in die wir sie so gern einordnen möchten.

Wenn wir – wie Goethe, Said und Simic –, darin übereinstimmen, dass Literatur universell ist, also »die Verteidigung des Individuums gegen sämtliche Verallgemeinerungen«, dann sollten wir uns fragen, warum wir sie unbedingt in nationale Kategorien sperren müssen. Warum bezeichnen wir das Gedicht von Wordsworth als englisches Gedicht und einen Roman von Achebe als nigerianischen Roman oder, noch schlimmer, als afrikanischen? Woher stammt dieser Impuls? In seinem Artikel Ethnic Categorizations in Literature (Ethnische Kategorisierungen in der Literatur) erklärt uns der Literaturwissenschaftler Alec Hargreaves, dass diese Methode aus dem 19. Jahrhundert stammt, als die Literatur dafür eingesetzt wurde, den Nationalstaat zu vergegenständlichen. Er schreibt:

Die zentralen institutionellen Einteilungen der modernen Literaturwissenschaft wurden im 19. Jahrhundert festgeschrieben, in diesem Jahrhundert, das gekennzeichnet war von der wachsenden Welle des Nationalismus innerhalb von Europa und durch die kolonialistische Ausbreitung in Übersee … Genauso wie die Historiker aus dem Vergangenen teleologische Zusammenhänge konstruierten, die »natürlicherweise« zu den Nationalstaaten führten, in denen sie nun lebten, nahmen auch die Literaturwissenschaftler es als selbstverständlich hin, dass die nationalen Grenzen auch die literarischen Räume bestimmten. In ihrer Darstellung der Geschichte der französischen, deutschen oder englischen Literatur bestätigten die Literaturwissenschaftler dementsprechend die scheinbare Naturgegebenheit ebendieser Grenzen … Die Tatsache, dass die nationalen und die sprachlichen Demarkationslinien nicht immer vollständig übereinstimmten, wurde meistens gar nicht beachtet, zweifellos auch deswegen, weil man davon ausging, dass die Grundlogik der Nationalstaaten, von denen die Landkarte Europas schon bald dominiert sein sollte, letzten Endes auch zu säuberlich isomorphen kulturellen und politischen Grenzen führen würde.

Ja, dann wäre wirklich alles ganz einfach geworden. Wie wir wissen, führte die Nationalstaaten-Logik des 19. Jahrhunderts aber keineswegs zu einer säuberlichen Ordnung – weder in Afrika, wo jeder einzelne Staat jünger ist als mein Vater, noch in Europa, wo die Sprache das Chaos überdeckt. Man braucht nur zu fragen, was unter »französischer Kunst« zu verstehen ist, und schon kann man sehen, wie Nationen geschaffen werden. Hierzu wieder Hargreaves:

Frankreich integriert seit Langem in seine Nationalliteratur die Werke von Schriftstellern, die in anderen Teilen Europas geboren wurden: Samuel Beckett, Eugène Ionesco und Andreï Makine gelten alle drei als französische Autoren, obwohl sie in Irland beziehungsweise in Rumänien und Russland geboren wurden. Im Gegensatz dazu werden Schriftsteller, die in ehemaligen französischen Kolonien geboren wurden und nach Frankreich gekommen sind, im Allgemeinen eher als »frankophon« bezeichnet und nicht als französisch, selbst wenn sie, wie Léopold Senghor und Tahar Ben Jelloun, die französische Staatsbürgerschaft annehmen. Émile Zola war der Sohn eines italienischen Immigranten, wird aber immer als französischer Schriftsteller bezeichnet, wohingegen Azouz Begag und Ahmed Kalouaz, geboren in Frankreich als Kinder algerischer Immigranten, nur ganz selten einfach als »französisch« tituliert werden. Unter der linguistischen Oberfläche des Etiketts »frankophon« spielt in der Kategorisierung von Schriftstellern auch weiterhin das politische Erbe des Kolonialismus eine entscheidende Rolle.

Und genau da liegt das Problem.

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