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Binyavanga Wainaina trifft in seinen Essay How to Write About Africa (Wie soll man über Afrika schreiben?) wirklich den Nagel auf den Kopf. Neben vielen anderen klugen Dingen sagt er: »Behandeln Sie Afrika in Ihrem Text so, als wäre es ein einziges Land. Es ist heiß und staubig dort, mit weitem Grasland und riesigen Tierherden und groß gewachsenen, dünnen Menschen, die Hunger leiden. Oder es ist heiß und schwül, mit sehr kleinen Menschen, die Primaten verspeisen. Quälen Sie sich nicht mit präzisen Beschreibungen: 900 Millionen Menschen, die alle viel zu sehr damit beschäftigt sind, zu hungern und zu sterben und zu kämpfen und zu emigrieren, um Ihr Buch zu lesen. Der Kontinent ist voller Wüsten, Dschungel, Hochland, Savannen und unzähligen anderen Dingen, aber das interessiert Ihre Leser nicht, deshalb sollten Sie Ihre Beschreibungen lieber romantisch, stimmungsvoll und unspezifisch halten.« Im Grund sagt Binyavanga uns nicht, wie wir über Afrika schreiben sollen, sondern wie wir es erfinden sollen. Dieses eine Afrika, das wir mit dem Begriff »afrikanische Literatur« meinen, gibt es nicht: Man muss es sich ausdenken und darauf beharren, so wie das Frankreich von Beckett und Zola. Wenn wir auch nur ansatzweise versuchen, uns mit den besonderen Eigenschaften dieser 55 afrikanischen Länder zu befassen und zu berücksichtigen, dass die Unterschiede zwischen Angola und Senegal genauso gewichtig sind wie die Unterschiede zwischen Österreich und Spanien, dann würde uns schnell klar, dass das Etikett »afrikanische Schriftsteller« wirklich genauso leer und nichtssagend ist wie »europäische Autoren«. Aber das tun wir nicht. Wir bestehen darauf, dass durch das Adjektiv »afrikanisch« ein klar umrissener Raum erfasst wird, eine monochromatische Entität, die nur in unserer Vorstellungswelt existiert.

Das ist das Gebilde, die Entität, die Binyavanga beschreibt und die wir erschaffen, wenn wir uns weigern, das Land anzugeben – oder wenigstens die Region –, mit der sich ein Text befasst. Das ist der Grund, weshalb meine zweifellos wohlmeinenden Gastgeber in Hamburg vergangenen April für meine Rede einen Raum mit dem Thema »Safari« auswählten, im Tierpark Hagenbeck. Ich begann damit, dass ich auf das wunderschöne ostafrikanische Kunsthandwerk hinwies und dann hinzufügte, dass es diese Art von Kunst in Westafrika nicht gibt, genauso wenig wie es in Ghana, wo mein Roman spielt, Safaris gibt. Und ebendies ist auch der Grund, weshalb mein großartiger deutscher Verleger, der S. Fischer Verlag, Abstand davon genommen hat, den englischen Titel meines Romans, Ghana Must Go, beizubehalten, weil die Lektoren nämlich befürchteten, wenn das deutsche Publikum das Wort »Ghana« sieht, dann denken alle gleich, dass es in dem Roman um »Afrika« geht. Nicht um einen Kontinent, auch nicht um ein Land oder um die Menschen, die dort leben, sondern um das imaginäre Afrika, das einzige Afrika, aus dem afrikanische Geschichten kommen. Dieser Roman ist die Geschichte einer Familie, haben sie zu mir gesagt, nicht über Armut oder Hunger oder Krieg. Ich liebe den deutschen Titel meines Buches, Diese Dinge geschehen nicht einfach so, aber die Gründe, weshalb wir ihn gewählt haben, passen mir gar nicht. Am Schluss von Teil 1 von Ghana Must Go entschließt sich Kweku Sai, der seit ungefähr 100 Seiten dabei ist zu sterben, nun endlich tatsächlich zu sterben. Und im letzten Augenblick seines Lebens überlegt er, was er eigentlich gesucht hat, als er von Ghana weggegangen ist, um in Amerika zu leben und ein Immigrant zu werden:

»Frei« zu sein – für alle, die schwülstige Streichermusik wollen: »menschlich« zu sein – mehr als nur »Staatsbürger«, mehr als nur »arm«. Letztlich war das alles, wonach er strebte: eine menschliche Geschichte. Die Möglichkeit, Kweku zu sein, jenseits von Armut. Er wollte irgendwie seine eigene kleine Geschichte aus den größeren Geschichten herauslösen, den Geschichten von Vaterland, Armut und Krieg, die sämtliche Geschichten der Menschen in seiner Umgebung verschlungen hatten, um diese Menschen dann als gesichtslose, namenlose Dorfbewohner wieder auszuspucken, als mickrige Rädchen im Getriebe. Die Möglichkeit, sich zu lösen und zu fliehen, auf dem winzigen Boot, der S. S. Sai, vor sich als Ziel die enorme Weite – und die Kleinheit – eines Lebens ohne Not. Die minimalen Triumphe und Niederlagen des Ichs (Beruf, Familie) und nicht die des Staates (zermürbende Arbeit, Bürgerkrieg) – ja, das hätte vollkommen genügt, denkt Kweku. (Diese Dinge geschehen nicht einfach so, S. 118)

Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Das Ziel, dem der afrikanische Schriftsteller folgt – sagen wir, ein Schriftsteller mit Verwandten in Afrika –, ist im Grunde das gleiche wie Kwekus Ziel: als Künstler gesehen zu werden, nicht als Staatsbürger.

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