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Warum ist es wichtig, wo ein Autor herkommt? Ändert seine Herkunft die Art, wie er schreibt? Ich meine nicht die materiellen Bedingungen, unter denen er arbeitet. Klar, ich tippe schneller in Accra und in Delhi, weil ich die ganze Zeit Angst habe, dass gleich der Strom ausfällt. Ich spreche von den magischen Bedingungen, unter denen ein Schriftsteller empfängt, und von der fundamentalen menschlichen Bedingung, der Conditio humana, die dadurch beleuchtet wird, dass er dies tut. Um Literatur zu schreiben, muss man sich selbst – das eigene Bewusstsein, die eigenen Erfahrungen, die eigenen Vorurteile, die eigenen Zweifel und Ängste – auslöschen, so weit, wie man nur kann. Um starke Literatur zu schreiben, verschwindet man vollständig. Alle Schriftsteller kennen diesen Moment. In der einen Minute bist du noch da und hämmerst auf die Tastatur ein, und in der nächsten Minute kommst du zurück von irgendwo; Sekunden, Minuten, Stunden sind vergangen, und du hast es nicht gemerkt. Der einzige Beweis dafür, dass Zeit vergangen ist, sind die Wörter, die du getippt hast, und die Uhr. Du liest das Geschriebene in dem klaren Bewusstsein, dass es von irgendwo jenseits von dir selbst herkommt. Das sind die Augenblicke, für die wir leben, als Schriftsteller, diese Pforten ins Reich der Wahrheit und aus uns heraus. Dieser magische Vorgang ist es, der es einer 33-jährigen Frau ermöglicht, einen Roman über einen sterbenden 57-jährigen Mann zu schreiben. Ich war noch nie ein Vater. Ich habe noch nie die Elternrolle übernommen. Ich war noch nie ein Mann. Ich war noch nie tot. Welcher Wahnsinn ermöglicht es mir – spornt mich an –, mit der Stimme von Kweku Sai zu schreiben? Wir nennen diesen Wahnsinn »Kunst«, und diejenigen, die ihm verfallen, nennen wir »Künstler«. Und ebendieser Wahnsinn ermöglicht es einer Schriftstellerin wie Anne Enright, einen Geist wie Liam zu erschaffen, ermöglicht es einem Mann wie Roberto Calasso, eine Frau wie Harmonia zu erschaffen, einem Menschen wie Yann Martel, einen Tiger wie Richard Parker zu erschaffen. Es ist dieser Wahnsinn, der es einem Menschen ermöglicht, zu den Wahrheiten aller Menschen Zugang zu finden und über die Liebe, den Verlust, die Sehnsucht, die Angst und Dummheit zu schreiben, die Erfahrungen, die unser Mensch-Sein ausmachen. Die Behauptung, dass dieser Wahnsinn uns anders trifft, je nachdem, wo auf der Welt wir geboren wurden – oder, bei Immigranten, wo auf der Welt die Großeltern geboren wurden –, ist vollkommen absurd. Dieser Wahnsinn kennt keine nationalen Grenzen. In meinem Ghanaisch-Sein – oder sagen wir, in Kiran Desais Indisch-Sein (oder ist es ihr Amerikanisch-Sein?) oder in Priya Basils Britisch-Sein (oder ist es ihr Kenianisch-Sein?) – ist nichts, was diesen Wahnsinn abschwächt.

Fragen Sie die Betroffenen. Fragen Sie irgendeinen Schriftsteller, wie seine Nationalität sein Schreiben beeinflusst – nicht das Endprodukt, sondern den eigentlichen Prozess des Schreibens selbst –, und ich würde die Vermutung wagen, dass Sie eine Antwort bekommen, die ganz ähnlich ausfällt wie die von Ben Okri. 2012 waren wir im Januar bei dem fantastischen Literaturfestival in Jaipur. Wir saßen mit Teju auf dem Podium, bei einer Diskussion über »Afropolitische Schriftsteller«. Ich fürchte, es ist meine Schuld, dass dieses Diskussionsforum zustande kam. 2005 habe ich einen Artikel über die afropolitische Identität geschrieben. Natürlich habe ich dabei über die persönliche Identität geschrieben, über die Problematik, mit der sich eine bestimmte demografische Gruppe von Afrikanern auseinandersetzen muss, sowohl innerhalb als auch außerhalb von Afrika, sobald es um die Definition ihrer Identität geht. Wenn ich zum Beispiel sage: »Ich bin Britin«, weil ich in London auf die Welt gekommen bin, werden mir Fragen wegen meines Akzents gestellt. Wenn ich sage: »Ich bin Amerikanerin«, weil ich einen amerikanischen Pass besitze, werden mir Fragen wegen meiner Umgangsformen gestellt. Wenn ich sage: »Ich bin Ghanaerin«, weil mein Vater aus Ghana kommt, werden mir Fragen wegen meiner Erziehung gestellt. Wie lang war ich je in Ghana? Habe ich irgendwann wirklich dort gelebt? Und wenn ich sage: »Ich bin Nigerianerin«, weil meine Mutter aus Nigeria kommt, dann werde ich wegen meines Yoruba aufgezogen. Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass ich in irgendeinem Vorraum stehe, mit vier Türen – britisch, amerikanisch, ghanaisch, nigerianisch –, und dass alle vier Zimmer für mich verschlossen sind. 2005 kam mir dann irgendwann der Gedanke, dass es doch noch andere Menschen geben muss, die mit mir in diesem Vorraum stehen, an dieser Kreuzung. Ich nannte diese Weggefährten »Afropolitans«, weil ich über Afrika schreiben sollte, doch ich habe sehr schnell entdeckt, dass es unsere hybride Existenzform überall auf der Welt gibt. Bei dem Festival in Jaipur stellte ich ganz gerührt fest, dass viele Inder im Publikum fanden, mein Essay beziehe sich auch auf ihre eigene Erfahrung. »Indopolitans« nannte ich sie scherzhaft. Da waren wir nun also in Indien – Ben Okri, Teju Cole und ich, afropolitische Schriftsteller mit einem indopolitischen Publikum –, und jemand fragte Ben: Betrachten Sie sich als afrikanischen Schriftsteller? Seine Antwort werde ich nie vergessen: »Es gibt nur zwei Arten von Schriftstellern: gute Schriftsteller und schlechte Schriftsteller.«

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