Renate Solbach: Sarkophag

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Begrenzung des totalitären chinesischen Ökonomismus

Der Historiker Peter Frankopan zeigt die historische Dimension der neuen chinesischen Herausforderung auf. (Peter Frankopan, Die neuen Seidenstraßen. Gegenwart und Zukunft unserer Welt, Berlin 2019) Einst hätten alle Wege nach Rom geführt. Heute führten sie nach Peking. Die neuen Seidenstraßen seien das größte Infrastrukturprojekt aller Zeiten, welches die alten Verbindungen zwischen Ost und West wiederbeleben würde. Die wirklich relevanten Entscheidungen würden nicht mehr in London, Berlin oder Rom getroffen, sondern in Peking und Moskau, Teheran und Riad, Delhi und Islamabad.

Es entstehe ein asiatisches Jahrhundert, in dem sich das globale Bruttoinlandsprodukt von den Volkswirtschaften des Westens hin zu denen des Ostens verschiebt. Fast 70 Prozent der weltweiten Erdölreserven und 60 Prozent der Erdgasvorkommen liegen im Mittleren Osten, in Russland und Zentralasien. Auf Russland und China entfallen Dreiviertel der globalen Förderung von Elementen wie Silizium, auf denen die digitale Welt basiert.

China verweigert die Anerkennung einer Universalität der Demokratie und ist insofern auch politisch zu einem Konkurrenten des Westens geworden. Der globale Süden soll auf das chinesische Imperium ausgerichtet werden. Konfuzianische Werte wie Hierarchie, Gehorsam und Pflicht stehen dem heutigen westlichen Freiheitsverständnis entgegen. (Theo Sommer, China First. Die Welt auf dem Weg ins chinesische Jahrhundert, München 2019. – Nicolas Hardy, The State strikes back. The End of Economic Reform in China? Peterson Institute of International Economics, 2019)

Die Seidenstraßen verlaufen nicht nur durch Zentralasien, sondern quer durch Asien, Afrika, Europa und Lateinamerika. China plant kein Kolonialreich nach alteuropäischem Stil, eher neue Netzwerke der Macht, die auf wirtschaftlichen Verbindungen gründen. Peking will eine Welt schaffen, die von China und den USA zumindest als gleich starken Mächten geführt wird.

Gemäß der Thukydides-Falle besteht eine Wahrscheinlichkeit eines Krieges zwischen einer aufstrebenden und einer absteigenden Macht – wie schon zwischen Athen und Sparta im 4. Jahrhundert vor Christus. Dieser Falle entgehen wir am besten, indem der Westen sich nicht wie eine absteigende Macht verhält. Die Isolierung Chinas könnte seine mögliche Destabilisierung bedeuten. Zu all diesen Fällen gibt es nur die Alternative des Aufbaus einer neuen Gegenseitigkeit zwischen dem Westen und China.

Im Kalten Krieg gelang es einem einigen Westen, die totalitäre Sowjetmacht in die Schranken zu weisen. Dafür war eine Mischung aus militärischer Eindämmung, politischer Koexistenz und gesteuerter wirtschaftlicher Kooperation ausschlaggebend. Im Verhältnis zu China sind die Gewichte anders zu verteilen. Entscheidend aber wäre eine gemeinsame Haltung des Westens bei gleichzeitiger Ausdifferenzierung seiner Funktionssysteme.

In der wissensbasierten Weltwirtschaft muss selbst der Austausch von Wissen differenziert werden. Sowohl der chinesische Zugang zu militärisch relevanten Technologien als auch der chinesische Zugriff auf unsere Daten sind ein Politikum und dürfen daher nicht mehr allein nach ökonomischen Kriterien beurteilt werden.

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