Ulrich Schödlbauer

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3.

Wenn er dir steht, so hast du’s weit gebracht. – Seine Moral ist die seiner Zeit, und dieser Gemeinplatz hört auf, einer zu sein, sobald man sich klarmacht, dass es tatsächlich eine Moral der Gemeinplätze ist, in der er sich sanft und sicher bewegt, eine Moral, wie sie die Spatzen von den Dächern schreien – und er hat ein waches Ohr für derlei Geschrei –, eine Moral, in der es Tölpel und Intriganten, Narren und Weise, Verführer und Verführte, Aristokraten und Gauner gibt, auch Weltflucht, gewiss, doch nicht jenes einwärts gekehrte Sich-in-sich-selbst-Fühlen des isolierten Gemüts, das jeden Augenblick ein moralisches Universum postuliert, weil ihm das natürliche abhanden gekommen ist – eine Moral ohne Moralität, dieses Markenzeichen des bürgerlichen Zeitalters. Die moralische Defizienz des Wirklichen ist kein Gedanke, der Casanova beunruhigt, er kennt ihn nicht und wüsste mit ihm nichts zu beginnen. Seine Beutezüge gelten dem Status quo, der noch zu seinen Lebzeiten zum Status quo ante wird: In ihm sammelt sich die Weltkenntnis des Ancien régime, um in einer nutzlosen, doch lustvoll überlieferten Anstrengung zu verpuffen. Über die Französische Revolution spricht er nie anders als über ein verdammenswertes Verbrechen, sie liquidiert seine Moral. Gleichwohl gehört er zu den Gestalten, welche die Irritationen einer neuen Epoche in die alte Gesellschaft hineintragen. Der Kavalier, der Spieler, der Homme de Lettres sind Vermummungen des Erfolgsmenschen Casanova, der seine Erfolge der Spezialisierung verdankt, einer Tugend im Werden. Wenn, nach dem Urteil eines späten Liebhabers alteuropäischer Adelsethik, es den Aristokraten vom Bürger unterscheidet, dass man fragt, was er ist, und nicht, was er kann, so trifft das den Nichtbürger Casanova, der zu sein prätendiert; was er kann, steht außer Frage, gerichtsnotorisch sind die Zweifel an seiner schillernden Existenz. Zum Dubiosen, das ihn umgibt, gehört der alchimistische Hokuspokus, der seine Opfer einlullt und ihm die Taschen füllt – hier plündert er Restbestände eines älteren Wissens, eines älteren Wissenschaftstypus. Vorausdeutend sind seine medizinischen Kenntnisse und der fulminante Gebrauch, den er von ihnen macht: »Ich fühlte mich immer für das andere Geschlecht geboren, daher habe ich es immer geliebt und mich von ihm lieben lassen, so viel ich nur konnte.« Der Satz enthält das naive Selbstporträt dessen, der mit seiner Begabung ernst gemacht hat. Das Studium des Körpers geht dem Studium der Körper voraus. Der Spezialist erkundet seinen Gegenstand und prüft seine Instrumente.

 

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