Ulrich Schödlbauer

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4.

Gern biss’ ich hinein, doch ich schaudre davor. – Das ländliche Milieu, Grafen und Gräfinnen, hält die Topoi des Liebesspiels schon bereit: Eine Pächtersfrau, neuvermählt und, wenn man’s glaubt, auffallend durch ihren Mangel an sozialer Intelligenz, über die Casanova nichts geht, erregt die Neugier des Siebzehnjährigen; ein sachkundiges Publikum applaudiert und ermuntert, nur die Schöne versagt sich; gleich schwillt der Kamm, wird der Verfolger zum Verfolgten. Die Heimfahrt von einer Lustpartie, aufziehendes Gewitter, weibliche Hysterie und entschlossenes Zugreifen, flüchtig als Galanterie getarnt, entscheiden das Spiel zu seinen Gunsten. Es ist sein Gesellenstück. Später wird die Sache leichter, doch auch gefährlicher: von einem Casanova verlangt man, dass er Erwartungen erfüllt, und er wäre der letzte, sich zu verweigern. – Ein groteskes Bild: die zwischen Blitzen dahinrasselnde Kutsche, peitschenschwingend der Kutscher und über die vor Entsetzen und aus anderen Gründen erstarrte Dame sich krümmend der Held, mit einer Hand den von Wind und Regen gebeutelten Mantel mehr allegorisch als tatsächlich über die Szene breitend, eine Szene an der Grenze zur Vergewaltigung, eine soziale Vergewaltigung, immerhin, und nach Fahrtende das Trinkgeld für den Kutscher. Es ist eines der Bilder, in denen sich die Zeit bespiegelt, und wie sie, gestochen von der Hand sachkundiger Meister, in den Kabinetten adliger Sammler zu vorgerückter Stunde, kennerhaft zwischen Daumen und Zeigefinger gedreht und gewendet, aufmerksame Blicke und anekdotenreiche Kommentare auf sich zogen. Eine Szene, vergleichbar der berühmteren, die den Abenteurer anlässlich der Hinrichtung des Königsattentäters Damiens am 8. März 1757 in Paris in der Rolle des Zuschauers zeigt. Casanova hat, dem Brauch folgend, Fensterplätze gemietet. Während drunten auf dem Marktplatz das Opfer königlicher Rachejustiz von glühenden Zangen zerrissen wird, hebt der Begleiter des Chronisten der leicht erhöht vor ihm stehenden, mit verschränkten Armen auf die Fensterbank gestützt unverwandt dem Spektakel beiwohnenden Dame die Röcke zu einem langwierigen Akt ohne Worte, dessen Höhepunkte der amüsierte Tatzeuge akribisch verzeichnet: »Ich bewunderte seinen derben Appetit und, mehr noch, die schöne Ergebung der frommen Dame.« Als das Stück aus ist, sind die Gesichtszüge des Herrn unverändert fröhlich und frisch, die der Dame eine Spur nachdenklicher als sonst. Das war’s. Der doppelte Tabubruch und seine Genüsse diktieren die Rollen; das Entsetzliche kulminiert mit dem Lächerlichen.

 

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