Ulrich Schödlbauer

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7.

Die Stellung, seh’ ich, gut ist sie genommen. – Schauspielerinnen, Prostituierte, Damen in Geldnot und auf dem Weg ins gesellschaftliche Abseits – zweitklassige Eroberungen, wie Ernst Jünger meint, der den Rat gibt, sich dann doch eher an das Vorbild Lord Byrons zu halten; dort finde man die Erotomanie mit Distinktion gepaart. Der Dichter, für den das Studium der Stammbäume dem sexuellen Rapport vorausgeht, er irrt, wie die Forschung dankenswerterweise enthüllt. Casanova beschläft auch, wenn er verschweigt. Diskretion ist Standessache. Doch in der Tat lassen nicht die Begehrlichkeiten des Snobs diesen Mann handgreiflich werden, sondern die des Reisenden; da gibt es Unterschiede. – Die Kutsche steht bepackt, die Gäule werden eingeschirrt, Casanova in Reisekleidern, letzte Verhandlungen mit dem Wirt, als der Kutscher sich nähert und unter Bücklingen, stockend erst, dann flüssiger redend, dem Ersuchen einer fremden Dame sein Wort leiht, einer Dame, die bitten lässt, den frei gebliebenen Kutschenplatz besetzen zu dürfen, welchem Wunsch sie mit finanziellen Angeboten Nachdruck zu geben wisse, aus einer wirklichen Notlage heraus, weswegen es wohl angebracht sei, ihm stattzugeben... Man erregt sich, forscht weiter, beruhigt sich; die Unbekannte ist schön, ihr Begleiter abhanden oder im Begriff abhanden zu kommen, schon rollt die Kutsche, noch werden erste höfliche Floskeln getauscht, als der reisende Kavalier sich bereits entflammt sieht; er wird die schöne Unbekannte besitzen, und das darf er dann auch, zu wechselseitigem Entzücken, bis ihn die Verpflichtungen des Abenteurers aufs Neue einholen und er die Geliebte, die Angebetete, die Göttin, einem befreundeten Baron in reiferem Alter verkuppelt – »wie hätte ich den Bedürfnissen meiner Göttin auf die Dauer Rechnung tragen, wie also hätte ich sie an mein unstetes Leben fesseln können, ohne mich an ihr zu vergehen?« In verschiedenen Varianten kehrt diese Geschichte wieder, eine simple Geschichte, mit Traumresten behaftet und erzählt in einem heiter-elegischen Tonfall, im Tonfall dessen, den unter seinen Geschichten diese vielleicht am ungreifbarsten verrät. Wem sie zu schlicht klingt, der lese sie als Allegorie: Während die distinguierten Wahrheiten von Staat und Religion hinter gelassener Maske unruhig die Ankunft des Aufklärers erwarten – misstrauische, in die Jahre gekommene Schönheiten –, durchträumt dieser das Märchen von einer neuen Wahrheit, einer, die sich seiner Sinnlichkeit unversehens enthüllt, und die er doch wird abtreten müssen – der Schriftsteller als Vorkoster der Mächtigen, kein unalltäglicher Fall.

 

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