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Wirklich alles in und an der Stadt ist seit eh und je leidenschaftlicher Gegenstand des literarischen Blicks, des Interesses und Begehrens durch die Literatur, das die Formen von Nachbildung, Recherche, Betrachtung, Beschreibung, Eindruck annehmen kann. Beispiellos ist diese literarische Begierde, sich alles an der Stadt Vorhandene und auch nicht wirklich Vorhandene anzunehmen, die Stadt geradezu absorbieren zu wollen, einzuverleiben, daraus Literatur zu machen, in Wort und Text umzuschreiben. Zu kolonisieren.

Diese Begierde bildet die städtische Architektonik nach, nimmt den Körper der Stadt an, verarbeitet und verinnerlicht ihr Massiv, ihre (Bau)substanz, übernimmt ihre Strukturen. Sie nimmt sich Städte als Gelegenheit, Vorlage, als Grundlage, als Stoff, Sinnbild und als Projektionsfläche. Sie fasst Städte ganz ins Auge, als Totalität, oder auch deren Teile, Aspekte, Fragmente. Die Literatur bildet Städte nach, seziert sie, untersucht, ahmt sie nach, bildet nach, zerlegt, zerstört, erforscht, ergründet, erfindet, erschafft wieder neue, konstruiert, konstituiert. Sie korrigiert, kompiliert, komponiert, kontaminiert, kombiniert, sie annulliert, sublimiert, subsumiert, simuliert. Sie parasitiert an den Städten, sie lebt davon, sie baut sich durch die Stadt auf.

Die Literatur legt sich auf Städte wie Licht, das mal milde die Gesamtansicht bestrahlt, mal in die tiefsten Ecken und Verstecke durchdringt. Städte werden von Literatur besetzt, belagert, umzingelt, umworben, hofiert, erobert, kolonisiert. Sie brauchen einander, sie geben sich jeweils das, was dem anderen in dem Moment am meisten fehlt. Sie erhören sich, erhöhen gegenseitig ihren Mehrwert und im besten Fall gehen sie ineinander auf.

Die Literatur gibt den Städten Worte, sie fasst sie in Worte, in Lyrik und Prosa, verleiht den Städten Plots und erfindet Geschichten. Umgekehrt bekommt sie von den Städten Bilder, Schauplätze, Stimmungen. Räume und Strukturen. Häuser und Typen. Sujets und Zusammenhänge. Anblicke, Gerüche und Gerüchte, Figuren und Gestalten. Fantasmata und Fundament. Literatur liefert Texte, Stadt liefert Kontexte. Die Literatur findet die Stadt vor Ort. Die Stadt nimmt die Literatur beim Wort.

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