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Für viele ist die Stadt eine bevorzugte Chiffre für Einsichten und Inhalte, für andere ein privilegierter oder einfach passender Handlungsort. Für weitere wiederum ein Fetisch, eine Leidenschaft, eine Krankheit. Stadt kann für Literatur Zwang werden, Trieb, Wahn, Obsession.

Ein Ort, in dem und nur in dem Erinnerungen und Bilder besonderer Art überhaupt erst zustande kommen können. Orte von unwiederbringlichen Allusionen, Reminiszenzen, Orte der Nostalgie, von Kindheitserinnerungen, von wichtigen und intimen Erlebnissen. Museen der Leidenschaften, Galerien von Bildern, Archive von Erinnerungen. Stadt kann der Literatur Kulisse sein und Protagonist, Atmosphäre und Fluidum, Modell und Schatten, Phantom und Halluzination, Phantasma und Projektion. (Ur)bild und (Ur)szene. Ode, Rapsodie, Elegie nähren sich von Stadtstoffen genauso ergiebig wie Satire, Komödie oder Romanze. Epopeen, Romane und Romanzyklen gedeihen hier genauso wie Kurzgeschichten und Erzählungen, Memoiren wie Haikus. Reflektierende Essays wie impressionistische Miniaturen.

Auch der Körper der Stadt, ihre Architektur, pflegt besondere Beziehungen zu Literatur: die der gegenseitigen Ergänzung, Vervollständigung, Übersetzung. Die Literatur verrät ein ewiges Verlangen nach Architektur: Auge und Zunge sehnen sich nach Worten, Bild nach Schrift. Das Schrifttum umflicht die Architektur wie Efeu und wilder Wein, trägt sie und hält sie zusammen.

Eine beständige, nie und nimmer aufhörende Arbeit der gegenseitigen Belieferung. Nicht nur Literatur setzt Städte ins Wort. Auch andersherum prägen die Städte Literatur nachhaltig, oft sehen wir Städte überhaupt primär sub specie litterarum. Wir pilgern zu den Städten mit Büchern in der Hand(tasche), zu vielen Stadtreisen werden wir überhaupt erst durch Literatur animiert. Manche Städte haben für uns vor allem Bedeutung als Literaturstadt. Wir begehen dann diese Städte so, als wären es Texte. Es gefällt uns die Vorstellung, dass die Literatur das vermag, was wir nicht vermögen: die Ewigkeit herzustellen, die Endgültigkeit festzuhalten, den Idealzustand zu verewigen. Dann ist die Literatur für uns der Gegensatz, ja Gegengift gegen das Vergängliche, denn wir ahnen, dass Literatur beständiger ist als Architektur. Viele zerstörte oder verschwundene Häuser und Straßenzüge leben nur mehr in der Literatur weiter, nur dort sind sie habhaft zu werden. Und doch: was uns am meisten fasziniert in der Kunst, ist ihre Fähigkeit, gleichzeitig Transparenz und Dichte, Einblicke und Verstellung heraufzubeschwören, Einsicht und Geheimnis, Begrenztheit und Entgrenzung, Geschlossenheit und Durchlässigkeit, Gesamtheit und Detail, Winkel und Linie, große Perspektive und dunkle Sackgasse. Das immer Unfertige, die ständige Veränderung. Den flackernden Schatten ewiger Idee.

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